Lieber Staat: Bitte nimm’ mir die Freiheit, mich für Ausbeutung, Leid und Weltuntergang zu entscheiden

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24. April 2019

Lieber Staat,

ich bin niemand Besonderes. Einer von über 83 Millionen Menschen, die auf 357.578 Quadratmetern wohnen, leben, essen, schlafen, arbeiten, lieben, lachen und hassen.

Ich habe eine durchschnittliche Schule in einem durchschnittlichen Städtchen besucht, in einer durchschnittlichen Stadt etwas ziemlich Durchschnittliches studiert und obwohl meine Biografie ansonsten eher nicht dem Durchschnitt entspricht, bin ich doch wie viele andere, die hier leben.

Ich bin jung, ich bin weiß, ich bin eine Frau und ich darf und muss von mir sagen, einigermaßen privilegiert zu sein.

Ich bin ein Teil von dir.

Als ein solcher Teil habe ich eine Stimme – im übertragenen und direkten Sinne. Die nutze ich unter anderem, um wählen zu gehen. Petitionen zu unterzeichnen, zu protestieren, und im Alltag ein positives Vorbild zu sein. Und um Texte wie diesen hier zu verfassen.

Ich fordere eine zentrale Sache von dir: Halte deinen Vertrag mit mir ein.

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Verbunden durch Verantwortung

Eigentlich ist es ein Vertrag, den ich und den Millionen von Menschen mit mir haben: Schütze mich. Notfalls vor mir selbst. Und wichtiger: Schütze die anderen vor meinen unbedachten Entscheidungen, vor meinem schwachen Willen und vor meiner Bequemlichkeit.

Das ist deine Aufgabe. Dafür haben wir Vertreter*innen entsandt, die den politischen Apparat am Laufen halten. Denn du – das sind wir und das sind sie. Und wir fordern, dass du dich änderst. Wir als Einzelpersonen sind schon dabei – aber wir sind zu langsam.

Bevor die 1% der Veganer*innen etwas geändert haben, ist die Arktis vollkommen eisfrei geworden. Bevor die Leute, die jetzt schon die Unverpacktläden stürmen, alle zum Umdenken bewegt haben, sind die Ozeane dieser Welt in (Mikro-)Plastik erstickt (und wir gleich mit). Bevor die Fahrrad-Enthusiast*innen die SUV-Fahrer*innen von der Sinnlosigkeit ihres Statussymbols fernab sibirischer Witterungsbedingungen überzeugt haben, hat der CO2-Gehalt in der Atmosphäre seinen Tipping Point erreicht.

Bevor wir (die wir du sind) im Kleinen etwas verändert haben, ist uns weniger der Allerwerteste auf Grundeis gegangen als vielmehr der Planet unter ihm weggeschmolzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir das überleben? Ist nicht gerade hoch.

Denn der Punkt ist: Wenn meine Handlungen nur mich selbst betreffen würden, hätten wir ja gar kein Problem.

Es steht mir frei, in einer demokratischen Gesellschaft – jedenfalls theoretisch – den Weg einzuschlagen, den ich für mich als den geeignetsten empfinde. Be whatever you want, zumindest auf dem Papier. Und wenn ich mich dafür entscheide, mich mit Betäubungsmitteln zugrunde zu richten, einen Monat lang nicht zu duschen oder mir keine sozialen Kontakte zu suchen, dann wirst du höchstens dann einschreiten, wenn ich drohe, dir (und damit dem Kollektiv, aus dem du bestehst) auf der Tasche zu liegen.

Solange ich niemandem außer mir selbst etwas antue, ist deine Devise das freiheitliche Leben-und-Leben-Lassen. 

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Lieber Staat, du bist ein Produkt aufklärerischer, vernunftorientierter Zeiten. Ich bitte nicht, ich fordere: dass du dich so verhältst, wie das in dieser Tradition sinnvoll ist. Nämlich vernünftig.

Menschen auszubeuten, für einen Hungerlohn arbeiten zu lassen, obwohl es mehr als genug Geld und Essen auf dieser Welt gibt (das nur verdammt ungerecht verteilt ist), ist nicht vernünftig.

Kleidung mit Chemikalien vollpumpen zu lassen, die schon den Menschen, die bei der Produktion beteiligt sind, schwerste körperliche Beschwerden beschert, ist nicht vernünftig.

Diese Dinge sind nicht nur nicht vernünftig. Sie sind gegen geltende Menschenrechte.

Ich möchte, dass diese Rechte nicht an willkürlich gezogenen Staatsgrenzen Halt machen. Denn genau das zeichnet sie aus: Menschenrechte, sie gelten universell, für jede*n.

Und wenn wir von Vernunft sprechen, kannst du mir mit dem kapitalistisch motivierten Argument kommen, dass wir unseren Luxus eben genau diesen Umständen verdanken, dass wir das Wirtschaftswachstum eben auf den Rücken von anderen gebaut haben und immer noch bauen, irgendeinen muss es immer geben, der auf der Verliererseite steht, soistdasnunmal.

Wahrscheinlich wirst du es nicht so ausdrücken, sondern anders, blumiger irgendwie, vielleicht auch verklausulierter – aber das ist das, was am Ende dein Argument sein wird.

Dagegen werde ich halten: Das gute Leben, warum steht da für dich auf der anderen Seite der Gleichung der überbordende Konsum? Und wieso darfst du definieren, was die anderen, also die auf der Verliererseite, nicht haben dürfen, damit wir uns den goldenen Bauch reiben können im Schlaraffenland des Überflusses? Und warum zum Teufel denkst du nur an das Eine, das Mehr von Scheinen und Münzen, die gar nicht mehr echt sind? Wenn das doch alles nichts mehr zählt, sollte die Erde, auf der du deine gentechnisch optimierten Monokulturen züchtest, trocken und die Luft, die du brauchst, um deinen Mitarbeiter*innen-Stab am Laufen zu halten, vergiftet sein?

Wer mehr hat, der konsumiert in aller Regel mehr. Das ist keine Hypothese, sondern Fakt. Wer mehr hat, der treibt alle kollektiv schneller dem Abgrund entgegen. Unsere Bildung, unser Wohlstand, das hat uns alles nichts genutzt, uns nicht hinter die Tapete, sondern nur bis zur Wand denken lassen.

Wir haben nur die Karotte vor unserer Nase gesehen, aber nicht den Abgrund, über dem sie baumelt. Dazu mussten wir schon ziemlich krass schielen.

Und sorry, lieber Staat, aber: Ich habe keinen Bock mehr auf Schielen. Das macht mir Kopfschmerzen.

Ich habe keine Lust mehr, nur auf meinen Profit gucken zu können, der so kurzweilig ist und hinter dem ich, wenn es nach dem System geht, mein ganzes Leben her bin. Denn vielleicht, so das Versprechen, das mir von überall entgegenschallt, wird die Karotte im Laufe meines Lebens auf magische Weise dicker und vielversprechend nahrhafter. Und wenn ich mich nur genug anstrenge, dann kann ich sie und viele andere Karotten ebenfalls bekommen.

Abgesehen davon, dass das für den Großteil der Bevölkerung eine lachhafte Lüge ist (ja, auch in unserem modernen und reichen Land), ignoriert dieser Gedankengang die Tatsache, dass auch das größte Wachstum irgendwann ein Ende haben wird. Und was machen wir dann?

Um unsere menschliche und ökologische Ader zu entdecken, lieber Staat, können wir nicht warten, bis wir in das schwarze Loch hineingestürzt sind. Also: Können wir schon. Wäre dann halt nur nicht so klug. Für uns und für die Menschen, die jetzt schon und noch viel mehr leiden als wir, sowieso nicht.

Tatsache ist: Wir. Haben. Keine. Zeit. Mehr. 

Für die weltweite Einhaltung der verbindlichen Menschenrechte ist die Uhr sowieso bereits abgelaufen. Was uns aber nicht als Legitimation dazu dienen sollte, sie unbeirrt weiterlaufen zu lassen (#warjaschonimmerso) – im Gegenteil. Sie sollte uns Ansporn sein, schieflaufende Dinge grundlegend zu ändern und dafür sorgen, dass wir nicht mehr in den Spiegel gucken können, bis das endlich passiert ist.

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Die Verantwortung der Einzelnen?

Lieber Staat, es ist wichtig, dass die Menschen im Kleinen ihre Schritte machen. Ihre Beine zum Unverpacktladen wandern, ihre Hände in die ökofaire Kleiderstange greifen, die Gabel in den Bio-Salat piksen lassen. Kleinvieh macht Mist, das wissen wir alle – und wenn viele Menschen ganz viel Kleinvieh machen, haben wir am Ende einen ziemlich großen grünen (Nicht-)Misthaufen.

Aber wenn es schon über vierzig Jahre gedauert hat, bis wir den Leuten, die uns vor der Kohle und ihren Folgen gewarnt haben, endlich mal juristisches Gehör schenken – wie lange soll das denn dann mit solchen Sachen wie Plastikschwemme, ausbeuterischer Mode, Massentierhaltung, Billig-Fliegen und Glyphosat-Einsatz dauern?

Spätestens 1988 wurde öffentlich vor der Erderwärmung und den damit verbundenen Konsequenzen gewarnt (da hielt der Klimaforscher James Hansen im US-Senat eine Rede dazu), haben wir die letzten Jahrzehnte im feuchtfröhlichen Saus und Braus dahingelebt – mit der Folge, dass es jetzt nicht mehr fünf vor, sondern fünf nach zwölf ist.

Um die Erderwärmung möglichst bei 1,5 Grad zu stoppen, müssen die globalen Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2030 um 45 Prozent sinken und bis 2050 null erreichen. So steht es im Sonderbericht des Weltklimarates IPCC vom vergangenen Herbst. Der Meeresspiegelanstieg etwa, so zeigten die Wissenschaftler, würde bei 1,5 Grad weit geringer ausfallen als bei einer Erwärmung um zwei Grad, die weltweit die Existenz von Millionen Küsten- und Inselbewohnern gefährden würde. Und der 1,5-Grad-BEricht enthielt noch eine Botschaft: Die Emissionen rechtzeitig zu senken, sei nicht mehr realistisch. Selbst nicht den optimistischsten Szenarien werde die Menschheit darauf angewiesen sein, jenes CO2 wieder zurückzuholen, das sie zu viel ausgestoßen hat. (greenpeace magazin 3.19; Mai/Juni)

Wir haben keine weiteren vierzig Jahre. Wenn es richtig gut läuft, haben wir zwölf. Wenn wir jetzt anfangen. Ja, jetzt. Nicht morgen.

Denn: Wir haben von den 9 planetaren Grenzen mindestens 3 sicher überschritten. Und was das für Kettenreaktionen auslösen kann, weiß niemand so genau. 

Es ist sicherlich auch was dran an der Sache, dass solche gravierenden Veränderungen von der Gesellschaft mitgetragen werden müssen, also vom sogenannten Volk, aus dem du ja eben bestehst. Aber – pardon – es ist eine Ausrede, sich hinter der Nicht-Bereitschaft und Bequemlichkeit des Durchschnittskonsumierenden zu verstecken. Das haben wir ja weiter oben schon diskutiert.

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Natürlich wird’s Gejammer geben, wenn den großen Babys der Schnuller weggenommen wird.

Natürlich wird dann die Das-ist-nicht-demokratisch-Keule ausgepackt, vornehmlich von den Parteien, die in Vergangenheit und Gegenwart nicht besonders mit Menschlichkeit und Demokratiefreundlichkeit gepunktet haben.

Die Frage ist: Können wir uns den Luxus erlauben, auf die ängstlichen Gemüter derjenigen Rücksicht zu nehmen, die Hauptnutznießer*innen eines Systems sind, das nicht nur hierzulande, sondern weltweit überwiegend Verlierer*innen (wobei man sich selbstredend hüten sollte, das gegeneinander aufzuwiegen) produziert und drauf und dran ist, sich selbst zu kannibalisieren?

Wer von dem Status Quo profitiert? Einige wenige sehr Reiche: Laut Oxfam (2017) besitzen 8 Männer so viel Geld wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Und – surprise! – der Zweite auf der Liste ist Amancio Ortega, der Chef von Inditex, dem Konzern, dem auch Zara, Pull & Bear und Bershka gehören. Der Oxfam-Bericht zeigt außerdem, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung 50,8% des weltweiten Vermögens besitzt – und damit mehr als die restlichen 99% zusammen. Eine Studie, die von ZEIT ONLINE in Auftrag gegeben wurde, kommt 2014 noch zu einem leicht abweichenden Ergebnis: Hier vereinte das reichste Prozent noch rund 40% des weltweiten Vermögens auf sich. 

Die Antwort liegt auf der Hand.

Und ja: Strukturwandel im Großen, die Änderung von Gewohnheiten im Kleinen ist anstrengend. Aber verdammt – denken wir doch mal weiter als bis zur Karotte! So schwer kann es doch beim besten Willen nicht sein. Falls doch, lieber Staat, guck’ in den nächstbesten Kinderwagen und frage dich, was dieses kleine Wesen in zwanzig Jahren für Perspektiven hat, wenn alles so weitergeht wie gehabt.

Lieber Staat, ich möchte, dass du mich und alle anderen in die Schranken weist. So, wie ich nicht wahllos auf der Straße Menschen ermorden darf, sollte ich auch nicht in der Lage sein, durch meine Handlungen indirekt bzw. doch irgendwie ziemlich direkt Menschen auf der anderen Seite des Planeten zu ermorden.

Ich sollte keine Kleidung kaufen dürfen, an denen das Blut der Produzent*innen klebt. Ich sollte keine Lebensmittel kaufen dürfen, die nachfolgenden Generationen die nahrhaften Böden austrocknet. Keinen Konzernen Geld in die Kassen spülen können, die anderen das Wasser abgraben.

Das ist nicht die magische Freie Marktwirtschaft. Das ist ein system gone wrong. Auf ganzer Linie haben wir versagt. 

Ich sollte nicht in der Lage sein, den Kindern von heute das grundlegendste Menschenrecht – ein Leben in Würde, ein Leben überhaupt – wegzukonsumieren. Nicht dazu ermächtigt, den Kindern heute irgendwo auf der Welt ihre Kindheit zu nehmen, indem ich sie auf Feldern und in Bergwerken für meinen Wohlstand ackern lasse.

Du, lieber Staat, kannst dafür sorgen, dass wir zumindest zukünftig wieder geradeaus in den Spiegel gucken können: Indem du deiner Verantwortung gerecht wirst. Und – plakativ gesprochen – deine Bürger*innen vor dem Tanz auf dem brennenden Vulkan rettest.

Kein einziger Konsument, kein einzelner Bürger kann das System verändern. Das einzige, was wir vielleicht verändern können, ist unsere Einstellung zum Kapitalismus – und unsere Protestbereitschaft. Denn wer die Gesellschaft verstehen oder verändern will, muss die Eigentumsverhältnisse verstehen oder verändern. (Patrick Spät, Philosoph in der ZEIT, 2016)

Denn wie bereits erwähnt: Das Ganze ist verdammt dringend. 

Aus ethischer, ökologischer und ökonomischer Perspektive.

Lieber Staat: Ich werde das Meine tun und zum Beispiel wählen gehen, immer und immer wieder, weil ich du bin und umgekehrt, um meine Verantwortung weiß und sie nicht verdränge. Das solltest du auch nicht tun.

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Aus aktuellem Anlass

Diesen Artikel wollte ich schon seit einer Ewigkeit schreiben.

Denn die Diskussion darum, ob der Staat seine Bürger*innen so weit einschränken darf, dass die Konsumentscheidungen beschnitten werden, ist eine, die derzeit hitzig und laut geführt wird.

(Unter anderem hier und hier.)

Und in der ich eine klare Position vertrete: Der Staat darf das nicht nur. Er muss. Es ist seine Pflicht und speist sich aus der grundlegenden Verantwortung, zum einen das Leben seiner Bürger*innen zu schützen und zum anderen dafür zu sorgen, dass die Menschenrechte eingehalten werden, nicht nur innerhalb der Landesgrenzen (wozu er sich schließlich verpflichtet hat).

Dieser Verantwortung wird er nicht gerecht, wenn er sich dem Diktat der Wirtschafts-Lobby beugt und die Verantwortung für Konsumentscheidungen ausschließlich auf die Konsumierenden abwälzt. Das ist nicht nur bequem, es ist im rechtlichen wie moralischen Sinne falsch.

Sidenote: Interessant und erwähnenswert sind an dieser Stelle auch die zahlreichen Klimaklagen gegen die EU, die mittlerweile die Gerichte beschäftigen. Denn die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits jetzt zu spüren – und es wird noch viel mehr Geschädigte geben.

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It’s (Fashion) Revolution

Im Artikel habe ich es immer wieder angeschnitten und hoffentlich zwischen den Zeilen mitliefern können: Viele Dinge, die wir sonst gerne als getrennt voneinander betrachten, hängen zusammen.

Lebensmittel, Kleidung, Wohnen, Freizeitgestaltung: Wie ich konsumiere, ist eine ganzheitliche Entscheidung für den einen oder anderen Lebensstil.

Und auch, wenn man in einem Bereich anfangen kann, sieht man schnell: Wenn ich Bio kaufe, weil ich die Landwirt*innen unterstützen möchte, aber gleichzeitig in Kauf nehme, dass meine Kleidung unter den schlimmstmöglichen Bedingungen produziert wird, dann stimmt da was mit meiner Kalibrierung noch nicht so ganz. Das kann ich so (erstmal) hinnehmen oder (Schritt für Schritt) ändern – die Zusammenhänge jedoch werden relativ schnell deutlich.

Derzeit läuft die Fashion Revolution Week, die auf genau diese Missstände in der konventionellen Modeindustrie hinweist und den Teil, den wir alle dazu beitragen, betont.

Doch dieses Jahr geht es noch weiter: Wir halten Aufnäher von Kleidungsstücken in die Kamera und fragen #whomademyclothes, gehen demonstrieren – und fordern die Politik auf, sich für verbindliche Vorgaben für textile Waren innerhalb Deutschlands einzusetzen.

Heißt: Mode muss endlich humanen Mindeststandards entsprechen – und wir brauchen ein Gesetz dafür!

Stoppen Sie Unternehmen, die Menschenrechtsverletzungen in Kauf nehmen! Wir brauchen in Deutschland ein Gesetz, das Unternehmen für Umwelt- und Menschenrechtverletzungen haftbar macht, wenn diese ihre unternehmerische Sorgfaltspflicht im Ausland vernachlässigen.

Die Petition, die das fordert, gab es letztes Jahr schon einmal, hat allerdings leider nicht die notwendige Stimmenzahl zusammenbekommen. Dieses Jahr wollen wir das ändern und Lisa Jaspers vom fairen Modelabel Folkdays dabei unterstützen, die 150.000 Unterschriften zu sammeln, die für den Erfolg der Petition nötig sind.

Unterschreibt, teilt, erzählt es weiter. #fairbylaw

Es wird Zeit, dass Dinge sich in großem Maßstab (und wesentlich schneller als bisher) ändern.

JENNI MARR
Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.
KOMMENTARE

[…] bin wütend, dass die Industrien, die den ganzen Mist verzapfen, es geschafft haben, die Verantwortung dafür allein auf die Konsumierenden abzuwälzen. Frei nach dem Motto: Ja, also wir produzieren das Produkt zwar – aber du bist halt selber […]

[…] wenn man ihnen gefühlt von oben Verbote auferlegt, nach denen sie – anders als ich, die ich aus innerer Motivation heraus Verbote für mich einfordere – viele Dinge, die aktuell noch als gesellschaftliche Machtdemonstration und dementsprechend […]

Wow, zum Glück bin ich heute auf deinen Blog gestossen. Dein Text hat mich sehr berührt und effektiv meinen Tag bereichert. Grosses Lob an das was du tust!

Jatina

Liebe Jatina,
ich danke dir für deine liebe Rückmeldung und freue mich, dass du hergefunden hast und dich gleich wohlfühlst. Willkommen hier! 🙂
Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni
Kennst du treesisters.org schon? Alle können hier mitmachen. Ich glaube es genügt nicht, wenn wir bewusst einkaufen, ich glaube wir müssen die Wälder auch aufforsten. Sonst ist es glaube ich wirklich zu spät.

Liebe Lisa,
das kenne ich noch nicht, werde ich mir aber auf jeden Fall einmal anschauen.
Ich denke, es muss an vielen Stellschrauben gleichzeitig gedreht werden – der Konsum bzw. das spätkapitalistische ist sicherlich eine sehr gewichtige davon und ich kann mir vorstellen, dass sich viele andere Aspekte auch regeln, wenn eine Alternative zu genau diesem System und dem Ausbeutungsdenken, das dahintersteht, gefunden ist. Aber das sind nur Vermutungen bisher – danke dir für die Anregung!
Liebe Grüße
Jenni

Hallo Jenni, spirituell hätte ich jetzt nicht gesagt. Ich fand es gut lesbar, weil Eisenstein nicht ein bestimmtes System oder eine Methode darstellt sondern unmittelbar an die menschliche Erfahrung anknüpft und an unsere oft unhinterfragten kollektiven Grundannahmen. Dabei bescheiden bleibt und für mich tatsächlich inspirierende Anregungen dazu aufzeigt, wie jede*r einzelne Teil der Veränderung sein kann. Aber ich weiß ja selber, dass einem nicht jedes Buch ist jede Herangehensweise liegt. VLG Jitka

Liebe Jitka,
ich danke dir für den Literaturtipp – auf den ersten Blick scheint das für mich ein wenig in die spirituelle Ecke zu gehen, mit der ich persönlich nicht so viel anfangen kann, aber vielleicht irre ich mich da. Ich schaue es mir definitiv einmal genauer an. 🙂
Liebe Grüße an dich!
Jenni

Liebe Thea,
ich danke dir für deine Rückmeldung und freue mich, dass der Text dir etwas mitgeben konnte!

Liebe Grüße an dich!
Jenni

Wow was für ein toller Text, der mir in vieler Hinsicht aus der Seele spricht!

Hi Jenni,
Ich lese gerade ein echt spannendes, ich würde sagen tendenziell philosophisches Buch, das mir kürzlich empfohlen wurde. Es ist von Charles Eisenstein und heißt “Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich”
Hier kann man es online kostenlos lesen:
https://charleseisenstein.org/books/the-more-beautiful-world-our-hearts-know-is-possible/ger/introduction/
Vielleicht schaust du mal rein, denn es gibt nochmal eine etwas andere Perspektive auf die Krise unserer Zeit zu…
LG Jitka