Check your privilege oder: Ist Nachhaltigkeit nur was für den (weißen) Mittelstand?

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27. Juli 2019

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Ich denke derzeit viel über Privilegien nach. Check your privilege, heißt es häufig in Richtung weiße Mittelschicht. Ich bin alles andere als Mittelschicht, meine Mama ist Reinigungskraft, Geschlechterrollen daheim waren wie aus einer 50er-Jahre-TV-Sendung herausgeschnitten.

Was mich am Ende intellektuell (und daher auch gesellschaftspartizipationstechnisch) gerettet hat, waren einige engagierte Lehrkräfte an meiner Schule und die örtliche Stadtbücherei. Für alles, was Bekannte aus betuchterem Elternhaus als Standard betrachteten, musste ich teilweise hart arbeiten, das fängt schon bei den grundlegenden gesellschaftlichen Dingen an. Ausgezogen bin ich, da war ich vor drei Tagen 17 Jahre alt geworden.

Seitdem arbeite und lerne ich, weil es in meine DNA übergegangen ist, wissen zu wollen und wenig unhinterfragt zu akzeptieren. Was ich habe, jedes bisschen sozioökonomische Freiheit, ich bin verdammt stolz drauf, denn ich habe mich selbst in diese Position versetzt.

Und trotzdem glaube ich das wirtschaftsliberale Märchen vom selbstgeschmiedeten Glück nicht: Zufall hat mir, wie gesagt, die richtigen Menschen ins Leben gespült. Mit meiner Ausgangsbasis hätte ich ganz woanders landen können, ich war mehrere Male sehr knapp davor.

Jetzt lebe ich aus meiner Perspektive ein hochprivilegiertes Leben, obwohl ich weiß, dass ich noch immer irgendwo am unteren Ende der Gesellschaftsskala rangiere, jedenfalls nicht in der Mittelschicht.

Ich habe diese Struggles mit vielen Themen, die ich hier behandelte, weil ich sie unter anderem selbst spüre, diese Diskurse, als Widerhall irgendwo tief in mir drin. Ich bin Resonanzkörper. Dazu gehört sozioökonomische Partizipation und die Schere zwischen Arm und Reich, dazu gehören offensichtlich Feminismus und weniger offensichtlich Migrationserfahrungen aus vorhergehenden Generationen, eine Splitterung von Identität, die Frage nach dem, wie Menschen behandelt und ermächtigt werden sollen, diese Basisdinge, die den Kitt einer Gesellschaft bilden.

Ich versuche, zu differenzieren und niemanden vorzuverurteilen.

Ich weiß, wie das ist, wenn Konsum als die einzige Möglichkeit interpretiert wird, in der Gesellschaft gesehen und gehört zu werden, Macht zu haben, wenigstens dieses bisschen. Primark-Papiertüten in den Städten, bis an den Rand gefüllt – was die meisten aus der Mittelschicht verständnislos den Kopf schütteln lässt: Ich kann auf einer emotionalen Ebene sehr gut nachvollziehen, warum einige Menschen so handeln und war selbst viele Jahre nicht besser: Als ich auf einmal konnte, habe ich konsumiert, weiß Gott, was habe ich gekauft und gekauft, bis es mir zu den Ohren wieder rauskam.

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Ich weiß, wie das ist, wenn man gerne würde, aber nicht kann, weil gerade andere Dinge wie das schlichte Überleben von heute auf morgen mit dem Geld vom Amt wichtiger sind als die Frage, ob der Sixpack Äpfel im Supermarkt in der Plastikfolie jetzt ökologisch korrekt ist oder nicht. Überhaupt: Die Erniedrigung, die allein im Gang zum Arbeitsamt liegt, ich kenne sie. Das verzögernde Warten in langen Schlangen, weil wieder irgendein Nachweis erbracht werden muss, dass es dir auch wirklich dreckig genug geht, um ein bisschen Almosen vom Staat zu bekommen, durchleuchtet und nackig und demütig gemacht, in eine Schublade gepackt, wo du dir eigentlich den Arsch abrackerst, immer schon getan hast, nur das Schicksal gerade nicht dir gnädig ist. 

Das frisst Ressourcen, massenweise. 

Mental, physisch, emotional. 

Die bleiben dann nicht übrig für das Mehr an Informationsarbeit, das nötig ist, um auf den Trichter zu kommen, dass die bisher in der Gesellschaft propagierte und von Lobbyismus und Industrie befeuerte Ernährung eigentlich eine ökologische und ethische Katastrophe ist, genauso wie die Textilproduktion und dass eigentlich die gesamten spätkapitalistischen Konsumstrukturen der sogenannten Industrieländer auf kolonialem Erbe fußen, das weitgehend unreflektiert immer und immer wieder reproduziert wird – und nicht nur ungerecht ist, sondern ganz faktisch immer noch Menschenleben kostet. 

Aber du kannst dich doch informieren, so viel ist doch kostenlos in Zeiten des Internets. 

Ja, theoretisch. Abgesehen davon, dass wir auch dringend über die Kostenlosmentalität von hochwertigem Content in der digitalen Welt sprechen müssen, sind Ressourcen wie Zeit und physische Aufnahme- und Verarbeitungskapazität von Menschen endlich. Dinge reflektiert zu beleuchten und tief zu durchdringen, erfordert Zeit und Ruhe – und beides sind, sorry to say, Privilegien. 

Das ist kein neidvoller Vorwurf von Menschen, die ihren Alltag nicht sauber genug strukturieren, sondern unbequeme Tatsache – nicht nur in Zeiten, in denen immer mehr Menschen zwei oder drei Jobs (ja, auch im Wirtschaftswunderland Deutschland) annehmen müssen, um über die Runden zu kommen und am Ende des Tages halbtot ins Bett fallen. Dabei ist dann der Haushalt noch nicht einmal gemacht. 

Ich vermisse diese Perspektive, wenn wir über Nachhaltigkeit sprechen. Sehr, sehr oft. 

Und da schließe ich mich ganz dezidiert mit ein: Man bekommt schneller blinde Flecken auf der Wahrnehmungsnetzhaut, als einem lieb ist. Und meine schlechtesten Jahre (die, in denen ein Wocheneinkauf 20 Euro und keinen Cent mehr kosten durfte) liegen Gott sei Dank schon weit hinter mir. 

Fragen, die jetzt meinen Alltag bestimmen: Brauche ich das wirklich? Wo kommt das Produkt her? Wie ist die Verpackung? Gibt es das auch nachhaltiger? Welcher Konzern steckt dahinter? Ist das vegan? Kann ich einen Kauf ökologisch und ethisch vertreten? Will ich diese Firma unterstützen? Wie viel brauche ich, um glücklich zu sein? 

…sind alles Fragen, die ich mir erst ab einer gewissen sozioökonomischen Sicherheit überhaupt stellen konnte. 

Vorher war das alles nicht auf meinem Radar, weil nicht Teil meiner Lebensrealität. Man hat mit ganz anderen Fragen zu tun und ist damit beschäftigt, überhaupt irgendwie den Anschluss an die Gesellschaft zu finden oder nicht zu verlieren. 

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Nachhaltigkeit setzt soziale Gerechtigkeit voraus

Ich sprach weiter oben von weniger offensichtlichen Migrationserfahrungen innerhalb der Familie. Ohne darauf jetzt näher einzugehen (das ist nicht Fokus des Textes): Viele andere Menschen werden aufgrund ihrer Zuwanderungsgeschichte diskriminiert – weil sie im Namen ersichtlich ist oder im Aussehen oder in der Art, wie sie sprechen oder alles zusammen. Mir ist das nicht passiert, weil ich mich im Großen und Ganzen ziemlich europäisch-deutsch fühle, so sozialisiert wurde und namentechnisch wie optisch so aussehe – an den zahlreichen Privilegien, die vielen Menschen also aufgrund ihrer oder der Herkunft ihrer Eltern oder Großeltern verschlossen bleiben, automatisch partizipiert habe. 

Solange aber zugeschriebene Herkunft und eben diese gleichberechtigten Partizipationsmöglichkeiten von Individuen in einer Gesellschaft zusammenhängen, haben wir nicht nur offensichtlichen strukturellen Rassismus vorliegen, der an sich allein schon aus ethischer Perspektive am besten nie existiert hätte. 

Wir haben auch – und “wir” ist hier gesamtgesellschaftlich und gerne auch global betrachtet zu verstehen – einen Grundfaktor, der Entwicklungsbestrebungen in Richtung Nachhaltigkeit massiv ausbremst. 

Genauso wie jede andere Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund von äußerlichen und innerlichen Faktoren – sei das nun das Einkommen, der Wohnort, das Aussehen, das Geschlecht, die Religion, whatever.

Solange Menschen damit beschäftigt sein müssen, es einer wie auch immer definierten Mehrheit Recht zu machen in Aussehen, Kleidung, Kaufkraft, Arbeitsmoral, Lebensstilgestaltung und so weiter und so den Großteil ihrer persönlichen Ressourcen darauf aufwenden, alltägliche und strukturell übergeordnete Grabenkämpfe auszutragen, werden wir auch mit einer effektiven und schnellen Entwicklung Richtung Nicht-Klimakollaps ein Problem haben: Denn hier wird das Partizipations- und Entwicklungspotenzial von unzähligen Menschen unterdrückt oder zumindest gedrosselt. 

Eine Gesellschaftsform, die Konsum als Macht definiert und ihren Zugang massiv beschränkt, muss sich nicht wundern, wenn diejenigen, die sonst wenig Macht haben, diese nach aller vorhandenen Kraft ausschöpfen.

Und dass der Massenkonsum in allen Industriezweigen am Ende die Wurzel für Überfischung, Methanausstoß, CO2-Emissionen, Plastikpollution und überlastete Ökosysteme sowie einen Planeten kurz vor allen möglichen Kippunkten ist, dürfte mittlerweile deutlich geworden sein. 

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Was kann denn jetzt der Mittelstand dafür?! 

Sich sowas einzugestehen, ist nicht leicht und kann wehtun. Es geht ans Eingemachte und wenige Menschen geben vor sich selbst und anderen gerne zu, Dinge zu übersehen oder Fehler zu machen. 

Wenn wir in der (medialen) Öffentlichkeit über Nachhaltigkeit reden, tun wir das so, als hätten alle dieselben Zugangsvoraussetzungen, die für unverpacktes Einkaufen, eine Ernährung mit weniger Tierprodukten aus Massentierhaltung und regionalökologischen Konsum notwendig sind. 

Das ist aber nicht der Fall – weder bildungstechnisch noch ökonomisch noch sozialkapitaltechnisch. 

Vom Spätkapitalismus profitieren immer weniger Menschen und diese sind es letzten Endes, die ihn auf der einen Seite immer weiter vorantreiben und auf der anderen die Debatte über Nachhaltigkeit vorwiegend führen – in Talkshows, Interviews online und offline, auf Social Media und Podiumsdiskussionen. 

Eine gigantische Echokammer, die wenig Platz gelassen hat für die, die sowieso schon zu wenig davon einnehmen dürfen. 

Das bedeutet nicht, dass die Arbeit, die da passiert, unwichtig oder wertlos wäre – ganz im Gegenteil: Es ist extrem gut und ungeheuer wichtig, dass sich gerade die, die am meisten vom Status Quo profitieren und sich eigentlich noch zehn Jahre gemütlich zurücklehnen könnten, sich engagieren, reflektieren, auf die Straße gehen und unbequem werden.

Denn sie haben nach wie vor die lauteste Stimme, wie ungerecht das bezogen auf die gesellschaftlichen Mechanismen, die dahinterstehen, auch sein mag. 

Ihnen wird zugehört, das zeigen die Entwicklungen der letzten Monate überdeutlich. 

Und indem sie protestieren, ihren Konsum hinterfragen, bio und öko kaufen, stoßen sie wichtige Entwicklungen für die Gesellschaft vor Ort, aber auch für den globalen Süden an. Wenn sie die verschiedenen Kapitalformen, von denen sie mehr zur Verfügung haben als andere, sinnstiftend einsetzen, um nichts weniger als die Welt zu retten, dann ist das großartig. 

Das Engagement kommt allen zugute. Denn Gesellschaften, deren Konsumrad sich langsamer dreht und die nach Alternativen sucht für das Bestehende, sind zunächst erstmal offener und flexibler für Schritte in Richtung mehr Gleichberechtigung. 

Kostenloser ÖPNV hilft fast jede*m, mobiler zu werden, reduzierter Fleischkonsum ist generell gut für die Gesundheit und überhaupt: Wenn die Welt gerettet wird, freuen wir uns alle. 

Das Augenmerk, das schreiben auch Autor*innen wie Yasmine M’ Barek, Şeyda Kurt oder Nadire Biskin, sollte aber vor allem auch auf die Form der Kommunikation gelegt werden: darauf, wer da eigentlich was entscheidet und für wen.

Was macht das mit den Menschen, wenn man ihnen gefühlt von oben Verbote auferlegt, nach denen sie – anders als ich, die ich aus innerer Motivation heraus Verbote für mich einfordere – viele Dinge, die aktuell noch als gesellschaftliche Machtdemonstration und dementsprechend statusdefinierend gelten, nicht mehr oder nur eingeschränkt tun dürfen? Zu denen sie vielleicht nie auch nur den Zugang besaßen? 

Diese Gedanken ändern die Dringlichkeit auch von extremen gesellschaftspolitischen Handlungen, die notwendig sind, um das 1,5°C-Ziel einzuhalten, nicht. Aber sie könnten ihren Ton und den Inhalt verändern – im Sinne von: bereichern.

Wir als Menschheit brauchen schnelle Fortschritte im nachhaltigen Handeln – individuell und politisch. Sonst wird das mit der Weltrettung nichts. 

Das bedeutet Freiheitseinschränkung auf der einen Seite – und zwar für alle gleichberechtigt.

Wer hier die Freiheit eingeschränkt sieht, hat recht. Aber es gibt kein Recht auf die Freiheit, alles kaufen zu können, was man sich leisten kann. Diese Ansicht war immer verantwortungslos, unsozial – und angesichts der Klimaerhitzung ist sie am Ende. (Süddeutsche Zeitung)

Aber bei der Erkenntnis dürfen wir nicht stehenbleiben: Wir haben nicht alle dieselben Voraussetzungen, deswegen sind dieselben Regeln, so gut sie für das Klima sind, nicht gerecht, wenn wir es nicht schaffen, das große Thema der sozialen Ungleichheit anzugehen.

Bleibt nur festzuhalten: Der Staat schränkt beständig Freiheitsrechte ein, ganz legal und demokratisch. Immer dann nämlich, wenn die Ausübung einer Freiheit mit großer Wahrscheinlichkeit mit zu hohen Risiken behaftet wäre. (SR2)

Wir brauchen nicht nur technische Neuerungen und höhere Preise für klimaschädliches Verhalten, sondern auch neue Möglichkeiten für soziale Partizipation innerhalb der Gesellschaft. Wie diese derzeit verteilt sind, daran muss geschraubt werden – nicht nur wegen der Klimakrise, aber zusätzlich auch wegen ihr. 

Ein Wandel in der Klimapolitik muss gleichzeitig auch einen sozialen Wandel bedeuten. Das ist gut fürs Klima, für die Gesellschaft und für die Menschen.

Das wird nicht von heute auf morgen passieren – und wir brauchen klimatechnisch schnelle Lösungen. Das heißt aber nicht, dass wir nicht heute schon mit einer sozialeren Gesellschaft anfangen können. Beides schließt sich nicht aus, ergänzt sich vielmehr, wenn man es richtig macht.

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Und wie macht man es richtig?

Es geht nicht darum, jetzt die eigenen Bestrebungen und das Engagement für eine grünere Zukunft, für überhaupt irgendeine Erdenzukunft, auf Eis zu legen oder zu drosseln. Das ist nicht der Punkt. 

Vor allem solange es noch keine ernstzunehmenden politischen Bestrebungen in Richtung Nachhaltigkeit gibt, ist es wichtig, zum einen als Individuum, das die nötigen Ressourcen zur Verfügung hat, um in irgendeiner Form handeln zu können (und wie ich im Text hoffe, gezeigt zu haben, meine ich damit nicht nur das Geld auf dem Konto) das zu tun, was möglich ist: Bewusster und weniger konsumieren, anders konsumieren (bio und fair, soweit es geht) – und vor allem: gesellschaftspolitisch zu partizipieren. 

Das kann in einer Partei sein, auf Social Media, in der eigenen Klasse oder in der Uni, im Freundes- und Bekanntenkreis – man kann nicht keinen Einfluss auf andere ausüben und jedes Samenkorn, das im Kontext von Nachhaltigkeit gesät wird, ist unfassbar wertvoll. 

Sich in die neue Biedermeierlichkeit und ins Häuslich-Private zurückzuziehen, kann nicht die Lösung sein – es braucht jede Stimme, damit die Menschheit zukünftig als Ganzes noch eine hat. 

Und ja: Es gibt sehr viele Menschen, die viel mehr Ressourcen zur Verfügung haben, die sie für eine nachhaltigere Welt einsetzen könnten, als sie bisher aktiviert haben.

Es gibt aber auch (immer mehr) Menschen, bei denen das nicht so ist. 

Ein erster Schritt ist, sich dessen bewusst zu werden und im Idealfall nachzudenken und zu reflektieren, bevor man andere bewertet oder verurteilt. Wir können unseren Mitmenschen nur vor die Stirn gucken (glücklicherweise) und kennen weder ihre Lebensgeschichten noch die aktuellen persönlichen Umstände, die sie zu diesem oder jenem Handeln motivieren. 

Anstatt die Verantwortung für vermeintliche Ignoranz auf die Individuen abzuwälzen, können wir im Alltag den Diskurs suchen, offen und auf Augenhöhe. Und uns im übergeordneten politischen Diskurs dafür einsetzen, dass alle Menschen gehört werden, eine Stimme bekommen, dass an sie gedacht wird. Das fängt schon damit an, dass man pauschale Aussagen wie “Nachhaltigkeit kann sich jeder leisten” nicht stumpf mit ja oder nein beantwortet (je nachdem, welcher Ansicht man ist), sondern zu Differenzierung auffordert. Wo sie nicht gegeben ist – selber einbringen. 

Sich selbst weiterbilden, den Austausch suchen, die eigenen Social-Media-Feeds diverser gestalten – unabhängig, auf welches Themengebiet bezogen, die Augen offen halten, den Geist ebenfalls. 

Nachhaltigkeit steht nicht für sich, sondern kann nicht unabhängig von den Gesellschaften gedacht werden, die sie umsetzen müssen. Diese lebenswert und gerecht für alle zu gestalten, ist die Aufgabe von allen Teilnehmenden – wer von den immateriellen Ressourcen mehr hat, darf auch mehr dazu beitragen.  

P.S.: Für die Fashion Changers habe ich kürzlich ein Interview mit Nadire Biskin zum Thema geführt – viele kluge und spannende Gedanken sind dabei geflossen.

Outfit: 

Kleid: Jan n’ June

Schuhe: Veja 

Ringe: Makaro Jewelry (altes PR-Sample)

Kette: Warrior by Naomi

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

[…] Das ist auch eine sozioökonomische Frage: Verzichten können vor allem jene, die generell nicht so sehr aufs Geld schauen müssen. Angewiesen auf Sale-Aktionen sind allerdings immer mehr Menschen (Schere zwischen Arm und Reich, Wegfall der Mittelschicht). Deswegen finde ich es persönlich zu kurz gedacht, Konsum am Black Friday per se zu verteufeln. Verzicht muss man sich unter gewissen Umständen auch leisten können – wir sprachen darüber. […]

Ich kann mich Katharinas Kommentar nur anschließen, weiter so liebe Jenni! Unsere Gesellschaft braucht Menschen wie dich! Und wenn du es aus einer weniger privilegierten Situation heraus geschafft hast, so meinungsführend intellektuell und professionell an einer besseren Zukunft für uns alle mitzuarbeiten, ist meine Hoffnung groß, dass es noch mehr da draußen gibt! <3 Alles liebe Thea

Liebe Thea,
ich danke dir für deine lieben Worte und weiß gar nicht wohin mit mir. Ich hoffe sehr, dass, falls diese Eigenschaften auf mich zutreffen, da noch viele Menschen sind, die sich ebenfalls Mühe geben, dass die Zukunft eine bessere wird. Ich habe da auf jeden Fall Hoffnung, ganz viel davon. Ich glaube, wir brauchen sie auch.
Und da möchte ich an dieser Stelle dir auch zurückgeben: Danke, dass auch du das tust, was in deiner Macht steht. Es ist wirklich wertvoll.
Liebste Grüße an dich!
Jenni

Liebe Jenni, jetzt wär ich am liebsten in den Zug gestiegen, zu Dir gefahren und hätt Dich geknuddelt. Weil Du so viel von Dir preisgegeben hast, was mich sehr berührt. Aber zumindest aus der Ferne kann ich den Hut vor Dir, Deinem Kampfgeist und Deiner Liebe zu Natur und Menschen ziehen, was ich hiermit tue. Ich bin einiges privilegierter als Du gestartet, mit bürgerlichem Elternhaus, das von sozialem, feministischen, naturschützerischen Werten geprägt war. Aber harte Zeiten kenne ich auch. Und den zunehmenden Wunsch sich in immer mehr Lebenswelten hineinzuversetzen. Denn das ist nicht nur für Klimarettung und sozialen Wandel wichtig, sondern bereichert auch sehr. Was ich zum Schluss noch sagen möchte: Du magst Dich verständlicherweise immer noch manchmal so fühlen, als wärst Du bestenfalls in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Für mich bist Du ganz vorne mit dabei. Weil Du so gut bist in dem, was eine demokratische Gemeinschaft und die Welt der Zukunft wirklich braucht. Also mach bitte weiter so und Danke.
Liebe Grüße, Katharina

Liebe Katharina,
ich danke dir von Herzen für deine lieben Worte und freue mich sehr, dass du auch versuchst, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen – denn du hast absolut recht: Man lernt sehr viel und es bereichert. Und lässt auf eine gewisse Art demütig bleiben.
Dein Lob lässt mich ein wenig sprachlos zurück und ich kann nur sagen: Vielen Dank dir. Ich werde mein Bestes geben, weiterhin.

Liebe Grüße an dich!
Jenni

Hallo liebe Jenni,
Vielen Dank für deinen wertvollen Artikel.
Im meisten bin ich deiner Meinung, doch ich denke trotzdem das mit Willenskraft auch viel erreichbar ist im Thema Nachhaltigkeit, trotz k(l)einem Einkommen. Ich bin 19, aktuell arbeitslos und habe kein Recht auf irgendwelche art von Hilfe vom Staat und lebe von mini Ersparnissen (dazu sei gesagt das ich in Frankreich lebe und hier groß geworden bin, und hier die Sozialpolitik für Ausländer anders ist als die in Deutschland. Wer als nicht-Franzose RSA (das französische Harz IV) beantragt muss mindestens 5 Jahre vollzeit gearbeitet haben oder 25 sein. Oder halt wieder in sein Geburtsland zurückkehren. Arbeitslosengeld gibt es auch kaum, hat man ein recht darauf gibt es das nur 3 Monate lang und man muss sich wieder einen Job suchen. Und Jobs gibt es kaum, ohne das dafür ein Studium gefordert wird). Trotzdem lebe ich seit März 2019 vegan und Plastik kommt mir kaum noch ins Haus. Wieso? Weil es sogar günstiger ist! Klar, gibt es weniger Schokolade und Produkte die importiert werden mussten, da sie fair, bio und unverpackt zu teuer sind. Avocados, oder gar Passions Frucht esse ich auch nur sehr selten, sprich wenn ich irgendwo eingeladen bin und dies auf den Tisch kommt. Ersatzprodukte sind auch nich billig, das stimmt, aber die braucht man auch nicht unbedingt für eine ausgewogene Ernährung. All das ist auch nicht schlimm, denn mit nur etwas Recherche habe ich bemerkt das Saisonal und regional sehr lecker und günstig sein kann. Mein B12 kostet auch nicht mehr als früher ein Steak. Ich denke, das es ja, auf jeden Fall einfacher ist wenn man mehr Geld zur Verfügung hat mehr für die Umwelt zu tun, aber es nicht unmöglich ist, viele (kleine) Sachen zu verändern, da jeder irgendwas tuen kann, wenn er nur will. Sei es nur mehr zu fuss gehen oder im Supermarkt die reduzierten Lebensmittel kaufen, die wegen dem MhD weggeworfen würden. Natürlich ist zB. eine Obdachlose Person nicht mit meiner Situation zu vergleichen, und da schaut es sofort anders aus, den da gehts ums reine Überleben. Aber auch Menschen mit sehr wenig Geld können viel verändern, wenn sie es nur wollen. Davon bin ich überzeugt. (Ich möchte hier niemandem verurteilen, sondern nur meine Meinung teilen, also bitte nicht aggressiv oder Zeigefinger zeigend aufnehmen 💚🙏🏻)

Liebe Alicia,
ich danke dir für deinen langen und ausführlichen Kommentar!
Und deine Perspektive verstehe ich vollkommen: Natürlich spart man mit einem nachhaltigeren Lebenswandel auf der einen Seite eine Menge Geld ein – weniger kaufen, Dinge länger nutzen, regionaler konsumieren…Das lässt mehr Geld auf dem Konto übrig, das stimmt. Und das nimmt das keiner hier aggressiv auf. 🙂

Mein Punkt war auch nicht, dass das Lebensstil generell teuer wäre, im Gegenteil: Dazu habe ich ja selbst schon einige Artikel geschrieben.

Der Punkt dieses Artikels ist, dass auch die Beschäftigung mit nachhaltigen Themen generell nicht von allen Menschen gleichermaßen vorausgesetzt werden kann – weil wir alle unterschiedliche Ausgangssituationen haben.
Und dass Menschen mit geringer sozioökonimischer Sicherheit ganz andere Probleme haben, vor denen sie täglich stehen, als sich eben damit zu beschäftigen, welches Obst jetzt wann nachhaltiger konsumiert ist. Da zählt dann nur der Preis, nicht, ob die Ware bio oder regional ist. Und das ist verständlich.

Dass man da nicht alle über einen Kamm scheren sollte, auch, wenn man in Richtung Verbotspolitik schielt, das sollte der Artikel nur deutlich machen und einen Beitrag zur Differenzierung leisten. Hoffentlich ist es gelungen.
Mararete Stokowski hat das Thema übrigens in ihrer neuen Kolumne ebenfalls aufgegriffen und ein bisschen schärfer als ich mit “Klassenhass” betitelt: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/klimawandel-hoehere-flugpreise-muss-man-sich-leisten-koennen-kolumne-a-1279610.html

Liebe Grüße an dich und mach’ weiter so!
Jenni

Vielen Dank für deinen wertvollen Beitrag liebe Jenny! 🙏

Bleibt nur zu hoffen, dass ihn möglichst viele unserer Mitmenschen lesen und vielleicht auch etwas davon umsetzten (können).
LG Peter

Hallo Peter,
ich danke dir für dein Feedback und freue mich, dass der Artikel dir gefallen hat!

Liebe Grüße
Jenni

Ein wunderbarere Beitrag! Du hast so Recht.
Ich stelle mir diese Fragen auch oft, zwar nicht exakt in der gleichen Richtung wie du, aber prinzipiell mit dem gleichen Ausgang. Mein Thema ist mehr die (oft gegebene Sinnlosigkeit von) Arbeit, Arbeitsbedingungen etc. Wenn man da ansetzen und neue Konzepte schaffen würde, sähe es für alle Menschen vermutlich schon anders aus. Wenn wir alle nur 30 Stunden Erwerbsarbeit leisten würden und die restlichen 10 Stunden auf soziales, politisches oder naturschützendes Engagement verwerden würde, wäre vielen geholfen. Stressige Jobs würden entlastet, statt Turbokapitalismus und denn damit verbundenen sog. “Bullshitjobs” stünde wieder im Fokus, was wirklich Sinn macht. Mir ist klar, dass das eine verdammt schwierige Sache ist und gerade in Zeiten des globalen Wettbewerbs auch kaum umsetzbar, aber trotzdem werden Sachen wie ein BGE ja diskutiert.
Menschen, die keine klassische Erwerbsarbeit leisten können, kann man so auch sinnstiftender integrieren. So stelle ich mir das vor in meiner kleinen Utopie 🙂 dann blieben die von dir angesprochenen Punke vielleicht weniger privilegiert, einfach, weil die Schere wieder ein wenig zuklappt.
Auch die radikalen Vorschläge von Kevin Kühnert gehen da in die richtige Richtung. Ohne wirkliche politische Veränderung wird es kaum schaffbar, die heutigen Probleme zu lösen – ob im Bildungsbereich, im Arbeitsbereich, um sozialökonomischen Bereich und letztendlich auch die der Umwelt. Das hängt ja alles zusammen.

Liebe Kati,
ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar und deine Gedanken zum Thema.
Ja, die Sache mit der modernen Arbeitswelt und die Frage, wie wir eigentlich leben wollen als Gesellschaft, treibt mich auch um – ich schrieb ja auch von meinem Struggle mit der konventionellen 40-Stunden-Arbeitswoche.
Ich denke, dass wir über kurz oder lang nicht mehr so weitermachen können – zum einen, weil die Gesundheit der Individuen ja jetzt schon (und nicht seit gestern) massiv darunter leidet, aber auch, weil eben die Zeit und die Möglichkeiten fehlen, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren, wenn die ganze Zeit dem Turbokapitalismus gedient wird, wie du das so schön beschrieben hast. Das ist gefährlich für Demokratien, denke ich.
Deine Utopie klingt sehr schön, muss ich sagen. 🙂
Ich finde die Diskussionen um das BGE auch super spannend und bin generell sehr gespannt, wie sich die Arbeitswelt in Zukunft verändern wird. Da werden interessante Entwicklungen auf uns zukommen, denke ich.
Dass das alles hochkomplex ist und einzelne Veränderungen nicht einfach umzusetzen sind, dessen bin ich mir auch bewusst – und manchmal ärgert mich das auch, ehrlich gesagt, weil alles so langsam vorangeht. Dabei hätte ich gerne schon morgen eine gerechtere und friedlichere Welt! Naiv, ich weiß. Aber was bleibt vie mehr, außer der Hoffnung und dem Handeln im eigenen Möglichkeitsspielraum, damit wir schneller in diese Richtung voranschreiten?

Ganz wichtig finde ich eben deinen letzten Punkt: Diese ganzen Themengebiete hängen alle zusammen und ich habe sehr oft den Eindruck, dass das nicht gesehen wird, bewusst oder unbewusst. Dabei kann man eine Angelegenheit nicht bearbeiten, ohne sich über die anderen Gedanken zu machen – und auch Artikel wie der hier können natürlich nur an der Oberfläche kratzen. 🙂

Liebe Grüße in dein Wochenende!
Jenni