Ein kurzes Wochenende in Hamburg / Tipps für nachhaltige + faire Adressen

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7. August 2020

Transparenz: — Pressereise — Hotel + City-Card wurden übernommen

Vor ein paar Wochen erreichte mich eine Einladung nach Hamburg: 2 Nächte in einem Hotel und ein bisschen Entspannen fernab vom Alltag klangen sehr verlockend – vor allem, weil ich (wie viele andere sicherlich auch) das Gefühl hatte, mir würde langsam, aber sicher die Decke auf den Kopf fallen. Die letzten Monate waren emotional und psychisch sehr anstrengend, wenngleich ich mir auch bewusst bin (und das immer wieder betone), nach wie vor in einer sehr privilegierten Situation zu sein. 

Ich habe die Einladung der Stadt Hamburg trotzdem ein paar Wochen verschoben, immerhin ist nach wie vor Corona und ich bewege mich so bedacht wie möglich in der Öffentlichkeit.

Der große Jahresurlaub in die Türkei (letztes Jahr ist hier nachzulesen) wurde natürlich gecancelt, die Sehnsucht nach Tapetenwechsel so groß wie vermutlich nie zuvor. Vor- und Nachteile und eventuelle Risiken hin- und hergewogen und festgestellt: ein Wochenende Hamburg ist möglich, wenn wir vorsichtig sind. Ein paar Sachen in den Rucksack geworfen, uns selbst 2 Stunden ins Auto (Zug stand auch zur Debatte, wurde aber verworfen, auch wenn wir uns bewusst sind, dass das Auto definitiv nicht die nachhaltigste Variante ist) und am Wälderhaus wieder ausgestiegen. 

Im Folgenden erzähle ich, wo wir überall waren und welche Eindrücke wir mitgenommen haben und gebe in den grauen Kästen an den passenden Stellen weitere Empfehlungen für Orte, die wir nicht (mehr) geschafft haben, uns aber wärmstens ans Herz gelegt wurden und auf unserer persönlichen Liste für die nächsten Besuche stehen.

Untergebracht im Wälderhaus

Obwohl das vergangene Wochenende bei weitem nicht mein erstes Mal in  Hamburg war, habe ich mir doch bisher noch bei keinem Besuch wirklich vorgenommen, die Stadt aus touristischer Perspektive zu erkunden: Bisher hatte ich immer konkrete Anlässe und Termine (beruflicher wie privater Natur), die mich oft ziemlich ohne Umwege von einem Punkt zu einem andere führten. Zeit für ausgiebiges Erkunden blieb selten. Daher habe ich mir umso mehr gefreut, jetzt ein Wochenende genau dafür reservieren zu dürfen und eine Liste an besuchenswerten Orten (unter anderem mit eurer Hilfe via Instagram, danke dafür!) angelegt, von der ich genau wusste, dass ich sie niemals alle “schaffen” würde. Denn am Ende liebe ich langsames Reisen und das ausführliche Erkunden neuer Orte zu Fuß, was natürlich eine gewisse Zeiteinschränkung mit sich bringt. 

Wie auch immer: War mir früher nachhaltige Hotellerie kein Begriff, so ist mir mittlerweile bei jeder Reise wichtig, dass ich an einem Ort übernachte, der sich zumindest in Ansätzen mit Nachhaltigkeit und Fairness auseinandersetzt – denn Hotellerie- und Gastronomie sind extrem energieintensive Bereiche, die darüber hinaus eine wesentliche Rolle bei der Lebensmittelverschwendung spielen (1,9 Millionen Tonnen, Stand 2017).  

Hier habe ich über nachhaltiges Übernachten in Südtirol und hier über die Bestrebungen des ATLANTIC Hotel Sail City in Bremerhaven geschrieben. — 

Das Wälderhaus ist mir mit seinem klingenden Namen sofort ins Auge gesprungen und als ich mich darüber informiert hatte, dass es gewissermaßen als Projekt der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald entstanden ist, war klar, dass ich es anschauen musste. 

Das Wälderhaus liegt in Wilhelmsburg, einem Stadtteil, den ich bisher noch nicht kannte und der, wie ich dann relativ schnell erfuhr, nach wie vor um Reputation und Ansehen vor allem in den Augen der Hamburger:innen kämpfen muss. Dabei ist es wirklich schön dort! Aber von vorne. 

Hard Facts zum Wäderhaus: 

  • Im Zuge der Internationalen Gartenschau 2013 zusammen mit der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald initiiert 
  • Gehört zu den Raphael Hotels (die anderen Hotels der Kette haben nicht den Nachhaltigkeits-Fokus, werden aber laut Geschäftsführer Marc Dechow stark von dem Wälderhaus beeinflusst)
  • ein Multifunktionsgebäude: unten Tagungsräume (Forum Wald / Raum für bis zu 300 Personen) und ein Science Center (Ausstellung zum Wald / in Zusammenarbeit mit der SDW), oben 3 Stockwerke Hotel 
  • Aus Brandschutzgründen musste das untere Stockwerk sowie das Treppenhaus aus Stahlbeton gebaut werden – die restlichen Stockwerke und das Gebäude drumherum bestehen vollständig aus Fichtenholz (80% aus DE/Ö, 20% aus Finnland, zertifiziertes Holz). Die Fassade besteht aus unbehandeltem Lärchenholz aus Sieger- und Sauerland, ebenfalls zertifiziert. 
  • Die Hotel-Stockwerke haben Passivhaus-Standard
  • Auf dem Dach wurden 9000 Büsche und 500 Hainbuchen und andere Bäume angepflanzt, die Terrassen und Fassaden bepflanzt 
  • Geheizt wird mit Geothermie – das Hotel steht auf 100 Bohrpfählen 
  • Der Strom stammt zu 100% aus erneuerbaren Energien, zum Teil aus Photovoltaik 
  • Die 82 Zimmer im Hotel sind nach heimischen Baumarten benannt, deren Stamm (wenn verfügbar) im Raum zusammen mit Erklärungstafeln steht (wir waren im Holzapfel untergebracht und ich habe gelernt, dass er nicht roh genießbar ist). 
  • 3 Sterne plus-Standard im Hotel 
  • Bettwäsche und Handtücher aus Bio-Baumwolle, Fairtrade-zertifiziert 
  • keine Pröbchen, keine Minibar 
  • Badausstattung: 3 Großbehälter (jeweils 500ml, nachfüllbar) von STOP THE WATER WHILE USING ME
  • Das Hotel wird mit Wärmeaustauscher und Geothermie geheizt / keine Heizkörper in den Zimmern, keine Klimaanlagen 
  • Das Restaurant Wilhelms gehört streng genommen nicht zum Hotel selbst, sondern zur Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und bietet regionale Frische-Küche mit Zutaten aus maximal 100km Entfernung an. Da Regionalität und Saisonalität im Fokus stehen und sich nicht alle kleinen Betriebe eine Bio-Zertifizierung leisten können, sind die Gerichte und Lebensmittel nicht als bio deklariert. Die Speisekarte wechselt entsprechend der Saison (hier ist die aktuelle) und es gibt wechselnde vegetarische und vegane Alternativen morgens und mittags (und natürlich auch zum Frühstück) – am besten vorher bescheid sagen und nachfragen, damit sich das Team darauf einstellen kann. “Derzeit auf Empfehlung und nicht expliziert in der Speisenkarte einzusehen, da wir nur den Hinweis darauf haben. Das liegt daran, das alleine das ausschreiben des Gerichtes eine weitere Seite erzeugt hätte, welche ich in Plastik-Laminier-Folie packen müsste, darauf wolle ich bewusst verzichten. Das ist aber der Coronazeit bedingt”, schreibt der Küchenchef.

Auf meine Story zum Wälderhaus kamen noch zwei weitere Fragen rein, die ich an das Wälderhaus direkt weitergeleitet habe – hier sind die Antworten: 

  • Inwiefern konzentriert sich der Hotelbetrieb auf SDG 5? “Es wird im Wälderhaus das Personal nicht nach SDG 5 eingestellt, sondern es werden besondere Menschen gesucht, die zum einen gern Gastgeber sind und zum anderen ein besonderes Interesse an dem nachhaltigen Konzept mitbringen und dies auch den Gästen gegenüber vermitteln können. Dabei ist eine sehr gute ausgewogene Geschlechtermischung in allen Hotelbereichen zu Stande gekommen. Das Wälderhaus berücksichtigt aber in besonderer Weise auch Menschen mit Handicap, weil es auch die soziale Nachhaltigkeit sprich Inklusion zum Ziel hat und diesen Menschen interessante Aufgabenbereiche anbietet.”
  • Nachhaltigkeit und Fleisch – geht das zusammen? Wie ist das dort? Antwort vom Küchenchef: “Dies geht sehr wohl und da haben wir größtes Augenmerk! Wir beziehen unser Rind von „WÜMME RIND“ nähere Information über die Artgerechte Haltung gerne hier http://www.wuemme-rind.de/; ebenso beziehen wir darüber oder teils über dem Baukkhof https://www.bauckhof.de/muehle-hoefe/bauckhof-amelinghausen/ unser Geflügel, Schweinefleisch ist aus Behrendorf oder Susländer aus Schleswig Holstein. Wir achten auf artgerechte Haltung und das die Tiere auch vernünftiges Futter bekommen, ebenso, dass der Landwirt entsprechend entlohnt wird. Ebenso bei Fisch schauen wir, das aus dem Lüneburger Umland zu bekommen. Da haben wir gute Kooperationspartner, welche kleine Fischzuchten betreiben. Heidschnucke kommt aus dem Umland – ausschließlich aus der Heide.”

Die Zimmer im Wälderhaus duften großartig, wenn man reinkommt und umgeben von Holz zu sein, beruhigt mich sofort. Generell mag ich den Kontrast zwischen moderner Stahlbetonkonstruktion und dem vielen Holz sehr gern, sie ist auf jeden Fall eye-pleasing, obwohl ja eigentlich aus einer Notwendigkeit heraus entstanden. 

Im Foyer steht ein riesiges Baumkunstwerk von Ai Weiwei, das ich (und auch sonst niemand) in seiner Gänze nicht fotografieren darf, so schreiben es die Bedingungen für die Leihgabe vor. Es passt ins Wälderhaus, als wäre es eigens dafür konzipiert worden. 

Kurz nach unserer Ankunft führt uns Marc Dechow, Leiter des Wälderhauses und ein Mensch mit Humor in den Augen, durch das Gebäude und erzählt unter anderem, dass die Baumteile des Kunstwerks separat an das Wälderhaus geliefert wurden und man extra einen Experten für Ai Weiwei-Kunst herbestellen musste, der in der Lage war und die Genehmigung besaß, die Baumteile wieder ursprungsgemäß zusammenzusetzen. 

Was er außerdem erzählt: Das Wälderhaus wurde mit der Motivation gebaut, den Menschen in der Stadt den Wald wieder ein Stück näher zu bringen und vor allem den zahlreichen Kindern, die wenig bis gar keine Berührungspunkte mit diesem Ökosystem haben, einen ersten zu ermöglichen. Das Science Center ist daher waldpädagogisch ausgerichtet und beinhaltet Lernmaterialien, die auch auf Grundschüler:innen ausgerichtet sind: Schulklassen sind, gemeinsam mit Umwelschutz-Pädagog:innen, regelmäßig in der interaktiven Ausstellung zu Besuch. 

Wir statten ihr Sonntagmorgen, kurz vor unserer Abreise, einen Besuch ab und sind ganz begeistert von den vielen Dingen, die man ausprobieren kann und der Kreativität und Liebe, mit der das Center (früher auf zwei Etagen, jetzt auf einer – die obere Etage wird nun Künstler:innen für Ausstellungen zur Verfügung gestellt) gestaltet ist. 

Das Konzept des Wälderhauses wird gut angenommen, meint Marc, und erfreut sich Besucher:innen aus einer breiten Zielgruppe. Jedenfalls normalerweise: Seit Corona ist der Umsatz um 85% zurückgegangen und als wir zu Besuch sind, liegt die Auslastung bei 30%. Das liegt unter anderem daran, dass die Musicals, für die Hamburg so bekannt ist, aktuell ruhen. Dass es eine herausfordernde Zeit für das Haus ist, liegt mit den Händen zu greifen in der Luft. Trotz allem sind alle freundlich und zuvorkommend und wir fühlen uns sehr gut aufgehoben. 

Gut zu wissen: Das Wälderhaus ist ein Integrationsbetrieb. 8 Menschen mit Behinderung werden in Vollzeit beschäftigt. Generell scheint die Belegschaft – jedenfalls, soweit wir das sehen konnten – relativ divers zu sein. Die Eingänge und Flure sind breit genug für einen Rollstuhl und es gibt natürlich Fahrstühle. Die normalen Zimmer sind allerdings zu eng, um barrierefrei zu sein – doch es gibt größere Zimmer, die bei Bedarf gebucht werden können und in denen ein Rollstuhl gut bewegt werden kann. Die Dusche in unserem Zimmer war nicht ebenerdig, jedoch weiß ich aktuell nicht, ob es Zimmer gibt, in denen das der Fall ist.

Corona-Maßnahmen: Auf Hygiene wird überall genauestens nach den aktuellen Vorschriften geachtet – Desinfektionsmittel, Abstand und Maske sind Usus, die Rezeption ist durch eine Plexiglasscheibe abgetrennt, genauso wie das Frühstücks-Buffet, das sehr überschaubar ist und an dem aktuell keine Selbstbedienung herrscht – es wird aufgetan, was Gäst:innen wünschen und anschließend zum Platz gebracht.

Essen und Buffet: Beim Frühstück dominieren tierische Produkte – Käse, Rührei, Fleisch, Joghurt. Da man weiß, dass wir vegan essen, werden uns Sojajoghurt und ein selbstgemachter veganer Aufstrich gereicht (sehr, sehr gut!). Wir essen beides zusammen mit Brötchen und Brot sowie Obstsalat, Fruchtsaft und Kaffee mit Hafermilch und sind an beiden Tagen angenehm gesättigt. Serviert wird nicht in Einweg-Behältern, sondern ausschließlich in Weck-Gläsern. 

Tag 1: Schanzen- und Karoviertel 

Wir haben nicht allzu viel Zeit, das wissen wir, also laufen wir direkt nach der Hotelführung am Freitagmittag los – nicht jedoch, ohne uns vorher ein paar Brötchen zur Stärkung zu besorgen. 

Wir schwingen uns. in die S-Bahn und fahren direkt ins Schanzenviertel, wo wir die nächsten Stunden bis zum Abend kreuz und quer herumlaufen werden – misstrauische Blicke von Einheimischen nach dem dritten Ablaufen derselben Straße, einfach, weil wir uns anders entschieden und den nächsten Zielpunkt geändert haben, inklusive. Denn natürlich werden wir sofort als Touris identifiziert.  

Es führt uns als erstes in ein paar Stores, die ich schon länger besucht haben wollte, bisher allerdings nie geschafft hatte: Zuerst besuchen wir das Vunderland, in dem es nur faire und vegane Kleidung und Accessoires gibt. Quasi direkt daneben liegt eine Filiale von Glore, unsere nächste Schnupperstation. Denn eigentlich wollen wir nur gucken und nicht kaufen.

Dann sehe ich dieses Kleid von Suite13 dort hängen, das ich schon seit Monaten im Auge und mehrfach in den virtuellen Warenkorb rein- und wieder rausgetan habe. Ich denke mir, anprobieren wird nicht schaden. Ich probiere und fühle mich (nachdem mir kurz mit der Bindung assistiert wurde, die ich auf Anhieb nicht herausbekommen hatte) gewissermaßen sofort zuhause in dem leichten Baumwoll-Leinen-Stoff in pastellgrün, den man auf mindestens 5 unterschiedliche Arten binden und daher auch als Rock tragen kann. Letzteres war dann das Argument, das mich schlussendlich überzeugt hat – dass es im Sale war, hat dann natürlich umso mehr gefreut. Aber ich hätte es vermutlich auch dann gekauft, wenn dem nicht so gewesen wäre. 

Als nächstes laufen wir zur B-Lage, dem kleinen Design Store und wahrscheinlich bekanntesten Pop-Up-Location in Hamburg. Ich schockverliebe mich gefühlte 300 Mal in dem kleinen Raum und muss mich doch arg zusammenreißen, nicht diese Vase und jenen Becher und alle Bücher mitnehmen zu wollen. Geworden ist es am Ende das sehnsüchtig herbeigewünschte Buch von Ilona Hartmann, S. meint, ich habe es vermutlich in 2 Stunden durch, aber das ist noch nie ein Gegenargument für einen Buchkauf gewesen. 

Als wir nach dem Bücherkauf wieder auf die Straße treten, merken wir: Es ist irgendwie schon spät und wir haben Hunger. Das Happenpappen ist direkt in der Nähe und wirklich alle schwärmen davon – es kann also nur gut sein, denken wir und lenken unsere Füße in seine Richtung. Belohnt werden wir mit einem so netten Service, dass S. meint, diese Zuvorkommenheit ist ihm schon fast unangenehm und richtig gutem, frischem veganen Essen, das glücklichsatt macht.

(Wir entscheiden uns für die Sushi-Bowl und weil es keinen Reis mehr gibt – wir sind ein bisschen spät dran – bekommen wir mehr Süßkartoffel und Tofu. Besonderes Highlight ist das Schnick Schmack, das uns bisher kein Begriff, jedoch in Sekundenschnelle leergetrunken war.)

Mittlerweile ist es halb 8, aber wir haben noch nicht vor, wieder zurück ins Wälderhaus zu gehen, die Sonne ist gerade so schön. Also machen wir uns auf zu Planten un Blomen und merken relativ schnell: Die offiziellen Öffnungszeiten scheinen niemanden zu kümmern – auch nach 8 Uhr ist die Parkanlage gefüllt mit Menschen jeden Alters. Familien mit Kindern, singende Gruppen, Pärchen, die sich in Liegestühlen sonnen, Streit um Eis, aufgeregte Vögel, die ihr Stück vom Übeflusskuchen abhaben möchten…Es ist einigermaßen chaotisch und laut, auf eine stimmungsaufhellende und lebensbejahende Weise, die gerade in der aktuellen Zeit guttut und ich mit jeder Pore absorbiere. 

Wir laufen kreuz und quer und obwohl es Übersichtstafeln gibt, halten wir uns an nichts außer das Bedürfnis, jetzt gerade nach links oder rechts abzubiegen. Am Ende werden wir unbewusst eine Runde gelaufen sein, den Sonnenuntergang angeschaut, eine Krähe beim Einweihen von hart gewordenem Brot im Bach beobachtet, viele Blumen fotografiert und doch ein wenig Mühe gehabt haben, den Menschen coronasicherheitsabstandsbedingt aus dem Weg zu gehen. Am japanischen Garten sehe ich (weiße) Menschen, die sich im (falschen) Lotussitz auf den Steinen des Zen-Gartens fotografieren lassen und ich bekomme ein bisschen Gänsehaut. 

Wir fahren ins Hotel zurück und fallen sehr müde ins Bett, wohl wissend, dass wir für den nächsten Tag noch mehr vorhaben als heute und ich muss die ganze Zeit daran denken, wie schön ich es finde, überall von politischen Botschaften (#leavenoonebehind überall plakatiert und ausgestellt) und interessierten Menschen umgeben zu sein und wie sehr mir dieses Gefühl in seiner Offensichtlichkeit und Normalität häufig in Münster fehlt. 

Tag 2: Park, Deiche und Alster

Am nächsten Tag frühstücken wir gegen 8:30 Uhr im Wälderhaus und machen uns dann direkt auf, den Inselpark, der ebenfalls im Zuge der internationalen Gartenbauausstellung angelegt wurde und um das Wälderhaus herumliegt, zu erkunden. 

Wir kommen an einer Kletter- und Boulderhalle, einem Basketballfeld, einem gut genutzten Skate-Park (der extra in Zusammenarbeit mit lokalen Skatenden angelegt und auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten wurde, wie uns Marc Dechow erzählt) und einer Laufstrecke vorbei und steuern den hinteren Teil des Parks an, der vor allem aus vielen Schrebergärten und einem Naturerlebnispark des BUND (mittwochs von 10-16 Uhr geöffnet) besteht. 

Die Anlage ist sehr weitläufig, ab und zu stehen Skulpturen am Rand, deren Sinn mithilfe von Beschreibungstafeln zu erschließen ist, die Wege sind breit und generell merkt man: Hier ist alles mit viel Mühe und Investition angelegt worden. Von weitem beobachten wir eine Gruppe mit bunten Helmen, die eine Einweisung in den Kletterpark erhält und ausschaut, als würde zu einem großen Abenteuer ausziehen. 

Wir wenden uns nach Osten und kommen an Teichen, einem Bootsanleger für Kanus und Ertüchtigungsstationen vorbei, bevor eine kleine Gartenanlage unsere Aufmerksamkeit erregt: Es handelt sich um einen öffentlich nutzbaren Garten – alle dürfen sich (überschaubare und faire) Portionen von dem Gemüse und den Kräutern nehmen. Wir sind hellauf begeistert, suchen und finden Chili, Tomaten, Basilikum, frisch gepflanzte Kartoffeln, Erdbeeren (schon abgeerntet), Kürbisse und vieles mehr. 

Es geht hinaus und zurück zum Wälderhaus durch einen kleinen Rosengarten und Neubauwohnungen auf Wasser, die in mir sofort Tagträumereien darüber anstoßen, wie es wohl sein möge, in einer der unteren zu leben. 

Da wir mehrfach den Tipp bekommen haben, uns Wilhelmsburg (wo wir schonmal da sind aka: uns dorthin verirrt haben) genauer anzuschauen, nutzen wir unseren Spaziergang Richtung Windmühle Johanna, um durch Wohngegenden und an Hauptstraßen entlang zu laufen und einen Eindruck vom Arbeiter:innengeist des Viertels zu bekommen: Man sagte uns, vor dem Bau des Geländes rund um das Wälderhaus für die Gartenbauausstellung war alles planes Gelände, das mehr oder weniger trostlos brachlag. 

Als wir durch die Straßen laufen, sehen wir, dass eine Caritas-Senior:innenresidenz gebaut wird und es einen großen Platz mit Einkaufszentrum und Busbahnhof direkt an der S-Bahn-Station gibt, um den sich das Leben knotenpunktet. An den Wegesrändern wachsen wilde Brombeeren und wir bedienen uns. 

Die Johanna von 1875 ist laut nebenstehendem Schild die “wichtigste Mühle Hamburgs” und vor allem als Hochzeitsmühle bekannt. Hier gibt es regelmäßige Führungen (wir sind am 1. August dort und am 2. August finden sie coronabedingt unter Auflagen das erste Mal seit einiger Zeit wieder statt) und ein Café, das aber derzeit aufgrund der aktuellen Situation geschlossen ist. Gegenüber können wir das Haus erspähen, in dem früher die Müllers-Familie gewohnt hat. 

Aufgrund der Situation ist es nur eine kurze Stippvisite, dennoch sind die Mühlenblätter und die Größe des Gebäudes beeindruckend für Menschen, die sonst eher selten die Gelegenheit haben, mit dem Kopf im Nacken staunend unter ihnen zu stehen. 

Wir machen uns zurück auf den Weg in Richtung S-Bahn-Station Wilhelmsburg und wollen den Bus 351 Richtung Moorwerder nehmen, um auf die Deiche und zur Bunthäuser Spitze zu gelangen. Unterwegs stellen wir fest, dass wir hungrig sind und kaufen Simit im Einkaufscenter am Busbahnhof. Wir stellen fest: Sie sind gut und mit Sicherheit irgendwo aus Anatolien – aber nicht so gut wie diejenigen direkt vor Ort. 

Vom Busbahnhof Wilhelmsburg sind es 12 Minuten Fahrzeit und wir stehen mitten im Nirgendwo zwischen Elbe und Windrädern und viel, viel Deich im Naturschutzgebiet. Ab und zu sehen wir jemanden am Ufer stehend angeln oder Unternehmungslustige per Rad an uns vorbeifahren. Eben noch von Beton umgeben, sind wir ein paar Momente von Grün und Blau und Weite überfordert.

Um zur Bunthäuser Spitze zu gelangen, müssen wir einen unscheinbaren Pfad neben dem örtlichen Campingplatz folgen, der uns am Sitz der Gesellschaft für ökologische Planung vorbeiführt (auch dort gibt es ein kleines Café in einem alten Wohnhaus, das jetzt Vereinssitz ist) und ein paar Minuten umgeben von wenig mehr als Bäumen und noch mehr wilden Brombeersträuchern geradeaus laufen. Die Gesellschaft für ökologische Planung hat einen frei zugänglichen Garten mit Lernstationen und noch mehr Brombeeren angelegt, in dem wir uns kurz aufhalten, Kompost und Bodenquerschnittmodelle bestaunen und dann weiterziehen. 

An der Bunthäuser Spitze teilt sich die Elbe auf ungefähr 15 Kilometern. Auf der Höhe dieser Teilung steht ein 7 Meter kleiner Leuchtturm, der trotz seiner Größe früher seinen Job gemacht und Schiffe vor dem drohenden Ende des Gewässers gewarnt hat. Er ist mittlerweile nicht mehr in Betrieb und eine Sehenswürdigkeit, die man besteigen kann. 

(Als wir dort waren, war der kleine Platz einigermaßen belebt, daher haben wir auf einen Aufstieg auf den Turm verzichtet – doch falls ihr die Möglichkeit habt, ist das sehr zu empfehlen. Von unten sieht man nicht soooo wahnsinnig viel von der Elbteilung.) 

Weil der Bus hier draußen nur stündlich fährt, machen wir uns nach einer kleinen Pause und anschließendem Herumwandern auf dem Deich wieder auf den Weg zur Bushaltestelle und während wir auf dem Bordstein sitzen und das mitgebrachte Wasser in unserer Edelstahlflasche austrinken, fühlen wir uns sehr weit von allem weg für ein paar Minuten und das ist sehr schön. 

Nun sind wir auf dem Weg in die Hafen-City: Eine Bootsrundfahrt auf der Alster haben wir schon ewig nicht mehr gemacht und gehört schon so ein bisschen dazu, wenn man touristisch in Hamburg unterwegs ist, finden wir.

Wir wollen mit dem Solarschiff fahren und machen auf dem Weg kurz Rast bei der Nord Roast Coffee Roastery, einer Adresse für den so ziemlich besten Kaffee weit und breit (jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach). Der Iced Latte Macchiato bringt meine etwas müden Lebensgeister wieder zurück. 

Am Jungfernstieg angekommen merken wir, dass die Alstersonne heute nicht mehr fährt und alle Rundfahrten coronabedingt andere Zeiten haben bzw. früher als sonst die letzte Fahrt am Tag machen. Es lohnt sich also, sich im Vorfeld diesbezüglich zu erkundigen. Wir erwischen um 16:30 Uhr jedenfalls die letzte Bootsfahrt (samstags). 

Unser Guide ist sehr redselig und ein bisschen ironisch-lustig – und das, obwohl es sehr warm ist, er dasselbe heute schon 30 Mal erzählt haben und sich sehr auf den Feierabend freuen muss. Wir lernen etwas über die Brücken, die wir unterfahren, ein paar markante Gebäude am Rand der Alster, die Demokratisierung des Alster-Rundwegs (früher reichten die Grundstücke der Anwohnenden bis runter zum Wasser – heute ist das nur noch auf einem Streckenabschnitt von rund 300 Metern der Fall) und stellen erstaunt fest, was für ein reger Gummiboot- bis Segelfahrtsbetrieb auf dem Fluss ist. Ganz Hamburg scheint in die Alster gesprungen zu sein, zumindest aber magnetisch von ihr angezogen zu werden. (Verständlich, in Münster passiert mit dem Aasee vor allem im Sommer dasselbe.) 

Die Rundfahrt dauert eine knappe Stunde und währenddessen kommen uns zwei Gedanken: a) War das wirklich so eine gute Idee? Es sind ungefähr 80 Menschen an Bord (also so viele, wie aktuell vorgeschrieben) und es gibt Desinfektionsmittel. Trotzdem scheint uns das alles ein bisschen eng zu sein, vor allem für eine Stunde Fahrt. b) Warum laufen wir das eigentlich nicht zu Fuß ab? Eine Strecke von 7,4 Kilometern sei das, meint der Bootsführer. Das ist doch zu schaffen, vor allem, wo bald die Sonne untergehen wird. 

Wir beschließen, vorher noch einmal kurz durch die Hafencity zu spazieren und zumindest kurz etwas zu essen, das über das Frühstück im Hotel und den Simit hinausgeht und landen bei Vincent Vegan. Dort ist es, wie immer, superlecker, aber doch eher schwer im Magen liegend und als ich merke, dass ich vergessen habe, dass alles in Einweg-Behältern serviert wird (zwar sogenanntem Bioplastik, aber immer noch Einweg), ärgere ich mich für einen Moment und schiele in Richtung der Mehrwegalternativen der anderen Restaurants auf der Einkaufspassagen-Ebene. Die Nuggets sind allerdings traumhaft, wirklich traumhaft gut. 

Dann biegen wir irgendwann in den Weg ein, der uns rund um die Alster und durch den Alsterpark führen soll und: Wir laufen und laufen und reden und reden und sehen politische Kunst zum Thema Wasser auf der Kennedybrücke, neben uns geht die Sonne langsam unter, taucht alles wechselnd in Rot, Orange und Lila und wir hören und schauen dem Gleiten des Lebens in die Nacht zu, kommen an unverschämt teuren Villen vorbei und diskutieren unweigerlich über Grundeinkommen und Oberverdienstgrenzen und ich rege mich ein bisschen auf und wir laufen weiter und verlaufen uns. Und merken, dass wir irgendwie bis zum Bahnhof gelaufen sind. Unsere Füße schmerzen doch ein wenig, wir sehen nichts mehr (der Weg, auf dem wir mittlerweile gelandet sind, ist nur spärlich bis gar nicht beleuchtet) und beschließen, den Weg zur nächsten U-Bahn-Station zu nehmen. Der Schrittzähler leuchtet uns eine 41.000 entgegen. 

Es war schönschönschön und nach einem Feierabend-ChariTea vor dem Wälderhaus fallen wir maximal erschöpft in die Laken. 

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück schauen wir uns das Science Center des Wälderhauses in Ruhe an, packen zusammen und fahren gen Heimat und haben das Gefühl, eine ganze Woche weggewesen zu sein, so voll sind Kopf und Herz.  

Zusätzliche Tipps für ecofaire Adressen in Hamburg

Im Laufe meiner Recherche im Vorfeld des kleinen Hamburg-Ausflugs bin ich auf viele zusätzliche (nachhaltige) Adressen gestoßen, die wir uns zu gerne noch angesehen hätten, für die dann aber am Ende weder Zeit noch ausreichend Platz im Magen blieb (sich durch vegane Lokalitäten zu futtern, ist das Größte!). Außerdem habt ihr mir eine riesige Liste an Empfehlungen über die Insta-Stories zugeschickt – danke nochmal dafür, das hat mir sehr geholfen.

Im Folgenden habe ich einige dieser und weiterer Tipps zusammengefasst – auf dass ihr bei eurem nächsten Besuch in Hamburg ausreichend Auswahl habt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, natürlich. 

(Bei den Essens-Adressen bin ich mir allerdings nicht bei allem sicher, ob es auch ein veganes Angebot gibt – da müsste man dann noch einmal gesondert nachschauen.)

Spazieren und Verweilen: 

Botanischer Garten Klein Flottbek — Jenischpark — Falkensteiner Ufer — Inselpark (Wilhelmsburg) — Weidenallee — Stadtpark — Planten un Blomen — Niendorfer Gehege (Wald) — Altonaer Balkon — Fischbeker Heide — Finkenwerder — Elbstrand — Eppendorfer Moor — Energiebunker Wilhelmsburg — Energieberg Georgswerder — Gut Karlshöhe Bramfeld — Der Duvenstätter Brook — Naturschutzgebiet Höltigbaum — Boberger Niederung — Vier- und Marschlande — Volkspark Altona — Nachhaltigkeitspavillion OSAKA 9 — Grüner Landgang — Greenpeace-Zentrale Hafencity — Dialoghaus Hamburg — Eimsbütteler Park “Am Weiher” — Isebek-Ufer — Bootsverleih Winterhude — Goldbekhaus — Kampnagel 

Falls ihr weitere Lokalitäten kennt, die unbedingt auf die Liste müssen, schreibt es gerne in die Kommentare. Ich freue mich jedenfalls schon auf meinen nächsten längeren Ausflug nach Hamburg.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

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