Leinen-Liebe: Warum wir viel mehr Kleidung aus Leinen tragen sollten + Lieblings-Labels

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27. Mai 2019

Seit meiner Kleiderschrank-Umstellung in Richtung Weniger-ist-Mehr und vor allem: Ecofair ist die oberste Priorität (wenn es um Neukäufe geht), habe ich nicht nur mehrfach einen Stilwandel durchgemacht, bis ich herausgefunden habe, was wirklich zu mir passt und ich lange tragen mag. Ich habe im Laufe der Zeit auch immer mehr Kleidungsstücke aus Leinen bei mir einziehen lassen.

Meine Leinen-Liebe ist über die Jahre immer größer geworden – wenn ihr mir auf Instagram folgt, wisst ihr das vielleicht bereits.

Der Grund: Vor allem im Sommer kann ich mir – neben Tencel – kein Material vorstellen, das sich für mich angenehmer anfühlen könnte.

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Was ist Leinen eigentlich?

Aber fangen wir doch bei Adam und Eva an. Jedenfalls fast.

Kleidung aus Leinen wird seit mindestens 6000 Jahren getragen.

Super spannend an der Geschichte (im doppelten Wortsinne) ist die Tatsache, dass archäologische Überreste darauf schließen lassen, dass früher (also: wesentlich früher) die Menschen in der Lage waren, das Leinen-Garn so fein zu spinnen, wie das heute mit den besten Maschinen nicht möglich ist.

Je feiner der Stoff, desto höher der Rang der damit bekleideten Person.

Leinen: lat. linum = Flachs

Im Mittelalter blühte der Handel und die Produktion von Flachs – und damit auch von Leinen, der Stoff, der aus den Stängeln der Flachspflanze gewonnen wird.

Das gesamte Leben – vor allem von Landwirt*innen – war nicht selten eng mit dem Material verwoben: Man verwendete Leinen als Alltagskleidung, als Haushaltstextil, Polstermaterial, zum Abdichten von Schiffen und Bottichen, nahm das Leinöl in den Speiseplan auf, nutzte den Rest der Pflanze als Heizmittel, verwendete das Öl zum Schützen von Kunstwerken und setze es in der Medizin ein.

Was mich besonders fasziniert: Wie sich alltägliche Verflechtungen in Sprache niederschlagen. Nämlich fast immer deutlich.

Was Wunder wenn eine so allgegenwärtige eigene Welt für hunderte von Jahren Sprache und Kultur prägt: noch heute kennen wir “eine Fahrt ins Blaue” (früher ein Besuch des blühenden Flachsfeldes) wir “flachsen” wenn wir Spaß machen, wir “hecheln” ein Thema durch wenn wir es immer wieder und von allen Seiten bearbeiten wie unsere Vorfahren dies mit einer Handvolle Flachsfasern taten. (Quelle)

Früher wurden die Kleidungsstücke selbstredend noch per Hand hergestellt – und noch heute erinnere ich mich daran, wie ich das in einem Freiluftmuseum einmal selbst nachmachen durfte. Also: nur das Hecheln des Flachses, aber das war schon anstrengend genug, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie aufwendig und zäh die händische Produktion von Leinen-Kleidung gewesen sein musste.

(Hier könnt ihr euch das einmal beispielhaft anschauen.)

Dass unsere Sprache mit Anspielungen auf Leinen und Flachs nur so durchsetzt ist, kann ich sehr gut nachvollziehen.

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Neuzeit: Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde Leinen fast vollständig von Kleidung aus Baumwolle verdrängt – nicht, ohne dass es zuerst im Zuge der Industrialisierung zu einer großen Versorgungskrise der mittlerweile spezialisierten Leinen-Weber*innen und großer Armut (Pauperismus) kam, die dann schlussendlich in den berühmten Weber-Aufständen mündete.

 Der Grund, weshalb Baumwolle bevorzugt wurde: Die Herstellung konnte wesentlich billiger und schneller erfolgen, weil wesentliche Produktionsschritte weggelassen beziehungsweise beschleunigt werden konnten. Das ausschlaggebende Argument war – ganz im Sinne des massenindustriellen Ethos – nicht die Qualität, sondern der Ertrag, der mit der Nutzung von Baumwolle vervielfacht werden konnte.

Erst nach und nach feiert das Material seit Ende des 20. Jahrhunderts sein Comeback in unsere Kleiderschränke, stets in Konkurrenz jedoch mit neuen, synthetischen Stoffen, die beispielsweise den Vorzug hatten, knitterfrei zu sein und das Bügeln zu ersparen.

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Leinen-Liebe auf der Haut

Zwischendurch war Leinen leider der Image-Geber des Jutesack-Status: grob, kratzig und irgendwie altbacken-unansehnlich. Kleidsam nur für Menschen, die sich richtigrichtigrichtig krass in die Öko-Ecke einordnen und…naja, eingiermaßen spaßbefreit versuchen, den Rest der Welt von ihrer Form der grünen Offenbarung zu überzeugen.

Das hat sich mittlerweile Gott sei Dank geändert (auch, wenn sich Fair Fashion nach wie vor dem Generalverdacht aussetzen muss, eben nur aus den erwähnten Jutesack-Styles zu bestehen).

Leinenkleidung kommt wahlweise in puristischer Schönheit oder ausgefallenen Schnitten und Farb-Muster-Kombinationen daher. Aber dazu gleich mehr.

Befassen wir uns vorher kurz mit den haptischen Argumenten, die für Leinen sprechen und am Ende vor aller Ästhetik dafür sorgen, dass Kleidung lange getragen wird (denn wer trägt lange Kleidung, in der er*sie sich nicht wohlfühlt?).

Leinen hat ein paar Eigenschaften, die es als Grundausstattung für heiße Tage und Urlaube unter einem Mehr-als-40-Grad-Himmel prädestinieren.

Leinenkleidung ist:

  • atmungsaktiv
  • robust, strapazierbar und langlebig
  • saugfähig (kann bis zu 35% des Eigengewichts aufnehmen und wieder abgeben und wirkt deshalb schweißreduzierend)
  • kühlend im Sommer, temperaturausgleichend im Winter
  • antibakteriell, antistatisch und schmutzabweisend
  • allergiker*innen-freundlich
  • von Natur aus mottenabweisend

Allein aufgrund seiner Trageeigenschaften wird Leinen und alles, was daraus hergestellt ist, in den letzten Jahren vor allem im Eco-Fashion-Bereich von der modebewussten Öffentlichkeit wieder als tragbar für die breite Masse empfunden.

Dass Leinen extrem schnell knittert, wird mittlerweile gerne als besonders edel und natürlich hervorgehoben – eine spannende Distinktionsstrategie in Zeiten, in denen vor allem Kleidung mit Kunststofffasern und makellose Glätte des Stoffes den Markt dominieren. Eine Bewegung braucht eine Gegenbewegung – die (neue) Leinen-Liebe könnte eine Antwort auf den Polyester-Hype der vergangenen Jahre sein.

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Im Übrigen bügele ich nicht. Gar nichts. Bügeln halte ich schlicht und ergreifend für Zeit- und Energieverschwendung im doppelten Sinne und trage meine faltenbewehrte Kleidung mit Stolz. Die Idee vom Edelknitter bei Leinen gefällt mir daher außerordentlich gut. 

Leinen macht jedoch nach wie vor einen äußerst geringen Anteil am weltweiten Fasermarkt aus: Nur 2% der global konsumierten Kleidung besteht aus Leinen.

Das hängt höchstwahrscheinlich mit dem erwähnten Produktionsaufwand und den damit zusammenhängenden höheren Kosten zusammen: Leinenkleidung – vor allem, wenn sie aus dem Fair-Fashion-Bereich kommt – gilt als Luxus-Produkt.

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Leinen-Liebe für die Umwelt

Die Flachspflanze, aus deren Stängeln die Leinenkleidung hergestellt wird, ist eine äußert robuste Pflanze, die – im Vergleich zu beispielsweise Baumwolle – deutlich weniger Wasser benötigt und auf sehr kargen Böden und bei für andere Pflanzen herausfordernden Witterungsbedingungen wachsen kann.

Eine Baumwoll-Jeans (1kg) verbraucht in der Herstellung zwischen 6000 und 10.850 Liter Wasser. Ein T-Shirt aus Baumwolle liegt bei ungefähr 2720 Liter. (Quelle / Quelle 2) Für die Produktion von 1kg Leinen-Kleidung benötigt man hingegen nur rund 2500 Liter Wasser. (Quelle)

(Mehr zum Konzept des Virtuellen Wassers und die Kritik daran findet ihr hier. Und hier könnt ihr euch den Wasser-Fußabdruck für euren eigenen Lebensstil ausrechnen lassen.) 

Trotzdem wird in der konventionellen Produktion fleißig nachgeholfen – mit chemischen Düngern, Pestiziden, Fungiziden (gegen Pilze), Insektizide und Wachstumsreglern wie Kalium, Magnesium und Zink. Dennoch: Auch in der konventionellen Produktion braucht Flachs wesentlich weniger Nährstoffe als die anspruchsvolle Baumwolle, um erfolgreich zu gedeihen.

Auch, wenn die Produktion von Leinenkleidung generell äußert ökologisch ablaufen kann, sollte auch hier auf Bio-Qualität geachtet werden: Der kontrollierte biologische Flachsanbau verzichtet auf chemische Düngemittel und Pestizide sowie auf Giftstoffe beim Färben der Textilien.

Die gute Nachricht: Ökologisch produzierte Leinenkleidung ist in Europa gar nicht so schwierig zu finden und in Westeuropa die einzige ökologisch produzierte Faser aus heimischem Anbau. Vor allem in Frankreich, aber auch weiter östlich in Polen, Estland und Litauen produzieren vornehmlich kleine, familiäre Betriebe Leinenkleidung nach höchsten Standards.

Das größte Plus von ecofair produzierter Leinenkleidung: Sie ist vollständig biologisch abbaubar (wenn sie nicht gefärbt, sondern in ihren natürlichen Farben belassen, oder mit Pflanzenfarben gefärbt wird).

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Leinen-Liebe, die lange anhält

Leinenkleidung ist – dank seiner robusten Beschaffenheit – eigentlich mit sehr geringem Aufwand zu pflegen. Ein paar Dinge dürfen wir dennoch beachten bzw. sind gut zu wissen.

  • Mit jedem Waschen wird Leinen heller und weicher. Je länger man ein Teil besitzt, desto angenehmer wird es sich also tragen.
  • Theoretisch ist Leinen kochfest, sollte aber – vor allem, wenn es sich um Mischgewebe handelt, also das Kleidungsstück außer Leinen noch aus einem anderen Material besteht – bei 40°C gewaschen werden.
  • Wenn ihr sowieso schon mit ökologischem Waschmittel wascht, erledigt sich dieser Punkt von selbst: am besten keine Waschmittel mit Aufheller oder Bleichmittel verwenden, das greift die Natur-Fasern zu stark an. (Hier gibt es ein Waschmittelkonzentrat für Leinen und Baumwolle von einem Label, das ich sehr empfehle.)
  • Leinen (und generell Textilien) sollten nicht zu stark geschleudert werden. Am sichersten seid ihr mit eurem Schonprogramm, ich wasche prinzipiell so gut wie alles auf maximal 800 Umdrehungen.
  • Leinen trocknet extrem schnell – das macht es so gut für den Sommer geeignet. Wenn ihr Falten verringern möchtet, lasst eure Kleidung am besten im feuchten Bad trocknen (das gilt auch für alle anderen Textilien).

Leinen-Liebe nachhaltig und fair

Mittlerweile kann ich – wie gesagt – einige Kleidungsstücke aus Leinen mein Eigen nennen (ich habe mein Herz sehr dran verloren) und habe daher (und durch langes Stöbern) über die letzten Jahre einen kleinen Überblick über empfehlenswerte Stores, die Leinenprodukte im Sinne von Slow & Fair Fashion anbieten, erhalten.

Einige Quellen, die ich euch ans Herz legen kann, sind: 

Hinweis: Viele der Labels können nicht mit einer der Standard-Zertifizierungen wie GOTS oder FairTrade aufwarten, da es sich um kleine (Familien-)Betriebe handelt und der Zertifizierungsvorgang sehr viel Geld kostet. Vollkommene Sicherheit bezüglich der Verarbeitung gibt es nicht, allerdings machen die meisten der genannten Labels immer wieder transparent, wie die Produktion vonstatten geht (zum Beispiel via Insta-Stories) und bemühen sich auch sonst um größtmögliche Nähe zum Konsumierenden. 

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Weitere (Bezugs-)Quellen:

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

[…] dem 2. Weltkrieg wurde Hanf als Rohstoff jedoch aufgegegeben (ähnlich wie Leinen), weil es spätestens zu diesem Zeitpunkt effizientere und günstigere Alternativen […]

Oh, wie toll die Sachen von SeaSide Tones sind – danke für diesen super Tipp!

Hallo Falbi,
freut mich sehr, dass dir das Label gefällt – sehr gerne! 🙂

Liebe Grüße
Jenni

Ich habe mir (u.a.) für die Hochzeit meines Freundes mein erstes Leinenkleid bei Not Perfect Linen gegönnt…mein bisher teuerstes Kleidungsstück, aber auch das, auf das ich bisher am sehnlichsten warte. Und dein Post hat die Vorfreude noch gesteigert, hihi

Liebe Cora,
oh, Not Perfect Linen ist eine ausgezeichnete Adresse für Kleider generell, wie ich ja auch schon geschrieben habe – aber auch für solche für besondere Anlässe. Ich freu mich, dass du dich so auf dein neues Stück freust und kann das total nachvollziehen – gerade das Warten und das Wissen darum, dass die Stücke so besonders sind, macht das anschließende Tragen dann noch einmal im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltiger. 🙂

Liebe Grüße an dich und viel Freude auf der Hochzeit deines Freundes!
Jenni

Super blogpost! Ich hab selbst ein Hemd und Shorts aus Leinen und die gehören beide mit zu meinen liebsten Kleidungsstücken 🙂 Außerdem mag ich es total mehr über fair und eco friendly Kleider zu lernen, weil ich darin auch noch besser werden will… und vor allem auch minimalistischer! Second Hand kaufe ich sowieso unheimlich gerne und ich freu mich schon bald zu Hause wieder auszumisten und sachen selbst zu verkaufen etc.

Liebe Grüße
Pauline <3

Liebe Pauline,
ich danke dir für deine Rückmeldung und freue mich, dass dir das Material Leinen auch so gut gefällt.
Und bei allen anderen Themen, die du angesprochen hast: Da bin ich ganz bei dir, das beschäftigt mich auch alles sehr und ich werde mich da in Zukunft auch weiter mit auseinandersetzen auf dieser Plattform. 🙂

Liebe Grüße an dich!
Jenni