Stürmische Ostsee: Kurze Herbstferien an der Lübecker Bucht

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6. November 2019

Anzeige: Dieser Artikel ist im Rahmen einer Pressereise an die Lübecker Bucht entstanden.

Wann verreist man am besten, wenn man sich so richtig erholen möchte? Im Sommer? Hatte ich jedenfalls bis vor kurzem vermutet – und auch so praktiziert. Bisher war ich noch nie im Herbst im Urlaub. Jetzt habe ich der Ostsee Ende Oktober einen Besuch abgestattet – und bin verzaubert, wie schön es sein kann, am Meer zu sein, wenn es windet und regnet und kalt ist.



Tag 1 / 24.10.2019

Es ist neblig und früh, als wir (meine Freundin Natalie und ich) in den Zug steigen, der uns mit zwei Umstiegen über Hamburg und Lübeck nach Scharbeutz an der Lübecker Bucht bringen soll. Unser Ziel ist Grömitz, eine kleine Gemeinde am Nordweststrand der Lübecker Bucht mit etwas mehr als 7000 Einwohner*innen.

Nach vierstündiger Fahrt werden wir am frühen Nachmittag von Dodo (Doris Wilmer-Huperz) und Rolf (Kalbach) von der Tourismus-Agentur Lübecker Bucht begrüßt. Der Wind weht ein bisschen schärfer, schon am Bahnhof und ein paar Grad kühler ist es auch, jedenfalls gefühlt.

Fahrbarer Untersatz: ein E-Smart

Weil die Umgebung doch sehr ländlich ist und wir ein paar weiter auseinanderliegene Orte anschauen möchten in den nächsten Tagen, bekommen wir unseren fahrbaren Untersatz ausgehändigt: einen  smart EQ fortwo cabrio.



Um den Reisenden eine umweltfreundlichere Alternative zum klassischen Autoreisen anzubieten, hat die Tourismus-Agentur Lübecker Bucht zusammen mit Mercedes-Benz bis Ende Oktober eine E-Mobilitäts-Offensive organisiert: vom E-Bike bis zum Familienauto konnten im Aktionszeitraum Fahrzeuge fürs Erkunden der Lübecker Bucht angemietet werden – Ladekarte zum kostenlosen Aufladen an den Ladestationen inklusive.

Ich lade mir auch direkt die von Rolf empfohlene App Next Plug herunter, auf der ich immer sehen kann, wo sich die nächste Ladestation für unseren kleinen Flitzer befindet.

(Es stellt sich heraus: Die Reichweite des Autos – rund 130 Kilometer – reicht für viele Aktivitäten, die wir in den nächsten anderthalb Tagen vorhaben, mehr als aus und das Laden gestaltet sich herrlich unkompliziert. Mehr dazu gleich.)

Wir düsen also los und haben einen Heidenspaß, weil der Smart zum einen so leise ist und zum anderen extrem schnell reagiert – sowohl beim Anfahren als auch beim Bremsen – und über den “Wendekreis eines Bierdeckels” (Rolf) verfügt. Generell ist das Fahrgefühl, als würde man in einem kleinen Raumschiff sitzen und ich, zum ersten Mal so richtig E-motorisiert unterwegs, bin hellauf begeistert.



Untergebracht: im HofHotel Krähenberg

Wir machen uns nach kurzer Eingewöhnungszeit mit unserem neuen elektrischen Freund auf den Weg zum HofHotel Krähenberg, zum Einchecken und Ankommen.

Das HofHotel Krähenberg gibt es schon seit 1951 – und die Familie, die es führt, besitzt den Krähenhof, aus dem das Hotel hervorging seit 1901, kann die Geschichte in der Region aber bis mindestens auf das Jahr 1140 (!) zurückverfolgen.

Das Hotel ist kein dezidiert nachhaltiges Hotel (wie zum Beispiel die, die im Verband der BioHotels organisiert sind), engagiert sich aber auf unterschiedliche Arten für mehr Nachhaltigkeit im Betrieb: Ökostrom, Upcycling, Solaranlagen, Bevorzugung von regionalen und saisonalen Lebensmitteln, Spendersysteme in den Badezimmern anstelle von kleinen Einwegflakons…

Die Ansätze sind auf jeden Fall da und sichtbar, wenn auch natürlich ausbaufähig.

Was ich mir persönlich noch wünschen würde, wären vor allem der Einsatz  von Naturkosmetik im Badezimmer (be different hat zwar überwiegend okaye Inhaltsstoffe, ist aber leider nicht zertifiziert (in keiner Weise, obwohl andere Linien aus dem übergeordneten Haus ADA durchaus unterschiedlich zertifiziert sind) und eine größere Auswahl beim pflanzlichen Essen – sowohl, was das Frühstück als auch, was das Abendessen betrifft (wir hatten Halbpension).



Ortserkundung: Grömitz und das Meer

Direkt nach dem Einchecken machen wir Gebrauch von dem Fahrradleih-Service des Hotels und radeln die kurze Strecke Richtung Strandpromenade. Sie erstreckt sich fast an der gesamten Küste (und soll noch ausgebaut werden, wie wir später erfahren). Hier reihen sich Konsumläden und Futterplätze munter hintereinander und man spürt schon in der ersten Sekunde, dass sich Einheimische wohl eher seltener hierher verirren: Dieser Abschnitt ist für Tourist*innen gemacht, davon zeugt auch die im Hintergrund aufragende Perlenkette an unterschiedlichsten Hotels.

Trotzdem genießen wir den Anblick von Strand und Meer und Möwen und vor allem die damit einhergehende Geräuschkulisse, obwohl es direkt am Wasser ziemlich windig ist und ich mir jetzt schon wünsche, doch einen dickeren Mantel eingepackt zu haben.

An der Farbpalette werde ich mich auch die nächsten Tage nicht sattsehen können: Sand, Dünengras, Meerblau und -grau, gemischt mit Weiß von Wolken und Möwen – unaufdringlich und gerade deshalb so besonders einprägend.

Wir laufen so lange die Promenade hoch und runter, dass wir zwischendurch vergessen, wo wir unsere Räder geparkt haben und fast zu spät zum vereinbarten Abendessen im Hotel kommen – aber dank Turboradeln schaffen wir es gerade noch. Meine Oberschenkel brennen ein bisschen, als ich mich im Speisesaal setze und ich denke mir, auch schonmal fitter gewesen zu sein.



Wie wir relativ schnell feststellen müssen, ist Vegan hier oben im Norden, wo gewissermaßen das Meeresrauschen immer in den Ohren hängt und die Tradition im Fischfang und -verzehr lang und geliebt ist, noch immer weitestgehend ein Fremdwort.

Mehrfach muss ich in den nächsten Tagen erklären, was damit gemeint und inkludiert ist und was nicht. Nein, kein Fisch. Nein, keine Sahne, keine Milch, keinen Käse, keine Eier…Wirklich nicht? Nein, wirklich nicht.

Im HofHotel Krähenberg haben wir nur einmal Abendessen – aber da hat sich der Koch wirklich ins Zeug gelegt und extra für uns ein veganes Menü zusammengestellt, das es in sich hat: Wir genießen Kokoscremesuppe, gefüllte Zucchini, bedienen uns zwischendurch an der Salatbar und bekommen zum Nachtisch Grießflammeri mit Sorbet serviert. Alles hochlecker und mit viel Liebe angerichtet, das sieht man und wir lassen den entsprechenden Gruß an die Küche ausrichten.



Generell gilt im HofHotel Krähenhof: Wer Allergien, Unverträglichkeiten oder eben anderweitige Sonderwünsche und -bedarfe hat, kann im Laufe des Tages an der Rezeption Bescheid geben und man kümmert sich gemeinsam darum, wie man dem in der Essensgestaltung gerecht werden kann.

Wir fallen also müde und noch nicht so ganz angekommen und mit vollem Magen ins sehr große und sehr weiche Hotelbett und werden viel zu kurz schlafen.



Tag 2 / 25.10.2019

Ziemlich früh erinnert uns der Wecker unsanft daran, dass wir um Punkt 8 Uhr einen Termin im Kloster Cismar haben: Wir wollen an einer Gehmeditation teilnehmen, unter der ich mir zunächst so überhaupt nichts vorstellen kann.

Wir schälen uns also aus den Laken und kommen natürlich ein paar Minuten zu spät: Die Meditation ist schon im Gange, als wir zu der kleinen Gruppe von vier weiteren Personen stoßen und ich muss mich erst ein paar Minuten akklimatisieren, bevor ich mich auf diese neue Erfahrung einlassen kann.

Eine erste Gehmeditation

Es ist ein wenig befremdlich, auf eine Gruppe Menschen zuzulaufen, die sich extrem langsam und irgendwie auch ruckartig vorwärts bewegt. Ich muss sofort an Zombie-Filme denken, obwohl dieser Vergleich in dieser Situation absolut unangebracht ist. Dennoch finde ich es faszinierend, wie stark wir visuell darauf ausgerichtet sind, dass sich Mitmenschen auf eine ganz speziell genormte Weise bewegen – alles andere wird schnell als potenzielle Gefahr eingestuft. 

Wir reihen uns also ein und langsam senkt sich mein Puls und ich komme an. Leider haben wir die Einführung in die Meditation, die von Bewegungspädagogin Dorothea Jöllenbeck geleitet wird, verpasst, in der es um die korrekte Haltung und den Blick ging: das Brustbein offen, die Füße fest im Boden, man soll gleichzeitig die eigene Kraft auf den Boden fühlen als auch, wie die Erde zurückdrückt. Den Blick nach vorne richten, gleichzeitig fokussieren und offen halten.



Trotz dieser verpassten Einführung richte ich mich, so gut es mir als Untrainierte gelingt, instinktiv nach einigen dieser Vorgaben, während ich alle 10 Sekunden einen langsamen Schritt nach vorne mache. Langsam verengt sich für die nächste halbe Stunde mein Sichtfeld auf die Wiese und den Rücken meines Vordermannes, der über das welke Laub schlurft.

Gedanken kommen, ich drehe sie einen Moment und lasse sie dann wieder ziehen. Das gelingt mir wesentlich besser und leichter, als das bisher bei jeder Sitzmeditation der Fall gewesen ist.

Dorothea sagt uns später, dass das vielen Menschen so ginge: Die langsame Bewegung habe einen stärkeren meditativen Effekt als das Sitzen, bei dem man über kurz oder lang doch unruhig werde.

Die Gehmeditation sei stark aus dem chinesischen Buddhismus beeinflusst (Dorothea selbst hat unter anderem BUQI bei einem chinesischen Lehrer gelernt) und finde gerade den 173. Tag in diesem Jahr mit fast immer derselben Kerngruppe statt.

Das Kloster, das im Zeitraum von 1245 bis 1561 eine Benediktiner-Abtei gewesen ist, stellt mittlerweile großzügig Räumlichkeiten unter anderem für das Landesmuseum Schleswig-Holstein, aber auch für Künstler*innen, eine Kindertagesstätte und Workshops auf zahlreichen Gebieten zur Verfügung. In einem angrenzenden Privathaus wohnt eine regional bekannte Dichterin.



Abstecher zum Hof Klostersee

Egal, mit wem wir dieser Tage sprechen – so ziemlich jede*r legt uns nahe, am Hof Klostersee, dem Bioladen hier, vorbeizuschauen. Da er direkt in der Nähe des Klosters Cismar liegt, beschließen wir nach einem kurzen Frühstück im Hotel, dort vorbeizuschauen und werden schon bei der Hinfahrt, die durch ein kleines Waldstück führt, ein wenig neidisch auf die Menschen, die hier arbeiten und leben. Es sieht beinahe unverschämt idyllisch aus.

Der Hof Klostersee ist ein Demeter-Betrieb. Das bedeutet, dass hier biologisch-dynamisch und nach den aktuell in Deutschland strengsten Nachhaltigkeitskriterien gewirtschaftet wird.

Wir erfahren auch später aus Erzählungen, dass die Menschen hier ganzheitlich anthroposophisch eingestellt sind. Das hat, je nach Auslegung und Rezeption, gute wie nicht so gute Seiten – immerhin ist der Urheber der Demeter-Philosophie, Rudolf Steiner, zurecht nicht unumstritten. Aber dazu soll woanders ausführlicher Platz sein. 



Ich eskaliere ein bisschen in der Keramik-Ecke, in der ich haufenweise schön glasierte Einzelstücke finde, denen man die Handarbeit ansieht und die genau so rau sind, wie ich Keramik gerne habe. Ich kaufe zwei Schüsseln, die ich vor allem für Suppen zu verwenden gedenke, und bin sehr glücklich.


Ein Bio-Apfelhof an der Landstraße

Es ist Apfelzeit und das merkt man vor allem in der Region an und um die Lübecker Bucht sehr deutlich: Sobald man die touristische erste Reihe am Strand hinter sich gelassen hat und einmal von der Hauptstraße abbiegt, ist man gewissermaßen im Nirgendwo gelandet und fährt durch Wiesen, ein bisschen Wald und viele Felder. Menschen gibt es hier dann eher weniger, die Zahl der Hofläden pro Quadratkilometer hingegen kann sich sehen lassen.



Die Hofläden sind oft verbunden mit Cafés oder Restaurants, nicht selten auch mit direkt angeschlossenen Ferienwohnungen im Ruhigen.

Wir machen Halt beim Apfelhof Grimm, der direkt auf unserem Weg Richtung Hotel liegt, schauen uns ein wenig auf dem Gelände um und entdecken unter anderem einen Gedichtpfad und ziemlich viele leckere Apfelsorten (und die bis dato schönste gesichtete Ferienwohnung in der Region).

Auch dieser Betrieb ist seit Generationen in Familienhand – aktuell wird er in der dritten fortgeführt und besteht seit 1946. Seit 2015 ist der Apfelhof Bioland-zertifiziert und fördert vor allem auch den Anbau von alten Apfelsorten.



Ein zweiter Nachmittag am Strand

Zurück im Hotel schnappen wir uns wieder unsere Leihräder und radeln an die Strandpromenade. Ein Grund: Wir haben am Vortag ein sehr futuristisch aussehendes Gebilde gesehen, das wir relativ schnell als Senkrecht-U-Boot identifizierten – eine Tauchglocke, mit der man sich die Ostsee unter der Wasseroberfläche ansehen kann, ohne selbst nass zu werden. Das müssen wir unbedingt ausprobieren!

Zuvor schauen wir allerdings am Ankerplatz am Yachthafen in Grömitz, ob der vegane Kuchen wirklich so gut ist, wie ich in den Insta-Nachrichten von Greenderella empfohlen bekommen habe. Er ist.

Extra warmgemacht, schmeckt der Kirschkuchen mit Streuseln wie bei Oma, wenn nicht besser. Dazu einen Milchkaffee mit Hafermilch und mein Tag ist gerettet. Als ich den Recup-Aufkleber an der Theke sehe, sogar noch ein bisschen mehr.



Um 17:30 Uhr soll der nächste Tauchgang starten und wir bewegen uns pünktlich das gute Stückchen vom Hafen Richtung U-Boot-Steg – nicht, ohne uns auf dem Weg viel Zeit zum Fotografieren und Filmen unter anderem von Möwen (die nur darauf warten, dass die Tourist*innen endlich wieder einen Leckerbissen fallen lassen) zu nehmen.

Während ich so durch den Sand stiefele, mache ich öfter an Muschelbergen Halt und bewundere das Farbspiel, das sich vor allem im dunkelblauen, weißen und schwarzen Bereich abspielt und schöner ist als alles, was man aus der Fantasie auf eine Leinwand bringen könnte. Möchte ich jedenfalls ganz unbedarft behaupten.


Die Natur ist die schönste Inspiration – dieser vielleicht auf den ersten Blick platte Aphorismus enthält doch so viel Wahrheit.



Dann geht es nach unten: Wir erwischen die Tauchgondel und ich fühle mich ein bisschen arg an BioShock erinnert. (Für alle, die es noch nicht wissen: In mir verbirgt sich eine leidenschaftliche Zockerin – jedenfalls, wenn es um gute Storygames geht.)

Von diesen Gondeln gibt es auf Zingst, Sellin und Zinnowitz weitere – die Tauchgondel in Grömitz wurde 2009 eingeweiht und bietet 30 Schaulustigen Platz. An einem Stahlarm fährt das Konstrukt rund 4 Meter unter die Wasseroberfläche und kommt einen halben Meter über dem Meeresgrund zum Stehen. Seitwärts kann sie sich nicht bewegen, dennoch ruckelt die Gondel durch den Wasserschlag der Wellen unentwegt hin und her.

Innen ist es dunkel, damit man besser nach draußen schauen kann – es empfängt einen ein durch die Fenster grün getrübter Blick in die Unterwasserwelt der Ostsee. Heute ist dort nicht sonderlich viel los, wir sehen vor allem Quallen und ab und zu eine Krabbe.



Was ist der Unterschied zwischen Krabbe und Krebs? 

Der Krebs ist lang, hat den Schwanz außen am Körper liegend, kann geradeaus laufen und seine Kiemen liegen außen am Körper. Die Krabbe ist kompakter vom Körperbau, hat den Schwanz innenliegend eingeklappt (dort werden dann später die Eier transportiert) und die Kiemen liegen innen (deswegen kann sie sich auch längere Zeit außerhalb des Wassers bewegen – sie transportiert einfach ein wenig davon in ihren Kiemen mit sich herum). 

Das ist nur ein interessanter Fakt, den wir während der Tauchfahrt präsentiert bekommen. Nebenbei lerne ich (nochmals, denn das habe ich bestimmt schonmal gewusst, dann aber wieder vergessen), dass die Ostsee das größte Brackwassermeer der Welt ist und Brackwasser irgendwie unschön klingt, eigentlich aber nur bedeutet, dass sich Salz- und Süßwasser miteinander vermischen.



Eine Sternenwanderung am Meer

Nach einem schnellen Abendessen im Long Nhi in Grömitz (es liegt in direkter Nachbarschaft zur Strandpromenade und wie in vietnamesischen Lokalen üblich, ist es einigermaßen unkompliziert, sich etwas Veganes von der Karte auszusuchen), machen wir uns auf zu einem Sternenspaziergang mit Naturführer Axel Kramer. Er bietet auch Bernsteinwanderungen an und ich merke von Sekunde 1, wie leidenschaftlich er sich der Ostsee und dem, was sie umgibt, verschrieben hat.

Wir schnappen uns ein paar Decken und Yogamatten und machen uns auf den Weg zu einem Strandabschnitt an der Grömitzer Promenade, der nicht so hell erleuchtet ist wie die anderen. Unser Ziel ist, die Sterne über unseren Köpfen so deutlich wie möglich sehen zu können. Vollends befriedigt ist Axel nicht, was die Lichtverhältnisse anbelangt, aber wir machen das Beste aus dem Vorhandenen und nach ein paar Minuten haben wir das Restlicht sowieso vergessen.

Wir setzen uns auf die Matten in den Sand, direkt hinter uns ein paar Dünen und vor uns das dunkle Meer. Ein paar Schiffe kreuzen unser Blickfeld, der Wind saust in den Ohren und zieht durch die Kleidung, das Salz riecht noch intensiver als vor ein paar Stunden.

Der Unterschied ist wahrscheinlich, dass wir uns jetzt darauf konzentrieren. Axel sagt, er möchte die Menschen wieder mehr ins Fühlen bringen, dazu beitragen, dass sie ihre Sinne wieder mehr benutzen – nicht nur die Augen. Sondern auch das Riechen, das Fühlen mit der Haut, das Hören, alles, was uns als Menschen auch ausmacht und so schnell und gerne vergessen wird, wenn man den ganzen Tag vor einem oder mehreren Bildschirmen hängt.

Die Dunkelheit hilft, den Raum im Kopf zuzulassen für die Eindrücke, die sonst eher unbemerkt an uns vorbeiziehen. Das Rauschen der Wellen rückt in die vorderste Reihe meines Bewusstseins und ich richte mich instinktiv nach dem Wind aus, während wir schweigend fühlen.



Je länger wir schauen, desto mehr Sterne sehen wir – desto tiefer schauen wir ins Weltall, wie Axel es formuliert. Und das macht sehr demütig und dankbar gleichzeitig: Wie klein wir sind, wie viel da draußen ist, was wir nicht kennen und nicht verstehen und was für ein Wunder es ist, dass ausgerechnet wir leben in dieser Unendlichkeit, die uns umgibt.

Während wir so sitzen und zunächst unseren eigenen Gedanken nachhängen und uns dann darüber austauschten, was gerade in unseren Köpfen vor sich geht, kramt Axel auf einmal in seiner Tasche und holt ein Tablet hervor: Vor zwei Sekunden hatte ich noch darüber geklagt, dass ich Sterne zwar schön finde und mir den Himmel bei Nacht gerne anschaue – aber keine Ahnung habe, was ich da sehe. Außer dem Großen Wagen kann ich nichts identifizieren. Ein Umstand, der mich schon lange ärgert, den ich aber bisher nicht aktiv zu ändern versucht habe.

Umso faszinierter bin ich jetzt von dem, was Axel uns auf dem Tablet zeigt: den Sternenhimmel, aber als interaktive Karte. Wir können die Sterne über unseren Köpfen anwählen und sehen, wie sie heißen, in welchem Tierkreis sie stehen und zu welchem Sternbild sie gehören. Sternbilder selbst werden über uns eingezeichnet und es ist ein bisschen, als würden wir mit einem speziellen Röntgenblick nach oben schauen. Ich bin fasziniert.

Diese Magie hat einen Namen: SkyView. Sofort lade ich mir nach unserem Spaziergang die App herunter und seitdem hole ich immer wieder das Smartphone heraus, wenn ich im Dunkeln unterwegs bin (man kann die App auch tagsüber verwenden, aber dann macht es meiner Meinung nach nicht so viel Spaß), halte es gegen den Himmel und schaue, welche Sterne sich über mir befinden und welche Sternbilder auf mich herabblicken.

Nach etwas mehr als einer Stunde beschließen wir etwas widerwillig, zurück in die Zivilisation zu gehen – und das fühlt sich nach der Stille und der Ruhe doch merkwürdig an: die Lichter, der Trubel, der sogar abends an der Promenade herrscht, die grellen Farben der Plakate, wo wir doch gerade die ganze Zeit vorwiegend in Dunkelheit gesehen haben. Es fühlt sich an, als würde man aus einer vollkommen anderen Welt in eine neue Blase eintreten – ein bisschen habe ich auf das Plop beim Übergang gewartet.

Von diesem Abend gibt es aus Achtsamkeitsgründen keine Bilder, das hätte den Moment zerstört. Wir fallen jedoch wieder ziemlich müde ins Bett. 



Tag 3 / 26.10.2019

Neustadt in Holstein wartet auf uns

Heute steht unser Umzug in ein neues Hotel an – aber vorher frühstücken wir noch einmal ausgiebig im HofHotel Krähenhof und stellen wieder einmal fest: Wenn man etwas möchte, ist es eine gute Idee, nachzufragen. So geschehen mit der Pflanzenmilch, die im Krähenhof leider noch nicht standardmäßig angeboten wird – auf Nachfrage jedoch erhielten wir die Auswahl zwischen Sojamilch von Provamel und Haferdrink von Berief. Wir entschieden uns für Letzteres – aus geschmacklichen und ökologischen Gründen.

Wir packen unsere Taschen, um rechtzeitig vor 11 Uhr auszuchecken und ins Hotel Strandkind in Neustadt in Holstein umzuziehen.

Hier finden wir auch direkt eine Ladesäule vor der Tür, an der wir unseren E-Smart anstöpseln – bis hierher hat er ohne Probleme alle kleinen Ausflüge in Grömitz mitgemacht, aber den Luxus des bequemen Ladens nutzen wir natürlich gerne.

Das Strandkind ist ein sehr modernes Hotel, ausgerichtet vor allem auf (junge) Familien mit Kindern. Es gibt viele offene, helle Räume, Möbel, die noch neu riechen und Spielkisten, einen Hochseilgarten, spannend eingerichtete Zimmer mit Kletterwänden, Fahrrad- und SUP-Leihservice, einen Kinderspielraum und weitere, direkt auf Familien zugeschnittene Angebote.



Lasse vom Hotelteam gibt uns eine kurze Führung und erklärt uns: Nicht selten kommen hier Familien her, deren Eltern tagsüber unter anderem zusammen Zeit verbringen und sportlichen Aktivitäten nachgehen möchten. Sie können dann an einem der zahlreichen Angebote des Hauses teilnehmen (dazu gehören zum Beispiel Radtouren oder SUP-Touren) und die Kinder solange in professionelle pädagogische Betreuung übergeben.

Dass Nachhaltigkeit im Strandkind noch ein bisschen mehr in der Unternehmens-DNA drinsteckt als im HofHotel Krähenberg, merken wir spätestens, als wir die FritzKola-Ausstattung im Hotel verteilt (Lasse erklärt uns, das Standkind habe mit Fritz eine langfristige Kooperation) und die Stop the Water-Produkte im Badezimmer sehen.

Außerdem:

  • Das Hotel besteht komplett aus Holz und kann, so Lasse, vollständig kompostiert werden, weil unter anderem keine Stahlträger oder andere Materialien in der Fassade verbaut sind.
  • Das Gründer-Ehepaar praktiziert einen nachhaltigen Lebensstil seit mehreren Jahrzehnten und hat sich im Jahr 2017 den Traum verwirklicht, aus dem alten Familienhotel ein nachhaltiges Familienhotel zu bauen.
  • Durch die Mitgliedschaft in der Feinheimisch-Kooperative ist das Hotel verpflichtet, mindestens 60% der Lebensmittel aus regionaler Produktion zu beziehen.
  • Regional kommt bei der Lebensmittelauswahl dementsprechend auch vor Bio und Saisonal, aber beides sei häufig automatisch ebenfalls mit abgedeckt.
  • Vegane Gerichte sind auf Anfrage kein Problem, es gibt aber eher wenige Gäste bisher, die das wünschen. Trotzdem soll das vegetarisch-vegane Angebot ausgebaut werden, erklärt Lasse mir, als ich darauf hinweise, dass das eine der effizientesten Maßnahmen ist, Emissionen einzusparen.
  • Das Hotel Strandkind strebt Zertifikate im Nachhaltigkeitsbereich an, ist bisher allerdings noch nicht dazu gekommen, sich mit den Formalitäten zu beschäftigen. Gerade stehe der Aufbau der Kernkundschaft im Zentrum der Aktivitäten.


Lasse erzählt uns am Ende unseres Rundgangs, dass die Belegschaft des Strandkind vor allem aus Menschen, die vorher im konventionellen Hotelbetrieb gearbeitet haben, besteht und die Lust auf etwas anderes mit Sinn haben. Dass da insgesamt ein gutes Klima herrscht, merkt man auch an der Art, wie die Mitarbeiter*innen miteinander umgehen, ziemlich schnell.


Ein Silent Walk am Strand

Nach dem Mittagessen im Strandkind (es gab eine sehr leckere Bowl, unter anderem mit Dinkel, Rotkohl und Tofu) machen wir uns auf den Weg zu meinem ersten Silent Walk.

Wir sind mit Body-&-Mind-Trainerin Britta Sommer in Rettin verabredet, rund 10 Minuten Fahrzeit vom Hotel entfernt. Wir sind nur zu dritt und in einer kurzen Einführung erklärt uns Britta das Konzept von Silent Walks: Wir laufen für die nächsten 60 bis 90 Minuten schweigend nebeneinander am Strand her, achten dabei auf eine gerade und schwingende Körperhaltung und einen Blick, der eher in die Ferne geht und die Umgebung erfasst als starr auf den Strandabschnitt vor sich gerichtet ist. Zwischendurch wird es ein paar sehr, sehr einfache Yoga-Übungen geben (Britta betont, dass ihr wichtig ist, dass jede*r den Silent Walk komplett mitmachen kann, unabhängig vom Fitnesszustand).



Das war im Prinzip auch alles Wissenswerte und wir starten mit einem Runterkommen am Strand, einer geführten Einleitung, in der Britta uns anhält, intensiv auf die Umgebung zu achten und “ins Fühlen zu kommen”, über den Sehsinn hinaus.

Ich fühle mich an den vorherigen Abend erinnert – Axel hatte ganz ähnliche Dinge gesagt, als wir uns die Sterne anschauten.

Nach einigen Momenten setzen wir uns in Bewegung und gehen für die nächste Stunde weitgehend schweigend nebeneinander an der Küste her. Britta orientiert sich an unserem Tempo und ich falle trotzdem relativ schnell zurück, weil ich die Sache mit dem Achtsamsein sehr ernst nehme und in der Umgebung herumschaue, die Möwen beobachte, das Farbspiel von Meer und Himmel bewundere und die dicken Wolken sowieso und mich ab und zu bücke, um eine Muschel oder einen Stein aus der Nähe zu begutachten.



Nach ungefähr der Hälfte des Weges, als ich schon langsam merke, wie lange ich nicht mehr im Sand spazieren war (meine Beinmuskeln machen sich bemerkbar), machen wir auf einer Anhöhe, die parallel zur Küste liegt, eine kleine Pause.

Britta führt uns mit ruhiger Stimme in die Krieger-Haltung (die ich schon ewig nicht mehr eingenommen habe, weil meine bisherigen Yoga-Versuche mehr oder weniger kläglich gescheitert sind) und ich merke, wie angenehm ich ihre Art der Anleitung finde. Mir fällt es, im Gegensatz bei vielen anderen Anleitenden, sehr leicht, mich auf ihre Anweisungen einzulassen, obwohl ich den Verdacht habe, die Pose eher so mittel als “gut” oder “richtig” auszuführen. (Obwohl ich weiß, dass es solche Kategorien im Yoga nicht gibt und das Prinzip “stay at your own mat” gilt, spricht man sich natürlich nicht sofort von solchen Gedanken frei.) 

Wir wandern dieselbe Strecke, die wir gekommen sind, wieder zurück und ich merke: Eigentlich will ich nicht, dass dieser Moment, der sich gerade so wunderbar in die Länge zieht, endet.

Ich könnte ewig so weiterlaufen. Und ich beneide nicht zum ersten Mal die Menschen, die hier wohnen können und jederzeit Zugriff auf das Meer und den Strand und die ganze Wellnesspackung hier haben können, die man auch dann spürt, wenn man nicht unbedingt ins Wasser geht.



Nach dem Ende des Silent Walks, der am Ende ja auch wieder eine Form der Gehmeditation ist, die wir im Kloster Cismar kennengelernt haben, bleiben wir noch einen Moment und schauen uns die Landschaft an und machen Fotos, aus denen dann diese Bilderstrecke hier werden konnte.

Wir sind ziemlich fertig, was mich ein wenig schockiert, weil ich lange Spaziergänge und lange Läufe eigentlich gewohnt bin. Ich habe wohl unterschätzt, was Meeresluft und Stranduntergrund mit einem machen können.

Eigentlich wollten wir am Nachmittag Neustadt erkunden, aber dazu sind wir zu fertig. Als wir im Zimmer angekommen sind, liegen wir zwei Stunden im Bett herum und machen nichts, was auch irgendwie gerade schön und angebracht ist, bevor wir zum Abendessen nach Neustadt aufbrechen, das mittlerweile im Dunkeln liegt.



Abendessen im Pier19

Wir werden erwartet im Pier19, das uns im Laufe unseres Aufenthaltes generell immer wieder von Einheimischen empfohlen wird, insbesondere aber dann, wenn wir erwähnen, dass wir vegan leben. Das Pier19 scheint eine Institution hier zu sein und liegt direkt an der ancora Marina, einem Yachthafen mit 5 Sternen.

Wir finden auch relativ schnell heraus, warum: Die vegan-vegetarische Kartensektion ist wesentlich größer als in den meisten anderen Lokalen, an denen wir vorbeikommen und alles schaut unfassbar liebevoll angerichtet aus.

Ich finde es ziemlich schwierig, mich zu entscheiden, wähle dann aber die Gerstenreis-Bällchen und bin sowohl von der Optik als auch vom Geschmack hin und weg (besonders die Tomatensoße ist unfassbar gut!). Natalie wählt Bruschetta und den veganen Labskaus, der wirklich wie Fisch schmeckt. Zum Dessert gibt es Sorbet (ich wähle Heidelbeer), von dem ich erst nicht glauben kann, dass keine Milch drin ist, weil es so cremig und vollmundig schmeckt.

Von allem, was ich bis dato auf der Reise gegessen habe, hat es mir im Pier19 am besten gefallen – unbedingte Empfehlung, wenn ihr dort unterwegs seid! 



Tag 4 / 27.10.2019

Wir testen am nächsten Tag direkt das ausgesprochen ästhetische Frühstücksbuffet im Strandkind und und bin sowohl begeistert von der Tatsache, dass ganz selbstverständlich Pflanzenmilch neben der normalen Milch steht, auf den Schildern neben den Lebensmitteln angegeben wird, woher sie stammen (jedenfalls bei vielen, meistens handelt es sich eben um Höfe aus der Region) und der großen Honigwabe.

Sie ist nicht nur ein Blickfang – ich finde die Idee, Honig so im mehr oder weniger ursprünglichen Zustand zu präsentieren, sehr clever. So denke ich direkt daran, wo das Lebensmittel herkommt, wie es gewonnen wurde und dass es eben genau deshalb extrem wertvoll und ein Luxusgut ist. Mein Respekt, der sowieso vorhanden ist, steigt automatisch und ich umkreise die Wabe andächtig (jedoch, ohne etwas daraus zu nehmen – heute ist mir nicht nach Honig, obwohl ich ihn mittlerweile ab und zu esse).

Wir bekommen sogar eine vegane Platte mit Käse- und Wurstalternativen an den Tisch gebracht! Wenn die Belegschaft bescheid weiß, dann ist das Usus (ich frage extra nach). Die Aufschnitte sehen so echt aus, dass ich mich zunächst nicht drantraue und auch hier nochmal nachfrage, ob sie also wirklich…Nicht, dass da ein Missverständnis…Nein, kein Missverständnis. Wirklich vegan. Wir sind begeistert.



Wurzelwanderung in Klingberg

Ausreichend gestärkt also machen wir uns auf den Weg nach Klingberg, wo wir zu einer Wurzelwanderung mit Naturführerin Iris Bein die Macht von Wurzeln und heimischen Kräutern kennenlernen. Noch ein Gebiet, von dem ich wenig Ahnung habe, aber wünschte, es wäre mehr.

Da wir im Vorfeld extra dreimal (oder mehr) darauf hingewiesen wurden, dass wir uns wetterfest anziehen sollten, machen wir genau das und ich habe das Gefühl, in meiner uralten neongelben Jacke einen starken Kontrast zum Waldgrün um uns herum zu bilden.

Wir schauen uns im ersten Teil des Workshops ein wenig am Wegesrand um und schnell wird klar: Iris kennt so ziemlich jedes Kraut, das hier wächst, beim Namen. Und nicht nur das: Welche Wirkstoffe in welchen Pflanzen, vom Blatt bis zur Wurzel, enthalten sind, kann sie wissenschaftlich fundiert herunterbeten. Nach 5 Minuten ist meine Bewunderung für dieses Wissen nicht mehr so ganz in Worte zu fassen.



  • Wir suchen nach Engelwurz, das entkrampfend wirkt und nach Nelkenwurz, das wir anhand der kleinen Blätter erkennen.
  • Wir erfahren, dass Meerrettich hervorragend gegen Erkältung wirkt (eine Art natürliches Antibiotikum gewissermaßen), wegen der Senfglykoide, die in ihm enthalten sind.
  • Brennesselwurzel ist prima für die Prostata und die Blase und für den Haarwuchs und außerdem immunstärkend.
  • Außerdem schauen wir uns Springkraut und Wilde Karde an, die vor allem bei Borreliose helfen soll und stärkend und beruhigend für den Darm ist.
  • Beinwell spielt bei unserer Suche nach Wurzeln ebenfalls eine wichtige Rolle – aus ihm wollen wir gleich eine Salbe herstellen. Er wirkt entzündungshemmend und abschwellend und ist daher vor allem für Knochenbrüche und andere äußere Verletzungen empfehlenswert.

Iris pflückt mit schlafwandlerischer Sicherheit Pflanzen aus dem Boden, weist uns aber immer wieder darauf hin, dass man beim Ernten immer auf die umgebende Natur achten sollte – und darauf, möglichst nicht die komplette Pflanze bzw. den kompletten Pflanzenbestand zu zerstören. Wir wollen ja nicht wildern, sondern nur das nehmen, was wir brauchen (meist ist das nicht sonderlich viel).

Anschließend fahren wir im Gänsemarsch in das Haus des Gastes, einen Kulturtreff in der Gegend, in dem unterschiedlichste Veranstaltungen abgehalten werden. Wir haben vor, aus den gerade geernteten Wurzeln (denn sie sind der Fokus des Workshops) eine Salbe, eine Tinktur und einen Liebeswein zuzubereiten.



Wir waschen die Wurzeln (nicht die braune Haut mit abschrubben!, ermahnt uns Iris), schnippeln und rühren und erhitzen und es fühlt sich ein bisschen an wie in einer Kräuterhexenküche.

(Was ich erfreut registriere: Es sind immerhin zwei Männer in der Runde dabei, auch wenn sie “nur” in Begleitung ihrer Ehepartnerinnen gekommen sind.) 

Wir stellen eine Beinwell-Salbe, eine Tinktur aus Brennnessel oder Wilder Karde (das können wir wählen, ich nehme Brennnessel) und einen Liebeswein (der Name geht auf Hildegard von Bingen zurück) aus Nelkenwurz her.

Es ist alles sehr spannend und noch während ich dem Köcheln zuschaue, habe ich mir vorgenommen, mich in Zukunft näher mit dem Thema zu beschäftigen. Da hat sich definitiv eine Tür bei mir geöffnet.

Auch, weil Iris immer wieder betont, dass solche Heilmittel aus Kräutern zwar altes Wissen sind, aber nur als Ergänzung zur Schulmedizin verstanden werden sollten – nicht als Ersatz. Alles andere wäre einigermaßen gefährlich und, naja, aus meiner Perspektive auch dumm. Es hat einen Grund, dass wir heute so gesund und alt werden, wie wir es tun.



Ein Strandspaziergang bei Nacht

Nach einem schnellen, späten Mittagessen im Strandkind (es gab sehr leckere Pasta mit Pilzen und Urkarotten) habe ich immer noch Hummeln im Hintern und mache mich auf den Weg zum Strand, obwohl es dank der Zeitumstellung bereits dunkel zu werden beginnt. Ich muss mich unbedingt bewegen.

Belohnt werde ich mit einem fantastischen Sonnenuntergang und einem herrlich durchgepusten Kopf.

Früher habe ich Wind gehasst und es schon in Hamburg nicht ausgehalten. Mittlerweile liebe ich es, mich den Elementen ganz bewusst auszusetzen und die Widerständigkeit der Natur zu spüren. Es katapultiert mich zurück auf mich selbst und meine Körperlichkeit – ein herrliches Gefühl. Vielleicht brauche ich das, damit die vielen Gedanken endlich mal ruhig sind.


Tag 5 / 28.10.2019

Heute ist Abreise (schon!) und deswegen checken wir direkt am Morgen im Hotel Strandkind aus und machen uns dann auf den Weg zu unserem letzten Termin: Wir besuchen Sonja Knoop in ihrem Atelier und haben mit ihr zusammen einen Malworkshop. Das Thema: Fluid Art.

Ich habe noch nie von Fluid Art gehört und bin gespannt, was uns erwartet. Mit Acrylfarben arbeiten wir und wir müssen Kleidung anziehen, die dreckig werden darf (versteht sich irgendwie von selbst).

Bevor wir anfangen, drehe ich einen ausführlichen Rundgang durch Sonjas Atelier und frage sie ein paar Löcher in den Bauch: Wie kommt sie zur Kunst, was hat sie vorher gemacht und kann man davon leben? Wie leben die Menschen in Neustadt so, gibt es viele Rückkehrer*innen, die nach dem Studium wieder herkommen?

Ateliers sind höchst spannende Orte, finde ich. Man lernt ja generell viel über einen Menschen, wenn man sich anschaut, wie sie*er lebt. Aber in Ateliers, habe ich immer den Eindruck, stülpt sich die Persönlichkeit noch einmal in viel intensiverer Art und Weise nach außen als bei normalen Wohnräumen.



Wir sind nun also ausgerüstet mit Latex-Handschuhen, alter Kleidung und jeder Menge Neugier auf das, was da jetzt kommen mag. Früher habe ich sehr gerne und sehr viel gemalt und gezeichnet und von Ölfarben über Aquarell, Kohle, Filzstiften und Kreide alles Mögliche ausprobiert. Kurz hatte ich sogar daran gedacht, irgendwas mit Kunst zu studieren, aber dann war die Liebe zum Wort doch um einiges größer und ich verwarf den Gedanken relativ schnell wieder.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich mich noch heute gerne kreativ auf allen Ebenen austobe und es genieße, neue Dinge vor allem im künstlerischen Bereich zu lernen. Oder – korrekter und bescheidener gesprochen: einen Einblick zu erhalten.

Fluid Art kommt meiner Freude an Farbe und Zusammenspiel sehr entgegen: Im Wesentlichen ist der Stil darauf aufgebaut, vieles dem Zufall zu überlassen – abgesehen von der Farbkomposition und ein paar wenigen groben Anstupsern hat man wenig Einfluss auf die endgültige Beschaffenheit des Bildes, weil die Farbe sich selbst ihren Weg über die Leinwand sucht.

(Wem das jetzt ein wenig zu abstrakt beziehungsweise nichterklärend ist: Hier gibt es ein gutes Tutorial, das unter anderem auch eine Technik zeigt, die wir im Workshop umgesetzt haben.) 



Was bei Fluid Art entsteht, ist – man kann es nicht anders sagen – höchst faszinierend. Die fertigen Bilder erinnern an Achatscheiben, an Blicke ins Universum oder in eine bunte Unterwasserwelt, scheinen jedenfalls irgendwie nicht so ganz von hier zu sein.

Und sind so einfach hergestellt. Sonja meint, dass diese Technik auch prima mit Kindern umgesetzt werden kann, weil sie eben so experimentell und frei ist. Eine sehr schöne Nebenwirkung: Weil ein Großteil der Bildkomposition (je nach Technikanwendung) eben nicht im Bereich der*des Schaffenden liegt, gibt es auch wenig Raum für destruktives Vergleichen á la Der*die hat aber das schönere Bild und kann das insgesamt ja sowieso besser als ich. Es ist ein bisschen wie das mit dem Auf-der-eigenen-Matte-Bleiben.

Nachhaltigkeit? 

Was natürlich sofort ins Auge fällt, ist, dass solche Arten, Kunst zu erschaffen, nicht unbedingt das sind, was man unter besonders nachhaltig verstehen würde. Es gibt Einweg-Plastikbecher, Einweg-Handschuhe und generell ziemlich viel Plastik – bis hin zur Acrylfarbe, die ja am Ende auch Plastik ist.

Sonja weiß um dieses Dilemma und verwendet viele Dinge so oft wie möglich wieder, malt Leinwände immer und immer wieder über, anstatt sie wegzuwerfen und geht generell achtsam mit ihren Ressourcen um. “Aber ich muss malen!”, sagt sie. Da führt kein Weg dran vorbei.

Ich kenne diese Sehnsucht und dieses Ziehen und das Wissen, dass nur genau dieser eine Weg der richtige ist, um mich auszudrücken, extrem gut (bei mir sind es eben die geschriebenen Worte) und wer wäre man, jemandem daraus einen Vorwurf zu machen?



Ich thematisiere diesen Aspekt kurz in meinen Insta-Stories und bekomme eine spannende Nachricht von einer Leserin:

“Hallo, ich habe als Kunstpädagogin und Kreativmensch mir auch ziemlich Gedanken gemacht über Kunst und deren nachhaltige Umsetzung. Ich schreibe gerade auch an einem Buch zum Thema Zero Waste Selber machen (kommt im Januar). Long story short: Acrylfarben sind im Kunst- und DIY- Bereich nicht tot zu kriegen und haben durch Preis und Eigenschaften eine besondere Qualität. Ich selbst habe auch noch Farben, kaufe neu aber nur noch gebraucht. Wichtig ist, die Farben richtig zu entsorgen und die Pinsel nicht achtlos auszuwaschen. Im Kunstatelier gibt es Sickerbecken, bei der sich der Kunststoffanteil der Farbe absetzt und weggeworfen werden kann, sodass nur ein kleines Maß an Mikroplastik in den Wasserkreislauf geht. Toll wäre, wenn heimische Bastler und Maler ihre Pinsel 1. Grob vorreinigen mit einem Tuch o.ä. 2. Pinsel in einer Schüssel reinigen. 3. Anwasser stehen lassen, bis sich der Kunststoffamteil absenkt. 4. Wasser vorsichtig abgießen und Kunststofftückstände im Restmüll entsorgen.”


Es geht Schritt für Schritt vorwärts

Nachhaltigkeit ist ein Prozess, auf allen Ebenen.

Das ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Einsichten, die ich in den vergangenen Jahren gewonnen habe – sowohl privat als auch, was übergeordnete Systeme anbelangt. Mit dem Brecheisen geht es selten im wahrsten Wortsinne nachhaltig vorwärts.

In der Lübecker Bucht gibt es viele Dinge, die nicht unbedingt nachhaltig sind – genauso, wie das an vielen Tourist*innen-Gebieten der Fall ist.



Doch man spürt die Verbundenheit der Menschen mit dem Meer, sieht an vielen Ecken kleine Hinweise, sorgsam mit dem Wasser und der Umwelt generell umzugehen. Und obwohl ich Vegan immer noch erklären muss, erfahren wir in den Gesprächen, die wir im Laufe der wenigen Urlaubstage führen, dass das Interesse und das Bewusstsein da sind, Dinge sich verändern. Ein bisschen langsamer zwar als in Berlin und Hamburg und Münster, aber es geht vorwärts.

Wir haben bei unserem Besuch in Grömitz und Neustadt in Holstein die “Naturpackung” bekommen, wie Dodo von der Tourismusagentur Lübecker Bucht meint – und diese Packung hat mir außerordentlich gut gefallen und mir vor Augen geführt: Wenn man die erste Reihe (also: ganz vorne am Strand, vor allem im Sommer) verlässt und sich in die zweite begibt (wie das die Einheimischen hier ganz gerne machen, meint Axel von der Sternenwanderung), kann man viele, viele ruhige Orte entdecken und Menschen, die sich diesen Lebensraum bewusst zum kreativen und nachhaltigen Arbeiten und Leben ausgesucht haben.

Ich fahre mit dem Gefühl, dass es noch viel zu entdecken gibt zwischen Strand, Meer, Wald und kleinen Gassen in Grömitz und Neustadt.

Besonders vermissen werde ich die langen Spaziergänge am Meer. 


Noch mehr Tipps für Grömitz und Umgebung:

  • Der Klabautermann an der Strandpromenade hat 1-2 vegane Gerichte auf der Karte. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs: mediterrane Gemüsekartoffel mit Sojasahne.
  • Die Keramikscheune klingt beim Vorbeifahren sehr spannend!
  • Das Spielecafé in Lenste hat viele Spiele für Groß und Klein und ein paar biovegane Speisen zu bieten.
  • Das Haus der Natur in Cismar soll nach Angaben der Einheimischen ein sehr liebevoll geführtes Museum für heimische Flora und Fauna sein.
  • Etwa eine halbstündige Autofahrt von Grömitz entfernt liegt Heiligenhafen – hier liegt das Naturschutzgebiet Graswarder/Heiligenhafen.

Noch mehr Tipps für Neustadt in Holstein:

  • Die Töpferei in Neustadt soll urig und gemütlich sein (und ich ärgere mich ein bisschen, keine Zeit zum Vorbeischauen gehabt zu haben).
  • Sonja empfiehlt uns als Futterlokalitäten Klüver’s Brauhaus und Krabbes Restaurant, ist sich da aber nicht sicher, wie es mit dem veganen Angebot ausschaut, weil beide Häuser doch sehr auf Sea Food spezialisiert sind.
  • Die Strandcreperie in Scharbeutz soll ein sehr liebevoll geführtes Lokal mit gemütlicher Atmosphäre sein und extrem viele Crépe-Versionen haben (sogar einige vegane Varianten). Außerdem stehen im Winter frische gekochte Suppen und im Sommer Salate im Vordergrund.
  • Das BUND Umwelthaus Neustädter Bucht ist eine Bildungseinrichtung für Nachhaltigkeit mit vielen Veranstaltungen und Übernachtungsmöglichkeiten für Groß und Klein.
  • Die Gutsgärtnerei Sierhagen steht seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz – hier kann man spazieren gehen, die Pflanzen und im Garten verteilten Skulpturen genießen. Und danach einen Abstecher ins Palmenhaus Café machen. Leider gibt es keine veganen Kuchen auf der Speisekarte – das sei einmal eingeführt, aber nicht genug nachgefragt worden.
  • In der Kleinen Sternwarte werden die Sterne für alle zugänglich gemacht und astronomisches Wissen für interessierte Laien vermittelt.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Wenn ich das lese und sehe könnte ich glatt schon wieder meine Sachen packen und nach Grömitz fahren. So tolle Bilder und Texte! Ich fahre zwar schon seit meiner Kindheit dorthin, aber nach deinem Blogpost stelle ich fest, dass ich noch viel mehr dort entdecken will. Danke für die schönen Tips und liebste Grüße aus Hamburg! Franzi

Liebe Franzi,
das freut mich außerordentlich!
Vielen Dank dir für das schöne Feedback – ich habe auch den Eindruck, dass die Lübecker Bucht sich immer und immer wieder lohnt. Es wird definitiv nicht mein letztes Mal gewesen sein. 🙂

ich wünsche dir jetzt schonmal viel Freude beim Planen!

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni,
vielen Dank für diesen wundervoll ausführlichen Text!
Ich bereue es kein bisschen mir diesen Text fürs Wochenende aufgehoben zu haben und mir Ruhe und Zeit geschaffen habe. Auch wenn ich selbst nicht dort war, hatte einfach nur das lesen schon was entspannendes und etwas von Urlaub.
Ich denke sollte ich mal wieder überlegen, wo hin im Herbst oder Frühling werde ich mich daran erinnern

Liebe Anna,
ich danke dir für dein wunderbares Feedback – es freut mich ganz außerordentlich, dass das Lesen sich allein schon ein bisschen angefühlt hat wie Urlaub. Dann habe ich alles richtig gemacht. 🙂
Ich hatte es auch vollkommen unterschätzt, wie schön Reisen im Herbst und Frühling sein kann, vor allem ans Meer. Da war diese Reise jetzt wirklich ein Augenöffner und gerade diese Region werde ich mir sehr gut merken für zukünftige Ausflüge.

Liebe Grüße an dich und viel Freude bei der Reiseplanung!
Jenni