Anzeige / Von Second Hand, geteilten Kleiderschränken und Winter-Wildling-Liebe

  /  
30. Dezember 2020

Von einem Privileg

Second Hand habe ich lange mit einem muffigen Geruch in abgelegenen Läden mit unästhetischen Schaufenstern und schlecht designten Flyern verbunden. Zwischen den überfüllten Kleiderstangen musste man stundenlang suchen, um etwas halbwegs Schönes zu finden. Und man suchte mit einem Gefühl: Scham. 

Second Hand und Vintage waren lange nicht so hip wie heute und ich erinnere mich gut daran, abgetragene Sachen von meiner älteren Cousine anziehen zu müssen, neben den (ebenfalls unästhetischen) Kleidern aus dem Billigmode-Katalog für Jugendliche. Das war nicht ich, diese Kleidungswahl war nicht die meine, es hafteten Vorstellungen, Lebensfetzen und Gerüche anderer Menschen an den Textilien.

Modischer Geschmack war lange etwas, das ich mir nicht leisten konnte: Ich musste nehmen, was da war. Kleidung hatte bis lange nach meinem ersten “richtigen” selbst verdienten Geld nur funktionale Qualitäten für mich. Über Nachhaltigkeit habe ich mir gar keine Gedanken gemacht, viel eher ab einem bestimmten Alter über die Reaktionen meines Umfeldes, denen die offensichtlichen Geschmacksverirrungen erwartbare Kommentare entlockten. Ich glaube, das geht immer noch vielen Kindern und Heranwachsenden so, deswegen möchte ich zu Anfang dieses Artikels betonen, dass meine heutige Schwärmerei für Second Hand und eine lange Nutzung von dem, was bereits da ist, nur vor dem Hintergrund dessen passieren kann, eine Wahl zu haben: Ich kann mich aktiv für die nachhaltigere Alternative entscheiden und das gute Gefühl dabei genießen. Das können viele Menschen nicht und es ist wichtig, das zu sehen. 

Das Feiern der Langsamkeit 

Ich glaube, meine persönliche Geschichte ist auch der Grund, weshalb ich etwas länger als andere Menschen aus der nachhaltigen Bubble gezögert habe, verstärkt auf Second Hand und Kleidertausch sowie andere Optionen zu setzen, bei denen bereits Gebrauchtes zirkuliert. Fair Fashion hat für mich lange insbesondere neue Ware bedeutet. Zwar wenig und ausgesucht, aber überwiegend neu. Das ist natürlich auch ein wichtiger Zugang und man kann in seiner Relevanz beides nicht gegeneinander ausspielen: faire und nachhaltige Labels zu unterstützen auf dem Weg in ein neues Normal auf dem Textilmarkt ist genauso wichtig, wie das zu nutzen, was bereits im Ressourcenkreislauf existiert. 

Jedenfalls hat es eine Weile gedauert, bis Second Hand, Vintage und Upcycling für mich die Aura des Muffigen und Unattraktiven abgelegt haben – und ich in der Lage war, so etwas wie Schönheit nicht nur mit den Stücken an sich, sondern auch mit dem Respekt, der in dieser Form des Konsumierens liegt, zu verbinden. Etwas Second Hand zu kaufen oder zu tauschen, ist ein Feiern der Langsamkeit und menschlicher Schöpfungskraft – wenn man es bewusst und mit der freien Wahl tun kann. Ich bin sehr glücklich und dankbar, das heute genießen und gebrauchte Stücke mit Stolz und nicht mit Scham tragen zu können. Und wünsche mir nichts weniger, als dass das für alle Menschen gelten möge

Second Hand und geteilter Kleiderschrank heute

Heute schaue ich mich, wenn mir irgendwo ein Stück gefällt und nicht mehr aus dem Kopf geht, oft auf Plattformen wie Vinted (früher Kleiderkreisel) um und habe so (und über Sales von Kolleg*innen in Instagram-Stories) schon das ein oder andere heiß geliebte Teil erstanden, das seitdem meinen Kleiderschrank ergänzt. Das Leoprint-Kleid auf den Bildern habe ich beispielsweise von Lisa-Marie Rola (@maridalor) abgekauft und es ist mir ein bisschen zu groß, aber ich trage es trotzdem sehr gerne – im Winter passt ein Oversize-Pulli perfekt dazu, im Sommer ist es so ein Blickfang, dass auf der Straße manchmal Kinder mit großen Augen an mir vorbeigehen und rufen: “Was für ein schönes Kleid die Frau anhat!” und ich denke: Ja, recht hast du. Es ist wirklich wahnsinnig schön. 

Es wäre natürlich gelogen zu sagen, ich würde nun alles gebraucht kaufen, aber es ist eine Option geworden, die gleichwertig ist mit dem fairen Neukauf und ich balanciere zwischen beidem hin und her. Dazu kommt, dass ich mir mit meinem Partner mittlerweile gewissermaßen einen Kleiderschrank teile: Ich trage seine Hemden, er meine Shirts, Pullover und Jacken, um Schuhe, Schals und Hosen wird regelmäßig gekabbelt. Alles ist immer in Gebrauch – wenn ich es nicht trage, trägt er es und umgekehrt. Neue Kleidung wird nicht immer, aber sehr oft, vor dem Hintergrund ausgesucht, dass beide (wir haben praktischerweise eine ähnliche Statur) sie nutzen können.  

Eine dritte Option ist das Selbermachen: Ich habe mir vor 2 Jahren das Stricken beigebracht und jetzt, wo ich eine ungefähre Ahnung davon habe, wie viel Arbeit, Material und Zeit ein einziges Kleidungsstück in der Produktion bedeuten kann, ist der Respekt, den ich allem, was ich besitze, entgegenbringe, noch einmal auf eine ganz andere emotionale Ebene gestiegen. (Der gelbe Pullover ist made by me.) 

Materialien und Arbeit wertschätzen: Wildling und Peg And Awl

Denn auch, wenn das schwer vorstellbar ist: Der Großteil der Kleidungherstellung ist immer noch Handarbeit. Nicht immer mit Nadel und Faden, sondern mit Unterstützung von kleinen Maschinen wie der Nähmaschine, doch trotzdem: Handarbeit. Es gibt keine Kleidungsherstellung, die vollautomatisiert durch Maschinen übernommen wird. Ich glaube, es ist ganz wichtig, sich das klarzumachen. 

Oft verschwindet das Händische in der Anonymität der Masse, der Großkonzerne und der blankpolierten Filialen in den Fußgängerzonen. Faire Labels machen genau das transparent und rücken Produktion und Lieferkette in den Fokus ihrer Kommunikation: Anfang des Jahres durfte ich beispielsweise während der Entwicklung eines neuen Minimalschuhs dem Team von Wildling über die Schulter schauen – und ich habe gelernt: Hier werden kein Material, kein Schnürsenkel und keine Imprägnierung dem Zufall überlassen. Wildling als Unternehmen arbeitet maximal kund*innenorientiert und transparent – unter anderem im firmeneigenen Blogazine kann man ausführliche Berichte zu Materialherkunft, Arbeitsprozessen und aktuellem Entwicklungsstand nachlesen. 

Ich arbeite bereits seit einigen Monaten mit Wildling und trage seitdem die Minimalschuhe des deutschen Unternehmens mit Begeisterung (hier gibt es einen ersten Erfahrungsbericht). Kürzlich war die Freude groß, als die ersten Winter-Wildlinge bei mir ankamen – denn bisher hatte ich nur Sommer-Modelle und die waren nun doch etwas zu frisch geworden. 

Der Greif ist mit Hanf-Flachsvlies gefüttert und hält auch ohne dicke Wintersocken bei moderat kalten (also nach meiner Definition von 5°C bis 10°C) Temperaturen angenehm warm. Das hat mich positiv überrascht, vor allem, weil ich sonst sehr schnell an den Füßen friere und die berühmten Eisklumpen mit mir herumtrage. Seine schlichte schwarze Farbe ist perfekt für den Winter – sowohl, was die Kombinierbarkeit als auch das Wandern in Regen, Matsch und Walderde angeht. Den Dreck, der sich durch solche Aktivitäten unweigerlich ansammelt, sieht man nicht so schnell – wobei sich der Greif, wie die anderen Wildlinge, sehr schnell und bequem von dem meisten Schmutz unter ein wenig Wasser und einem Tuch oder einer sanften Bürste reinigen lässt. 

Das Besondere an dem Greif (es gibt ihn für Kinder und Erwachsene) ist darüber hinaus, dass er das Ergebnis einer schönen Zusammenarbeit von Wildling mit dem US-amerikanischen Unternehmen Peg And Awl ist – eine echte Love-Brand von Wildling-Gründerin Anna Yona, wie mir verraten wird. Diese Begeisterung kann ich schnell nachvollziehen, als ich mich bei Peg And Awl umschaue – und mich stante pede in so ziemlich alles aus dem Sortiment und vor allem die respektvolle und beinahe zarte Kommunikation verliebe.

Denn Peg And Awl ist so ein Unternehmen, das sich dem Second-Hand- und Upcycling-Gedanken voll und ganz verschrieben hat: Die Materialien für Taschen, Notizbücher und weitere Gegenstände des Alltags bis hin zu Möbeln finden die Mitarbeiter*innen auf Flohmärkten, in alten Läden und verlassenen Häusern, auf Dachböden und Nachbarschaftsverkäufen. Aus alten Vorhängen, Lederresten, Fotografien längst verstorbener Menschen und Seiten alter Bücher gestalten sie neue Dinge, die die Atmosphäre des Vergangenen mit sich tragen – aber auf die gute Art: “Jeder Gegenstand trägt Spuren einer nicht vollständig bekannten und nicht ganz abgeschlossenen Vergangenheit.” Die Ausgangsstoffe sind dabei oft mehr als hundert Jahre alt. 

Zusammen mit Peg And Awl hat Wildling nun den Greif als Winterschuh und eine Tasche namens Silva designed. Silva ist wunderschön zeitlos und besteht aus Waxed Canvas (100 % Baumwolle mit umweltfreundlichen Wachs gewachst) – das bedeutet die Tasche wird mit der Zeit eine unverwechselbare Patina bekommen (und sehr lange halten). Die Tasche ist groß genug für einen täglichen Gebrauch. Im Gegensatz zum Greif-Minimalschuh, der keine tierischen Materialien enthält, besitzt Silva allerdings Griffe und Riemen aus Leder, das von einem kleinen, alten Betrieb in der Nähe bezogen wird. Normalerweise wäre das Leder an der Silva auch geupcycelt gewesen, aber da Peg And Awl die Verfügbarkeit nicht immer sicherstellen kann (es kommt darauf an, wie viel auf Flohmärkten und an anderen Orten gefunden wird), wird – wie in diesem Fall – ab und zu auch mit neuem Leder gearbeitet.

Wo die Materialien bei Peg And Awl normalerweise herkommen:

Herkunft Canvas: “Unser gewachstes Canvas stammt von einem lokalen Unternehmen der 6. Generation, dessen Wurzeln bis ins Philadelphia der 1800er Jahre zurückreichen. Unsere Kollektion besteht aus 6 ausgewählten Farben, die von Hand gefärbt und gewachst werden.”

Herkunft Leder: “Lederriemen und Griffe an unseren Taschen sind veraltete Gewehrschlingen. Einige von ihnen sind in den Händen von Amerikanern von Land zu Land gereist. Und von denen, die weit gereist sind, sind viele über die Jahre geölt und gepflegt worden, nur wenige haben Namen eingraviert oder tragen Zeichnungen. Andere wiederum sind Deadstock [weggeworfenes Material], weggeworfen für einen Krieg, den sie nicht geführt haben.”

Man merkt schnell, wie viele Gedanken und wie viel Liebe bei Peg And Awl in jedem Produkt stecken – das bei richtiger Pflege Jahre und Jahrzehnte halten kann. Nicht zuletzt in Bezug auf die zeitlose Ästhetik sind Peg And Awl und Wildling wie gemacht für eine Zusammenarbeit. 

Neues Leder kommt für mich zwar aus tierethischen Gründen nicht infrage (daher findet ihr an dieser Stelle auch nur Werbung für den Greif, der ohne tierische Materialien auskommt), aber ich habe dennoch großen Respekt vor der Arbeit von Peg And Awl und die Leidenschaft für die Herstellung neuer Dinge aus altem Material. 

Fest steht, dass die Wildlinge mich nun zu meiner großen Begeisterung auch im Winter begleiten werden: Der Greif ist bereits über Stock und Stein und vor allem Waldboden gewandert – denn gerade entspannen mich Waldspaziergänge (egal, bei welchem Wetter) ungemein. Und es ist schön, auch in der kalten Jahreszeit die Wurzeln und Steinchen und Stöcke unter den Füßen spüren zu können.

Kühl wird mir im Greif übrigens nur, wenn ich lange stehenbleibe und mich nicht bewege – aber das ist ja im Winter ohnehin wärmetechnisch gesehen keine besonders gute Idee. 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Danke, Liebe Jenny für den ausführlichen Bericht. Ich trage Wildlingen bislang nur von Frühjahr bis Herbst und das nur bei trockenem Wetter. Deine Erfahrungen zu den Greif-Wunter-Wuldlingen ist sehr interessant. Wie viel Regen halten sie denn stand ohne dass ich mit nassen Füßen herumlaufen muss? Ich weiß, es gibt auch noch diese Socken, die Nässe von den Füßen abhalten sollen, aber die sind mir etwas suspekt. Die Beschichtung ist ja wieder Kunststoff, oder? Hast du damit Erfahrung? Das würde mich sehr interessieren.
Herzlichen Dank und schon jetzt einen schönen Jahreswechsel und ein gutes, gesundes, friedliches Jahr 2021. 🍀☮️🎊🎆🕊️🍀💖🎶😊
Herzliche Grüße aus Wien
“Benita”

Liebe “Benita”,
ich hoffe, du bist gut ins neue Jahr gekommen und konntest langsam und entspannt starten. 🙂

Ich muss gestehen, dass ich bei starkem Regen die Wildlinge nicht anziehe, da sie ja nicht wasserdicht im Sinne von “wirklich sturzbachartig dicht” sind. Daher kann ich dazu keine Angaben machen. Ich persönlich finde unabhängig davon auf jeden Fall, dass der Greif auch bei den aktuellen Temperaturen mit einem paar dicker Socken gut warmhält.

Liebe Grüße an dich!
Jenni