Als ich meiner Familie im Gruppentelefonat eröffne, dass ich und mein langjähriger Partner nicht an Weihnachten, wie das sonst normalerweise der Fall ist, “nach Hause” fahren werden, herrscht sekundenlanges, dröhnendes Schweigen in der Leitung, bis eine meiner Schwestern sagt: Schade. Das Wort klingt wie ausgestoßen und der Schmerz liegt in dem Nichtgesagten davor. Am anderen Ende der Dreierleitung beiße ich mir auf die Unterlippe und bin froh, dass wir keine Videokonferenz führen. Wir suchen sofort nach Lösungen und sagen: Aber dann können wir das ja nachholen, irgendwann. Ja, sage ich, irgendwann. Wenn die Zahlen, eine Gratlinie, so viel beschworen derzeit, dass sie an eine Zauberformel erinnert, wenn die Zahlen runtergegangen sein werden. 

Wir sprechen viel im Konjunktiv derzeit, hätte, könnte, würden wir machen und in zusammengesetzen Zukunftsformen, werden wir gemacht haben – wenn alles wieder besser ist. Die Hoffnung tritt in der scheinbaren Gegenwartsform unausweichlich roh zutage: Wenn alles wieder besser ist. Wir wissen nicht, wann, aber es wird besser werden. Wir sind überzeugt. 

Vielleicht auch mit der beglückenswert naiven Sichtweise derer, die es noch nicht so schwer getroffen hat in diesem Jahr. Wir, die wir arbeiten gehen, haben noch unsere Jobs, wobei das Zittern größer geworden ist. Wir wohnen warm, sauber und sicher, wobei es Entwurzelungen in Form von Umzügen und erfolglosen Neueinlebungsversuchen aufgrund mehrerer Lockdowns gab, die Narben hinterlassen werden. Uns geht es gut, versichern wir uns fast jeden Tag und wissen, das stimmt, aber auch nicht vollständig: Wir leiden vor allem mental, wie viele Millionen Menschen mit uns. Dass es allen zumindest nicht gut geht derzeit bis auf wenige Ausnahmen, ist tröstlich, aber nur bedingt, wenn die Kommunikation auf digitale Autobahnen eingeschränkt ist. Einige aus meinem engeren Kreis sind 2020 erstmals in Therapie gegangen, fast alle denken ernsthaft drüber nach. 2021 werde ich mich um mich selbst kümmern und mir eine Therapie schenken, sofern ich eine finde, die übernommen wird von der Krankenkasse. Der Tab auf meinem Handy ist dauerhaft offen, ich muss mich nur noch überwinden, anzurufen und die wahrscheinlich 6 Monate+ Wartezeit in Kauf nehmen. Aber besser jetzt – wer weiß, wann es wieder schlimmer wird mit der inneren Bedrängnis? 

Ich kenne es von mir, es ist mein Leben lang ein Auf und Ab gewesen, das Glas tendenziell eher halb leer als halb voll, aber immerhin ist immer was drin gewesen. Das ist mehr als viele Menschen von sich behaupten können, vor allem nach diesem Pandemie-Jahr. Ich bin dankbar, zusammengefasst. Ich komme gut durch, bisher habe ich niemanden wegen Covid-19 zu Grabe tragen müssen. Auch mehr, als viele von sich behaupten können in diesem Jahr. 

Aber ich bin müde, so unfassbar müde. Ich wusste bis vor ein paar Wochen nicht, dass es diesen Zustand gibt: Wie in Watte und Blei zugleich. Träume sind intensiv, auch wenn ich mich beim Aufwachen nicht mehr daran erinnere, und ich erwache mit einem tiefen Atemzug, als würde ich gerade eine Wasseroberfläche durchbrechen. So fühle ich mich nach jeder Nacht: ausgeworfen in eine Realität, die eigentlich keine sein sollte. 

Die ersten Jahresrückblicke werden angekündigt im Fernsehen und auf Social Media kursieren Memes: Der März steht bald schon wieder vor der Tür und ich habe es noch nicht hinbekommen, den letzten März zu verarbeiten. Geschweige denn das, was danach alles passiert ist. Mein Gehirn signalisiert konstante Überforderung in ausgedehnten Schlafphasen und latent im Hintergrund hämmernden Kofpschmerzen, diagnostiziere ich mir laienhaft selbst. Kleinigkeiten wie liebevoll eingepackte Geschenke an mich selbst auszupacken, überfordern mich und ich spiele minutenlang mit den Jutebandschleifen. Mir Geschenke für die Lieben einfallen zu lassen – reden wir nicht davon. Jede Entscheidung, die ich in diesen Tagen treffen muss, ist eine zuviel und wenn es nur die Frage nach dem Abendessen ist.

Dabei ist ja eigentlich alles gut bei mir, denke ich, wenn ich über die Nachrichten von Intensivstationen am Limit und Moria 2.0 scrolle. Es ist alles gut in meinem kleinen Universum, in die sichere Kapsel, in die ich mich wochen- und monatelang zurückziehen kann, auch wenn sich die abgeschnittenen Sozialantennen schmerzhaft blutig anfühlen. Es könnte mich in Sicherheit wiegen, aber das tut es nicht, ich weiß zu viel darüber, dass ich und wir einfach nur Glück gehabt haben und gewisse Dinge nur eine Frage der Zeit sind. Abgesehen davon, wie kleinlich-bourgeoisisch wäre der ausschließliche Fokus auf die eigenen vier Wände, wenn draußen die Hölle wütet? Die Grenze zu ziehen zwischen gesundem Abgrenzen des Selbstschutzes wegen und dem solidarischen Teilhaben und Aktivwerden innerhalb der engen Möglichkeiten, die bleiben, ist schwieriger denn je geworden. Ich höre oft meinem eigenen Atem zu derzeit und liege auf der Brust lieber Menschen, in denen Herzen verlässlich schlagend ihre Arbeit verrichten. 

Tränen sind wenig geweint worden in 2020 und ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass ich nichts zu betrauern hätte. Brach liegende emotionale Schlachtfelder sind hinter gut gesicherten Türen verwahrt, denn zur Wahrheit gehört auch, dass ich mir bei allem Privileg den Totalausfall, der nötig wäre, nicht leisten kann. Trotzdem zu funktionieren, manchmal kriechend von Tag zu Tag, obwohl alles dagegen rebelliert, verbuche ich als mein persönliches Überleben in diesem Jahr, denn irgendwie muss es weitergehen, irgendwo muss das Geld herkommen. Generational bedingter Pragmatismus der Frauen in meiner Familie findet sich auch bei mir: Anpacken, zurückstellen, machen, was zu machen ist, dann sehen wir weiter. Langfristig gesehen nicht immer die gesündeste Strategie.

Nach Pflanzen- und Büchershopping-Orgien bestelle ich mir zwei festliche Kleider, die der häuslichen Isolation maximal unangemessen sind und nichts weniger als die Hoffnung auf ferne Abende unter wohltemperiert gelaunten Menschen in sich tragen. Noch so ein Privileg. Der zweite Eskapismus beschert mir im Frühjahr direkt nach dem Ausbruch der Pandemie eine entzündete Achillessehne, meine Lauf-App feiert mich für meine neue Motivation und ich denke, falsch meine Liebe, das ist Wegrennen. Oder vielleicht eher: ein Rennen im Kreis. Das orientierungslose Hamsterradbetreiben der vollkommenen Überforderung.

Es ist das Ende eines Jahres, vor dem gewarnt wurde, wenn man hingehört hätte. Eines Jahres voller Fehler, Lernen, hitzigen Diskussionen, Kleinkriege online wie offline und fast immer steht die Frage um Leben und Tod im Mittelpunkt. 2020 hat sich wie wenige Jahre vor ihm so angefühlt, als säße man gleichzeitig auf der Zuschauer*innen-Tribüne und beobachte das Spektakel, jeder Regung vollkommen unfähig und als wäre mensch wiederum mittendrin. Als schwärmte ununterbrochen ein kreischender Sturm widersprüchlicher Meinungen und solche, die es gerne sein möchten, um einen herum und jede versucht entweder meine Aufmerksamkeit zu erheischen oder mich niederzubrüllen. Wage es nicht, den Mund aufzumachen, linksgrünversiffte Frau. Du wirst sehen, was mit dir und Deinesgleichen passiert, wenn wieder Ordnung hergestellt ist, tönt es aus dem Gewirr in meine Inboxen und es beeindruckt mich nicht auf individueller, wohl aber auf gesellschaftlicher Ebene. Warum wünschen wir einander den Tod und Schlimmeres? Ist das die Zivilisation, von der alle reden? Mehr denn je beschäftigt mich die Frage nach meiner eigenen Rolle in dem Ganzen und wie ich Gutes tun kann, ohne Energie nutzlos zu verpulvern. Gerade jetzt, wo alles so drängend und die Reserven so begrenzt scheinen. Manchmal stehe ich im Raum und atme. 

Wenn ich diesem Jahr einen Buchtitel geben könnte, ich würde es Das Jahr des Schmerzes nennen. Untertitel: Wie der globale Norden seine Verletzlichkeit erkannte. Bezeichnend neben allem individuell und kollektiv erlebten Schmerzlichen die Arroganz, nicht von asiatischen und afrikanischen Ländern mit ausreichend Epidemie-Erfahrung lernen zu wollen. Bezeichnend auch das Starren auf eventuell katastrophale Entwicklungen in Subsahara-Afrika, von dort ist man Leid und Elend gewöhnt, man wettet auf massenhaft Tote durch Corona. Der Bundesgesundheitsminister zeigt sich überrascht, weil in Ghana neueste Technologie zur Seuchenbekämpfung eingesetzt wird, die zwar in Deutschland entwickelt sei, hier aber nicht genutzt werde. Warum, weiß niemand. Wenn es schmerzt, kulturell, gesellschaftlich und individuell, dann bisher immer woanders. Und wenn es seit langem erstmals hier schmerzt bis an die Lebensgrenze und darüber hinaus, dann muss es woanders schlimmer sein als hier, ein ungeschriebenes Naturgesetz. Aber #BLM und so. 

Bezeichnend auch die Symptombekämpfung anstelle der Wurzelsuche: Alle Hoffnungen, meine inklusive, ruhen auf den Impfstoffen. Berechtigterweise, das Sterben muss so schnell wie möglich aufgehalten werden. Nichts, worüber zu diskutieren wäre. Der Eindruck hingegen bleibt: Wenn alle geimpft sind, kann es weitergehen wie gehabt. Zurück zur neuen Normalität, die der alten verblüffend ähneln wird. Forderungen nach systemischer Transformationen verhallen weitgehend ungehört im Chaos der Alltäglichkeiten, dabei wird auch dieses Möglichkeitsfenster zunehmend kleiner, vor allem, wenn es um die Klimakrise geht. Ein Momentum, verkündeten die Zeitungen anfangs. Ungenutzt, könnte man nun hinterherschieben, wenn Dinosaurier-Systeme künstlich am Leben erhalten werden, über deren Schädlichkeit für die Vielen eigentlich nicht mehr zu diskutieren wäre.

Zu befürchten ist das: Die Wenigen, denen der Status Quo gut gefällt, wollen wieder zu ihm zurück und nehmen jeden Weg dafür in Kauf. Den Vielen, denen es schlechter geht als vorher, ist ihre prekäre und ungleichberechtigte Situation klarer denn je. Doch die meisten sind müde vom jahrelangen Kämpfen, das 2020 eine vorübergehende Klimax erreicht hat. Eine der wichtigsten Fragen im neuen Jahr auch diese: Wie organisieren wir uns? Direkt danach: Wie bleiben wir ausdauernd? Hoffnungen auf neue Antworten zu alten Problemen sind so krachend gescheitert wie das System selbst, das uns diese Pandemie erst eingebrockt hat und im Anschluss nicht in der Lage war, die Menschen vor dem massenhaften Sterben zu bewahren. 

Und dennoch ist Hoffnung alles, was bleibt für ein neues Jahr, das nicht durch Vorsätze blankoseiten-imaginiert werden kann: Es wird weitergehen. Eine gleichzeitig beruhigende wie beunruhigende Nachricht. Die Realität wird weitergehen, die nicht sein sollte. Doch auch die möglichen Zukünfte, die noch geträumt werden, werden weiter geträumt und ausgebaut, in Experimenten zum Anfassen und Gedankengebäuden, die der Wirklichkeitswerdung harren. 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Hallo Jenni,

Ein schöner Artikel.
Ich denke, dass Corona aktuell vielen ja auch psychisch das Leben schwer macht. Zunehmende Depressionen, die soziale OIsolation ist dabei auch nicht gerade hilfreich.
Da kann es schon sinnvoll sein sich professionelle Hilfe zu suchen. Andererseits, ich kann sagen vor Ort in den Krankenhäusern, wir arbeiten an unseren Belastungsgrenzen.
Und da habe ich auch schon einige sterben sehen durch Covid.
Es ist aktuell so hart wie noch nie.
Das können sich all die Querdenker in ihren Demos nicht vorstellen.
Im Gegenteil, all jene die sich mit löchern Maske präsentieren wie manche Afd Politiker, sind eine Gefahr für andere.
Ja, das nagt an der Psyche.
Ob der Impfstoff die Lösung ist, nur wenn sich genug impfen lassen. Andererseits gibt es jetzt schon neue Mutationen von COVID-19.
Es wird auch 2021 nicht vorbei sein.
In dem Sinne ist es wichtig sich gerade wenn es einem psychisch schlecht geht Hilfe zu suchen. Und Anrufe nicht hinaus zu zögern, auch wenn Wartelisten damit verbunden sind.

Liebe Martina,

ich danke dir für den ehrlichen Einblick – ich kann mir das wahrscheinlich auch gar nicht vorstellen, was das für eine Belastung sein muss, jedenfalls nehme ich das nicht für mich in Anspruch. Jemand wie ich kann nur entsetzt auf Zahlen und Bilder starren und hoffen, dass die Menschen sich verantwortlich verhalten, damit das Sterben hoffentlich bald aufhört. Ich wünsche es uns allen. Danke an der Stelle auch für die unwahrscheinliche Arbeit, die ihr in den Krankenhäusern leistet (auch, wenn das natürlich wenig an der tatsächlichen Situation ändert).

Deinen Appell, sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern, kann ich nur unterschreiben und du hast sicher recht: Besser so schnell wie möglich als diese Dinge auch wieder hinauszuzögern.

Ich hoffe, es geht dir gut und sende liebe Grüße!
Jenni

Hallo Jenni,
 
danke für deine lieben Worte.
Mir und meinen Liebsten geht es gut, danke dir. Ich hoffe, dir geht es auch gut.
Das glaube ich. Sicher können wir vor Ort nicht viel ändern. Nur versuchen den Menschen zu helfen, soweit es in
unserer Macht steht.
Besonders jetzt ist es wichtig, dass wir vernünftig und verantwortungsvoll handeln.
Denn es geht nicht nur um uns selbst, sondern um jeden um uns herum.
Und dazu gehört für mich auch der Blick auf sich selbst und seine psychische Konstitution.
Denn besonders jetzt wo wir uns in Social Distancing üben müssen und so manchen Ungewissheiten gegenüber stehen,
ist nicht nur unsere körperliche, sondern auch unsere psychische Gesundheit wichtig.
Ich bin gewiss kein Fachmensch auf diesem Gebiet, denn in meinem Fernstudium in Psychologie habe ich noch einiges zu lernen.
Doch ich finde deinen Hinweis auf genau diesen Aspekt in deinem Artikel sehr wertvoll.

Liebe Grüße an dich!

Liebe Jenni,
Du sprichst mir aus der Seele. Herzlichen Dank für diesen Artikel und das Allerbeste für dich, deine Lieben und uns alle für die kommenden Weihnachtstage und 2021! 🍀🍀🍀🎶🕊️🕯️☮️💖
Herzliche Grüße
“Benita”

Liebe “Benita”,
ich danke dir für die lieben Worte und die guten Wünsche, die ich dir nur zurückgeben kann. Möge das kommende Jahr ein besseres werden!

Liebe Grüße an dich!
Jenni

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