Ich weiß nicht so genau, wie ich diesen Text anfangen soll. Vielleicht mit einer Feststellung: Seitdem ich mich mit Systemkritik befasse, geht es mir mental besser. Im Folgenden möchte ich ein paar mehr oder weniger sortierte Überlegungen dazu anstellen, warum das so sein könnte. 

Vor einigen Monaten habe ich bereits geschrieben, dass eine meiner wertvollsten Erkenntnisse der letzten Jahre diese war: Als Individuum bin ich nicht für alles Unheil dieser Welt verantwortlich und muss mich auch nicht dafür geißeln, wenn ich nicht perfekt nachhaltig, sozial und generationengerecht lebe – aus dem schlichten Grund, dass es innerhalb des Systems, in dem ich mich bewegen muss, nicht möglich ist.

Solange das gesamte Leben innerhalb der Gesellschaft wesentlich auf fossilen Energien und kolonialen Strukturen beruht, bleibt mir theoretisch nur die berühmte Hütte im Wald, wenn ich es wirklich konsequent richtig machen will mit dem ökofairen Leben. Gut für meine mentale Gesundheit wäre das aber wohl eher nicht.

Die letzten zwei Jahre, aber 2020 im Besonderen, haben mich radikalisiert. Auf die gute Art, wie ich finde. Anstatt dass ich mir zusätzlich zu den Herausforderungen, die das Leben in einer Pandemie mit sich bringen, darüber den Kopf zerbreche, warum ich denn jetzt schon wieder versagt und den Tofu in der Plastikverpackung oder eine Pflanze gekauft habe, von der ich mit Sicherheit weiß, dass sie mit Pestiziden behandelt sein wird, frage ich mich Dinge wie: Warum sind der plastikfreie Tofu und die pestizidfreie Zimmerpflanze eigentlich kein Standard? Warum ist die unnachhaltigste und unfairste Version, die man sich denken kann, in den allermeisten Fällen, in denen wir Konsumentscheidungen treffen, normal? Und warum ist es eigentlich meine alleinige Verantwortung, daran etwas zu ändern und bescheid zu wissen über die ganzen Prozesse, die dahinterstecken? Warum müssen Menschen, die an der Armutsgrenze oder darunter leben, die Last der Schuld tragen, wenn sie keine Entscheidungen treffen können, die mit ihren Idealen übereinstimmen? 

Und halt, Moment mal: Wer sind eigentlich die mit dem höchsten Emissions-Ausstoß? Das sind in erster Linie Unternehmen (71% der weltweit emittierten Emissionen gehen auf das Konto von 100 Firmen) und sehr reiche Menschen (1% der Weltbevölkerung schaden dem Klima fast genauso viel wie die ärmere Hälfte). 

In diesem Jahr habe ich den Black Friday daher zum Anlass genommen, um auf Instagram zu betonen, dass gegenseitiges Shaming uns nicht weiterbringt. Warum ist unsere einzige Antwort auf alles, sogar auf die öko-soziale Transformation, erstmal: “Konsum”? Weil diese Antwort die einzig logische ist, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten.

Wenn wir uns nur damit beschäftigen, wie wir unseren eigenen kleinen Kosmos vermeintlich nachhaltig gestalten können und gleichzeitig sozialen Druck nach den Seiten und vor allem nach unten aufbauen, indem wir andere shamen, die sich scheinbar ignorant klimaschädlich verhalten, vergessen wir, den Blick nach oben zu richten und uns mit denen zu beschäftigen, die in überproportionalem Maße für die Erderhitzung verantwortlich sind. Wir vergessen, uns zusammenzuschließen und bleiben in genau dem System stecken, welches uns das ganze Problem (und mehr) überhaupt einbrockt hat – nur grün angemalt.

Mit Systemkritik geht es mir mental besser 

Seitdem ich das begriffen habe, geht es mir mental deutlich besser. Denn wir shamen uns ja nicht nur gegenseitig, sondern vor allem auch gerne mal uns selbst. Indem wir Anforderungen an uns stellen, die manchmal einfach nicht erreichbar sind – sei es aus Zeit-, Geld oder einer anderen Form des Mangels – setzen wir uns einem ständigen Druck aus, besser zu werden, noch nachhaltiger zu performen. Und maßregeln uns in Gedanken, wenn es dann doch wieder nicht so geklappt hat, wie es eigentlich perfekt wäre. Jedenfalls geht es mir immer noch oft so. 

Aber ich bin sanfter zu mir geworden – das ist sicherlich der richtige Begriff. Nachsichtiger. Das alles bedeutet ja weder, dass unsere individuellen Anstrengungen nutzlos sind (man schaue auf den Vegan-Boom der letzten Jahre) noch, dass ich jetzt alles schleifen lassen kann: Macht ja doch keinen Unterschied. Natürlich macht es einen Unterschied. Nur unter Umständen nicht den, den wir uns – vielleicht auch manchmal ein wenig größenwahnsinnig – zuschreiben. Wie wichtig sind wir, dass wir glauben, wir könnten mit einer Kaufentscheidung die Welt retten? Wie wichtig, dass wir glauben, mit einer falschen würde sie untergehen? 

Unter anderem für unser Buch “Great Green Thinking”, das ich mit der Journalistin Milena Zwerenz zusammen geschrieben habe, durfte ich in den letzten Wochen und Monaten mit vielen verschiedenen Menschen sprechen  – und der Verdacht hat sich bestätigt: So richtig erreichen werden wir erst etwas, wenn wir uns zusammenschließen, politisch engagieren und zivilgesellschaftlich auch über unseren Einkaufswagen hinaus Druck machen. Bevor wir das Kartoffelbeet anpflanzen, sollten wir uns lieber politisch engagieren, meint eine Interviewpartnerin über Zoom zu mir und ich denke: Recht hat sie. 

Man kann natürlich auch beides parallel machen, aber am Ende geht es vor allem um eines: Energie und den klugen Einsatz derselben. Wir alle haben nur begrenzt davon, die einen mehr, die anderen weniger. Ich selbst habe gemerkt, dass Detailentscheidungen im Alltag natürlich auch wichtig für das große Ganze sind, in der Masse aber schnell dazu führen können, dass ich mich überfordert und ausgelaugt fühle.

Sich vermehrt auch auf die Wurzeln des Übels zu konzentrieren (Kapitalismus, Patriarchat, Weiße Vorherrschaft) und zu erkennen, welche Dinge wie miteinander zusammenhängen und was man also an den Grundfesten ändern müsste, hat mir sehr geholfen, netter zu mir zu sein. Natürlich wird man auch den System Change nicht über Nacht erreichen, vielleicht wäre das auch eher schädlich denn nützlich. Dennoch ist es eine gute Idee, einen Plan zu haben, wo man für alle gerne hinmöchte – und sich dann zu überlegen, wie man gemeinsam dorthin kommt. Das Schicksal der Welt wird sich eher in Gesetzestexten als in meinem Warenkorb am 1. Dezember um 13:32 Uhr entscheiden. Aus dieser Perspektive sparen Systemkritik und systemisches Denken viel (mentale) Energie, die ich im nächsten Jahr (so die Lage es zulässt) dafür nutzen möchte, mich in einem Verein, einer Organisation oder Partei zu engagieren. 

Gerade die Corona-Pandemie hat (hoffentlich) allen überdeutlich gezeigt, was alles im Argen liegt: systemrelevante Berufe werden mit ein bisschen Applaus vom Balkon honoriert. Es wird ernsthaft darüber diskutiert, Risikopatient*innen einzusperren, damit andere ihr “normales Leben” wieder aufnehmen können. Sterbende Systeme werden mit Millionen-Subventionen künstlich am Leben erhalten. Während Kleinunternehmen und Selbstständige noch mehr um ihre finanzielle Sicherheit bangen müssen als ohnehin schon, verdient Amazon-Chef Jeff Bezos sich gerade eine noch goldenere Nase als sonst. Auf keinen Fall aber darf die Wirtschaft runterfahren, auch wenn man damit riskiert, dass noch mehr Menschen sich anstecken und in der Folge sterben werden. Weihnachten muss unbedingt unter gelockerten Bedingungen verbracht werden, auch wenn das Virus sicherlich keine Pause machen wird. Kapitalismus vor Menschenleben – wenn wir vorher nicht gesehen haben, dass die Losung des aktuellen Systems so lautet, sehen wir es hoffentlich jetzt. Und engagieren uns für einen Wandel über den Kassenzettel hinaus.

Was, wie gesagt, natürlich keine Ausrede zum Zurücklehnen ist: Wenn man die Möglichkeit hat, sollte man natürlich immer die möglichst ökologische und faire Alternative wählen. In dem Beitrag geht es mir vor allem um den teilweise ungesunden Perfektionismus, der gerade in der nachhaltigen Bubble oft zu beobachten ist. 

— Outfit-Details: —

Pullover: Brava Fabrics

Hose: Brava Fabrics 

Schuhe: Second Hand, Dr. Martens 

Gürtel: Second Hand

Kette: Warrior by Naomi 

 

 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

[…] also dezidiert in den Mittelpunkt stellt, und das ist (leider) nicht selbstverständlich, ist die institutionelle und systemische Ebene, auf der Veränderung passieren muss – der Einkaufszettel zählt auch, ist aber nur ein kleiner Teil eines großen […]

[…] Jedenfalls hat es eine Weile gedauert, bis Second Hand, Vintage und Upcycling für mich die Aura des Muffigen und Unattraktiven abgelegt haben – und ich in der Lage war, so etwas wie Schönheit nicht nur mit den Stücken an sich, sondern auch mit dem Respekt, der in dieser Form des Konsumierens liegt, zu verbinden. Etwas Second Hand zu kaufen oder zu tauschen, ist ein Feiern der Langsamkeit und menschlicher Schöpfungskraft – wenn man es bewusst und mit der freien Wahl tun kann. Ich bin sehr glücklich und dankbar, das heute genießen und gebrauchte Stücke mit Stolz und nicht mit Scham tragen zu können. Und wünsche mir nichts weniger, als dass das für alle Menschen gelten möge.  […]

[…] alle reden? Mehr denn je beschäftigt mich die Frage nach meiner eigenen Rolle in dem Ganzen und wie ich Gutes tun kann, ohne Energie nutzlos zu verpulvern. Gerade jetzt, wo alles so drängend und die Reserven so begrenzt scheinen. Manchmal stehe ich im […]

Liebe Jenni,

danke für diesen Beitrag, der gerade so einige Synapsen von mir in Bewegung gesetzt hat und vermischt mit anderen Gedanken in der nächsten Zeit in mir arbeiten wird.

Manchmal kann es sich ganz schön überfordernd anfühlen, wenn man sich dafür einsetzten möchte, diese Welt in die richtige Richtung zu bewegen. Weil man sich auch so leicht in den vielen herumschwirrenden Lösungsansätzen verlieren kann, wenn man nur dieses oder jenes möglichst perfekt macht, wird alles gut.

Andere bei dem Manövrieren durch diese Erfahrungen zu begleiten und beobachten hilft zum einen dabei, sich mit Überforderung weniger allein zu fühlen. Aber auch, sich gegenseitig Gedankenanstöße zu zuwerfen und weiterzuentwickeln.

Systemkritik ist größer als wir selbst. Und vielleicht müssen wir lernen, unseren Beitrag zu leisten ohne direkt Ergebnisse zu erwarten. Weil manche Dinge wie eben Systemveränderung sehr behäbig sind. Nichtsdestotrotz ist jeder Input ein Anschub bis der große Brocken irgendwann ins Rollen Kommt. So ähnlich dem Stichwort steter Tropfen höhlt den Stein. Quasi bedingungsloser Aktivismus ohne Erwartung, dass etwas direkt zurück kommt, sonder weil es das richtige ist.

Soviel zu meinen sehr impulsiven ersten Gedanken nach dem Lesen deiner Zeilen.

Danke fürs Teilen!

Liebe Denise,

ich danke dir für deine Gedanken und kann sie gut nachvollziehen: Mir geht es genauso, dass ich meine eigenen Gefühle und Gedanken besser einordnen kann, wenn ich diejenigen von anderen lese. Es ist sowohl ein Besser-Klarwerden als auch natürlich ein Ergänzen und oft auch ein Korrigieren, jedenfalls oft ein Weiterentwickeln und das fühlt sich gut an.

Ich glaube auch, dass die intrinsische Motivation, die du ansprichst, ganz wesentlich ist, um langfristig dranzubleiben und weiterzumachen. Man muss sich bewusst machen, dass die meisten Ziele sehr weit weg liegen und der Weg ein anstrengender ist. Umso wichtiger ist, mit den eigenen Ressourcen zu haushalten, jedenfalls ist das in den letzten Jahren und Monaten eine sehr wichtige Erkenntnis von mir gewesen.

Liebe Grüße in die neue Woche!
Jenni

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