In diesen Tagen geht nicht nur ein Jahr, sondern gleich ein ganzes Jahrzehnt zu Ende und im Gegensatz zu den vorherigen Jahren, soweit ich zurückdenken kann jedenfalls, erlebe ich diese Zwischenzeit, in der man in der Luft hängt und alles irgendwie durch einen Wattebausch erlebt wird, ungewöhnlich intensiv derzeit.

Es gibt so viele Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich zurück und nach vorne denke und ich denke, ich werde sie nicht angemessen ordnen können, um sowas wie einen beliebten Rückblick oder ein Best-of-irgendwas zustande zu bringen, aber ich habe das Bedürfnis, sie loszuwerden und wo ist sonst der bessere Platz dafür (außer vielleicht im analogen Tagebuch, das ich aus Gründen nicht besitze).

Wenig erwartet, viel bekommen

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie ich das vergangene Jahr begonnen habe, mit welchen Erwartungen, Wünschen und Zielen ich gestartet bin. Ich weiß, dass ich vor zwei Jahren an einem neuen vorübergehenden Tiefpunkt meiner psychischen Verfassung angekommen war und meine Aufgabe dementsprechend darin bestand, mein Leben zu entschleunigen. Was ich mehr oder minder gut hinbekommen habe – jedenfalls so gut, dass ich mir weniger Vorsätze genommen und weniger Ziele gesetzt, mehr auf mich und meine Bedürfnisse gehört und bei Dingen, die sich nicht gut, weil unter anderem grenzüberschreitend anfühlten, nein gesagt habe. Eine vollkommen neue Fähigkeit: nein sagen. Noch eine: Erwartungen, vor allem an mich selbst und wie ein perfektes Leben in den Mittendzwanzigern zu sein hat, runterschrauben. Großartig. Was für eine Leichtigkeit.

Mein Motto dieses Jahr: Ich muss erstmal gar nichts.

Radikale Selbstachtsamkeit, im vollen Bewusstsein, aktuell in einer Situation zu sein, die privilegiert genug ist, sich das erlauben zu können. Very much needed. Ich glaube, in diesem Jahr bin ich emotional und psychisch enorm gewachsen, das ist ein gutes Gefühl. Ich habe viel gelernt, durfte spannende Gespräche, vor allem mit anderen inspirierenden Frauen* führen und viele Einsichten mitnehmen, die mir in der Entwicklung meiner eigenen Persönlichkeit geholfen haben. Noch eine Einsicht: Die Zwanziger, mein Gott, ich liebe sie. Was ein Ritt. Viel besser als die Pubertät, ich schmecke das Leben zum ersten Mal in vollen Zügen und merke das in genau diesen Momenten. Kann man näher dran, tiefer drin sein?

Gesehen: Türkei, Runde 3 und die Lübecker Bucht. Das Meer, die Liebe wird mit jedem Mal intensiver, egal, an welcher Küste ich bin.



Viel gehofft, viel Wut gespürt

2019 war ich so politisch wie nie zuvor und ich habe mich im Verlauf des Jahres immer mal wieder gefragt, was ich eigentlich die ganze Zeit in meinem Leben gemacht habe, wie tief mein Dornröschenschlaf gewesen sein muss. Vor allem dann, wenn ich auf Demonstrationen neben 10-Jährigen stehe, die voller Überzeugung ins Mikrofon brüllen und die Welt retten wollen, nichts weniger als das.

Und ich denke, mein Gott, mit 10 Jahren waren meine einzigen Sorgen mein privater Süßigkeitenvorrat im Kinderzimmer und die Frage, welche Fernsehserie ich als nächstes suchten sollte. #kindder90er

Ich komme mir unschuldig vor im Rückblick, umso schuldiger, wenn ich mir vergegenwärtige, dass ich Anfang 20 voll im spätkapitalistischen Tenor der Elitenproduktionsmaschine gefangen (man nennt es gemeinhin auch Bachelor-Master-Studium) und zwischen Klausuren, Studienprojekten und hochphilosophischen Texten eingespannt war, die mich zwar intellektuell weitergebracht hatten, mich aber die politischen Realitäten, auf die ich sie hätte anwenden können, vergessen ließen.

Kurzum: Ich lief mit Scheuklappen durch die Gegend und dachte das Gegenteil. Das beschämt mich – vor allem, wenn ich daran denke, dass Wissenschaftler*innen seit den 70ern Alarm bezüglich der Klimakrise schlagen und die wichtigsten Köpfe aktivistischer Verbände derzeit wesentlich jünger sind als ich. Die Millenials haben geschlafen und sich als Letzte im spätkapitalistischen Traum gesuhlt, eine Sache, mit der wir fertigwerden müssen.



Transparenz: links: Aus dem Buch “Greta – Wie ein kleines Mädchen zu einer großen Heldin wurde / Knesebeck / PR-Sample – rechts: Schuhe von nae vegan shoes / PR-Sample + Pullover von People Tree via LOVECO / PR-Sample


Umso wütender bin ich, dass man uns hat gewähren lassen. Dass man versucht hat, uns das Narrativ von Schnellerbesserweiter zu verkaufen und dann irgendwann angefangen hat zu fragen, wann denn das erste Haus gekauft wird mit dem Ausbeutergehalt des modernen Kulturprekariats. Als wäre das das Nonplusultra der bürgerlichen Existenz, ich feiere aus diesen und viel mehr Gründen #okboomer. Ihr hättet uns kritischer erziehen sollen, warum muss das unsere eigene Aufgabe sein?

Eng beieinander auch Hoffnung und Wut, oft in genau dieser Reihenfolge, manchmal abwechselnd und quer durcheinander, wenn es ums Klima generell und die Untätigkeit von Menschen geht, die etwas daran ändern könnten, dass wir sehenden Auges ins Messer rennen.

Alles hängt zusammen

Viel Beschäftigung mit den Mechanismen hinter #deineinkaufszettelistdeinstimmzettel, dabei kann es doch nicht bleiben, was muss sich dahinter ändern, was können wir tun? Viel Rumgejammere auf meiner Seite, viel Anklagen, viel Wut, die sich entlud. Reflexion über meine eigene Rolle als Medienschaffende auch mit Fotoschwerpunkt: Wo rege ich Konsum an, zu welchem Zweck und wo hört Anstand auf und fängt Greenwashing an?

Dennoch die notwendige Einsicht immer noch nicht von der Hand zu weisen, dass das Private politisch ist und alles zusammenhängt: Die Kinderfrage zum Beispiel, sie kommt immer öfter auf, in meinem eigenen Kopf und den Mündern fremder wie bekannter Menschen und sie ist nicht nur eine feministische, sondern auch zunehmend eine ökologische.

Je mehr ich lerne, desto komplexer wird das Netz an Fäden, das Nachhaltigkeit, meine Rolle als Vertreterin einer bestimmten Generation, als Frau, als Weiße, als Herkünftige einer bestimmten soziokulturellen Schicht und mein daraus resultierendes Handeln miteinander verbindet. Manchmal habe ich den Eindruck, den Kopf zu verlieren, nicht mehr rauszufinden aus diesem Irrgarten an Dingen, die bedacht und gesehen werden müssen. Das vergangene Jahrzehnt, eines der Überforderungen, nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Menschen. Einige wählen den Weg der einfachen Strukturen und Antworten, die Sicherheit versprechen, auf den ersten Blick. Und neben Wut mischt sich das Gefühl der Angst und Fassungslosigkeit, dashattenwirdochallesschon, haben wir nichts gelernt?



Meine Versuche zu begreifen, bleiben immer Fragment, ich stoße so oft an Grenzen, die mich rasend und ratlos machen und habe gleichzeitig das Bedürfnis und den Druck, sagen und Stellung nehmen zu müssen, Reichweite definiert Verantwortung, zunehmend, das ist gut und belastend zugleich. Manchmal möchte ich wegrennen in diesen Tagen und weiß doch, dass das weder Lösung noch mein wirklicher Wunsch ist.

Selbstsuche und partielle Findung

Ich suche mich selbst viel dieser Tage, immer noch, die Arbeit an dem, was wir Ich nennen, vielleicht ist sie nie zu Ende und das ist wahrscheinlich auch gut so. Viel Vagheit in diesen Ausdrücken, viel Unsicherheit immer noch, obwohl Dinge immer fester werden, auch den regelmäßig wiederkehrenden Eruptionen geschuldet an Gefühlen, die tabuisiert und als schlecht gewertet werden, aber dennoch Raum brauchen und einnehmen irgendwann, notfalls mit Gewalt.

Viel Aushandeln, wo bin ich, wo sind meine Grenzen, wo fangen andere an und wie gehen wir damit um? Wie ist man ein guter Mensch und wie lebe ich meinen Idealen entsprechend? Ich bin Silbererzschürferin meiner eigenen Persönlichkeit und hoffe andauernd, es kommt etwas Gutes zutage.

Wichtige Erkenntnis in diesem Prozess: Ich bin meine Arbeit und gleichzeitig doch nicht. Könnte mir nicht vorstellen, jemals etwas anderes zu machen aktuell und weiß doch in den Schatten meiner Gedankengänge, dass genau das gefährlich sein und mich in Schwierigkeiten bringen kann, über kurz oder lang. Zurücktreten fällt manchmal schwer, allem Ichmusserstmalgarnichts zum Trotz, die Klimakrise verfolgt mich überallhin und jeden Tag stehe ich vor neuen Entscheidungen, großen und kleinen, die entweder meine Integrität bestätigen oder unterminieren können. Meine Freund*innen meinen, ich denke zuviel und ich glaube, sie haben recht.



Es ist also ziemlich viel ziemlich chaotisch nach wie vor, ich habe den Eindruck, das wird erstmal noch eine Weile so bleiben und bin so unfassbar dankbar für die Ankermenschen in meinem Leben, die mich in dieser Art, die ich manchmal selbst nicht aushalten kann, ertragen, überdimensionierte Funkstille genauso wie Hypermitteilungsbedürftigkeit und semiphilosophische Diskussionen über Sinn, vor allem über Sinn, und mich zur richtigen Zeit mit den richtigen Mitteln wieder auf den Boden der nackten Tatsachen zurückholen, die manchmal einfach auch darin bestehen, dass man Mensch und fröhlich und gedankenlos ist. Was für eine Erleichterung, ich wiederhole mich.

Ich habe viel geschafft in diesem Jahrzehnt, persönlich und beruflich, und ich bin stolz darauf, vor allem, wenn ich mir meine Ausgangssituation anschaue, einigermaßen prekär und zerrüttet, aber hell yes, here I am. Mit viel Glück, mit Hilfe der Anker, aber vor allem durch extrem harte und andauernde Arbeit und ich klopfe mir dieser Tage mental ein bisschen öfter auf die Schulter als sonst und finde, das machen wir sowieso viel zu selten, jedenfalls die meisten von uns.



Zurück und nach vorn

Was ich sehe, wenn ich nach vorne schaue, weiß ich nicht. Ein bisschen mehr Reisen jedenfalls, Deutschland und Umgebung besser kennenlernen, manchmal habe ich die ziemlich fundierte Ahnung, nicht zu wissen, wie das Land aussieht, in dem ich lebe. Mehr schreiben, noch mehr und vor allem besser, geschliffener, tiefer. Poetischer auch wieder, unbedingt. Politisch bleiben und noch mehr werden, die Augen offen halten, immer fragen, immerzu fragen und nicht zufriedengeben mit einfachen Antworten, den Biss behalten und noch mehr wiederfinden, ich habe den Eindruck, das wird gebraucht.

Konkrete Ziele definieren sollte man unbedingt, wenn es nach Karrierecoaches und Ratgebern jeglicher Couleur geht, mache ich trotzdem nicht, setzt mich zu sehr unter Druck, dann werde ich unproduktiv. Das hat vergangenes Jahr(zehnt) ganz gut geklappt mit dem Treibenlassen.

In 10 Jahren bin ich 37 und dann möchte ich in eine Zukunft blicken können, die lebenswert ist, auf allen Ebenen und Leben ermöglicht. Man könnte sagen, mein Ziel ist für die nächsten Jahre, daran mitzuwirken, dass das eintritt. Nicht sehr bescheiden, aber hier müssen wir hoch stapeln, um der Stagnation zuvorzukommen. Die Hoffnung habe ich jedenfalls nicht aufgegeben, was wäre dann noch mein Existenzweck?

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Oh wie schön 🙂
Hier und da finde ich mich auch wieder; und dein Text fasst die Dinge ganz gut zusammen und doch konnte ich mich beim lesen treiben lassen (Bin ich generell auch im Leben ein Fan von 🙂 ); und ein paar neue Impulse sind auch für mich dabei.
Dankeschön, auch für dein Wirken generell.
Ein wunderbares neues Jahr wünsche ich dir 🙂

Hallo Lou,
ich danke dir für deine Rückmeldung und freue mich sehr, dass du sowohl das Lesen des Textes genießen als auch was draus mitnehmen konntest.

Ich wünsche dir auch einen wunderbaren Start ins neue Jahr!

Liebe Grüße
Jenni

Danke für diesen Rückblick, Jenni!
Er war weniger chaotisch und unsortiert als du vielleicht zu Anfang geglaubt hattest. Ich finde mich an sehr vielen Stellen wieder, was irgendwie tröstet, da man merkt, dass man nicht alleine mit diesen Gedanken ist. Vor allem die sich abwechselnde Hoffnung und Wut in Bezug auf Klima oder die allgemeine globale Situation kann ich überaus gut nachempfinden.
Bleibt zu hoffen, dass die Hoffnung, wenn auch nur ein bisschen, auch im nächsten Jahr(zehnt) oft genug die Oberhand behält. ♡

Liebe Uta,
ich freue mich sehr, dass du dich an einigen Stellen wiedergefunden hast – das ist auch für mich gut zu wissen: dass man nicht alleine ist mit diesen ganzen Gefühlen.

Ich hoffe auch, dass wir in ein aktives und hoffnungsvolles Jahrzehnt starten (wobei ich mittlerweile wieder darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das neue Jahrzehnt technisch gesehen erst 2021 beginnt, um ganz korrekt zu sein).

Gerade in Bezug auf das Klima läuft die Zeit wirklich so langsam davon, aber noch überwiegt die Hoffnung, wie du schon sagst.

Liebe Grüße und einen schönen Start ins neue Jahr dir!
Jenni