Vorsätzen gegenüber bin ich skeptisch eingestellt, zumindest, wenn sie darauf abzielen, dass ich persönlich ein besserer Mensch werden soll – kürzlich habe ich mich ja sehr ausführlich dazu ausgelassen. Einen Vorsatz, wenn auch sehr vage formuliert, habe ich allerdings schon seit Jahren: Mehr reisen, und zwar in Deutschland und Umgebung. 

Vorsatz: Deutschland kennenlernen

Ich bin in meinem bisherigen Leben nicht viel gereist. Klassenfahrten konnte ich aus Geldmangel nicht immer mitmachen (und wenn wir ehrlich sind, halten sie sich auch in Grenzen), die Familie ist mit mir genau ein Mal in den Urlaub gefahren in der Zeit meiner Kindheit und Jugend (irgendwo an die Nord- oder Ostsee, ich weiß es nicht mehr genau) und später war ich dann damit beschäftigt, zu studieren und nebenbei irgendwie genug Geld zum Leben zu haben. Urlaub, weder nah noch fern, war schlicht nicht drin. 

Das ändert sich langsam – sowohl, weil sich die Sache mit dem Geldverdienen immer besser einpendelt als auch, weil ich meinen Fokus in den letzten Jahren verstärkt vom Materiellen hin zum Erleben gelegt habe und genau dafür gezielt Geld zur Seite lege. 

Ganz klassisch: Collect moments, not things. 

Ich weiß, dass auch das gerade ein Privileg ist, das sich zu etablieren beginnt und ich muss gestehen, dass ich sehr froh bin, es genießen zu dürfen. Immerhin: Der Horizont profitiert enorm davon – und abgesehen davon, macht es unfassbar viel Spaß. 

Seit einigen Jahren mache ich aus privaten Gründen jährliche Trips in die Türkei und diese zwei bis drei Wochen tanken meine Reserven für das ganze Jahr an Salz, Sonne und Meerluft auf. Dachte ich zumindest bis vor kurzem. 



Mittlerweile weiß ich: Ich brauche mehr als zwei Wochen Urlaub im Jahr. Vor allem, weil ich nicht nach Plan, sondern nach Stimmung (und Zyklus) arbeite. Das bedeutet, dass es für mich keine traditionellen Wochen mit festgelegtem Wochenende und Feierabend gibt, sondern ich dann arbeite, wenn ich mich dazu in der Lage fühle und mit meinem kreativen Flow, wenn man so will, lebe. Das weiß ich sehr zu schätzen, bedeutet es doch, dass ich meine Zeit und Energie so einteilen kann, wie es für mich das beste ist. Auf der anderen Seite heißt es aber auch, dass ich mich zu wenig ausruhe – und nicht selten merke: Ein Tapetenwechsel würde dir jetzt gerade ziemlich gut tun. 

Wie gut, habe ich spätestens seit der letzten Reise an die Lübecker Bucht, aber auch schon in Südtirol, gemerkt. Auch wenn es nur ein paar Tage sind: Das kann einen Weltenunterschied für mein Gemüt bedeuten. 

Für 2020 stand für mich also auf dem Plan: mehr reisen, vor allem und gerade in der Region. Das bedeutet: Man muss nicht so weit fahren, was prinzipiell schonmal extrem gut für mein Nachhaltigkeitsgewissen ist, kann sich auch nur ein paar Tage und nicht gleich für Wochen freinehmen und muss außerdem auch nicht ganz dolle tief in die Tasche greifen, wenn man es richtig anstellt. Und so langweilig, wie ich früher immer dachte (die Werbeindustrie hat ganze Arbeit geleistet) ist Deutschland nun wirklich nicht. Im Gegenteil. 



Gesehen, geliebt, gebucht: Monschau

Ich nehme mir also vor, Kurzzeiten mit Tapetenwechsel zu verbringen und gleich früh im Jahr damit anzufangen. Und ich würde jetzt gerne eine romantische Geschichte erzählen, wie ich auf Monschau als Ziel gekommen bin, die dann vielleicht auch zum wunderschönen Setting passt, aber die Wahrheit ist so unspektakulär wie sie nur sein kann: Ich habe in dem Lifestyle-Katalog der Millenials, auf Instagram, ein Foto von Monschaus Altstadt gesehen (ich folge den @germanroamers, sehr zu empfehlen) und wusste, da muss ich hin. Ohne Näheres darüber zu wissen, wo das ist und was der Ort für Geschichte hat. Mir waren zwei Dinge wichtig: Natur und Ruhe.

Dafür bin ich auch ein bisschen belächelt worden, das sei ja eine sehr naive Art des Reisens, nicht genau zu wissen, wo man da eigentlich hinfährt. Abgesehen davon, dass ich mich frage, warum Naivität eigentlich als so negativ besetzt gilt, finde ich persönlich es sehr entspannend, ohne große Vorkenntnis und Erwartungen in eine Region zu reisen: Man nimmt, was da ist und wird eigentlich immer positiv überrascht. Stress habe ich woanders schon genug und lernen kann ich immer noch, wenn ich dann unterwegs bin. 

Nun, was soll ich sagen: Bisher hat das immer wunderbar funktioniert. In Monschau erst recht.

Ich suche (das erste Mal in meinem Leben und mit dem Wissen um die Problematik von Serienvermietungen) auf Airbnb nach Unterkünften und werde schnell fündig: Die Ferienwohnung im alten Tuchmacherhaus (ich lerne nebenbei: in Monschau gibt es eine lange Textiltradition) ist haargenau das, was ich gesucht habe, ohne es zu wissen. Unfassbar schön. Die Buchung läuft so unkompliziert und freundlich ab, wie man sich das nur wünschen kann und ehe ich mich versehe, habe ich das erste Mal eine Unterkunft gebucht. Ich bin arg aufgeregt. 

(Für 3 Nächte für 2 Personen habe ich 216€ gezahlt.)



Tag 1: Anreise und Orientierung

Am 26. Januar geht es dann auch endlich (!) los. Drei Stunden per Auto, eigentlich fast immer geradeaus auf der Autobahn, an Köln vorbei, wunderbar unkompliziert. Ich schrieb schon mehrmals: Für Züge ist der Liebste nur bedingt zu begeistern und spätestens, nachdem ich mir die Verbindungen und die (quasi nicht vorhandenen) Öffis vor Ort anschaue und unser Gepäck, sage ich egoistisch Ja zu Reifenabrieb und Abgasen. 

Denn wenigstens S. ist nicht ganz so tagträumerisch veranlagt und schlägt vor, zwei Gemüsekisten vom Biobauern zweckzuentfremden, mit Proviant vollzuladen und mitzunehmen. Ich gucke schief. Meinst du nicht, das ist ein bisschen viel? Wir werden da doch nicht verhungern. Er stapelt weiter und meint, wir werden das schon brauchen, während ich den Kopf schüttele und nicht ahnen kann, wie recht er damit haben wird. 

Wir nehmen mit: 

  • je eine Portion Bulgur und Reis 
  • Porree 
  • Kartoffel und Süßkartoffeln 
  • Erdnussmus (wichtig!) 
  • Datteln und Feigen (mindestens genauso wichtig) 
  • Schokolade 
  • Champignons 
  • Sojajoghurt und Tofu 
  • ein bisschen Original türkisches Olivenöl (was anderes ist der Pfanne nicht würdig) 
  • Äpfel und Birnen 
  • Tomaten 

Das Gemüse und Obst ist (bis auf die Tomaten) aus der letzten regionalen Biokiste und wir müssten es sowieso aufbrauchen, der Rest bis auf die Sojaprodukte aus dem Vorratsschrank. 

Wir fahren los und kommen also ziemlich schnell an und ich starre schon zehn Kilometer vor Monschau mit großen Augen aus den Fenstern. Mei, ist das schön! Und so viel Wald! Ich sehe uns schon durch die Tannenwege wandern. Als wir dann in der Monschauer Altstadt ankommen (und ein wenig hin- und hergurken vorher, weil man natürlich außerhalb der Stadt und nicht mittendrin parken darf und wir das erst auf den vierten Anlauf herausfinden), traue ich meinen Augen nicht. Sind wir an einem Filmset gelandet? Kann ein Städtchen wirklich so süß sein, wie gemalt? 

Es kann. 



Wir checken ein und merken sofort, dass wir die richtige Wahl getroffen haben: Unsere Unterkunft ist im zweiten Stock, unten befindet sich noch eine Ferienwohnung und darunter ein kleiner Laden für Souvenirs, der den Vermietern, einem Ehepaar, gehört. Leider treffen wir sie selbst nicht an, da wir uns andauernd verpassen und sie im Nachbarort wohnen. Dafür machen wir aber herzliche Bekanntschaft mit der Mitarbeiterin im Lädchen und besten Freundin unserer Vermieterin, die uns einweist und direkt um die Ecke wohnt.  Wir fühlen uns sehr willkommen. 

Die Wohnung selbst ist der absolute Altstadttraum und ich möchte bitte sofort einziehen. Holzbalken haben mich schon immer schwach gemacht, das hat so etwas ganz Warmes. 

Wir legen ab und laufen direkt los. Es ist früher Nachmittag und wir möchten zumindest vor dem Dunkelwerden die nähere Umgebung erkundet haben. Wir starten mit der legendären Caférösterei Wilhelm Maassen ein paar Häuser weiter und schauen, was es für Sorten gibt – jedoch, ohne eine zu kaufen, weil wir auf Reisen eine eingeschränkte Kaufpolitik haben und in der Wohnung guter Kaffee vorrätig ist. In der Hochsaison und auch manchmal, wenn jetzt neu gemahlen werden muss (aber man weiß nie genau, wann das ist) kann man Führungen buchen. Wir sind leider zur falschen Zeit da, aber die Erfahrung werden wir in den nächsten Tagen öfter machen. 

Memo: In der Zeit von Oktober bis März haben alle Attraktionen in Monschau mehr oder weniger Winterpause – das gilt auch für Restaurants und Geschäfte. Entweder sehr gut planen oder einfach Glück haben.

Es zieht uns weiter zur Glashütte. In dem Gebäudekomplex sind auch der Handwerkermarkt von Monschau, das Erlebnismuseum und die Sandsteinskulpturen untergebracht. Der Handwerkermarkt hat zu, das Museum nur am Wochenende geöffnet und die Skulpturen machen Winterpause. Die Glashütte erwischen wir gerade noch (auch sie hat derzeit nur am Wochenende auf) und wir schauen uns im Schauraum um, bevor wir dem Glaser ein wenig bei der Arbeit zuschauen. Er hat gerade nur den kleinen Ofen an, aber man kann trotzdem selber Glasblasen machen, wenn man möchte (ein paar Kinder vor uns möchten). Faszinierend, wie weich Glas sein kann und was das Formen für eine Kunst ist. 



Wir laufen ein wenig durch die Altstadt zurück und schauen uns die Lädchen genauer an. Man merkt, dass Monschau viele Tourist*innen anzieht (ganz wertfrei gemeint, schließlich gehören wir dazu): Überall sind kleine Shops mit Souvenirs und vielen Dingen, die man nur eingeschränkt oder eigentlich überhaupt nicht braucht. Dazwischen: kleine Perlen und Geschäfte, die Besonderes anbieten, wie zum Beispiel lokal hergestellte Naturkosmetik oder den berühmten Monschauer Senf. Was mir positiv auffällt: Alle Läden sind inhaber*innengeführt – wir finden keine einzige Kette, sogar H&M und Primark scheint es noch nicht hierher verschlagen zu haben. Vielleicht schaut das aber weiter außerhalb anders aus, das können wir nicht mit Sicherheit sagen.

Nachdem wir ausführlich das Für und Wider abgewogen haben, beschließen wir, es mit dem lokalen Essen in Monschau zu versuchen. Wir wissen: Vegan ist hier nicht so easy, eigentlich quasi nicht vorhanden, aber wir wollen mal schauen, was sich so in der Praxis machen lässt. Wenigstens einmal probieren. Das Hüftgold klingt vielversprechend und sieht auch so aus, wir gehen rein. Es ist halb sechs und als erstes teilt man uns mit: Wenn wir noch was haben wollen, müssen wir genau jetzt bestellen, weil die Küche hat eigentlich schon zu. Wir beeilen uns zu fragen, ob es was Veganes gibt und der Wirt ist alarmiert: Ne, haben wir nicht. So gar nichts?, fragen wir. Ne. Und was ist mit der Ofenkartoffel und der Soße? Kann man da was…? Ne, gibt es alles nur so, wie es auf der Karte steht. Okay, dann vielleicht ohne Soße? Also, Kartoffel mit Pilzen? Joa…? 



Es ist dieses unangenehme Gefühl, eine Extrawurst verlangt zu haben, das wir verwöhnten Münsteraner*innen schon eine Weile nicht mehr hatten. Vorne am Eingang prangt ein Schild, das verkündet, hier gibt’s selbst gejagtes Wild und diese Symbolik setzt sich im Lokal fort. Der Wirt kommt nach einer Weile nochmal und versucht, klarzustellen: Also, wir machen in der Küche auch Fleisch. Ob das in Ordnung wäre. Ja klar, sage ich. Wir sind nicht so krass, und lache ein wenig, weil ich die Unsicherheit und die Angst spüre, die Menschen ausstrahlen, denen man gerade an die Identität geht. Für mich ist es schon lange kein “Wir” gegen “Die” mehr (vor allem nicht, wenn es nicht um Massentierhaltung geht) und ich möchte die Spannung rausnehmen, auch wenn das bedeutet, gerade sprachlich Kompromisse einzugehen. 

Im Hüftgold gibt es Sojamilch, sodass man vegan Café trinken kann. Alternativen sind das Schnabuleum, das zumindest ein, zwei vegane Gerichte anbietet, und das Café Bistro Grünental. Beides schaffen wir nicht live und in Farbe, soll aber gut sein. Wir probieren random ein anderes Café im Laufe der nächsten Tage aus, aber da gibt’s keine Sojamilch und generell nichts Veganes, sodass Kaffee, schwarz, bleibt.

Wir gehen ins temporäre Heim, fallen aufs Sofa und schauen spießigst Tatort, bevor es ins Bett geht. 

Tag 2: Auf ins Grün! 

Wir haben uns vorgenommen, keine Zeit zu verlieren und stehen um sieben auf, es ist noch dunkel und beim zweieinhalbten Becher Kaffee kommen wir dann langsam zu uns. Wandern wollen wir, langsam anfangen, immerhin hatte die Frau in der Tourist*innen-Info gesagt, man solle das hier nicht unterschätzen mit den Höhenmetern, das ginge ganz schön auf die Kondition und 7 Kilometer fühlen sich dann schnell mal wie das Doppelte an. 

Also gemütlich beginnen – mit den 7,7 Kilometern. Route 35 haben wir erwählt, um die erste Runde zu drehen und schmeißen uns in dickste Pullis und zwei Lagen Wollsocken plus alte Schnürstiefel und Winteraußenbekleidung. Handschuhe hätte ich mitnehmen sollen, denke ich noch, zu dumm, dass ich aktuell kein Paar habe, weil mir einer verloren gegangen ist. 



Das Wetter ist so semioptimal zum Wandern, es ist natürlich kalt und nieselt und regnet abwechselnd und noch bevor wir aus der Altstadt raus sind, sind meine Haare, die ich offen gelassen habe, um eine Mütze über meinen Kopf drüberzubekommen, wieder nass. Aber wir sind nicht aufzuhalten. Nachdem wir dank meines nicht vorhandenen Orientierungssinns drei Mal in die falsche Richtung aufgebrochen sind, finden wir dann endlich die erste 35er-Plakette, die den Beginn unseres Wanderwegs markiert und können starten. 

Der Rest ist fast zu einfach um wahr zu sein: Einfach den Schildern folgen, den Blick schweifen lassen und es geht durch Waldstücke mit so viel Moos am Boden, wie ich es noch nie gesehen habe und großen Bäumen und dem Plätschern von Wasser immer im Ohr. 

Es fühlt sich gar nicht so richtig wie Arbeit an und läuft sich angenehm leicht. Dass es matschig und nass ist, merken wir irgendwann gar nicht mehr, weil wir auf unsere Umgebung und unser Gespräch fokussiert sind. Das ist das Schöne am Wandern: Man kann entweder ganz viel schweigen oder reden oder beides abwechselnd – aber man muss sich aufeinander konzentrieren, in irgendeiner Form. 



Einen Fuß vor den anderen setzen und so oft stehen bleiben, dass es weniger als Wandern denn eher als Spazierengehen gelten kann, was wir da machen. Egal. Hauptsache, es fühlt sich gut an und bei dem ganzen Stress und Gehetze in den letzten Wochen: Oh ja, das tut es. 

Ich hatte fast vergessen, wie schön es in Deutschland sein kann – und dass man dafür nicht einmal viel mehr machen muss als ein paar Stunden zu fahren (wenn überhaupt) und sich irgendeinen Wanderweg rauszusuchen. Und kann mich nicht sattsehen an dem Moosgrün und satthören am Rauschen des Wassers.

Es ist mittlerweile eiskalt, auch weil wir immer weiter durchnässen und ich verfluche das Handschuhgate mehr als einmal, aber wenn ich mich umschaue, ist das so gut wie vergessen.



Auf dem Weg, kurz bevor wir uns tatsächlich verlaufen, kommen wir an einer Pferdekoppel vorbei und ich merke, wie lange ich schon keine Pferde mehr gesehen habe – also, große Kaltblüter, so ganz in echt. Und angefasst schon gar nicht. Der warme Atem auf der Hand und die weichen Lippen und der Dampf, der von ihnen ausgeht…Ich könnte stundenlang in die dunklen Augen starren, aber wir müssen weiter. 

Und naja, dann haben wir den Weg verloren, cheaten mit Google Maps die ungefähre Richtung, in der Monschau liegt und laufen an der Bundesstraße entlang, bis wir wieder auf die nächste Plakette an einem Baum stoßen, die uns sagt, wo es weitergeht. 

Insgesamt sind wir rund 4 Stunden unterwegs und als wir zuhause ankommen, total geplättet. Essen, eine Runde schlafen, dann bekomme ich wieder Hummeln unterm Hintern und möchte los, die Gegend erkunden.



Ich treibe uns durch Monschau direkt zum Senflädchen, denn wir haben uns vorgenommen, ganz unbedingt einen Blick hineinzuwerfen. Und uns durchzuprobieren und vielleicht einen Senf mitzunehmen. Wir werden großartig beraten und ich bin sofort in so ziemlich jede Sorte verliebt – in die traditionellen Steingutgefäße sowieso. Wir kaufen drei Sorten für 24€, Tomate, Chili und die Ursorte, das älteste Rezept, das seit Bestehen der Senfmühle seit über 100 Jahren immer weiter verfeinert wird. 

Dann wollen wir unbedingt einmal hoch zur Burg laufen – die Altstadt selbst liegt in einem Tal und selbst, wenn man nur zur Burg hochmöchte, muss man eine ganze Menge steiler Treppen laufen. Es dämmert bereits, aber davon lassen wir uns nicht aufhalten. Und stellen fest: Das war genau die richtige Entscheidung. Denn bei Dämmerlicht und der einsetzenden Dunkelheit sieht Monschau von oben erst recht wie eine Märchenstadt aus. Ich bin einmal mehr hin und weg.

In die Burg Monschau selbst kann man nicht hinein, weil da die Jugendherberge untergebracht ist, aber die Anlage selbst ist einen Spaziergang definitiv wert, und sei es nur wegen der Aussicht. Wir laufen anschließend quer durch die Stadt und bis zu den Haller-Ruinen hoch, kehren dann aber um, weil es dann doch zu dunkel und gefährlich wird da oben. 

Zuhause gibt es Bratkartoffeln mit Porree, Pilzen, Tofu und Salat und Sojaquark aus dem mitgebrachten Bestand und mit kugelrunden Bäuchen fallen wir ins Bett. 



Tag 3: Touri-Spots besichtigen und nochmal Wandern

Der nächste Tag ist unser letzter vor der Abreise und wir sind ein bisschen unentschlossen, was wir in welcher Reihenfolge machen möchten. Denn entgegen der Vermutung von Bekannten und der Befürchtung Einheimischer, wir würden uns in der “Tote-Hosen-Zeit” in und um Monschau langweilen, sind wir mächtig beschäftigt. 

Wandern wollen wir unbedingt heute auch, aber wir beschließen, ein paar touristische Ziele vorzuziehen – vor allem auch, weil mir doch noch ein bisschen die Beine weh tun, wie ich gestehen muss. 

Als erstes besichtigen wir den Eifeldom in Kalterherberg, rund 5 Kilometer von der Monschauer Altstadt entfernt. Bei der Gelegenheit sehen wir, dass noch ziemlich viel zu Monschau dazugehört, was jetzt nicht unbedingt so fotogen ist wie die Altstadt und der Ort insgesamt deutlich größer ist als wir vermutet hatten. Der Dom selbst ist ganz nett anzuschauen und vor allem die Verzierungen an den Außentüren haben mich sehr beeindruckt – aber man hat, vorsichtig formuliert, auch nichts Wesentliches verpasst, wenn man nicht dort gewesen ist. 

Dasselbe gilt für die Norbertuskapelle, an der wir kurz halten, weil wir eigentlich zum Kreuz am Venn wollen und sie auf dem Weg liegt. Zum Kreuz muss man hochlaufen und gerade ist es so schneidend windig, dass wir auf eine halbstündige Wanderung den Berg hoch nicht so wirklich Lust haben. 

Wir kommen daher auf die Idee, kurz nach Belgien rüberzufahren (dass wir die Grenze überqueren, merken wir nur dank eines Schildes und der SMS fürs EU-Datenroaming) und uns die Burg Reinhardstein anzusehen. Wir fahren durch wunderschöne Waldstücke und merken fast sofort den Unterschied zwischen deutscher und belgischer Straßenqualität. Man kann nicht bis ganz vor die Burg hochfahren und muss den Rest des Weges (etwa 500 Meter) zu Fuß laufen – bei unserem aktuellen Wetter eine einigermaßen matschige Angelegenheit.



Als wir ankommen, sieht alles ein wenig leer aus. Wir klopfen daher an der Tür, wo wir vermuten, dass man Eintrittskarten kaufen kann und uns macht ein freundlicher Mann auf, der nur Französisch spricht, wie wir nach Hand-und-Fuß-Kommunikation feststellen, und uns mitteilt, dass die Burg gerade geschlossen ist. Entweder, ich habe den entsprechenden Eintrag auf der Website übersehen oder das läuft hier in der Gegend halt so: Man hat auf, wenn man auf hat und zu, wenn man zu hat. Okay, dann haben wir sie wenigstens von außen kurz sehen dürfen, auch nett. Ich beginne, mich damit zu arrangieren.

Wir überlegen, uns das Kunst-und-Kultur-Zentrum in Monschau anzusehen, aber das macht auch bis zum 20. Februar Winterpause. Achja, knapp verpasst. Aber gut, dann haben wir mehr Zeit zum Wandern und die nehmen wir uns jetzt auch: Nach ein wenig Hin- und Herüberlegen entscheiden wir uns für eine knappe 8-Kilometer-Runde, die aber erst nach einem Kilometer beginnt, also insgesamt über 10 Kilometer lang ist. Es ist schließlich schon spät und wir möchten ungerne im Dunkeln in unbekannter Natur umherstolpern. 

Unser Weg 55 heißt Romantisches Ruhrtal und führt uns durch noch schönere Landschaft als der gestrige, wahrlich romantisch – die ganze Zeit direkt am Wasser entlang. Und stellenweise habe ich das Gefühl, in einem nordamerikanischen Naturfilm gelandet zu sein – die Kulisse würde jedenfalls stimmen. 



Wieder ist es ein Stop-and-Go und wir brauchen ziemlich lange für die Strecke (wieder ungefähr 3 Stunden). Vielleicht auch, weil wir zwischendrin einfach stehen bleiben und ein paar Minuten gebannt auf Fluten oder Baumstämme starren. Und Bäume umarmen. Das sollten wir generell viel öfter machen, finde ich. Es macht sehr viel Spaß. 

Als wir nach Hause kommen, beginnt es gerade, ernsthaft dunkel zu werden und wir haben daher die Wanderung zeitlich ziemlich gut eingepasst. Zuhause wiederholen wir die Sache mit den Bratkartoffeln und dem Porree und es schmeckt so gut, wie es nur nach langer Zeit draußen an der kalten Luft schmecken kann – ein bisschen so, wie damals als Kind, wenn man vom Spielen wieder reinkam. 

Am nächsten Morgen checken wir wie geplant vormittags aus, drehen noch eine letzte Runde durch Monschau und fahren dann die kurze Strecke gen Heimat zurück. Können nicht glauben, dass es schon wieder vorbei ist, es hat sich alles ein bisschen angefühlt wie ein Traum, und nehmen viele schöne Erinnerungen, ein klitzekleines bisschen Muskelkater und natürlich auch ziemlich viele Fotos mit. 



Es steht sowas von fest, dass wir wiederkommen. Wir haben schließlich Wanderwege von über 20 Kilometer gesichtet – also die Strecke, ab der man Wandern dann auch wirklich so nennen kann und darüber hinaus. Ein bisschen süchtig nach dem Naturlaufen sind wir geworden, würde ich sagen.  

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Hallo Jenni,

was für ein schön geschriebener Bericht mit so vielen großartigen Fotos – danke dafür! <3

Monschau ist wirklich ein Kleinod. Ich war vor vielen, vielen Jahren in der Grundschule auf Klassenfahrt dort und weil ich es als so hübsch in Erinnerung hatte, bin ich dann vor anderthalb Jahren zusammen mit meinem Mann nochmal hingefahren.
Im Sommer lohnt es sich definitiv auch, weil die ganze Stadt mit Blumen dekoriert war. Ich habe damals darüber gebloggt: https://vom-landleben.de/wandern-ausflugstipps/monschau-hohes-venn/
Wir waren unter der Woche da und ich glaube, in Hinblick auf Touristenmassen war das eine gute Entscheidung. 😉

Deine Fotos machen Lust, da noch zum hinzufahren und diesmal rund um Monschau wandern zu gehen! Wir hatten das damals mit einer Wanderung im Hohen Venn verbunden, hatten den eigentlich geplanten Weg aber nicht gefunden. *ahem

Liebe Grüße
Anne

Liebe Anne,
vielen Dank dir für die schönen Worte zum Reiserückblick! Freut mich sehr, dass er dir gefallen hat. 🙂

Ja, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Monschau im Sommer auch ein absoluter Traum ist – aber auch, dass dann wirklich viel los ist. Bei uns war wirklich tote Hose und ich habe genau das sehr genossen.
Und ja, die Sache mit den Wanderwegen kenne ich – ist nicht so ganz einfach, den Startpunkt zu finden und dann auch auf dem Weg zu bleiben. 😀

Ic habe mir gerade deinen Artikel durchgelesen und Monschau im Sommer ist auch wirklich schön! Die Sache mit den Blumenkästen war mir nur am Rande aufgefallen – danke, dass du nochmal extra drauf aufmerksam gemacht hast!

Liebe Grüße an dich!
Jenni