Es ist schon fast ein Jahr her, seitdem ich den Campusgarten von Grüne Beete in Münster besucht habe. Das war im August 2020, als der Sommer heiß und die Pandemie für kurze Zeit weit weg schien.

Unterdessen habe ich immer wieder daran gedacht, wie gerne ich die Bilder und das Wissen, das ich in der kurzen Zeit (während eines Nachmittags) dort mitgenommen habe, auch hier auf dem Blog teilen würde. Es ist zu schade, um nur in einer kurzlebigen Instagram Story zu verschwinden – und das Interesse an einem Artikel war damals groß. Es hat nun also eine Weile gedauert, weil immer etwas anderes dazwischengekommen ist (zum Beispiel das erste eigene Buch), aber nun bin ich soweit. 

Eine Anmerkung vorab: Dieser Artikel kann auf keinen Fall alles zum Thema Biodiversität im eigenen Garten zusammenfassen. Dafür ist auch mein eigenes Wissen zu fragmentarisch. Ich gebe mir natürlich Mühe, alles genau gegenzuchecken und möglichst viele Tipps und Gedanken zu teilen, aber ich bin keine Expertin. Deswegen habe ich mich ja mit Expert*innen getroffen. Ergänzungen, Korrekturen und eigene Erfahrungen gerne in die Kommentare, dann haben alle was davon!

Der Campusgarten in Münster 

Dass es einen Campusgarten in Münster gibt, war mir zwar schon bewusst, bevor ich eine Anfrage des Vereins Münsterland e.V. zu einer Zusammenarbeit im Mailpostfach hatte – aber bis dahin hatte ich keine Zeit gehabt, mich genauer mit ihm auseinanderzusetzen. Geschweige denn, einen Abstecher dorthin zu unternehmen – der Leonardocampus hat in meinem Studierendenleben bisher keine Rolle gespielt und auch sonst führen meine Wege in der Stadt mich weniger in seine Umgebung. Der Verein hat mich für einen Beitrag zum Thema Biodiversität und blühende Gärten angefragt. Dass Klimakrise und das Artensterben eng miteinander verzahnt sind, ist kein Geheimnis mehr und Fragen, die wir uns neben der Abwendung des Schlimmsten auch stellen müssen, sind jene nach den Anpassungen an mögliche Klimawandelfolgen. 

Was können wir tun, so ganz im Kleinen – und direkt bei uns im Garten?

(So wir denn einen haben, was bei mir leider derzeit nicht der Fall ist.) 

Die denkbar schlechteste Lösung sind die – aus meiner Perspektive – unästhetischen Stein-Gärten, die zwar für die Besitzer*innen bequem, für die Artenvielfalt allerdings eine Todeszone sind. 

Am 14. August bin ich nachmittags also im Campusgarten verabredet, um der Antwort auf diese Frage ein bisschen näher zu kommen. Der Garten wird gemeinschaftlich von Studierenden, Berufstätigen, Rentner*innen, Schüler*innen und Arbeitssuchenden geführt und liegt ein wenig versteckt hinter den Gebäuden auf dem Campus. Wir sind ein bisschen zu früh da, sodass ich die Wartezeit nach einer ersten Inspektion des Gartens auf der Baumschaukel verbringe und mich für eine Viertelstunde in meine Kindheit zurückversetzt fühle. Die Sonne brennt, es ist sehr warm und nach und nach trudeln ein paar Gärtner*innen ein. Mensch kennt sich untereinander, aber dass Fremde da sind, verwundert nicht sonderlich – vielleicht, weil wir angekündigt sind, vielleicht, weil der Garten offene Fläche für sozialen Kontakt ist und sich immer mal wieder Menschen dorthin verirren und schauen und schnuppern.

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Das Prinzip des Gartens: Allen gehört alles und alle kümmern sich um alles. Als wir dort sind, vibriert es vor Leben: Der Mangold sieht kräftig und erntebereit aus, die Tomaten legen sich ins Zeug, überall summt und brummt es und den Kopf über die Szenerie erhoben haben ein paar große Sonnenblumen, die fleißig von Bienen umschwirrt werden. In einer Ecke steht ein Gewächshaus, verstreut liegen Gartengeräte und Gegenstände, die auf abendliches Beisammensein schließen lassen, herum. Es ist Idylle pur und schnell vergesse ich, dass ich gerade mitten in der Stadt bin.

Nach einer Weile kommt Steffen, unsere Verabredung, angeradelt. Er ist zu diesem Zeitpunkt einer der Imker*innen im Campusgarten und kümmert sich um die Bienenstöcke, die hinten rechts auf dem Gelände gut verborgen nebeneinander stehen. Die Bienen liefern ein wenig Honig, der regelmäßig geerntet, aber nicht verkauft, sondern an die Mitarbeitenden im Garten und ihre Unterstützer*innen verteilt wird. Aber Steffen kennt sich auch generell gut im Garten und mit naturnahem Gärtnern aus, sodass er uns in den nächsten anderthalb Stunden umherführt und so viele Anregungen nacheinander preisgibt, dass ich Schwierigkeiten habe, mir alles zu notieren. 

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Menschen machen nicht immer alles kaputt

Einen der wichtigsten Fakten, die Steffen uns mitgibt und in meinem Gehirn reaktiviert: Menschen machen es nicht immer schlimmer als es ist. Im Gegenteil: Sie können sogar dafür sorgen, dass sich die Verhältnisse verbessern. Im Klartext: Kulturlandschaften (wie zum Beispiel ein Garten, aber auch eine Wiese) sind nicht zwangsläufig schlecht für die Natur oder ärmer an Artenvielfalt. Die Biodiversität kann gerade durch das Eingreifen des Menschen gefördert werden – wenn er es richtig macht. Das Gegensatzpaar von der “guten Natur” und dem “bösen Menschen” ist eines, das ohnehin häufiger hinterfragt gehört.

Ein naturnaher Garten gehört zu diesem “Richtig-Machen” dazu – mit ein paar Handgriffen können hier auf relativ kleiner Fläche vielfältige Nist- und Unterschlupfmöglichkeiten für heimische Tiere geschaffen und unterschiedliche Pflanzen kultiviert werden, wie Steffen uns am Beispiel des Campusgarten in der Praxis zeigt. 

Ein naturnaher Garten kann in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt werden:

  • Totholzhaufen: Ein Rückzugsort für Tiere wie den Igel, aber auch für Wildbienen und andere Insekten, die am Boden nisten. Pilze und Bakterien zersetzen das tote Holz und stellen wertvolle Nährstoffe zur Verfügung.
  • Teich: Lebensraum für Insekten, Amphibien, Vögel und Eidechsen – verbessert außerdem das Mikroklima. 
  • Mauer-/Findlinghaufen: Unterschlupf für Hummeln, Kröten und Eidechsen, aber auch Boden für speziell angepasste Pflanzen (zum Beispiel Fette Henne), welche die Mauer gleichzeitig vor Witterungseinflüssen schützen.
  • Wegesaum: Hecken und Wildblumenwiesen können sowohl Unterschlupfmöglichkeit als auch Nahrungsquelle für eine Vielzahl an Insekten darstellen. 
  • Buschbereich: Wichtige Nahrungsquelle und Nistmöglichkeit unter anderem für Vögel. 
  • Waldbereich: Höhere Bäume als Angebot für Vögel, Eichhörnchen und als Schattenspender.
  • Kies- oder Steinfläche: Ein bisschen Kies und Stein darf sein – denn darunter verstecken sich gerne Insekten. 
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Kompost, baby! 

Ein zentrales Element des naturnahen Gartens ist der Komposthaufen. Hier werden Pflanzenreste und Küchenabfälle in einen wertvollen Rohstoff transformiert: nährstoffreiche Erde. Gleichzeitig ist er ein wahres Futterparadies für Vögel und eine Brutstätte für Insekten wie Spinnen, Käfer und Raupen.

Der Komposthaufen sollte idealerweise an einem schattigen Plätzchen stehen und so führt Steffen uns an einen von Hecken und Bäumchen umschatteten Bereich, an dem zwei Komposthaufen in Stahlverstrebung vor sich hinarbeiten. Hier wurde nicht Holz gewählt, damit das Material möglichst beständig ist und sich nicht direkt mit zersetzt. Während er mit einem langen Stock zur Illustration Bestanteile der obersten Schicht des uns am nächsten befindlichen Komposthaufens wendet, erklärt Steffen, was bei der Pflege eines Komposts zu beachten ist: 

  • Kein schimmeliges Obst und Gemüse in den Kompost geben – es besteht das Risiko, im nächsten Jahr Keime mit in die Erde zu bringen, auf der neue Lebensmittel wachsen sollen. 
  • Keine gekochten Lebensmittel auf den Kompost geben, das lockt unter anderem Ratten an. 
  • Keine tierischen Produkte auf den Kompost geben – die Ausnahme sind Eierschalen. Sie sind aufgrund ihres Kalkgehalts gut für die Bodenqualität. 
  • Generell darf der Kompost weder zu feucht (ungeschützt im Regen) noch zu trocken (direkte Sonneneinstrahlung) gehalten werden. 

Die richtigen Samen, die richtigen Pflanzen

Es geht direkt weiter zur Wildwiese im hinteren Teil des Gartens und den Bienenstöcken, die fast auf derselben Höhe stehen und in denen ordentlich gearbeitet wird.

Wichtig in einem naturnahen Garten, sagt Steffen, ist nicht nur auf die Gestaltung unterschiedlicher Lebensräume zu achten – sondern auch darauf, welche Pflanzen Einzug halten dürfen. Idealerweise sind das nämlich solche, die hier ohnehin heimisch sind und auf welche die Tierwelt und andere Pflanzen bereits eingestellt sind. “Hier” meint nicht: in Deutschland. Sondern in dieser Region. Es mache keinen Sinn, beispielsweise Pflanzen aus München auszusäen, an die die Tiere hier nicht angepasst sind. 

Der Campusgarten bezieht seine Samen überwiegend bei Rieger Hofmann Saaten oder Bingenheimer Saatgut

Vor allem bienenfreundliche Pflanzen sind – auch für andere Hobby-Gärtner*innen – derzeit sehr interessant und so listet Steffen uns einige Pflanzen auf, die nicht nur schön aussehen, sondern auch ein Gaumenschmaus für die geschätzten Bestäuber sind. Dazu gehören: 

  • Pestwurz
  • Färberkamille
  • Kleine Königskerze
  • Mohn
  • Kornblume
  • Phazelia ( = Bienenfreund)
  • Brombeeren
  • Klee
  • Senf
  • Wildraps
  • Küchenkräuter (Minze, Rosmarin, Lavendel, Oregano)
  • Zucchini

Diese Sorten findet mensch sehr unkompliziert in den meisten bienenfreundlichen Saatgutmischungen, die es mittlerweile von vielen verschiedenen Anbietern zu erwerben gibt. 

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Noch mehr Tipps für mehr Biodiversität im Garten

Es gibt viele kleine und größere Stellschrauben, an denen gedreht werden kann, möchte mensch einen naturnahen Garten in die Realität umsetzen. Und es stellt sich heraus: “Naturnah” meint nicht, alles einfach verwildern zu lassen, sondern gezielt und klug genau dort einzugreifen, wo es notwendig ist und gleichzeitig eine Vielfalt an Lebensräumen zu schaffen, von denen einige auch sich selbst überlassen werden können. Und mittendrin kann das eigene Gemüse angebaut werden. So profitieren am Ende alle. 

Im Campusgarten gibt es beispielsweise große Bassins, die normalerweise Regenwasser auffangen, was dann für die Bewässerung des Gartens genutzt wird. Jetzt gerade ist nicht besonders viel Wasser vorhanden, aber der nächste Regen kommt bestimmt. 

Auch ein großes Insektenhotel steht natürlich zur Verfügung, denn ähnlich wie der Komposthaufen gehört es gewissermaßen zur Grundausstattung des naturnahen Gartens. Alte Baumstämme werden genauso liegen gelassen wie heruntergefallenes Laub, beides bietet die perfekten Nist- und Rückzugsplätze. Vögel wie Amseln und Rotkehlchen, erzählt Steffen, seien eigentlich Bodenbewohner und benötigen das Laub zur Tarnung. 

Um Insekten und Vögeln gerade im Sommer zu helfen, sind Vogel- und Insektentränken hilfreich: Die Wasserschalen sollten aber nicht mit Murmeln, sondern mit Steinen gefüllt werden – auf ihnen können sich die Tiere besser festhalten und verbrennen sich nicht. 

Ich bin begeistert, wie schön dieses kleine Paradies ist – viel schöner, finde ich, als Gartenflächen, in denen alles wie mit dem Lineal abgemessen und zurechtgestutzt aussieht. Ein naturnaher Garten fühlt sich für mich wie ein Wohnzimmer im Freien an – besser noch: Überall haben die Sinne etwas zu entdecken, es ist immer was los. Wir sind nur wenige Stunden im Campusgarten und kommen sehr entspannt wieder auf der Hauptstraße an, die sich wie ein anderes Universum anfühlt. 

Und ich denke mir: Dabei habe noch gar nichts in die Hand genommen, meine Hände nicht in der Erde gehabt – wie erholend muss es dann erst sein, so einen Garten zu gestalten, allein oder mit anderen? Ich habe diesen Traum von vielen solchen Gärten überall in den Städten und von einem, der direkt bei mir um die Ecke liegt. Ob das mein eigener oder ein geteilter ist, ist mir mittlerweile gar nicht mehr so wichtig. Hier liegen das Gute und das Schöne wieder ganz nah beieinander, egal in welcher Ausgestaltung. 


Transparenz: Vom Münsterland e.V. wurde ich in den Campusgarten eingeladen, um eine bezahlte Instagram-Story darüber zu veröffentlichen. Dieser Artikel hier ist nicht bezahlt.


Mehr Infos zum Thema gibts es unter anderem beim NABU, beim LBV und beim Münsterland e.V. 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

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