Jetzt sind wir schon seit zwei Wochen wieder in Deutschland und haben den Übergang von sehr heiß zu diesig-düster-regnerisch und den damit verbundenen Temperaturabfall um mindestens 10° Grad, wenn nicht sogar 15° Grad mitbekommen.

Und wie das immer so ist, wenn der Körper zwar schon wieder anwesend, der Kopf aber noch nicht mitgereist ist, hat es eine Weile gedauert, bis ich mich in den Alltag einfinden konnte – und damit eben auch, bis dieser Artikel fertiggestellt wurde.

(Das hängt aber auch wesentlich damit zusammen, dass wir gefühlte 3000 Bilder gemacht haben und vielleicht kennt ihr das – dass das Sortieren und Bearbeiten Tage in Anspruch nehmen kann.)

But here we go, finally.

Anreise und Akklimatisierung

Auflage No. 3 im Fischerdorf

Bereits im dritten Jahr haben wir Yumurtalik, das Fischerdorf an der Mittelmeerküste in der Nähe der syrischen Grenze besucht. Trotzdem wird es nicht langweilig, sich umzusehen, im Gegenteil. Weit weg, mir anzumaßen, ich könnte diesen Ort und alles, was drumherum liegt, als "Heimat" titulieren, fremd, wie ich doch bin und wahrgenommen werde, fühlt es sich doch schön an, an einen vertrauten Ort zurückzukommen und zu schauen, was gleichgeblieben ist und was sich verändert hat. Und vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, aber ganz vielleicht scheinen sich auch die Menschen an die Blonde zu gewöhnen, die einmal im Jahr vorbeischaut.

Flugscham

Es gibt kein Geheimnis daraus zu machen: Die Anreise erfolgte (ich bin schon fast versucht zu sagen: natürlich) per Flugzeug.
Anders als im Vorjahr habe ich mich erkundigt, wie eine Route per Zug aussehen könnte. Überraschenderweise gab es da so gut wie keinen preislichen Unterschied (wenn wir mit Interrail gefahren wären). Wohl aber leider einen zeitlichen: Während der Flug insgesamt rund 7 Stunden dauerte, wären wir mit dem Zug knapp 4-5 Tage unterwegs gewesen. Für eine Strecke.

Ich kann mir das aus Freiberuflichkeitsgründen einigermaßen einteilen - aber wenn man nicht alleine reist - und die meisten Menschen haben im Angestelltenverhältnis eben eine begrenzte Zahl an Urlaubstagen zur Verfügung - wird es schwierig.
Ich hatte natürlich ein einigermaßen schlechtes Gewissen, als der Flieger abhob, bin dennoch mittlerweile zu der Ansicht gelangt: Ein Mal pro Jahr ist in Ordnung, vor allem, wenn es zu der Familie geht.

Davon, seine Flüge zu kompensieren – mit Atmosfair oder anderen Anbietern – kann man viel oder im Sinne des postmodernen Öko-Hipster-Ablasshandels wenig halten. Ich denke, es ist besser, als nichts zu tun. (Natürlich vorausgesetzt, man nimmt das zusätzlich gezahlte Geld nicht als Freifahrtsschein für 5 zusätzliche Kurztrip-Flüge im Jahr.)

Besonders interessant in dieser Auseinandersetzung finde ich auch die Tatsache, dass 3% der globalen Treibhausemissionen durch Flüge verursacht werden – sie auf dem individuellen Nachhaltigkeits-Konto allerdings der Supergau sind.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss: Nur wenige Menschen fliegen, und zwar viel. Tatsächlich sind 2018 nur rund 3% der Weltbevölkerung geflogen und nur 18% der Menschen auf dieser Erde sind überhaupt jemals in ein Flugzeug gestiegen.

Das Problem sind nicht die Fernreisen, denn die machen nur rund 8% der Flugreisen überhaupt aus, schreibt die ZEIT. Das Problem sind die zahlreichen Kurztrips für 2 bis 4 Tage nach Rom, Mallorca und Venedig.

“Viele dieser Reisen sind eigentlich verdammte Kaffeefahrten.”

Nachdem ich mich intensiv mit dieser Thematik auseinander gesetzt hatte, war mein Gewissen zwar immer noch schlecht, aber nicht mehr so schlimm, dass es gedroht hätte, mir den erholsamen Urlaub (den ich dringend gebraucht habe) zu verderben.

Ankommen und spazieren

Wir sind also mit dem Flugzeug geflogen, angekommen in der Türkei dann nach einer unfassbar unbequemen Reise, von der uns Rücken und Popos wehtun. Entsprechend erschöpft sind wir, als wir abgeholt werden am Flughafen in Adana und dann noch einmal eine Stunde zur Ferienwohnung der Familie an die Küste fahren müssen.

Nach einem kurzen Nachmittagsschläfchen und erstem Melonenfuttern (man nennt mich in der Familie mittlerweile liebevoll "Melonenkäfer" und kauft schon Berge an frischen Früchten ein, wenn man weiß, dass ich vorbeikomme) raffen wir uns zusammen uns gehen zum ersten Mal ans Meer, das wir so unfassbar vermisst haben.

Es ist früher Nachmittag und dementsprechend knallt die Sonne, das Meer begrüßt uns und nach einjähriger Abwesenheit mit ruhigen Wellen, ein bisschen ist es wie eine Umarmung und ich bin glücklich, schon jetzt.

Wir lassen die ersten Tage entspannt angehen, essen viel frisches Obst und Gemüse, das hier so viel besser schmeckt als zuhause, spazieren in der Mittagssonne runter zum Dorf (weshalb uns alle für verrückt erklären), halten die Beine ins Meer und reden und reden und reden. Und manchmal sagen wir auch nichts für eine Weile und das ist auch schön.

Besuch auf dem Wochenmarkt

Farbenpracht, lautes Gebrüll und aufgeregte Menschen

Die Wärme zieht uns runter und macht die Glieder müde, jede Bewegung ist anstrengender als sonst, obwohl es in Deutschland bei der Abreise auch gerade erst rekordverdächtige 40° Celsius gehabt hatte. Die Sonne hier ist anders.

Das erste spannende Erlebnis, bei dem ich die Kamera fast nicht vom Auge nehmen kann, ist der Besuch auf dem Wochenmarkt, immer ein Eintauchen in eine Welt des scheinbar prallen Überflusses und der Berge von Essen, die so günstig sind, wie man es sich in der Heimat nur träumen lassen kann.

Ich sauge alles auf, jeden Geruch, die Bewegungen der Menschen um mich herum, sie sind hektisch, weil Bayram vor der Tür steht und deswegen viel eingekauft werden muss in kurzer Zeit, die Farben der frischen Lebensmittel, die Rufe der Händler*innen. Nach zehn Minuten ist mein Speicher voll, ich bin erschöpft und taumele halb neben mir stehend durchs Geschehen.

Nachhaltigkeit auf dem Markt?

Gut, aber es geht besser

Einige von euch haben mich auf Instagram gefragt, wie das denn aussieht mit dem Obst und Gemüse, das dort auf dem Markt angeboten wird: Kommt das von dort, ist es also regional? Wird es gespritzt? Man hört ja viel Schlechtes diesbezüglich aus der Türkei?

Was ich sagen kann, ist: Ich bin mir nicht sicher.

Viele Stände haben Ware aus der Region angeboten, bei einigen stand auch "Organik" dabei, aber man kann ja viel auf ein Pappschild schreiben, wenn man möchte. Einige Anbieter*innen haben wir gefragt und die Aussage erhalten, dass sie nicht spritzen. Auf der anderen Seite weiß ich, dass auch dort der Trend nach immer perfekteren Lebensmitteln Einzug hält, abgekupfert vom Westen. Ohne Behandlung wird man das meist nicht erreichen.

Letzten Endes haben wir keinen Bio-Urlaub gemacht, sondern mussten uns auch nach der Familie richten - und eben auch nehmen, was da war. Denn außer zwei kleinen Supermärkten gab es keine weitere Möglichkeit, an frische Lebensmittel zu gelangen.

Was auf jeden Fall nicht gespritzt wird, sind die Melonen, die in der Region wirklich wie Unkraut wachsen und jede*r im Garten stehen hat. Die Laster voller platzreifer Wassermelonen, wie habe ich sie vermisst!

Die ersten Tage habe ich mich nur von Melone ernährt, was mir sehr gutgetan hat.

Obwohl wir versuchen, mit eigenen Beuteln (wir haben extra 10+ Stück mitgebracht und weiterverschenkt, auf dass sie genutzt werden) gegen die Plastiktütenflut anzukämpfen, ist das fast aussichtslos.

Überall werden sofort diese kleinen Tütchen über den Tisch gereicht und auch wenn ich persönlich erfolgreich alle abwimmeln kann, nehmen unsere Mitreisenden sie doch immer wieder automatisiert an.

Ich seufze und versuche, zu intervenieren, aber das klappt nur so semi-gut. Als jedoch die einzelnen Melonen jeweils in Tüten verpackt werden sollen, legen wir lautstark Einspruch ein. Wie kommt man dazu, wo die Melone doch zum einen eine ziemlich dicke Schale als natürlichen Schutz hat und zum anderen die dünnen Plastiksäckchen sowieso nach drei Schritten unter dem Gewicht der Frucht reißen werden? Hachja.

ENDE VON PART 1

Das war der erste Teil der Reise.

Aus ladetechnischen Gründen habe ich den Artikel in 2 Teile aufgespalten. Zu Teil 2 gelangst du mit dem Klick auf den rechten Button.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Wunderschön geschrieben Jenni! Ich kann mir das alles so gut vorstellen, zum einen durch meine persönlichen Erfahrungen, zum anderen durch deine Art zu schreiben. Besonders begeistert bin ich von den Fotos! Darf ich fragen mit was für einer Kamera du sie machst und was du benutzt um sie zu bearbeiten? Konnte mich nicht genug satt sehen an ihnen und werde jetzt gleich zum nächsten Teil springen ❤️

Liebe Anna,

ich danke dir ganz herzlich für deine lieben Worte und freue mich riesig, dass dir der Bericht so gut gefällt. 🙂

Ja, die Bilder sind mittlerweile auch wirklich wichtig für mich geworden.

Ich nutze meine Canon EOS 6D und mein Handy (Huawei P30 Pro), von dem tatsächlich rund 80% der Bilder hier stammen.

Ich hoffe, du hattest auch viel Freude beim Lesen des 2. Teils!

Liebe Grüße,
Jenni