Zu Besuch bei Voelkel im Wendland

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1. Oktober 2019

Mitte September war ich zusammen mit einigen anderen Medienschaffenden im Nachhaltigkeitsbereich auf ein Event geladen, auf das ich mich im Vorfeld schon wahnsinnig gefreut habe: Es sollte zu Voelkel ins Wendland gehen, wo wir uns anschauen wollten, wie die Naturkostsafterei arbeitet und einen kleinen Einblick in die Unternehmenskultur bekommen sollten.

(Dieser Artikel enthält unbezahlte Werbung → Pressereise)

Wer hier schon eine Weile mitliest, weiß, dass ich schon seit einigen Jahren großer Fan von Voelkel bin (unter anderem liebe ich nach wie vor die Saftkur, habe aber vor allem auch in den kälteren Monaten meine Vorliebe für die Punschsorten entdeckt – und den Möhrensaft!).



Start bei Marius auf dem Hof

Organisiert hat das Event die Agentur sieben&siebzig, mit der ich sehr gerne zusammenarbeite, weil sie ehrlich und authentisch für dieselben Werte einsteht, die auch ich vertrete.

Nach einer Anreise aus ganz Deutschland und viel Fahrerei durch das Wendland (wir merken schnell: hier braucht man unbedingt ein Auto, sonst kommt man nicht weit) landen wir allesamt zuerst auf dem Hof von Marius.

Marius baut den Hanf an, den Voelkel für seine neue BioZisch Hanf verwendet. 

Und wir sind alle kollektiv hin und weg von den Katzen, die dort überall herumschleichen, bevor wir uns auf das eigentliche Thema konzentrieren können: Hanf und die aktuellen Bedingungen im Bioanbau generell.



Denn Marius erzählt uns eine ganze Menge davon, wie es ist, im Wendland als Biolandwirt zu arbeiten, wie das mit den Finanzen ausschaut und was Voelkel eigentlich für die Region hier bedeutet.

Das Biogeschäft: ein hartes Pflaster

Marius’ Familie lebt seit 1735 in dieser Region. Ich muss kurz nach Luft schnappen angesichts der Tatsache, die eigene Familiengeschichte so weit zurückverfolgen zu können (meine eigene Familiengeschichte ist ein wahres Chaos und nur äußerst schwierig zu entwirren).

Marius weiß, wovon er spricht – nicht nur aus familiärer Tradition (seit 30 Jahren betriebt die Familie Wöllner ökologischen Landbau): Er hat ökologische Landwirtschaft studiert und kennt sowohl Fachgebiet als auch Praxis mittlerweile ziemlich gut. 



Und die, verrät er uns zwischen einzelnen Regenschauern, die unser Buffet etwas durchnässen und uns unter die schützenden Bäume treiben, ist alles andere als rosig. Bio ist Trend und das bedeutet, dass viele Produkte einer breiten Masse zugänglich gemacht (werden müssen). 

Dass das nicht immer mit den besten Methoden geschieht, kann man sich denken. Doch was Marius von seinem Arbeitsalltag erzählt, lässt uns unabhängig vom Wetter frösteln: 

Aktuell gebe es auf dem Biomarkt einen Preisverfall von mindestens 50%, viele Biolandwirt*innen wüssten nicht, wie sie sich dauerhaft finanzieren sollten.

Ein Grund: Viel Ware komme aus Osteuropa, wo wesentlich laxere Kriterien bezüglich Zertifizierungen und Richtwerten herrschten – so genau schaue man dann hier bei der Abnahme auch nicht mehr drauf, ob das alles so passe. Hauptsache, die Ware ist billig. 

Einige werden den Switch zurück zur konventionellen Landwirtschaft machen.

Marius Wöllner


Er selbst hat dieses Jahr bereits mehr als 100.000 Euro Verlust gemacht und fängt jetzt an, einige seiner Maschinen zu verkaufen, um über Wasser zu bleiben. Wie genau das mit einer Zukunft auf dem Hof aussieht, wollen wir wissen. Das sei nicht so ganz klar, meint er, sein Blick wandert in die Ferne.

Verlässliche Partner sind wichtig

In so einem Setting ist es wichtig, Partner zu haben, auf die man sich verlassen und mit denen man auf Augenhöhe zusammenarbeiten kann. 

Voelkel, das betont Marius immer wieder und man merkt, dass er das nicht aus Gefälligkeitsgründen, sondern aus Überzeugung tut, ist so ein Partner: Als aufstrebendes Unternehmen, spezialisiert und angewiesen auf Landwirtschaft, ist Voelkel im Wendland der wichtigste Arbeitgeber. 

Das Familienunternehmen zahlt einen garantierten Preis, die Basis der Partnerschaft ist gegenseitiges Vertrauen: In einem schlechten Erntejahr zahlt Voelkel den Landwirt*innen etwas mehr, um entstandene Verluste abzufedern. In einem guten Jahr hingegen nehmen die Landwirt*innen wiederum weniger Geld für ihre Ware. So entsteht ein ausgeglichenes Verhältnis. 


Photocredit: Laura von the OGNC


Hanf – ein in Vergessenheit geratener Rohstoff

Inzwischen sind wir per abenteuerlicher Treckerfahrt vom Wöllnerschen Hof über staubige Straßen auf ein Hanffeld gefahren – dort, wo noch die letzten Pflanzen stehen (Erntezeit ist zwischen August und Oktober) und sich noch ein paar schöne Bilder machen lassen. 

Marius baut vor allem zwei Sorten – die Finola und die USO31 – an.

Alle Landwirte, die mit Voelkel zu tun haben, erzählen nur Positives – auch, was das Geld betrifft.

Marius Wöllner

Denn eigentlich sind wir ja hier, um den Release der neuen BioZisch Hanflimo zu feiern. Der Hanf, den wir in den Flaschen zum Trinken finden, kommt genau von hier, wo wir gerade mit den Füßen den staubigen Boden aufwirbeln. 

Die Idee, eine BioZisch mit Hanf zu produzieren, kam übrigens von Marius selbst: Er hat den Hanf, Voelkel ist größter Abnehmer in der Region für alles Mögliche und dafür bekannt, experimentierfreudig zu sein. Unkomplizierte Strukturen haben dafür gesorgt, dass Marius schnell mit den Voelkel-Brüdern am Tisch saß und die Idee diskutieren konnte – die sich jetzt im Bioladenregal materialisiert hat.



Aber kommen wir zurück zum Boden und den Anbaubedingungen, zu denen uns Marius jetzt einiges zu erzählen hat, während er ein paar Hanfstängel in den Händen dreht: 

Trockenheit ist vor allem in den letzten zwei Jahren ein riesiges Problem, auch für die Landwirt*innen im Wendland: “Per Definition”, sagt Marius, “ist das hier eine Halbwüste.” 

Die Klimakrise macht auch hier nicht Halt – und während wir das normalerweise ganz abstrakt aus den Nachrichten mitbekommen, ist sie hier schon jetzt existenzbedrohende Realität. Ein paar Stunden von meinem Zuhause entfernt. 

Hanf ist eine sehr robuste Pflanze und eine der wenigen, die hier noch einigermaßen gut wachsen. Sie braucht wenige Herbizide und verdrängt Beikräuter (Marius vermeidet aus Prinzip den Begriff “Unkraut”, weil jede Pflanze einen bestimmten Zweck hat). “Aber wenn kein Wasser da ist, wächst halt auch der nicht besonders gut.” 

Früher, bevor der Ölboom losging, sagt Marius, war Hanf in dieser Region extrem populär: für Textilien, zur Papierherstellung, sogar zur Ölgewinnung wurde auf diesen Feldern überall Hanf kultiviert. 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde Hanf als Rohstoff jedoch aufgegegeben (ähnlich wie Leinen), weil es spätestens zu diesem Zeitpunkt effizientere und günstigere Alternativen gab. 



Alles wird verarbeitet

Jetzt gerade erlebt Hanf ein Revival – was nicht zuletzt an dem enormen Boom von CBD-Öl liegt.

Auch da hat Marius neue Informationen für uns: Aktuell hat die Pharmaindustrie es auf CBD abgesehen und wird über kurz oder lang dafür sorgen, dass auf dem konventionellen Markt keine CBD-Produkte mehr verkauft werden dürfen. Ein Hebel, den Vertrieb zu stoppen, könnte die Novel Foods Verordnung sein, die die Zulassung neuartiger Lebensmittel auf dem Markt reguliert. 

Doch auch abseits vom CBD-Öl besitzt Hanf in verschiedensten Verarbeitungsformen zahlreiche Vorteile:

  • Hanfpapier ist 4-mal ertragreicher als Holz und hält wesentlich länger: Es vergilbt praktisch nicht und hält gefühlt ewig. Die Gutenberg-Bibel (1455) ist auf Hanfpapier gedruckt worden.
  • Einstreu aus Hanf hat, verglichen mit konventionellem Tiereinstreu, eine 40fach höhere Saugkraft. 
  • Ein Hanffeld bindet 4-mal so viel CO2 wie dieselbe Fläche Wald. 
  • Hanfsamen haben ein dichtes Mineralstoffspektrum, enthalten alle 8 essentiellen Aminosäuren und Omega-3-Fettsäuren. 

Marius verarbeitet alles von seinen kostbaren Hanfpflanzen: Aus den Blüten wird der Saft gewonnen (sie enthalten 50-80% des Pflanzensaftes, obwohl sie so trocken aussehen), aus den Stängeln werden Strohhalme gefertigt oder sie werden zu Einstreu verarbeitet. Die Samen werden so verkauft oder in einer benachbarten Ölmühle weiterverarbeitet. 

Seine Produkte kann man übrigens auch im eigenen Onlineshop unter dem Label darumBio! kaufen. 

Generell setzt man hier viel auf lokale Strukturen und Netzwerke – auch Voelkel tut das, wie wir später sehen werden. 



Voelkel kennenlernen

Nach dem anstrengenden und Input-reichen Tag auf dem Feld futtern wir uns durch ein komplett veganes Buffet (im Wendland, wie man nicht müde wird zu betonen, durchaus noch eine Seltenheit), genießen eine Zaubershow und haben die Gelegenheit, uns intensiv miteinander auszutauschen – ich spreche vor allem mit Jurek Voelkel (er ist fürs Marketing zuständig), mit der lieben Laura von the OGNC und Maike Fürstenberg und falle nach anderthalb Gläsern Wein dann irgendwann sehr müde in einen sehr, sehr tiefen Schlaf. 

Am nächsten Tag begrüßt uns die Familie Voelkel auf dem Firmengelände: Vater Stefan Voelkel hat das Unternehmen zwar offiziell längst an die Söhne abgegeben, mischt aber immer noch fleißig mit und hat daran, wie wir sehen, seine helle Freude. 



Generell fällt der warme Umgang, ausgedrückt in Sticheleien, wie sie nur unter alten Freunden oder eben Familienmitgliedern vorkommen, sofort auf und man merkt spätestens, als Boris (zuständig für den Einkauf) von den natürlich stattfindenden harmonischen und nicht so harmonischen Episoden im Firmenalltag erzählt: Das ist nicht gespielt. Und irgendwie erleichtert uns das alle ein bisschen. 

Eines der neuen Produkte, die wir während der Kennlernrunde verkosten, ist übrigens der Hygge-Punsch von Voelkel und ich weiß schon jetzt, dass er in diesem Winter einen festen Platz in meiner Küche bekommen wird. 



Familiengeschichte(n)

Voelkel gibt es offiziell seit 1936. Gegründet von den Siedlern Karl und Margret Voelkel in Pevestorf im Wendland als Mosterei, befindet das Unternehmen sich mittlerweile in der 4. Generation in Familienbesitz und produziert noch immer Säfte und Limonaden, nach den höchsten Qualitätsstandards, die es im Biobereich so gibt (Demeter). 

Der Leitgedanke des Unternehmens prangt präsent auf einem Plakat hinter ihm, während Stefan Voelkel spricht: die enkeltaugliche Landwirtschaft. 

Dazu zählt ein verantwortungsbewusster Umgang mit den Rohstoffen und den Böden, die sie zur Verfügung stellen, genauso wie ein “wesensgemäßer Umgang mit allem Lebendigen”, wie es in der Höhbeck-Broschüre heißt, die wir nach unserem Aufenthalt geschenkt bekommen und in der unter anderem die Lebenserinnerungen von Margret und Karl Voelkel festgehalten sind. 



Zu dieser Einstellung gehört auch der Schritt, das Familienunternehmen in eine Stiftung zu überschreiben, um so zu verhindern, dass die Orientierung an marktkapitalistischem Profit am Ende doch zu groß wird und sich beispielsweise Sponsoren in die Firma einkaufen. 

“Das ist ein bisschen so, als hättest du im Lotto gewonnen und würdest auf deinen Gewinn verzichten.”, kommentiert Jurek das Thema scherzhaft. Das sei nicht nur einfach gewesen, aber alle hätten jetzt ein besseres Gefühl: 10% der erwirtschafteten Einnahmen werden für soziale Zwecke gespendet, die restlichen 90% werden in das Unternehmen reinvestiert.  

Mehrweg oder Einweg?

Was wir als besonders nachhaltig Interessierte natürlich sofort wissen möchten im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit: Warum sind nicht alle Flaschen Mehrwegflaschen? 

Stefan Voelkel verrät uns, dass mittlerweile 70% des Sortiments aus Mehrwegflaschen besteht und der Anteil auf jeden Fall weiter ausgebaut werden soll. Allerdings muss auch die Wirtschaftlichkeit bedacht werden – und so werden aktuell vor allem die Produkte, die bei den Kund*innen besonders gefragt sind und sich gut verkaufen, zügig zu Mehrwegflaschen umgewandelt. 

Eine wichtige Zahl anbei, um zu verdeutlichen, dass so ein Umstieg auf Mehrweg nicht einfach mal eben gemacht ist: Für die Mehrwegflaschen musste die Produktion neu ausgerichtet werden – das bedeutete für Voelkel Baumaßnahmen in Höhe von 25 Millionen Euro.



Einkauf und samenfestes Saatgut

In der nächsten Viertelstunde schlüpfen wir in weiße Umhänge, setzen uns Haarschutzkappen auf, die irgendwie an Schwimmmützen von Oma erinnern und desinfizieren unsere Hände sehr gründlich und vorschriftsmäßig, bevor wir die Produktionshallen von Voelkel betreten und von Boris eine sehr detaillierte und unterhaltsame Führung erhalten. 

(Boris redet gerne und viel, wir wurden im Vorfeld von seinem Bruder Jurek vorgewarnt.)

Das Kernthema von Boris ist der Einkauf – und ich habe bisher noch keinen Menschen getroffen, der sich dem Aspekt mit so viel Enthusiasmus und Energie widmet. 

Boris nennt 3 Eckpfeiler der Einkaufsphilosophie bei Voelkel:

  • Langfristige Beziehungen zu den Produzierenden
  • Moderate Preise 
  • Emphatisches Einkaufen 

Wirklich wichtig, so Boris, seien die langfristigen Beziehungen und das Vertrauensverhältnis, das damit einhergehe. Immerhin habe man es am Ende immer noch mit Menschen zu tun und nicht mit Maschinen. 



Ein sehr wichtiges Thema ist der Familie Voelkel außerdem ein ganz anderes Thema: samenfestes Saatgut. 

Voelkel nutzt aus Prinzip nur samenfestes Saatgut und sieht diesen Punkt als Grundvoraussetzung für erfolgreiches biodynamisches Wirtschaften. 

Samenfeste Sorten sind im Gegensatz zu den meisten Hybridsorten mehrjährig, das heißt: fortpflanzungsfähig. Das fördert die Unabhängigkeit der Landwirt*innen von Saatgutkonzernen wie Monsanto und die Vielfalt auf den Äckern.

Boris ist Vorstand von Kultursaat e.V., einem Verein, der sich um die Erhaltung bewährter Gemüsesorten und der Forschung an neuen samenfesten Sorten in gemeinnütziger und öffentlicher Arbeit kümmert.

Besonders schockiert uns Folgendes:  

Biodynamische Qualität ist mit Hybridsorten nicht möglich. Aber 90% des Gemüses im Ökolandbau sind Hybridsaatgut von großen Konzernen wie Bayer/Monsanto.

Boris Voelkel

Okay, krass. Wir fragen nochmal nach: Wirklich auch im Ökolandbau? Ganz sicher? Boris ist sich sehr sicher. Und wir können es nicht fassen. Dabei ist das in der Fachwelt (auch mit etwas anderen Zahlen) nicht unbedingt ein Geheimnis

Samenfeste Sorten sind jetzt aber im Kommen, meint Boris: Nächstes Jahr könnte das Thema ganz groß werden. Sogar Bayer hat mittlerweile Firmen aufgekauft, die samenfeste Sorten züchten. Deswegen muss der ökologische Landbau noch einen Schritt weiter gehen – samenfest allein reicht nicht mehr aus, wenn sich alle damit schmücken. 

Regional angepasste, biodynamische Sorten sind der Kern, wenn wir von einer wirklich enkeltauglichen Landwirtschaft sprechen. “Wir können nicht mit konventioneller Denke Biolebensmittel produzieren.” 



Damit spricht Boris das Dilemma an, das aktuell den Biomarkt beherrscht: Mehr und mehr Kapitalisierung führt zur Verwässerung von Standards, zu Greenwashing und zum Massenkonsum. Ist das noch Bio oder schon was anderes? 

“Wenn man will und diese gewisse Wut im Bauch hat, kann man wirklich was verändern.” 

Boris hat ganz offensichtlich Wut im Bauch und es ist dieser aktivistische Gedanke, der sich immer wieder bei den Voelkels wiederfindet. Das spiegelt sich auch in der Selbstdarstellung wider: Denn obwohl bei Voelkel schon viel ziemlich gut läuft, spart Boris nicht an Selbstkritik. Verpackungen müssten optimiert werden, da fällt noch zu viel Plastik an, das ist nicht zufriedenstellend. 


Voelkel-Facts

  • Voelkel hat 40% Demeter-Anteil im Sortiment, das ist der größte unter Bioherstellern überhaupt.
  • Kein anderer Hersteller verarbeitet mehr Obst- und Gemüsesorten (es sind über 50 Stück). 
  • Die Produktion läuft rund um die Uhr, vieles automatisch. 
  • Der Betrieb zählt 300 Mitarbeiter*innen.
  • Es gibt 4 Abfüll-Linien. Alle 2 Stunden wird ein neues Produkt abgefüllt.
  • Pro Abfüllung werden 20.000 bis 40.000 Flaschen befüllt.
  • Voelkel führt ca. 230 Produkte und ergänzt das Portfolio pro Jahr um ca. 30 neue Produkte (wobei immer auch wieder welche das Sortiment verlassen). 
  • Aktuell können 1,6 Millionen Liter Saft gelagert werden, das ist aber zu wenig: Es sollen neue Hallen gebaut werden. 
  • Die BioZisch Rhabarber ist mit Abstand das meistverkaufte Produkt bei Voelkel. 


Magischer Höhbeck: das erste Mal auf einem E-Bike

Am Nachmittag schwingen sich einige von unserer Kurzzeitreisgruppe (viele von uns das erste Mal) auf E-Bikes, die uns zu den ersten Anfängen von Karl und Margret Voelkel in Pevestorf bringen sollen: Die ersten beiden Häuser wollen wir uns anschauen, wo alles begonnen hat. 

Der Weg dorthin und wieder zurück ist eine Mischung aus abenteuerlich schneller Radfahrt (was für eine Euphorie, wenn man erstmal verstanden hat, wie das elektronische Teil funktioniert und wie schnell man damit fast ohne Anstrengung wird!) und einer kleinen Wanderung. 

Wir kommen nach ungefähr einer halben Stunde auf einer versteckten Lichtung an, die in eine kleine Talsenke führt. Dort haben sich zwei Häuser an die Hügel geschmiegt, eine riesige Linde dominiert das Bild und weiter hinten auf einer Koppel grasen zwei Kühe. Es ist die Idylle pur. 



Uns kommt Ingegard entgegen, eine alte Freundin der Familie, wie Stefan Voelkel uns mitteilt. Sie wohnt hier gerade und hält die Häuser zusammen mit ein paar anderen Menschen in Schuss. 

Ob es hier oben nicht manchmal einsam werde, fragen wir sie. Daraufhin lächelt sie und meint: “Ich liebe die Einsamkeit!” 

Stille (und sich selbst) muss man hier schon aushalten können – auch jetzt noch. Der mobile Empfang ist je nach Netz extrem schlecht bis nicht existent und besonders viele Menschen laufen hier auch nicht umher. 

Hier hat sie angefangen, die Geschichte von Karl und Margret Voelkel, die sich in den 1920ern bei den Wandervögeln kennenlernten und dann ein Aussteiger-Leben beschlossen, sich ein Stück Land kauften (dieses hier) und sich zusammen mit zwei anderen Paaren hier niederließen.

Schon damals war die Sehnsucht nach Mehr durch Weniger groß, Minimalismus trendete als Gegenbewegung und die Voelkels ließen sich ein erstes Tiny House bauen. 



Bevor aber 1936 die Saftproduktion begann, verkauften die Voelkels das, was sie gerade selbst produzieren konnten: Erdbeeren und Schwarze Johannisbeeren, Milch und Eier – um irgendwie über die Runden zu kommen. 

Mit der Mosterei hielt auch eine wesentliche Neuerung in der Saftherstellung Einzug: Karl und Margret waren die ersten Safthersteller, die ihre Säfte auf 75°C pasteurisierten und sie so länger haltbar machten. Vorher waren Fruchtsäfte sehr schnell vergoren und deswegen nicht wirklich für einen umfassenden Verkauf geeignet. 

Alles an diesem Ort ist mit persönlicher Erinnerung der Familie aufgeladen und ich fühle mich sehr geehrt, hier durchspazieren zu dürfen. Damit nicht morgen extrem viele Tourist*innen dieselbe Idylle sehen wollen und den Frieden hier stören, dürfen wir nur eines der beiden Häuser (1925 gebaut) und die große Linde, die damals zur Geburt von Stefan Voelkels Tante Linde Kahl gepflanzt wurde, fotografieren. 



Höhbeck und Biodiversität 

Der Höhbeck (so heißt die Gemeinde) zählt zu den Regionen mit dem höchsten Artenreichtum in Deutschland – vor allem, was die Insekten betrifft. 

Früher war alles rundherum Heidelandschaft und sogar noch zur Jahrhundertwende gab es über 1500 Obstbäume auf dem Höhbeck. Davon ist aktuell nicht mehr viel übrig geblieben, denn gerade hier haben große Felder und Siedlungen sowie kultivierte Wälder viel von der ursprünglichen Natur zurückgedrängt. Als Semi-Stadtkind fühle ich mich aber ehrlich gesagt auch so schon wie in einer anderen Welt angekommen. 

Etwas weiter hinten auf dem Gelände gibt es noch ein paar Apfelbäume, die eine Streuobstwiese bilden und deswegen kommen wir irgendwie auf den Bio-Streuobst-Verein Elbtal, der 2001 von Stefan Voelkel als Reaktion darauf gegründet wurde, dass die Streuobstwiesen bei der Umstellung des Betriebs auf Bio durch das Raster gefallen sind und die Äpfel der Region nicht mehr überregional verkauft werden durften. Heute kontrolliert der Verein sich selbst und produziert “Biodiversitätssaft”. 



Ein warmes Gefühl

Es sind so beiläufig erzählte Anekdoten wie diese, die das ganzheitliche Engagement der Familie Voelkel im Wendland offenbaren, mit dem nicht groß hausieren gegangen wird, obwohl man das eigentlich könnte. 

Und spätestens nach einer ausgiebigen Wanderung durch ein Waldstück zurück zum Shuttle und dann schlussendlich im Zug nach Hause glaube ich sofort, wenn Ingegard im Brustton der Überzeugung verkündet: 

“Wir sind hier wahnsinnig glücklich.” 

Vielleicht wäre es nicht meine Welt (noch nicht?), dazu bin ich noch zu sehr genabelt an Stadtnähe, aber es ist eine schöne, das kann man ganz unpathetisch behaupten. Sehr eingängig und herzerobernd, weil vor allem: sehr authentisch.



*Mit freundlichem Dank an Voelkel für die Einladung und den herzlichen Empfang und sieben&siebzig für die grandiose Organisation. 

Außerdem mit dabei: Peppermynta, threewords-magazine, Essen und Trinken, the OGNC, Maike Fürstenberg, New Moon Club, ViertelVor, Citymum, Nordische Esskultur, Schrot&Korn, Antonella’s Backblog, Chefkoch, Katrynsky, When Sweet Becomes Healthy

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Liebe Jenni, vielen, vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel. Zum einen suche ich seit längerer Zeit eine nachhaltigere Alternative für das Einstreu und werde mich mal mehr mit dem aus Hanf beschäftigen. Zum anderen ist das so wunderbar informativ wie in unserer Marktwirtschaft Sachen die eigentlich einen nachhaltigen, alternativen Anspruch haben, wieder für Profite missbraucht werden können. Und deine wundervolle Art zu schreiben. Zum Schluss standen mir fast Tränen in den Augen, weil du alles so schön beschreibst und freue mich jetzt noch mehr auf meine ländliche Auszeit nächste Woche. Vielen Dank für deine Arbeit!

Liebe Anna,
ich danke dir für dein schönes Feedback und freue mich, dass der Artikel für dich sowohl inspirierend als auch schön zu lesen war – dann sind alle Ansprüche, die ich habe, vollends erfüllt. 🙂

Liebe Grüße und viel Erfolg dir bei der Suche von Hanf-Einstreu!
Jenni