Das Jahr 2020 war auf allen Ebenen ein anstrengendes – und 2021 geht, jedenfalls bisher, genauso weiter. Die zu lang andauernde Situation, um sie “aktuell” zu nennen, hat auch Auswirkungen auf mein Leseverhalten und meinen Bücherkonsum: Da ich mich in einem Zustand der permanenten Unruhe befinde, kann ich mich nicht lange am Stück konzentrieren, auf komplexe Themen schon gar nicht. Die Folge: Ich lese langsamer – und in der Konsequenz natürlich weniger. Sogar weniger, als ich mir wünschen würde und wahrscheinlich auch gut für mich ist. 

Doch zwangsweise ändern möchte ich das ebenfalls nicht – ich lasse mich, vor allem jetzt, treiben und schaue, wo ich ankomme. Wie schon in einem früheren Artikel geschrieben: In diesem Jahr verspreche ich mir nichts und obwohl ich mir ein Leseziel von 50 Büchern für 2021 vorgenommen habe, ist auch das nur eine grobe Richtlinie. Und vor allem eine Motivation, “schneller konsumierbare” (wobei ich den Konsumbegriff auf Bücher nur sehr ungerne in aller Tragweite ausdehne) Texte zu lesen, denn ich merke: Ab und zu brauche ich Pause von den ganzen fordernden Stücken. Aber auch da möchte ich mich auf nichts festlegen (ich kenne meine eigene Neugier auf neue Sachbücher zu gut). 

Ich habe 2020 also weniger gelesen als 2019 und leider waren auch viele Fehlgriffe dabei, oder zumindest solche Bücher, denen ich nicht unbedingt meine Zeit hätte schenken müssen. Es gibt also in diesem Jahr besonders viele mittelmäßige oder nicht so gute Bewertungen. Ich habe dieses Mal mit einer Art Sterne-System gearbeitet, weil ich es für eine sehr übersichtliche und nachvollziehbare Art der Darstellung halte (auch, wenn viele das ein bisschen anders sehen). 

Verzeiht mir die Bequemlichkeit, bei den Inhaltsangaben überwiegend mit den Klappentexten zu arbeiten – ich habe es energietechnisch nicht geschafft, zusätzliche zu den Rezensionen eigenständige inhaltsbezogene Texte zu verfassen. Ich denke aber, in den meisten Fällen sollte dennoch deutlich werden, um was für ein Thema es jeweils geht. 

Hier kommen sie also, meine 43 Mini-Rezensionen für 2020.

Bücherrückblick 2020

Meine gelesenen Bücher im Jahr 2020, inklusive einer kurzen Zusammenfassung und Rezension.

Transparenz: Mit einem Stern (*) gekennzeichnete Bücher wurden mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Auf meine Meinung und Rezension hat das keinen Einfluss.

Anmerkung: Um die Seite nicht zu überfüllen, werden nur 3 Rezensionen auf einmal angezeigt. Ihr könnt unten rechts in der Tabelle umblättern und so zu den nächsten Rezensionen gelangen (insgesamt handelt es sich um 43 Einträge). 
Titelkurze InhaltsangabeMein EindruckSternchen (1-5)
Edgar Cabanas und Eva Illouz: Das GlücksdiktatKlappentext:

"Noch immer nicht glücklich? Trotz Yoga-Retreat, Resilienz und Achtsamkeit?

Glück lässt sich lernen. Das will uns die boomende Glücksindustrie weismachen - mit ihren Seminaren, Ratgeber und Happiness-Indizes. Wenn wir uns nur ausreichend bemühen, kommt auch die Zufriedenheit. Aber was bedeutet es, wenn wir mit dieser Aufgabe alleingelassen werden? Wenn Unternehmen, Regierungen und öffentliche Institutionen sich aus der Verantwortung ziehen können? Wer sind die eigentlichen Nutznießer und wer die Verlierer der 'Diktatur des Glücks'?"
Mein "Glücksdiktat" ist voller Klebezettelchen und Anmerkungen am Rand und ich habe es mir gewissermaßen als Fortsetzung zu "Das Welness-Syndrom" gekauft und nicht eine Sekunde bereut. Aus der Lektüre beider Bücher ist auch dieser Artikel hier entstanden, in dem ich die Kernaussagen beider Texte zusammenfasse und für mich einordne. Ich habe so viel gelernt, es ist nicht auf wenige Zeilen zu komprimieren (für mehr Einblick gerne den verlinkten Artikel lesen).

Le Figaro hat das Buch sowohl als "Abrechnung" als auch als "heilsam" bezeichnet und ich kann beides unterschreiben.
10/10 would recommend.
Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?Klappentext:

"Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen, sagt Jonathan Franzen, der sich seit vielen Jahren mit Themen des Umweltschutzes beschäftigt. Das Spiel ist aus, wir werden den Klimawandel nicht mehr kontrollieren, die Katastrophe nicht verhindern können. Das Pariser Abkommen, das Zwei-Grad-Ziel, "Fridays for Future", die Bepreisung von CO₂: alles zu spät, nachdem 30 Jahre lang vergeblich versucht wurde, die globale Erwärmung zu reduzieren. Aber das ist kein Grund zum Aufhören und schon gar nicht das Ende von allem. Wir sollten uns vielmehr neu darauf besinnen, was uns wichtig ist. Deshalb, so Franzen, wird es jetzt Zeit, sich auf die Folgen vorzubereiten, zum Beispiel auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlingsströme. Es geht aber auch darum, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um unsere Gesellschaften, unsere Demokratien zu festigen."
Der Untertitel "Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können" zeigt, wohin die Reise geht: Nicht mehr um die Frage, ob die Klimakrise noch aufzuhalten sei - sondern darum, wie wir mit der nach Franzen feststehenden These (die natürlich überspitzt und in ihrer Absolutheit infrage zu stellen ist) umgehen. Salopp formuliert: "[...] [W]ir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben." (22) Hoffnung beginnt nach Franzen unter anderem mit radikaler Ehrlichkeit - und dazu gehöre auch, einzusehen, dass aktuell vor allem Fakten geleugnet würden, wenn es darum gehe "die Ärmel hochzukrempeln und das Klima zu retten". Denn zu retten sei höchstens nur noch theoretisch etwas. Praktisch müssten wir uns der Realität stellen, dass unser Planet für diejenigen, die jünger als 30 Jahre sind, in den nächsten Jahrzehnten deutlich feindseliger aussehen wird als heute. Und wir müssten uns Antworten auf diese Szenarien überlegen. Die "falsche Hoffnung auf Rettung [kann] regelrecht schädlich sein [...]." (33) Anstatt sich also in Selbstzufriedenheit zu wiegen, indem mensch Fahrrad fährt, die Grünen wählt und fleischlos isst, sollten wir uns lieber damit beschäftigen, funktionierende Gemeinschaften und resistente Demokratien aufzubauen, so Franzen: "In Zeiten zunehmenden Chaos suchen Menschen häufig Schutz in Tribalismus und Waffengewalt statt in der Rechtsstaatlichkeit, und unsere beste Art der Verteidigung gegen diese Dystopie ist die Bewahrung funktionierender Demokratien, Rechtssysteme und Gemeinschaften." (35f.)

Ich kaufe das Buch auf einer meiner Reisen in einer Bahnhofsbuchhandlungen (es war eine berufliche Reise Anfang des Jahres) und wollte es nach dem ersten Lesen in die Ecke pfeffern. Unter anderem, weil es eine wissenschaftliche Ungenauigkeit gibt (die hier diskutiert wurde). Viel mehr aber, weil das Verständnis von Hoffnung, das Franzen vorstellt, mir zynisch und privilegiert vorkam. (Er diskutiert im Vorwort ausführlich, wie sehr er für Essays dieser Art öffentlich angegangen worden ist.)

Mittlerweile habe ich ein wenig Abstand und mehr Wissen erlangen können und denke, der Autor macht wichtige Punkte, über die es sich - bei aller "Negativität" - nachzudenken lohnt. Es ist nicht bequem und es ist nicht das, was wir auf den Demos immer wieder hören und es ist sicherlich nicht so, dass ich allem zustimme, was in dem schmalen Band (angereichert mit einem Interview der Literarischen Welt) steht. Dennoch halte ich es für zu verkürzt, alle Thesen Franzens mit der Begründung des Pessimismus wegzufegen und bin vor allem bei der Hauptforderung nach stabilen Gemeinschaften als wichtiges Bollwerk nicht nur gegen die Klimakrise.
4/5 Sternen
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandiosKlappentext:

"Lass mich von vorn anfangen. Ma …" Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt - von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen.
Es gibt Texte, die mensch nicht in einem Rutsch durchlesen kann, ohne das Gefühl zu haben, ein Sakrileg zu begehen. ⁣

»Auf Erden sind wir kurz grandios« lese ich in kleinen Bissen und muss genau den richtigen Zeitpunkt erspüren beim nächsten Mal, an dem es weitergehen kann. Unverdaut wird vieles bleiben müssen, ein leicht ironisches Chapeau an alle, die glauben, einen Text von dieser Dichte, mit diesen vielfältigen Bezügen, Kreuzverwirrungen und Metaebenen flüssig runterspülen zu können. ⁣ ⁣
Ich muss aufstehen manchmal bei der Lektüre und mir die Hände vors Gesicht schlagen, irgendwas putzen oder aufräumen, mich bewegen, damit der Furor in mir drin kanalisiert wird. Schleiche herum, traue mich nicht, weiterzulesen, weil der Text ein dichter Nebel an Melancholie über das ist, was war, ist, hätte sein können und verhindert wird. Eine literarische Bestandsaufnahme mit Wucht, die mensch aushalten muss. ⁣

Einige sagen, der Text sei roh, gewaltig, erschütternd. Und so skeptisch ich großen Worten gegenüber bin, sie stimmen. Der Text fräst sich durch die Schutzschicht des Alltags direkt an den Kern, stülpt das Innere nach außen oder mantelt eine Schicht ab, je nach Passage und Ausgangsstimmung. Eine unfassbare Kraft, in der Intensität selten und wirklich: erschütternd. ⁣
20 von 5 Sternen.
Eva Menasse: Tiere für FortgeschritteneKlappentext:

"Raupen, die sich ihr eigenes Grab schaufeln, Enten, die noch im Schlaf nach Fressfeinden Ausschau halten, Schafe, die ihre Wolle von selbst abwerfen. Jede von Eva Menasses Erzählungen geht von einer kuriosen Tiermeldung aus und widmet sich doch ganz der Gattung Mensch. Ein alter Despot, der sich gegen jede Veränderung wehrt, kann nicht verhindern, dass die Demenz seiner Frau auch die eigene Vergangenheit löscht. Einer engagierten Mutter, die ein muslimisches Kind gegen Anfeindungen in Schutz nimmt, verschwimmen schließlich selbst die Grenzen zwischen Gut und Böse, Richtig und Falsch. Eine Frau realisiert, wie sehr das Schicksal ihres Vaters sie geprägt hat, in ihren Marotten und in ihren tiefsten Ängsten. Und eine Gruppe handverlesener Künstler und Wissenschaftler probt in südländischer Gluthitze eine groteske Revolution. Jahrelang hat Eva Menasse Tiermeldungen gesammelt, die ihr, wie umgekehrte Fabeln, etwas über menschliche Verhaltensweisen zu verraten schienen."
"Tiere für Fortgeschrittene" ist einer der wenigen fiktiven Texte, die ich in diesem Jahr gelesen habe (obwohl ich mir schon seit Jahren vornehme, es zu ändern, weil ich Romane vermisse, lese ich überwiegend Sachbücher). Zuerst dachte ich: Okay, wird das hier eine Art Bestiarium reloaded? Das wurde es nicht (und ich teile die Erleichterung mit anderen Rezensent*innen). Stattdessen fand ich eine belustigend leichte Ansammlung von kurzen, unzusammenhängenden Kurzgeschichten, die nicht immer so stark mit dem titelgebenden Tier verbunden waren, wie ich zuerst dachte. (Ich versuchte manchmal vergeblich, eine Verbindung herzustellen und habe mich dann damit zufriedengegeben, dass es vermutlich nicht der Anspruch des Buches ist, sehr tiefgehende Vergleiche und Metaphern anzustellen.)

Kurzweilig, bisweilen mit Identifikationspotenzial und einigen sehr guten Stücken, die ich gerne länger gelesen hätte. Aber nichts, was ich dauerhaft im Regal stehengelassen habe.
3 von 5 Sternen.
Augustina Batzerrica: Wie die Schweine*Klappentext:

"Marcos verantwortet die Produktion einer Schlachterei. Er kontrolliert die eingehenden Stücke, kümmert sich um den korrekten Schlachtvorgang, überprüft die Qualität, setzt die gesetzlichen Vorgaben um, verhandelt mit den Zulieferern … Alles Routine, Tagesgeschäft, Normalität. Bis auf den Umstand, dass in der Welt, in der Marcos lebt, Menschen als Vieh zum Fleischverzehr gezüchtet werden.
Dieser Roman hält uns Fleischfressern kompromisslos den Spiegel vor. Er stellt Fragen in den Raum - nach Moral, Empathie, den bestehenden Verhältnissen. Und er verschafft, was nur die Literatur verschafft: neue Einsichten, neue Gefühle, nachdem alle Argumente längst ausgetauscht sind."
"Wie die Schweine" ist ein Paradebeispiel dafür, warum es Kunst und Literatur braucht, um gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben beziehungsweise im wahrsten Sinne des Wortes Menschen zu bewegen. Alles, was in zahlreichen Papern hoch und runter diskutiert wurde, von der Philosophie bis zum Umweltbundesamt, wird hier auf eine fiktive Welt zusammendestilliert: Ist das Essen und Verwerten von fühlenden Lebewesen ethisch vertretbar? Welche Bedingungen sind "artgerecht"? Wie weit ziehen wir den Kreis unsers Mitleids und unserer Menschlichkeit? Und nicht zuletzt: Was zeichnet den Menschen aus, wie verschieden sind wir wirklich vom Tier?

Die kannibalisitische Horror-Welt Batzterricas ist düster, brutal und von der Pragmatik eines seelenlosen Kapitalismus gekennzeichnet. Der Schrecken kriecht mit jeder Seite unter die Haut, spätestens aber dann, als eine Fleischlieferantin als viehische Leihmutter von der Hauptfigur missbraucht wird. Und nein: Es gibt kein Happy End.

Klare Triggerwarnung.
10/10 would recommend. Aber nur, wenn ihr nicht allzu zart besaitet seid.
Kübra Gümüşay: Sprache und Sein Klappentext:

"Dieses Buch folgt einer Sehnsucht: nach einer Sprache, die Menschen nicht auf Kategorien reduziert. Nach einem Sprechen, das sie in ihrem Facettenreichtum existieren lässt. Nach wirklich gemeinschaftlichem Denken in einer sich polarisierenden Welt. Kübra Gümüsay setzt sich seit langem für Gleichberechtigung und Diskurse auf Augenhöhe ein. In ihrem ersten Buch geht sie der Frage nach, wie Sprache unser Denken prägt und unsere Politik bestimmt. Sie zeigt, wie Menschen als Individuen unsichtbar werden, wenn sie immer als Teil einer Gruppe gesehen werden - und sich nur als solche äußern dürfen."
Das Buch wurde und wird immer noch sehr gefeiert und die wichtigsten Thesen des Buches sind genau das: wichtig.

Dennoch hat mich der Text aus sprachwissenschaftlicher Sicht nicht überzeugen können: Die Autorin führt ein (aus meiner Perspektive) Durcheinander an Zitaten und Verweisen an, die sich oft nicht wirklich auf das Vorhergehende beziehen und nicht eingeordnet werden. Sie verwendet sprachwissenschaftliche Begriffe sehr ungenau beziehungsweise definiert sie nicht einmal - und das in einem Buch, in dem es nicht nur titelgebend um Sprache geht. Bei allem Respekt vor dem Programm des Textes (wie gesagt: wichtig) sind die Passagen, die einen scheinbar wissenschaftlichen Anspruch erheben, aus meiner Perspektive nicht gelungen.

Darüber hinaus muss angemerkt werden, dass Gümüşay als Autorin und Person des öffentlichen Lebens auch immer wieder dafür kritisiert wird, der Millî Görüş nahezustehen, einer antisemitischen länderübergreifenden Bewegung, die als antidemokratisch eingestuft wird. Gümüşay negiert die Vorwürfe immer wieder, hielt allerdings Vorträge und zitiert und empfiehlt die Werke entsprechender zugehöriger Autor*innen. Auch ihr Verhältnis zur AKP ist bisher nicht geklärt. Das wird in der öffentlichen Debatte gerne übersehen, muss aber immer mitkommuniziert werden.

(In diesem Text von Reyhan Şahin gibt es eine gute Passage dazu, aber mensch findet auch mehr im Netz.)
3 von 5 Sternen.
Caroline Criado-Perez: Unsichtbare FrauenDas Buch ist das, was man gewöhnlicherweise als Schinken bezeichnet: Auf knapp 400 Seiten legt Criado-Perez dar, wie sehr Gesellschaften rund um den Globus auf Männer ausgerichtet sind und was es mit den Frauen macht, die in Forschung auf sämtlichen Gebieten nicht oder nur unzureichend in Statistiken auftauchen. Es führt unter anderem nicht selten dazu, dass ihre Leben signifikant gefährlicher und kürzer sind (und falls länger, dann mit deutlich längeren Zeitspannen bei schlechter Gesundheit).

Die 80 Seiten Literaturverzeichnis sprechen eine eigene Sprache, die man lieber nicht gehört hätte, denn sie bedeutet, dass a) die Beweise für die Ignorierung ca. der Hälfte der Weltbevölkerung erdrückend sind, man sich aber nie die Mühe gemacht hat, nach ihnen systematisch zu suchen und dementsprechend b) ziemlich viel im Argen liegt.⁣⁣
⁣⁣
Im Alltagsleben, im öffentlichen Leben, am Arbeitsplatz, in der Medizin, bei Naturkatastrophen und anderen Ereignissen, die fragile gesellschaftliche Systeme ins Wanken bringt: Die, die am meisten gefährdet sind, sind Frauen.⁣⁣
⁣⁣
Das, betont die Autorin auch mehrfach ausdrücklich und man ahnt, warum sie das tun muss, liegt nicht unbedingt daran, dass Männer alle böse sind und Frauen hassen. Sie vergessen sie einfach. Weil Männer als Norm gelten — und wenn man in so einer Welt sozialisiert wird, ist es schon Denken out of the box, sich vorzustellen, es könnte auch andere Bedürfnisse als ihre geben. Sie beschreibt das als "Projektionsfehler, die durch eine Art Bestätigungsfehler verstärkt werden" (358).⁣⁣ Keine Entschuldigung, versteht sich.

Um diese Fehler zu korrigieren, brauchen wir Daten. Die wir aufgrund der erwähnten Fehler nicht haben. Das führt dazu, dass Autofahren für Frauen wesentlich gefährlicher ist als für Männer, sich immer und überall lange Schlangen vor Frauentoiletten bilden, Herzinfarkte nicht richtig erkannt und falsch behandelt werden und Frauen daran sterben, sogenannte Entwicklungshilfe häufig ins Leere läuft und Frauen in Büros oft frieren müssen.⁣⁣
⁣⁣
Die Lösung für viele dieser Probleme ist einfach, meint Criado-Perez: Man muss einfach die Frauen nach ihrer Sicht der Dinge fragen.
"Unsichtbare Frauen" ist kein Deep Dive in einzelne Themenbereiche, sondern ein Übersichtsdokument. Viele Punkte werden angerissen, manchmal wird schnell von Thema zu Thema gesprungen (nicht ohne eine gewisse Eleganz). Die vielen Fakten und Studien können unmöglich beim ersten Lesen im Kopf bleiben, aber jetzt weiß man wenigstens, wo man nachschlagen kann. Was ich mir gewünscht hätte: Wenigstens einen kurzen Hinweis darauf, dass es mehr als nur Männer und Frauen gibt, wenn schon nicht gegendert wird. So zementiert dieser Text wieder binäre Geschlechternarrative, was mich dann doch ein bisschen ärgert.Gut für Puls und zum Nachschlagen (von Argumenten und Quellen).

4,5 von 5 Sternen.
Umberto Eco: Der ewige FaschismusKlappentext:

"Eco zeigt, was für ein riesiger Fehler es ist, den Faschismus als ausschließlich historisches Phänomen zu begreifen."

(Roberto Saviano)
Ich konnte mit den Essays von Eco wenig anfangen. Sie enthalten ohne Frage wichtige Zusammenhänge und gute Gedanken zur historischen Entwicklung des Faschismus in Europa (Schwerpunkt ist Italien) und sind somit vor allem eine gute Geschichtsstunde.

Dennoch stellt sich beim Lesen andauernd die Frage, was das alles mit heute zu tun haben soll. Das liegt daran, dass die strukturellen Komponenten, die Faschismus möglich machen, wenig bis gar nicht thematisiert werden. Rassismus und Antisemitismus sind nicht einfach da oder passieren Menschen aus Versehen, sondern wurzeln noch immer in den Fundamenten vor allem der Gesellschaften des globalen Nordens. Das arbeitet Eco zu wenig heraus. Rassisten bezeichnet er als eine "Rasse", die theoretisch aussterben müsste, da die Welt immer vielfältiger werde und verkennt damit unter anderem das Problem des in der Sozialisation liegenden Rassismus, der allen weißen Menschen innewohnt. Das Fehlen dieser Perspektive schadet dem Band sehr.
3 von 5 Sternen.
Tupoka Ogette: Exit RacismKlappentext:

"Obwohl Rassismus in allen Bereichen der deutschen Gesellschaft wirkt, ist es nicht leicht, über ihn zu sprechen. Keiner möchte rassistisch sein, und viele Menschen scheuen sich vor dem Begriff. Das Buch begleitet die Leser*innen bei ihrer mitunter ersten Auseinandersetzung mit Rassismus und tut dies ohne erhobenen Zeigefinger. Vielmehr werden die Leser*innen auf eine rassismuskritische Reise mitgenommen, in deren Verlauf sie nicht nur konkretes Wissen über die Geschichte des Rassismus und dessen Wirkungsweisen erhalten, sondern auch Unterstützung in der emotionalen Auseinandersetzung mit dem Thema. Übungen und Lesetipps eröffnen an vielen Stellen die Möglichkeit, sich eingehender mit einem bestimmten Themenbereich zu befassen. Über QR-Codes gelangt man zu weiterführenden Artikeln, Videos und Bildern. Ergänzend dazu finden sich in fast jedem Kapitel Auszüge aus sogenannten Rassismus-Logbüchern – anonymisierte Tagebücher, die ehemalige Student*innen von Tupoka Ogette in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit Rassismus geführt haben und in denen sie über ihre Emotionen und Gedankenprozesse berichten. Auch Handlungsoptionen kommen nicht zu kurz. Ziel des Buches ist es, gemeinsam mit den Leser*innen eine rassismuskritische Perspektive zu erarbeiten, die diese im Alltag wirklich leben können."
Ja, was ist dazu zu sagen? Ich glaube, im letzten Jahr haben fast alle Weißen dieses Buch als Einstiegslektüre gelesen und das ist auch gut so. Falls ihr es noch nicht getan habt, solltet ihr das unbedingt nachholen, denn so viel Wissen auf so wenig Raum und mit wirklich guten Links zu externen Erklär-Videos gibt es zum Thema Rassismus sicherlich selten im deutschsprachigen Buchraum. Zum Lesen, Verinnerlichen und häufigem Wiederlesen.

Für alle, die lieber hören: "Exit Racism" gibt es auch als Hörbuch bei Spotify.
300 von 5 Sternen.
Vreni Jäckle, Jana Braumüller, Nina Lorenzen: Fashion Changers*Pressetext:

"Wie wir mit Mode die Welt verändern können: In diesem
Guide erfährt man alles über faire und ökologische Mode,
die Stil und Haltung beweist.
Was bedeutet fair eigentlich? Wann ist Kleidung
nachhaltig? Wo und wie findet man sie ohne großen
Aufwand? Geht das auch mit kleinem Budget? Und was hat
Mode mit der Klimakrise oder Feminismus zu tun?
Rund um diese Fragen lässt der Guide inspirierende
Modeaktivist*innen zu Wort kommen und stellt zwanzig
spannende Menschen und Labels vor, die sich für eine
bessere Modeindustrie einsetzen. Diese Fashion Changers
ermöglichen einen echten Blick hinter die Kulissen und
erzählen, wie sie mit ihrem Handeln Veränderungen
erwirken und was sie antreibt.
Dazu wird erläutert welche Siegel beim Kleiderkauf
Orientierung geben, wie erste Schritte zu einem
nachhaltigen Kleiderschrank aussehen können und wie
Alternativen von Zero Waste über vegane Mode bis zum Re-
und Upcycling bereits jetzt die Modewelt revolutionieren.
Inspirierende Fotostrecken machen zudem Lust mit fairer
Mode ein Statement zu setzen. Natürlich liefert das Buch
jede Menge Insidertipps und nützliche Adressen inklusive
einem umfassenden Label-Guide.
Mehr als nur ein Mode-Ratgeber regen der Guide für faire
Mode und seine Macherinnen dazu an, das eigene
Konsumverhalten (in Sachen Fashion) zu hinterfragen."
Es ist ja kein Geheimnis, das ich mit den Fashion Changers beruflich verbandelt bin (ich schreibe mehr oder weniger regelmäßig Texte für das Fashion Changers Magazin). Entsprechend habe ich mich nach der Ankündigung auf das Buch von Vreni, Nina und Jana gefreut - denn es konnte eigentlich nur gut werden und das wurde es auch.

Die drei Autor*innen beleuchten die komplexen Zusammenhänge von Mode und gesellschaftspolitischen Themen (Feminismus, Koloniale Ausbeutungsstrukturen, politische Forderungen) und gehen in vier Kapiteln (Verantwortung / Empowerment / Stil / Lifestyle) aus unterschiedlichen Perspektiven vor allem der einen Frage auf den Grund: Was kann ich bewirken?

Dabei beschränken sie sich nicht auf Appelle an das Individuum, verantwortungsbewusster zu konsumieren, sondern haben immer auch das große Ganze im Blick: Unter anderem die Forderung nach dem Lieferkettengesetz (das Altmaier gerade immer noch blockiert) wird wesentlich von ihnen mitgetragen und diese Ebene findet sich überall im Buch wieder.

Zusätzlich zu den differenzierten Texten lebt "Fashion Changers" von den großartigen Fotografien Lena Scherers, die unter anderem die für das Buch Porträtierten in das schönste Licht gerückt hat.

"Fashion Changers" ist ein unterhaltsames, inspirierendes und mutmachendes Buch mit magaziniger Gestaltung, die Lust auf Lesen und Entdecken macht.
5 von 5 Sternen.
Rebecca Strickson: We are Feminists - Eine kurze Geschichte der FrauenrechteKlappentext:

"Diese kleine visuelle Geschichte des Feminismus wirft einen Blick auf die internationale Frauenbewegung in den letzten 150 Jahren. Als Chronologie der wichtigsten Ereignisse und Errungenschaften versammelt 'We are Feminist' geballtes Wissen, begleitet von lebhaften Illustrationen und Infografiken, und präsentiert die großen Protagonistinnen: von Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer bis zu Chimamanda Ngozi Adichie und Malala Yousafzai."
Ich mag es, einen Überblick über die Dinge zu haben und jedenfalls ansatzweise zu wissen, wovon ich rede. 1. Welle des Feminismus, wann war die? Wer war besonders wichtig? Was ist der Unterschied zwischen 3. und 4. Welle? Was ist wann passiert? Wer hat wann gelebt und was waren die Kernthesen?

Dieses Büchlein fasst das Wichtigste über die Frauenbewegung zusammen, unterhaltsam verpackt in Grafiken und Zeitstrahlen. Es gibt Kurzporträts der prägendsten Frauen und so viele Daten, dass mensch sie sich beim ersten Durchlesen unmöglich alle merken kann. "We are Feminists" ist daher zum Nachschlagen gedacht.

Auffällig sind insbesondere 2 Dinge: der Eurozentrismus (es werden nur wenige Feministinnen aus dem globalen Süden vorgestellt) und die unkritische Präsentation einiger Figuren, unter anderem natürlich auch Alice Schwarzer, deren Rassismus mit keinem Wort erwähnt wird. (Sie wird als "umstrittenste Feministin Deutschlands" bezeichnet, die Gründe für diese Umstrittenheit werden allerdings nicht genannt.) Auch Chimamanda Ngozi Adichies transfeindliche Äußerungen werden nicht thematisiert. Generell hat mensch den Eindruck, es geht hier vor allem um ein Auf-das-Podest-Heben einzelner Persönlichkeiten - deren Leistungen und Wichtigkeit nicht abgesprochen werden soll. Dennoch müssen Aspekte wie Rassismus und Transfeindlichkeit der Vollständigkeit halber immer mitgeliefert werden, um nur im Ansatz den Anspruch eines intersektionalen Feminismus erfüllen zu können - und das leistet das Buch hier leider nicht. Ferner fehlen Literaturnachweise oder weiterführende Quellen. Daher nur unter Vorbehalt zu empfehlen.
3,5 von 5 Sternen.
Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauenKlappentext:

"Siri Hustvedt war schon immer fasziniert von der Biologie und der Theorie der menschlichen Wahrnehmung. Sie liebt die Kunst, die Geistes- und die Naturwissenschaften gleichermaßen. Sie ist Romanautorin und Feministin. Die im vorliegenden Band versammelten, ebenso klarsichtigen wie radikalen Essays legen eindrucksvoll Zeugnis von ihren vielfältigen Talenten ab. Der erste Teil untersucht die Fragen, die mitbeeinflussen, wie wir Kunst und die Welt im Allgemeinen sehen und beurteilen: Fragen der Wahrnehmung, Fragen des Geschlechts. Grundlagen dieser Diskussion sind etwa Werke von Picasso, de Kooning, Jeff Koons, Louise Bourgeois, Anselm Kiefer, Robert Mapplethorpe, Susan Sontag und Karl Ove Knausgard. Der zweite Teil befasst sich mit neurologischen Störungen und, unter anderem, mit den Rätseln von Hysterie und Synästhesie sowie mit der Selbsttötung. In letzter Zeit wird oft gefordert, man müsste eine neue, stabile Brücke zwischen Geistes- und Naturwissenschaften bauen. Im Moment existiert nur eine behelfsmäßige, aber Siri Hustvedt fühlt sich ermutigt von den Reisenden, die sie in beide Richtungen überquert haben."
Ich habe nicht immer alles verstanden und musste mich beim Lesen stark konzentrieren, aber die Klugheit Hustvedts hat mich genauso umgehauen wie die Art und Weise, mit der sie scheinbar fern voneinander liegende Themen zu einem neuen Gedankenteppich verwebt. Ich habe mir viel markiert, einige Knoten im Kopf haben sich gelöst und neue sind hinzugekommen.

In dem Essayband geht es nicht nur um Männer, die auf Frauen schauen, aber auch - und gerade diese Beobachtungen sind von einer besonders pointierten Schärfe, wenn auch nicht immer neu (aber was ist das schon). Nichtsdestotrotz sind Hustvedts Überlegungen zu Spiegelneuronen, Identität und der Leistung von Kunst ein Strudel, der mitreißt und einen Einblick gibt in das faszinierend wissensreiche Universum der Autorin. Eine der reichsten Lektüren in 2020, ich möchte mehr davon.
5 von 5 Sternen.
Sam Hayes: Der Tag, an dem das Meer verschwand*Klappentext:

"Jack lebt am Meer. Er kann es von seinem Fenster aus sehen und liebt es, mit seinem Vater hinaus zu segeln. Als er bei einem Segelausflug aus Versehen einen Plastikstrohhalm ins Wasser wirft, hat der kleine Junge ein schlechtes Gewissen, aber was soll’s, es ist ja bloß ein kleiner Strohhalm. Doch als Jack am nächsten Morgen erwacht, ist das Meer verschwunden und statt des Wassers ragen überall Müllberge auf. Fischernetze, Plastiktüten und Dosenringe fesseln die Meeresbewohner, und Jack versucht zu helfen. Als er seinen blau-weiß-gestreiften Strohhalm wiederentdeckt, schwört er sich, die Umwelt zu schützen. Da kehrt das Wasser zurück, und ein aufregender Tag endet, der Jack zum Nachdenken gebracht hat. Ein berührendes Bilderbuch, das die Auswirkungen der Meeresverschmutzung kindgerecht darstellt."
Es ist ein wunderschönes Kinderbuch mit fantastischen Illustrationen und natürlich einem wichtigen Thema: der Plastikverschmutzung der Weltmeere. Mit einer Mischung aus sprühender Fantasie und angemessener Ernsthaftigkeit werden den jungen Leser*innen die Auswirkungen, die viele kleine Plastikpartikel in den Ozeanen für die Meeresbewohner*innen - von der Meerjungfrau bis zur Riesenschildkröte - haben, dargestellt.

Schwierig finde ich an der Darstellung vor allem zwei Punkte.

Zunächst: Das Meer kommt zurück, nachdem der Protagonist versprochen hat, es nie wieder mit Plastik zu verunreinigen und zukünftig zu schützen. Das ist eine sehr niedrigschwellige Aktion mit maximaler Wirkung, jedenfalls in der fiktiven Welt und spiegelt leider nur allzu gut wieder, was seit Jahrzehnten passiert: Versprechungen, auf die keine Handlung folgt. Die Konsequenzen für uns sind nicht so unmittelbar wie für Jack und natürlich geht es nicht um eine reale Abbildung der Verhältnisse. Dennoch hinterlässt die Bedingung des Versprechens einen faden Beigeschmack.

Genauso wie der unbedingte Fokus auf das Individuum als Einzelperson, den ich oft und vor allem bei Kinderbüchern feststelle (und anprangere). Denn ich bin der Ansicht, wir können Kindern die Erkenntnis zumuten, dass sie nicht alleine dafür verantwortlich sind, die Welt zu retten. Sie können Held*innen sein, aber vor allem gemeinsam - und im Zusammenschluss mit den älteren Generationen. Ich finde es gefährlich, das Narrativ vom alleinverantwortlichen Individuum schon bei Kindern zu reproduzieren und denke, allen ist geholfen, wenn zumindest Hinweise auf größere Zusammenhänge vorgestellt werden. Das passiert hier leider nicht.
3,5 von 5 Sternen.
Maja Göpel: Unsere Welt neu denkenMaja Göpel sagt, dieses Buch ist kein Klimabuch. Es geht nicht um Daten und Fakten und Kurven zum menschengemachten Klimawandel, sondern um die wirtschaftlichen Strukturen, die uns als (Welt-)Gesellschaft überhaupt in die aktuelle Situation haben kommen lassen. Und darum, wie wir aus ihr wieder herausfinden können. ⁣⁣⁣
⁣⁣⁣
Sie lädt uns ein, zu schauen, wo die Ursprünge des aktuellen Paradigmas vom Wachstum liegen (Spoiler: in 250 Jahre alten Theorien, die außerdem selektiv rezipiert wurden). Eine zentrale Rolle nimmt die Art, wie wir Wert in Geld umrechnen und welche Priorität wir den Preisen, die dabei am Ende rauskommen, beimessen, ein. Denn was nicht in die Kalkulation mit einbezogen wird, ist einer der Gründe für das Dilemma: ⁣⁣⁣
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"Bis 2007 erbot die Natur dem Menschen 125 bis 145 Billionen Dollar pro Jahr an Dienstleistungen. Das ist deutlich mehr als das gesamte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Welt, also der Summe aller Waren und Dienstleistungen, die weltweit in einem Jahr von Menschen hergestellt wurden." (50) ⁣⁣⁣
⁣⁣⁣
Diese Dienstleistungen waren lange Zeit selbstverständlich und deswegen kostenlos und so langsam dämmert uns, dass wir durch den Raubbau, den das ausgelöst hat, ein Problem haben.⁣⁣⁣
⁣⁣⁣
Nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein soziales, wie Göpel immer wieder betont. Beide Ebenen hängen eng zusammen und man kann sie nur gemeinsam lösen: "Gerechtigkeit ist der Schlüssel für eine nachhaltige Wirtschaftsweise, wenn sie global funktionieren soll." (179) Das bedeutet vor allem, den für viele so heiligen Freien Markt staatlich zu beschränken. ⁣⁣⁣
Göpel versteht sich als Humanistin, "die an die Kraft von Wissen und Gewissen glaubt" (21) und so schreibt sie auch: für eine breite Leserschaft verständlich, fern vom distanziert-wissenschaftstheoretischem Verklausulieren, eine Sprache der Nähe, als würde man mit ihr in einem Raum sitzen. Dennoch scharf und prägnant, nie den roten Faden verlierend: Es geht nicht nur darum, out of the box zu denken, sondern die Box selbst und die Geschichten, auf denen sie fußt, grundlegend zu hinterfragen. Eine wichtige Einladung.⁣⁣Auch gut, um regelmäßig Argumente und Quellen nachzuschlagen.

5 von 5 Sternen.
Alexander von Schönburg: Der grüne Hedonist*»Wir haben alle begriffen, dass Naturschutz keine schlechte Idee ist, lokale Produkte aus dem Bio-Laden schmecken tatsächlich besser als Industriefraß und Plastiktüten sind schon aus ästhetischen Gründen eine Unverschämtheit. Andererseits nervt der Erlösungsglaube der neuen Öko-Religion. Ich fahre Auto, fliege gern und will trotzdem nicht daran schuld sein, wenn demnächst die Welt untergeht: Es muss möglich sein, angenehm und doch halbwegs klimaneutral und ressourcenschonend zu leben – wenn wir den inneren Öko-Schweinehund besiegen und uns beim Reisen, Essen und Shoppen auf das Wesentliche beschränken.

Ich beschreibe in diesem Buch meinen Versuch, ein gesundes und korrektes Leben zu führen und wie wir stillosem Konsum bewusstes Genießen entgegensetzen können. Es muss möglich sein, angenehm und doch halbwegs freundlich im Umgang mit dem Planeten zu leben.«

Alexander von Schönburg
Dieses Buch ist mein Hassbuch 2020.

Ich hasse es so sehr, es hat sogar eine eigene Hass-Rezension bekommen bekommen.

Beim Lesen habe ich mir oft an den Kopf gefasst (es gibt sehr viele sehr haarsträubende Aussagen und so gut wie kein Quellenmaterial) und mich gefragt, wie viel Populismus, Adelsdünkel, Klasissmus, Rassismus und Sexismus eigentlich ungestraft zwischen zwei Buchdeckel passen. Es ist der Horror. Genau das, was von einem Textchef der BILD zu erwarten ist. (Für nähere Ausführungen und sehr viele Textbeispiele: Gerne den verlinkten Artikel durchlesen.)
Sterne: -300.000.
Lisbeth Kaiser und Marie Antelo: Rosa Parks*Klappentext:

"Rosa Parks war eine Bürgerrechtsaktivistin in den USA. Sie wuchs in Alabama auf, als dort noch Rassentrennung herrschte. Ihre Weigerung, ihren Sitzplatz im Bus an einen weißen Mann abzugeben, entfachte eine riesige Welle des Protests und führte schließlich zur Abschaffung der Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln."
Ich liebe die Little People, Big Dreams-Reihe aus dem Insel-Verlag sehr und würde mir am liebsten jedes Buch durchlesen. Die Illustrationen sind wunderschön, die Geschichten ermutigend, wenn auch nicht verklärend und auf das Wesentliche zusammengekürzt.

Das macht es für erwachsene Leser*innen natürlich zu einem sehr kurzweiligen Vergnügen, für die Besprechung mit Kindern sind die Bücher (jedenfalls denke ich das) allerdings gut geeignet, da sich viele Fragen anhand der Geschichten besprechen lassen. Besonders interessant ist der Zeitstrahl am Ende jedes Titels, der wichtige Lebensstationen der Persönlichkeit grafisch zusammen mit einigen zusätzlichen Hintergrundinformationen einordnet.
5 von 5 Sternen.
Maria Sanchez Vegara und Gee Fan Eng: Frida Kahlo* Klappentext:

"Eigentlich wollte die Mexikanerin Frida Kahlo Medizin studieren - doch ein schwerer Unfall in ihrer Kindheit zerstörte diesen Traum. Frida fing an, von ihrem Bett aus zu malen, und schuf Gemälde, die von ihrem Schmerz zeugen, aber auch von ihrer Leidenschaft und ihrem ungebrochenen Überlebenswillen. Kahlos Werk ist heute weltweit in Ausstellungen zu sehen."
"Little People, Big Dreams erzählt von den beeindruckenden Lebensgeschichten großer Menschen: Jede dieser Persönlichkeiten, ob Künstlerin, Pilotin oder Wissenschaftler, hat Unvorstellbares erreicht. Dabei begann alles, als sie noch klein waren: mit großen Träumen."

Vgl. zu meinen Eindrücken die Rezension von "Rosa Parks".

Angemerkt sei außerdem, dass Menschen natürlich nicht nur "Big" sind, wenn sie etwas erreicht haben, das in die Geschichtsbücher eingegangen ist und das auch nicht der Maßstab ist, an dem Kinder gemessen werden sollten. Das ist sicherlich im Verlauf einer eventuellen gemeinsamen Lektüre sehr deutlich zu machen, weil sich sonst schnell ein Fokus auf Leistungsstreben einschleichen könnte.
5 von 5 Sternen.
Rutger Bregman: Utopien für RealistenKlappentext:

"Historischer Fortschritt basierte fast immer auf utopischen Ideen: Noch vor 100 Jahren hätte niemand für möglich gehalten, dass die Sklaverei abgeschafft oder die Demokratie wirklich existieren würde. Doch wie begegnen wir den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt, des Familienlebens, des gesamten globalen Gefüges? Der niederländische Vordenker Rutger Bregman sagt: Wir müssen es wagen, das Unmögliche zu denken, denn nur so finden wir Lösungen für die Probleme unserer Zeit. Bergmans Visionen sind inspirierend und hochaktuell."
Bregman hat mein 2020 sehr geprägt und für mich sind die beiden letztgenannten Adjektive des Klappentexts zutreffend: Nachvollziehbar und unterhaltsam inspiriert und motiviert Bregman, die Welt radikal anders zu denken. Neu sind seine Ideen bei Weitem nicht, sein Verdienst beruht vor allem darin, sie für viele Menschen nachvollziehbar aufbereitet zu haben.

Es geht um das Grundeinkommen, die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und Geldgeschenke für alle und die Frage, woher das kapitalistische System überhaupt kommt. (Spoiler: Es ist nicht vom Himmel gefallen.)

Trotz allem revolutionärem Habitus und den zweifellos wichtigen Denkanstößen muss festgehalten werden, dass Bregmans Argumentation am Ende doch immer wieder auf einem möglicherweise steigenden ökonomischen Wohlstand zurückkommt: Wenn wir xy tun, werden wir (= globale Gemeinschaft) noch reicher, als wir sowieso schon sind. Darüber kann mensch pikiert sein und das Nichtüberschreiten von neoliberaler Logik beklagen. Oder sich vor Augen führen, dass Veränderungen im Moment leider gerade mit dieser Argumentationsweise am wahrscheinlichsten sind, lassen sich die meisten Menschen in Machtpositionen herzlich wenig vom moralischen Zeigefinger beeindrucken. Abgesehen davon, plädiert Bregman und richtet sich damit dezidiert gegen eine Linke, die er als trocken und "langweilig wie eine Türklinke" empfindet (253) brauche es die guten Geschichten, um Menschen für die eigenen Ideen zu begeistern - und das seien Erfolgsgeschichten. Nicht die emotional aufgeladene "intellektuelle Aristokratie".

Bregman, so wird deutlich, hat viele Ideen und ist radikal pragmatisch, wenn es darum geht, sie umzusetzen.
4,5 von 5 Sternen.
Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge: TrotzdemKlappentext:

"Ist der aktuelle Shutdown unserer Gesellschaft auch ein Shutdown unserer Grundrechte? Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge gehen der Frage nach, was die Corona-Pandemie für unsere Gesellschaftsordnung und unsere bürgerliche Freiheit bedeutet. 'Niemand hätte sich vor zwei Monaten vorstellen können, dass wir diesen Ausnahmezustand erleben. Es wird heute von manchen behauptet, das sei die Zeit der Exekutive. Aber das ist falsch. Wir leben in Demokratien, wir haben eine Gewaltenteilung. Noch immer muss das Parlament entscheiden, und daran darf sich auch nichts ändern. Noch scheint unsere Demokratie nicht gefährdet. Aber die Dinge können kippen. Autoritäre Strukturen können sich verfestigen, die Menschen gewöhnen sich daran. Erosionen sind langsame Abtragungen, keine plötzlichen Ereignisse.'"
Ich kaufe das Büchlein, als die Corona-Pandemie noch etwas Neues und die ganze Welt noch verunsicherter ist als heute. Es ist das Protokoll eines Chat-Verlaufs, den Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge über einen Messenger-Dienst führen und ehrlich gesagt, weiß ich nicht genau, was ich erwartet habe. Vielleicht bin ich auch einfach ein bisschen müde, das hochtrabende Philosophieren älterer Männer zu beobachten, die sich mehr oder minder als Universalgelehrte präsentieren. Jedenfalls bringt das Gespräch der beiden, das durchaus Gehalt hat (der an einigen Stellen jedoch sehr herbeigezwungen wirkt) die ein oder andere Aha-Erkenntnis, ist im Gesamten allerdings wenig beeindruckend.

Es ist natürlich auch dem Format geschuldet, dass mensch am Ende mit ebenso vielen Fragen aussteigt wie sie*er eingestiegen ist, dennoch bescherte mir die Kombination aus Dingen, die viele andere auch damals schon gesagt und die weiteren angesprochenen Widerstände eine mittelmäßige Lektüre und ich war dann doch froh, dass sie relativ schnell endete.
2 von 5 Sternen.
Kathrin Hartmann: Grüner wird's nichtKlappentext:

"»Die Gewalt, die dem Klimawandel eingeschrieben ist, war nie nur ein Verbrechen gegen die Natur, sondern immer auch gegen Menschen. Daher ist es wichtig, den Klimaschutz nicht isoliert zu betrachten, nicht als ›Generationenfrage‹ und erst recht nicht als drohende ›Auslöschung der Menschheit‹. Sondern als Frage der globalen Gerechtigkeit, heute, hier und jetzt. Dafür müssen wir die ökologische, soziale und Machtfragen miteinander verbinden.«

Kathrin Hartmann, die unbestechliche Kritikerin aller Greenwashing-Methoden, legt mit ihrem Essay die neuralgischen Punkte der Klimaschutz- und Artensterben-Debatte frei und entwirft eine Perspektive, was nun zu tun ist."
Genau wie "Die grüne Lüge" habe ich auch dieses Buch von Kathrin Hartmann gerne gelesen. Sie schreibt stets mit viel Wut im Bauch, das aktiviert.

Insbesondere nimmt sie sich regelmäßig den wirklich wichtigen Fragen an, im vorliegenden Text:

- Die Regierung wird den Klimawandel nicht aufhalten

- Die Trennung von sozialer und nachhaltiger Frage ist kontrafaktisch

- Der persönliche Verzicht wird uns nicht retten

- Aktuell retten wir nicht das Klima, sondern den Kapitalismus

- Der SUV wurde zum Symbol für Abschottung und Klimazerstörung

Ich finde die pointierte und faktenbasierte strukturelle Analyse dieser Punkte enorm wichtig, um die wesentlichen Zusammenhänge zu verstehen und sich selbst mit dem eigenen Handeln entsprechend einordnen zu können bzw., deutlicher formuliert: sich keine Illusionen zu machen. Es wäre wünschenswert, wenn mehr populäre Sachbücher den Fokus darauf anstatt auf die individuelle Verantwortung legen würden.

Darüber hinaus thematisiert "Gründer wird's nicht" die Gefahr, die von der Vereinnahmung vermeintlich "grüner" Thesen und Argumente von rechts ausgeht, Stichwort Ökofaschismus. Diesem Themenkomplex muss ebenfalls dringend mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

In dem Text gibt es viel zu markieren und es gilt, ihn immer wieder in die Hand zu nehmen.
5 von 5 Sternen.
Bianca Jankovska und Julia Fellner: Dear Girlboss, we are doneKlappentext:

"Frauen können heute alles werden, was sie wollen. Sogar hemmungslose Opportunistinnen. Schließlich haben sie das Internet und damit die Chance auf Fame selbst in der Hand. Sie können ihr Selbst nach einer leicht konsumierbaren Schablone formen und intime Geheimnisse gegen Aufmerksamkeit tauschen. Sich jede Saison neu erfinden. Auch endlich Shepreneur werden.

Doch was, wenn unsere Schwestern gar nicht bereit sind, ausbeuterische Strukturen grundsätzlich zu verändern? Wir finden: solange die Girlbosse dieser Welt am spätkapitalistischen Banana-Bread mitnaschen, können sie sich ihre pseudo-emanzipatorischen T-Shirts, Productivity-Hacks und hübsch bebilderten Periodenkrämpfe ins Bullet-Journal schmieren.

Zeit für radikale Dekonstruktion.
We ain't buying your shit no more."
Schon Bianca Jankovskas erstes Buch ("Das Millenial Manifest") habe ich begeistert verschlungen und das zweite quasi sofort nach Erscheinen gekauft (und nicht bereut). In der Zusammenarbeit mit der Illustratorin Julia Fellner ist ein großartig spitzes und scharfsichtiges Konglomerat aus Text und kommentierenden Bildern entstanden, das nicht nur zur Reflexion einlädt, sondern mit der Nase reinstößt.

Das ist nicht angenehm und seicht und soll es auch nicht sein. Es geht auch nicht darum, in allen Punkten immer einer Meinung mit den Autor*innen zu sein, sondern um das, was ein Buch idealerweise tun sollte: den Horizont ein wenig weiter zu öffnen.

An Bianca Jankovskas Schaffen generell kann mensch sich reiben, aber auch viel lernen. Ich bin dankbar für beide Möglichkeiten.
5 von 5 Sternen.
Robin DiAngelo: White FragilityRobin DiAngelo ist diversity trainer und beschreibt die klassischen Abwehrmechanismen weißer Menschen, wenn sie auf rassistisches Verhalten angesprochen werden und überzogen sensibel bzw. "zerbrechlich" reagieren (White Fragility). Sie legt dar, inwiefern der Rassismus in den USA ein systematisches und kein individuelles Problem ist und besteht darauf, sich von der Vorstellung zu entfernen, dass sich nur Nazis rassistisch verhalten würden. "White Fragility" ist schon ein Bestseller, als ich es endlich aus meinem Bücherstapel der ungelesenen Bücher hervorziehe und mich an die Lektüre mache. Und natürlich habe ich bis dahin von den unterschiedlichen Kritiken, die das Buch von Schwarzen Menschen erhält, erfahren. Der wichtigste Punkt scheint mir zu sein, dass eine weiße Autorin mit einem Buch über Rassismus sehr viel Geld verdient und damit bestehende Strukturen reproduziert - vor allem mit Blick auf die Homogenität des Buchmarktes. Heute würde ich DiAngelos Buch nicht mehr kaufen - auch, weil es längst Texte von BIPoC-Autor*innen gibt, die dasselbe Thema beleuchten.

Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt: Obwohl die systematische Komponente anerkannt wird, tut DiAngelo so, als wäre Rassismus gewissermaßen geklärt, wenn wir nur alle an uns arbeiten würden. Das ist sicherlich ein extrem wichtiger, aber nicht der einzige Part. Die Verbindungen zu strukturellem und institutionellem Wandel werden so gut wie gar nicht gezogen - in gewisser Weise bleibt DiAngelo damit genauso sanft und white-pleasing wie sie vielen weißen Menschen im Text attestiert. Andere Kritiker*innen betonen, Schwarze Menschen würden sowohl als unfehlbare Personen überhöht als auch undifferenziert verkindlicht werden.

Fazit: Wenn nicht schon gekauft, dann besser die Finger davon lassen und BIPoC-Medienschaffende unterstützen.
1,5 von 5 Sternen.
Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah: Eure Heimat ist unser AlbtraumKlappentext:

"Was bedeutet es, sich bei jeder Krise im Namen des gesamten Heimatlandes oder der Religionszugehörigkeit der Eltern rechtfertigen zu müssen? Und wie wirkt sich Rassismus auf die Sexualität aus? Dieses Buch ist ein Manifest gegen Heimat - einem völkisch verklärten Konzept, gegen dessen Normalisierung sich 14 deutschsprachige Autor_innen wehren. Zum einjährigen Bestehen des sogenannten 'Heimatministeriums' sammeln Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah schonungslose Perspektiven auf eine rassistische und antisemitische Gesellschaft. In persönlichen Essays geben sie Einblick in ihren Alltag und halten Deutschland den Spiegel vor: einem Land, das sich als vorbildliche Demokratie begreift und gleichzeitig einen Teil seiner Mitglieder als 'anders' markiert, kaum schützt oder wertschätzt."
14 Texte zu den Themen Sichtbarkeit, Arbeit, Liebe, Vertrauen, Zugehörigkeit, Zuhause, Sprache, Sex, Gemeinschaft und dem eigenen Platz in einer Gesellschaft, die alles von einer imaginierten Normalität Abweichende noch immer als Fremdes betrachtet und auf einen speziell untergeordneten Platz verweist. Es geht um Überschneidungen verschiedener Diskriminierungsformen, Grenzenziehen, das Suchen und Finden von sich selbst und Gemeinschaft.

Die Sammlung ist so komplex und wichtig, dass sich ein Reinschauen und Wiederlesen immer lohnt.
5 von 5 Sternen.
Mimi Sewalski: Nachhaltig leben jetzt*"Nachhaltigkeit ist als Begriff in aller Munde. Doch wie setzt man ökologisches Verhalten im Alltag um? Wie schafft man es, seine Konsumgewohnheiten nachhaltiger zu gestalten? Wie und wo findet man Informationen? Und wie merkt man eigentlich, dass das eigene Handeln wirklich nachhaltig ist? Nachhaltig leben jetzt! gibt einen fundierten Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten, sein Leben in allen Bereichen von Mode, Wohnen, Garten und das Büro über die Ernährung bis hin zum Reisen und den Freizeitaktivitäten nachhaltig zu gestalten. Die erfahrene Expertin Mimi Sewalski stellt spannende Hintergründe, Zahlen und Fakten zusammen und beantwortet tiefgehend alle Fragen zum Thema Nachhaltigkeit. Komplexe Zusammenhänge werden nachvollziehbar und verständlich erklärt und regen zum Umdenken und Handeln an."

(Knesebeck)
"Nachhaltig leben jetzt" ist ein Nachhaltigkeit-Nachschlagewerk, das es in der Ausführlichkeit und in dem Facettenreichtum bisher vermutlich noch nicht auf dem deutschsprachigen Markt gibt. Von Mode über Kosmetik, Ernährung, Wohnen und Reisen bis hin zu Arbeit, Internet und Geld versammelt Sewalski viele Tipps für ein ökologischeres Leben in einem reichlich bebilderten Band. Dabei sind viele Hinweise und Adressen, die mensch bereits kennt, wenn sie*er sich eine Weile mit Nachhaltigkeit beschäftigt - doch es sind auch neue Gedanken und Adressen zum Weiterlesen dabei. Insgesamt ist es ein reichhaltiges Informationspaket, in dem mensch immer wieder nachschauen kann.

Ein paar Kritikpunkt habe ich dennoch:

1) Der nachhaltige Lifestyle, der vertreten wird, ist ein sehr privilegierter und das wird nur bedingt hinterfragt.

2) Es kommen in verschiedenen Interviews mehrere Expert*innen zu Wort - doch die sind alle weiß oder werden jedenfalls weiß gelesen. Diversität spielt sich in einem sehr schmalen Rahmen ab und das ist schade. Insbesondere, wenn es um nachhaltiges Reisen geht, wird ein weißer Mann interviewt - das ist vor allem deshalb fatal, weil der Blick auf Länder des globalen Südens wieder ein kolonialer bleibt - da wäre ein*e BIPoC-Expert*in die wünschenswertere Besetzung gewesen.

3) Mimi Sewalski ist Gründerin des Avocadostores, auf dem Cover ist angegeben, dass das Buch durch den Store unterstützt wurde. Dementsprechend sind Querverweise und Werbung nicht in starker, aber dennoch in leicht auffallender Häufigkeit zu finden.

4) Es gibt einen starken fachlichen Fehler auf S. 188. Sewalski schreibt in Bezug auf das richtige Mülltrennen:

"Deutschland exportiert Plastikmüll auch ins Ausland, etwa nach China oder Malaysia. Dabei handelt es sich allerdings fast nur um Abfälle aus Industrie und Gewerbe und nicht um unseren Haushaltsmüll. Für die Industrie lohnt sich das, denn das Sortieren des Mülls ist im Ausland schlichtweg günstiger." Es folgen weitere Sätze, die sich wie Argumente für das Exportieren von Plastikmüll lesen: ohnehin zwischen Europa und China pendelnde Schiffe würden genutzt. China könne Plastik gut als Rohstoff brauchen. Andere Wertstoffe wie Aluminium sei zwischen dem Plastik zu finden - und das könne in China günstiger aussortiert werden (188). Der Passus ist auf mehreren Ebenen problematisch - vor allem ist die Anfangsthese allerdings falsch: Ein beträchtlicher Teil des exportierten Plastiks sind Einwegverpackungen (vgl. den Plastikatlas). Und es kommt nicht von ungefähr, dass einige asiatische Länder 2018 einen Exportstopp verordnet haben: Anders als der Text suggeriert, sind sie nämlich nicht dankbar für die Müll-Lieferungen aus Europa. Das hängt unter anderem mit der miesen Qualität des Plastiks zusammen, das nicht, wie Sewalski behauptet, einfach als Rohstoff genutzt werden kann.

An anderen Stellen sind mir solche inhaltlichen Probleme nicht aufgefallen, aber ich prüfe jetzt beim Lesen naturgemäß gründlicher gegen. Dennoch muss festgehalten werden, dass in dem Buch eine Menge Arbeit und Wissen stecken - beides macht es zu einem guten Nachschlagewerk.
3,5 von 5 Sternen.
Manfred Folkers und Niko Paech: All you need is less*Klappentext:

"Achtsamkeit und Nachhaltigkeit sind zu Modebegriffen geworden. Sie sind aber ebenso zentrale Pfeiler der aktuellen Suffizienz-Bewegung und der jahrtausendealten Lehre des Buddha.

Mit Niko Paech und Manfred Folkers loten zwei Experten aus, welche Potenziale die beiden Denkrichtungen mitbringen, um unseren zerstörerischen Wachstumspfad zu verlassen. Über eine provokante Abrechnung mit den Wachstumstreibern kapitalistischen Wirtschaftens und das Besinnen auf die Tugenden eines konsumbefreiten Lebens entwickeln sie eine »Kultur des Genug«. Denn nur mit einer »zufriedenen Genügsamkeit« werden sich die großen Krisen unserer Zeit lösen lassen."
Das Programm, sich einer "Kultur des Genug" aus unterschiedlichen Perspektiven - der buddhistischen und der ökonomischen - zu nähern, hat mir vor dem Lesen gut gefallen - leider konnte ich persönlich mit der Umsetzung wenig anfangen.

Das beginnt bei der für mich ungeklärten Frage, ob es eine gute Idee ist, dass ein offensichtlich weißer Mann aus Deutschland sich ein halbes Buch lang als Experte über den Buddhismus auslässt. Das hinterlässt für mich einen schalen Beigeschmack, zumal der Text von Manfred Folkers auch inhaltlich nur bedingt überzeugen kann und schnell ins Wiederholen und abstrakt Metaphysische abdriftet, dem die Lesenden nur mit viel Wohlwollen folgen können.

Dieses Buch ist der erste längere Text, den ich von Paech gelesen habe und ich bin auch von seinem Teil nur bedingt begeistert. Der Suffizienz-Ansatz (also: Sparen und Vermeiden - all you need is less) ist sicherlich eine der wichtigen Lösungen, um der Klimakrise zu begegnen - Paech stellt sie allerdings (nicht nur hier) so dar, als handle es sich um die einzige. Er scheint darüber hinaus ein Feindbild in Linken gefunden zu haben, jedenfalls liegt der Schluss nahe: "Erstens würden die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse, allen voran der böse Kapitalismus, die alleinige Schuld tragen. Auch Wohlstandsbürger, zumal solche mit links-intellektuellem Bildungshintergrund, nehmen unverhohlen das Recht in Anspruch, sich als 'Systemopfer' zu gerieren. Im Mittelalter wurde das Böse und Verführerische noch Teufel genannt, erfüllte gleichwohl denselben Zweck wie die nunmehr in Kapitalismus umbenannte Projektionsfläche." (182)

Von Änderungen auf politischer Ebene hält Paech daher nichts, die Individuen müssen es durch Konsumverzicht richten, alles andere sind "faule Ausreden".

"Dass derzeitige Aufbrüche und Unmutsartikulation weiterhin auf den Fluchtpunkt zulaufen, Forderungen an die Politik zu richten, verschafft ein bequemes Alibi: Wer die Bewältigung der Folgen des eigenen Handelns an eine bestimmte Zuständigkeit überträgt, auf die kein direkter Einfluss besteht, kann logischerweise selbst nicht mehr verantwortlich sein." (196)

Dass mensch sich Nachhaltigkeit leisten können muss, will Paech auch nicht gelten lassen - immerhin koste es nichts, was wegzulassen. Die Behauptung, nicht alle Menschen können sich ein nachhaltiges Leben leisten "war nie etwas anderem als einer modernistischen Blickverengung geschuldet." (191) Mensch ahnt: Von Klassismus hat der Autor bisher wenig gehört und im Generellen hält er alle Menschen für ein bisschen faul, nach Ausreden suchend und verantwortungslos. Nur, wer genügsam lebt, verdient die Anerkennung Paechs: "Genügsam lebende Menschen sind die letzten 'Helden' einer modernen Welt, in der alle verbliebenen Abenteuer zu kerosintriefenden oder digital vermittelten Konsumkrücken verkommen sind." (204) Sehr sympathisch.
2 von 5 Sternen.
Dirk Steffens und Fitz Habekuss: Über Leben"'Wir befinden uns mitten im sechsten Massenartensterben und erleben den größten Artenschwund seit dem Aussterben der Dinosaurier. Der Mensch hat ihn ausgelöst und nur er kann ihn stoppen.' Der Naturfilmer und Terra-X-Moderator Dirk Steffens engagiert sich seit Jahren für den Artenschutz. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Fritz Habekuß zeigt er, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt und warum der Erhalt der Artenvielfalt überlebensnotwendig für die Menschheit ist. Die beiden schlagen Maßnahmen vor, um das Artensterben zu stoppen: drastisch, aber nicht unmöglich - und mit der Chance, unser Verhältnis zur Natur zu revolutionieren."Steffens und Habekuss widmen sich einem Thema, das über die Klimakrise oft vergessen wird und parallel stattfindet bzw. direkt mit der Klimakrise zusammenhängt: dem Artensterben. Wir befinden uns mitten in der 6. Auflage und der ersten, die nachweislich von dem Menschen ausgelöst wurde. Die Autoren beklagen daher auch nachvollziehbar die Kurzsichtigkeit, Zerstörungswut und Entfremdung der Menschen von der Natur und ihren Lebewesen (zu denen sie ja auch selbst gehören) und widmen sich des Themas mit viel Liebe für die Welt, auf der wir leben.

Besonders spannend sind sowohl die Darstellung globaler Wechselwirkungen, wie etwa im Krillschalen-Kreislauf als auch die kompakte Darstellung der Auswirkungen des Menschen auf Klima und Arten in den Grafiken in der Mitte des Buches. Fast ein wenig überraschend die berechtigt harsche Kapitalismus-Kritik und die Stellung der Systemfrage.

Insgesamt ein Text, der viel Bekanntes wiederholt und trotzdem neue Zusammenhänge und Gedanken eröffnet.
4 von 5 Sternen.
Ann-Kristin Mull: Ist öko immer gut?Klappentext:

"Ist öko immer gut? Wenn ich Hilfsorganisationen Geld spende, unterstütze ich dann vielleicht eine korrupte Regierung? Wenn wir nur noch "Made in Germany" kaufen, verlieren dann Menschen in Indien ihre Lebensgrundlage? Unterstütze ich korrupte Regierungen, wenn ich Hilfsorganisationen Geld spende? Gehen beim Wasser sparen unter Umständen die Rohre kaputt?

Dieses Buch bietet Antworten - all denen, die die Welt ein Stück besser machen wollen, aber Zweifel haben, was wirklich gut ist. Beiträge von 16 internationalen Experten und konkrete Anwendungstipps, gestalterisch aufbereitet zu einem Buch, das man leicht und gerne liest."
Die Idee des Buches hat mir gut gefallen - leider ist die Umsetzung nicht gelungen.

Das fängt mit der Homogenität der Expert*innen an und geht über die klassischen Tipps (Plastik vermeiden, Ökostrom ist nicht immer öko, auf Siegel achten, Kaufentscheidungen beeinflussen die Politik) bis hin zu einem Text, der wieder viel Verantwortung bei den Individuen ablädt und systemische Zusammenhänge höchstens anreißt.

Außerdem erhält mensch durch die etwas hölzernen Interviews den Eindruck, hier wurden lediglich Fragen verschickt und schriftlich beantwortet. Das schmälert die Qualität der Gespräche und führt dazu, dass es keine kritische Intervention bei problematischen oder schwammigen Aussagen gibt, sondern die Antworten umkommentiert im Raum stehen bleiben.

Die Gegenprüfung von "wissenschaftlich fundierten" Thesen ist aufgrund fehlender Quellenangaben nicht möglich, was dem Anspruch des Buches nicht gerecht wird.

Insgesamt eine unbefriedigende Lektüre.
2 von 5 Sternen.
Anna Mayr: Die ElendenKlappentext:

"Faul. Ungebildet. Desinteressiert. Selber schuld. Als Kind von zwei Langzeitarbeitslosen weiß Anna Mayr, wie falsch solche Vorurteile sind - was sie nicht davor schützte, dass ein Leben auf Hartz IV ein Leben mit Geldsorgen ist und dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Früher schämte sie sich, dass ihre Eltern keine Jobs haben. Heute weiß sie, dass unsere Gesellschaft Menschen wie sie braucht: als drohendes Bild des Elends, damit alle anderen wissen, dass sie das Richtige tun, nämlich arbeiten. In ihrem kämpferischen, thesenstarken Buch zeigt Mayr, warum wir die Geschichte der Arbeit neu denken müssen: als Geschichte der Arbeitslosigkeit. Und wie eine Welt aussehen könnte, in der wir die Elenden nicht mehr brauchen, um unseren Leben Sinn zu geben."
Ich liebe die trotzige Wut, mit der Anna Mayr schreibt. Über Verwaltung von Menschen mitten in Deutschland, Kürzungen, Würdelosigkeit, Abgrenzung, Stigma, geboren aus der Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg, der für immer mehr Menschen in den Rahmen des Möglichen rückt. Arme, sagt Mayr und meint damit vor allem Arbeitslose, sind in einer kapitalistischen Gesellschaft wichtig — denn sie sind das abschreckende Beispiel dafür, was dir droht, wenn du nicht hart genug (an dir und für andere) arbeitest. Ohne diese Angst, die zu immer mehr Leistung antreibt, würde das hier nicht lange funktionieren. Ein wichtige Buch, wir sprechen immer noch viel zu wenig über Klassismus und Armenhass.

5 von 5 Sternen.
Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus?Klappentext:

"Ist der Kapitalismus das Ende der Geschichte, eine Weltordnung, die unüberwindbar ist?

Jean Ziegler widerspricht dieser Ansicht vehement. Er erklärt seiner Enkelin Zohra und ihrer Generation, welchen unmenschlichen Preis wir für dieses System zahlen. Auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, überleben zwei Milliarden Menschen in fürchterlichem Elend, sterben täglich Zehntausende Kinder an Mangel- und Unterernährung. Kapitalistische Profitgier zerstört die Umwelt, vergiftet Böden, Flüsse und Meere, beschäftigt das Klima und bedroht die Natur. Ziegler erklärt, warum dieses System 'radikal zerstört' werden muss. Der Kapitalismus als 'kannibalische Weltordnung' ist unreformierbar. Und er zeigt sich überzeugt, dass seine Abschaffung eine kraftvolle Utopie ist, an deren Verwirklichung bereits Millionen Menschen arbeiten, die sich als breite Widerstandsfront formieren."
Auch das ist ein Buch, von dem ich mir mehr versproche hatte und von dem ich dementsprechend enttäuscht wurde. Der Text ist als Frage-Antwort-Spiel zwischen Ziegler und seiner Enkelin angelegt. Wie alt das Mädchen oder die junge Frau ist, wissen wir nicht - sie changiert zwischen starker Naivität (die sie im Kindlichen verortert) und (alt-)klugen Bemerkungen, die zumindest an eine junge Erwachsene denken lassen.

Aufgelöst wird das Mysterium nicht, dafür bleibt der paternalistische Ton Zieglers das ganze Buch über erhalten - was nicht nur äußert nervig zu lesen ist und problematische Muster reproduziert, sondern auch mit stark vereinfachten Aussagen ohne größere Tiefe und Differenzierung einhergeht, die allen, die sich zumindest ein wenig mit dem Thema Kapitalismsukritik befasst haben, vertraut sein dürften. Der Erkenntnisgewinn ist daher gering für den vollmundigen Ton, in dem das Buch beworben wird und ich musste mich anstrengen, bis zum Ende durchzuhalten. (Ich dachte, es würde besser, wurde es aber nicht.)
0 von 5 Sternen.
Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der WeltKlappentext:

"Was haben das Verschwinden von Apfelsorten, das Auftreten von Politikern in Talkshows, religiöser Fundamentalismus und der Kunst- und Musikmarkt miteinander gemeinsam? Überall wird Vielfalt reduziert, Unerwartetes und Unangepasstes zurückgedrängt. An die Stelle des eigentümlichen Inhalts rückt vermeintliche Authentizität: Nicht mehr das "was" zählt, sondern nur noch das "wie". Thomas Bauer zeigt die Konsequenzen auf, sollten wir diesen fatalen Weg des Verlustes von Vielfalt weiter beschreiten."
In "Die Vereindeutigung der Welt" untersucht Bauer die seiner Perspektive nach schwindende Bereitschaft der meisten Menschen, Widersprüche und Zwei- sowie Mehrdeutigkeiten auszuhalten. Ambiguitätstoleranz käme uns abhanden - das sei nicht nur in Religionen, sondern auch in Kunst und Kultur bis hin zum unbedingten Authentizitätsanspruch unserer Zeit zu beobachten. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir persönlich dabei das Beispiel der schnurgerade gezogenen zeitgenössischen Architektur, die ohne jede verschönernde Verzierung auskommt und als Verdichtung der Hauptthese gelten kann: Entweder null oder eins, eine absolute Eindeutigkeit. Die grauen Kastengebäude können nicht weniger sein als das, was sie sind - sonst wären sie nicht mehr existent. Der Autor kritisiert das Herunterdampfen jeden Themas auf Null oder Eins, Schwarz oder Weiß und liefert einige interessante Perspektiven. Dennoch schleicht sich bei aller Relevanz der Verdacht einer Vergangenheitsverklärung sowie eines generellen "Moderne"-Skeptizismus ein, der bisweilen zu doch sehr starken Thesen neigt. 4 von 5 Sternen.
Christian Neuhäuser: Wie reich darf man sein?Klappentext:

"Es gibt immer mehr Milliardäre: Immer weniger Leute haben immer mehr Geld. Darf das so bleiben?
Der Band erhellt das Phänomen »Reichtum« und gibt präzise Antworten auf die Fragen: Was ist Reichtum und wer gilt überhaupt als reich (oder superreich)? Ist Reichtum immer ungerecht? Spielen bei Kritik am Reichtum stets Gier und Neid eine Rolle? Und wie könnte ein gerechterer Umgang mit Reichtum aussehen?"
Neuhäuser legt in dem schmalen Reclam-Band klar und ausdrücklich dar, warum und ab wann Reichtum ethisch nicht mehr vertretbar ist. Dabei geht er philosophisch kleinschnittig vor, definiert sauber, macht Einschränkungen und legt die Prämissen genauso nachvollziehbar dar wie seine Schlussfolgerungen. Und die sind gravierend. Reiche Akteure (er buchstabiert aus, wer "reich" und wer sogar "superreich" ist) unterlaufen "die für jede Demokratie so zentrale Idee von der Gleichheit aller Menschen" (44). Ihre Existenz sei nicht nur undemokratisch und führe die Idee der Leistungsgesellschaft ad absurdum, sondern sei außerdem ein Angriff auf die Würde der anderen Menschen. (48)

Ein nüchterner, aber nichtsdestotrotz eindringlicher Text, in dem ich mir sehr viel unterstrichen habe und in den ich regelmäßig reinschaue.
5 von 5 Sternen.
Susanne Götze und Annika Joeres: Die KlimaschumutzlobbyKlappentext:

"Spätestens seit 'Fridays for Future' ist das Thema 'Klimawandel' als eines der dringlichsten Probleme unserer Zeit erkannt worden. Doch trotz eindeutiger Verpflichtungen zu den Zielen des Pariser Weltklimaabkommens sind wir weit davon entfernt, diese auch zu erreichen - warum?
Ihre Argumente sind krude, ihre Finanzen undurchsichtig, aber ihr Einfluss reicht bis in Regierungen. Klimawandelskeptiker und Lobbyisten der Fossilindustrie sind nicht nur in den USA aktiv, sondern auch in Europa. Ihr Ziel: Klimaschutzgesetze torpedieren, die Verbrennung fossiler Rohstoffe fördern und die Staaten dazu bewegen, aus dem Pariser Weltklimaabkommen auszusteigen. Dieses Buch zeigt, mit welchen Strategien, Netzwerken und Argumenten die Klimaschutz-Bremser gegen die europäische Klimaschutzpolitik kämpfen. Die Autorinnen erklären, warum Deutschland seine Klimaziele wirklich verfehlt und welche Interessengruppen unsere Zukunft verbauen. Ein erschütternder Bericht darüber, dass gutgemeinte Selbstverpflichtungen gar nichts bringen und ein Weckruf: Wir brauchen eine starke Klimapolitik!"
Es ist ein Buch, auf das ich sehnlichst gewartet hatte: Eines, das nach einer akribischen Recherche aufzählt, wer, wie und warum effektive Klimapolitik blockiert und die wichtigste Frage beantwortet: Warum zum Teufel bewegt sich da so wenig?

Die beiden Autor*innen haben mehr als 3 Jahre intensiv an diesem Buch gearbeitet und mensch merkt, wie viel Energie und Lebenszeit dort hineingeflossen ist. Wir lernen viel über Populist*innen, neoliberale Thinktanks und ihre Verbindungen in die Politik auf EU- und Deutschland-Ebene, über internationale Netzwerke und darüber, wie sie über sehr lange Zeit wachsen und die öffentliche Wahrnehmung bis hin zum Unterrichtsmaterial in den Schulen mitbestimmen konnten.

Es ist ein Text, der mit knapp 50 Seiten Quellenverweisen zur Eigenrecherche anregt und vor allem mit ordentlich Wut geschrieben ist und ordentlich wütend macht.

Einige, mit denen ich die "Klimaschmutzlobby" besprochen habe, bemängeln die fehlende konstruktive Ausrichtung (es wird im Prinzip fast nur das Schlechte aufgezählt und wenig Hands-On-Hinweise für eine lösungsorientierte Zukunft gegeben) und ich denke, als Kritikpunkt kann mensch das anbringen. Dennoch ist eine besonders konstruktive Herangehensweise wahrscheinlich weniger die Intention der Autor*innen gewesen als eine fundierte und für die breite Öffentlichkeit verständliche Offenlegung von Dingen, die normalerweise im Verborgenen oder zumindest weit unter dem Radar der meisten Menschen stattfinden. Und das ist ihnen fantastisch gelungen.
10 von 5 Sternen.
Clemens Traub: Future for FridaysKlappentext:

"Die moralische Überheblichkeit der Klimabewegung spaltet unsere Gesellschaft.

'Klimaschutz war mir schon immer ein wichtiges Anliegen. Ich studiere und gehöre der Generation an, die wie keine andere zuvor die Auswirkungen des Klimawandels am eigenen Leib erfahren wird. So war ich anfangs ein begeisterter Unterstützer der FfF-Bewegung. Mittlerweile bin ich ernüchtert und enttäuscht. Denn die Bewegung hat viel zu oft vermeintliche Klimasünder an den Pranger gestellt und sich in vergifteten Schuldvorwürfen verloren: Hier die gebildeten Klima-Eliten - dort die tumben Umweltzerstörer. Wer so den gesellschaftlichen Zusammenhalt riskiert, wird die Welt nicht retten.'"
Where to begin?

Der Text ist eine vermeintlich skandalträchtige Offenbarung von "einem, der von Anfang an dabei war" und da beginnt das Problem bereits: Traub hat vielleicht einen "grünen Freundeskreis" und ist ein paar Mal auf FfF-Demos mitgelaufen, aber die Ideen hinter den Forderungen hat er scheinbar nicht wirklich verstanden und gibt sich auch keine Mühe, das zu ändern. Er gefällt sich in der Rolle des Aussteigers, der jetzt mal sagt, was Sache ist und es beschleicht mich der Verdacht, da möchte sich jemand zukünftig lukrativ erscheinende Posten in der Wirtschaft sichern. Jedenfalls zitiert er unkritisch Lobby-Verbände wie den Verein Lausitzer Braunkohle und spielt angeblich drohende tiefe soziale Spaltung der Gesellschaft gegen die Klimakrise aus. Es ist das alte, allzu bekannte Scheinargument und zieht sich durch das gesamte Traktat.

Natürlich dürfen Klimaschützer*innen kritisiert werden - ihnen aber "blinde Zerstörungswut" (44) gleich neben Opportunismus "fernab von [...] Karl-Marx-Seminaren an der Uni" (46) zu unterstellen, geht eindeutig an differenzierter Kritik vorbei und wälzt sich im Schlamm des Polemischen.

Dazu gesellen sich ein klebriger Besserwisser-Ton von einem, der selbst noch am Anfang allen Verstehens ist sowie ein Schreibstil, der dem Habitus, der arrogant zu kommunizieren versucht wird, nicht im Mindesten gerecht wird. Zusammenfassend: Polemische Luftbläserei. (Ja, es hat mich wütend gemacht.)
-100 von 5 Sternen.
Science Busters: Global Warming PartyKlappentext:

"Herzlich willkommen zur Global Warming Party! Es gibt jede Menge zu feiern! Wir blasen mehr CO2 in die Atmosphäre als je zuvor! Jedes einzelne Jahr schreibt neue Temperaturrekorde! Also: Party! Tanz auf dem Vulkan! Leider ist der Klimawandel eine Partybremse. Hilfe naht! Die Science Lusters kommen und retten die Welt!"
Das Buch habe ich gekauft, weil ich auch in der Vergangenheit gerne unterhaltsame Wissenschaftskommunikation gelesen habe.

Mein Lese-Erlebnis der "Global Warming Party" war durchwachsen. Es beginnt mit der Unterüberschrift, auf deren sexistischen Gehalt ich erst von einer Followerin aufmerksam gemacht werden musste, da ich sie selbst übersah: Normalerweise säuft man sich Frauen schön, auf dass sie "fuckable" werden. Inwiefern das jetzt mit dem Klima zusammenhängt und was so eine Formulierung auf einem Buchcover zu suchen hat, erschließt sich nicht.

Der Inhalt ist reichlich weitschweifig und diffundiert in unterschiedliche Themengebiete (Atome und die Zusammensetzung des Universums), die an sich zweifellos spannend sind, allerdings nur bedingt etwas mit dem eigentlichen Thema zu tun haben.

Nachhaltigkeit wird zwar auf verschiedenen Ebenen besprochen, die wichtigen Botschaften bleiben allerdings die bekannten: Technik wird nicht die Lösung sein, Atomendlager sind eher schwierig zu finden, Zellkulturfleisch ist klimafreundlicher als normales Fleisch, die Trockenlegung von Mooren ist ein Klima-Desaster und Geo-Engineering wird mehr Probleme schaffen als lösen. Für Menschen, die sich bereits ein wenig mit dem Klima-Thema beschäftigt haben, eine interessante Auffrischung, allerdings wenig neuer Erkenntnisgewinn.

Sprachlich ist "Global Warming Party" kurzweilig bis unterhaltsam, wenn auch bisweilen gezwungen locker und zu unbedarft, sodass mensch sich veralbert vorkommt. Aber das ist sicherlich starke Ansichtssache.
3 von 5 Sternen.
Zukunft schreiben statt schwarzmalen"In elf bezaubernden Kurzgeschichten führen wir dich um die ganze Welt, um den Klimawandel zu verstehen - und was jede:r Einzelne dagegen tun kann. Geschichten für junge Weltveränderer, die Mut machen und inspirieren."

(Zukunft schreiben)
Ich habe mehr erwartet. An sich gefällt mir die Idee, etwas gegen die zunehmende Besorgnis, mit der Kinder in die Zukunft schauen, zu unternehmen und ich finde, Bücher sind ein gutes Medium, damit anzufangen und Motivation sowie Inspiration zu vermitteln. Die hier gesammelten 11 Geschichten stammen von Autor*innen, die einen Schreibwettbewerb gewonnen haben und unterschiedliche Perspektiven auf Klima und Nachhaltigkeit vereinen.

Sie lesen sich durch Kinderaugen auch sicherlich spannend und abwechslungsreich - dennoch ist ihnen eines gemeinsam: der Fokus auf das Individuum als verantwortliche Person, die Welt zu retten. Ich glaube, dass Kinder, die diese Geschichten verstehen, auch dazu in der Lage sind, die systemische Komponente der Klimakrise zu begreifen. Wir dürfen ihnen sagen, dass sie nicht in der alleinigen Verantwortung sind, sondern Veränderungen in größerem Maßstab als Kleidertauschpartys in der Schule oder einer Mehrwegverpackungen im Familienhaushalt passieren müssen. Dieser entscheidende Aspekt fehlt mir in den Geschichten und ich halte dieses Fehlen mittlerweile für fatal.
2 von 5 Sternen.
Eva von Redecker: Revolution für das Leben"Denn am Ende unterscheidet sich doch genau daran ein solidarisches von einem faschistischen Kollektiv: dass in seiner Mitte selbst noch seine Gegner sicher tanzen können."⁣

Von Redecker untersucht in "Revolution für das Leben — Philosophie der neuen Protestformen", wie der Kapitalismus funktioniert, wie er mit Faschismus, Sexismus, Rassismus und der Klimakrise zusammenhängt und macht das so poetisch dicht und mit solch schönen Sätzen, dass ich manchmal ganz ergriffen vor dem Buch sitze und Tränen in den Augen habe. Es ist das schönste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe, nicht nur wegen der brillanten Stilistik und der scharfen Analyse, sondern auch der zuversichtlichen, beinahe liebevollen Hoffnung, mit der die Autorin auf das blickt, was sich zum Guten bewegt: auf Fridays for Future, Extinction Rebellion, auf die Kämpfe von BIPoC, auf die von Indigenen Frauen. Sie kämpfen für nicht weniger als das Leben, ihr eigenes und das der Welt und aller Lebewesen auf ihr. Nach fast 300 Seiten das Fazit: "Es ist kein menschlicher Fehlgriff, die Welt zu verändern. Man kann sie schließlich auch verschönern. Aber dafür muss man sich auf ihre Zusammenhänge konzentrieren."⁣
Alles ist mit allem verbunden, omnia sunt communia, alles soll allen gemein sein.

Wir brauchen ein neues Verständnis von Besitz, meint die Philosophin: "Alles soll allen gehören heißt dann: Alles kann sich frei von Leibeigenschaft organisieren. Und es heißt auch: Alles ist allen anvertraut. Alle sind einander anvertraut."

Sie malt nicht weniger als die Utopie, und das virtuos.
Ich bin schwer begeistert und werde das Buch in den nächsten Jahren noch sehr oft in die Hand nehmen.

5 von 5 Sternen.
Ilona Hartmann: Land in SichtKlappentext:

"Jana hat ihren Vater nie kennengelernt. Alles, was sie über ihn weiß, ist, dass er als Kapitän auf der MS Mozart arbeitet, einem eher wenig glamourösen Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Also bucht sie sich kurzerhand eine Woche dort ein. Ob sie sich ihm zu erkennen geben wird, weiß sie noch nicht. Mit knapp hundert Gästen im Seniorenalter und der trinkfesten Bordbesatzung beginnt die Fahrt von Passau nach Wien."
Gegen Ende von 2020 brauchte ich etwas, über das ich lachen kann, ohne dass es mich langweilt. Ilona Hartmann wird vielen von Twitter und Instagram dafür bekannt sein, genau das zu liefern.

"Land in Sicht" ist schnell und flüssig zu lesen, büßt dabei allerdings wenig an Reflexions- und Identifikationsangeboten ein und verursacht stellenweise schallendes Lachen. Der Text ist berührend-melancholisch und erleichternd zugleich und wahrscheinlich wird er deshalb und wegen der über allem schwebenden leichten Skurrilität so geliebt.
5 von 5 Sternen.
Philippa Perry: Das Buch, von dem du dir wünscht, deine Eltern hätten es gelesenKlappentext:

"Kann ich meinen Eltern verzeihen? Darf ich eingestehen, dass ich als Mutter oder Vater einen Fehler gemacht habe? Ja, sagt die erfahrene Psychotherapeutin Philippa Perry. Was Kinder brauchen, sind keine falschen Ideale, sondern wahrhaftige Bezugspersonen. In ihrem Buch erklärt Philippa Perry, worauf es zwischen Eltern und Kindern wirklich ankommt. Ihr leicht zugängliches und praxisnahes Konzept verrät:

• wie unsere eigene Erziehung das Verhältnis zu unseren Kindern beeinflusst

• wie wir aus Fehlern lernen (und sie wieder gut machen)

• wie man aus negativen Verhaltensmustern ausbricht

• wie man mit impulsiven Gefühlen umgeht

• wie man lernt, wertschätzend miteinander zu sprechen"
Ich lese dieses Buch für mich und vielleicht für Kinder, die irgendwann kommen, denn ich wenn ich eine Sache weiß, dann, wie transgenerational bestimmte Dinge unsichtbar und über das Genom hinaus vererbt werden können. Wie wir Kinder waren und sein durften, hängt wesentlich mit dem zusammen, wie wir später werden, soweit die unüberraschende Neuigkeit und ich beschäftige mich seit langem mit Mustern, die immer wiederkehren und der Frage, wie man sie aufbrechen kann.

Philippa Perry's Buch ist in der Tat so etwas wie ein Erziehungsratgeber, aber einer von der angenehmen Sorte, denn es geht auch vor allem um die erziehenden Personen und ihre Gefühle: Wann fühlen wir uns wütend, welche Situationen sind triggernd für uns und warum? Was machen wir gleich (schädlich), obwohl wir ganz anders sein wollten?

Es geht allerdings nur anfangs dezidiert um die erwachsende Leseperson, schnell um die Frage, wie man mit kleinen, größeren und erwachsenen Kindern umgeht und die Antwort lautet immer: sich einfühlen. Langsam machen, einem anderen Menschen nicht den eigenen Willen aufdrücken, gucken, was hinter dem Ausdruck von Wut oder Frustration oder Trauer steckt. Perry spricht genauso ungern von "schlechtem Verhalten" wie von "negativen Emotionen". Alles hat Berechtigung und braucht Raum. Ein Kind ist kein Projekt, schreibt sie, das man optimieren müsse. Man wird Fehler machen, genauso wie die eigenen Eltern und die Großeltern Fehler gemacht haben — das Wichtigste ist, diese Fehler zu sehen, einzugestehen und "den Riss zu reparieren". Niemand ist perfekt und das muss sie*er auch gar nicht. Es geht darum, nie mit dem Lernen aufzuhören und das Kind als Mensch mit eigener Sicht auf die Welt wertzuschätzen (und auch so zu behandeln).

Ich mag diesen Ansatz und die Tatsache, dass die Autorin "Elternschaft" als sehr weiten Begriff unabhängig von der Biologie versteht und das ausdrücklich mehrfach schreibt. Die Fallbeispiele in dem Buch sind dennoch bis auf eines cis-heteronormativ, was ein bisschen schade ist.

Unabhängig von den vielen guten Gedanken vermisse ich eine größere politische Komponente.

Verantwortlich für die Erziehung scheinen in dem Weltbild nur ein oder zwei Personen zu sein — und die müssen vor allem eine Ressource haben: mächtig viel Zeit. In einer Gesellschaft, in der Zeit Geld ist, müssen sie den Luxus besitzen, nicht zum nächsten Termin hetzen zu müssen, um sich ganz in Ruhe mit dem Kind mitten im Einkaufstrubel hinzusetzen und Ameisen zu zählen. Wer kann sich das leisten, frage ich mich beim Lesen oft. Es ist schön und immens wichtig, aber ich glaube, die Realität vieler Erwachsener sieht anders aus: Wenn die Sorgearbeit nicht auf mehrere Schultern verteilt und ein finanzielles wie soziales Sicherheitsnetz da ist, fehlt als erstes Zeit.

"Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen", richtet sich also eher an sichere Personen (die überhaupt auch den Luxus haben, sich Erziehungsbücher durchzulesen) und umschifft die Dimension sozialer Gerechtigkeit, die gerade für die Frage, wie wir aufwachsen so wichtig ist. Doch ganz generell wäre ich wirklich froh, wenn meine Eltern dieses Buch gelesen hätten.
3,5 von 5 Sternen.
Brooke Gladstone und Josh Neufeld: Der Beeinflussungsapparat"In ihrem Comic-Manifest gehen die New Yorker Autorin Brooke Gladstone und Zeichner Josh Neufeld der Frage nach, was Zeitungen, Fernsehen, Radio ausmacht und wie das Internet alles durchrüttelt. Dabei liefern sie überraschende Einsichten in die Gesellschaft und finden dabei Erklärungen, wie Menschen auf so Verschwörungstheorien wie etwa die angebliche "Lügenpresse" kommen. DER BEEINFLUSSUNGSAPPARAT ist ein New York Times Bestseller, den wir von CORRECTIV ins Deutsche übersetzt haben. In einem Nachwort geht David Schraven auf Besonderheiten in der deutschen Medienlandschaft ein."

(CORRECTIV)
Seit ich begonnen habe, Liv Strömquists Bücher zu lesen, habe ich eine große Begeisterung für Comic-Sachbücher entwickelt. "Der Beeinflussungsapparat" von Gladstone und Neufeld bietet im Prinzip genau das, wodurch sich die Bücher von Strömquist auszeichnen: Ein packendes Thema, eine packende stilistische Umsetzung, die sofort tief eintauchen lässt - und vor allem: sehr viele neue Erkenntnisse, die so spielerisch gewonnen werden, dass mensch gar nicht mitbekommt, was für einem schwierigen Thema sie*er sich nähert. Beziehungsweise: Manchmal passiert es doch, denn bisweilen gibt es harsche Sprünge und so viel Input auf einmal, dass mensch mit den vielen Namen und Daten durcheinanderkommt und mehrere Passagen dreifach lesen muss. Und auch dann ist garantiert, dass der Großteil nach Zuklappen schnell wieder vergessen ist. - eben, weil so komplex.

Das mindert das Lesevergnügen allerdings nur wenig und die Freude ist groß, als sich herausstellt, dass "die Medien" gerade nicht ein wenig zu pointiert und populistisch verkürzt alle gleich "der Beeinflussungsapparat" sind, der uns willenlos und ferngesteuert machen möchte (wie der Titel vermuten lässt).

Es geht vor allem um Skandale (Fokus: USA), falsche Informationen und die Verantwortung von Medienschaffenden, die sich aus der enormen Reichweite der Publikationen ergibt. Aber auch um neurologische Zusammenhänge: Was glauben wir? Wie leicht sind wir zu täuschen und was können wir dagegen tun?

Erhellend und unterhaltsam, wenn auch unter Umständen mit Informations-Overload.
4,5 von 5 Sternen.
Lee, Tina (Hrsg.): Unbias the News. Why diversity matters for journalism"Vielfalt ist keine Frage politischer Korrektheit. Es geht um Qualitätsjournalismus.
Unbias the News bietet Erfahrungsberichte von Journalist*innen weltweit, von Deutschland bis Brasilien, von Tadschikistan bis zu den Philippinen und von China bis zu den USA. Von Menschen, die sich jeden Tag bemühen, den Journalismus vielfältiger zu gestalten und nur allzu oft an die Grenzen eines verhärteten Systems stoßen – ihre Geschichten sind überraschend, lustig, aber auch empörend. Unbias the News ist ein praktischer Leitfaden für mehr Vielfalt in den Medien und eine neue Art des Journalismus, der so vielfältig ist wie die Gesellschaften, für die er gemacht ist."

(CORRECTIV)
Ich möchte korrigieren: Vielfalt ist nicht nur eine Frage der politischen Korrektheit, denn selbstverständlich ist sie auch das. Alles andere würde Diversität auf einen zu verwertenden Output reduzieren und wäre eine These, die auch den 31 gesammelten Erfahrungsberichten widerspräche. In denen beziehen sich die Autor*innen, die aus den unterschiedlichsten Anstellungsverhätnissen, vor individuellen Erfahrungshorizonten und verschiedenen Ländern schreiben sehr wohl auf den Wunsch nach Sichtbarkeit und die ethisch Komponente, die ihr Fehlen und ihre Ungleichbehandlung in Redaktionen besitzt.

Frauen berichten von sexistischen Übergriffen, Menschen mit Behinderungen schildern, wie sie ihren Berufsalltag mit zahlreichen Barrieren, die ihnen in den Weg gestellt werden, erleben. BIPoC erzählen, wie sie als Bauernopfer in Krisengebiete vorgeschickt werden, damit im Anschluss ein weißer Journalist sich mit den Federn ihrer Arbeit schmücken kann.

Es geht also um den vielen Dreck, der nicht nur, aber auch gerade im Journalismus, der immer noch eine sehr akademisierte und homogen weiß-männliche Veranstaltung ist, sofort sichtbar wird, wenn Mensch an der Oberfläche kratzt. Und es wird immer wieder betont: Von diversen Redaktionen profitieren am Ende alle.

Aufbereitet ist das alles mit ansprechenden Illustrationen und farblichen Akzenten, die das Lesen über den Inhalt hinaus bereichern.
5 von 5 Sternen.
Semra Ertan: Mein Name ist AusländerSemra Ertan kam 1971 nach Deutschland und zog zu ihren Eltern nach Kiel. Sie schrieb vor allem Gedichte: mehr als 350 sind überliefert. In ihnen setzt sie sich mit Rassismus, Klassismus, Misogynie, Liebe, Zukunft und der Frage nach der eigenen Identität und der Rolle in der Welt auseinander. Ertans Familie hat einige ausgewählt, chronologisch geordnet und jeweils ins Deutsche oder Türkische übersetzt, beide Sprachen stehen sich auf den Doppelseiten gegenüber und sind, vielleicht unbeabsichtigt, ein Kommentar zum Inhalt der Texte: »Ich weiß nicht, wohin ich gehöre, weder kann ich in der Türkei noch in Deutschland leben. Wenn ich in die Türkei gehe, ohne eine Ausbildung, werde ich wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt.«Es ist gefährlich (und oft falsch), von Lyrik auf die Autor*innen zu schließen, doch bei Ertan kommt man allein aufgrund der stetigen Selbstreflexion, die oft an Tagebucheinträge erinnern, nicht drumherum. Ertan schreibt nicht, um sich künstlerisch von sich selbst zu distanzieren, sondern um sich selbst zu finden und zu verarbeiten, was ihr Leben ist. »[...] Behaltet eure Freude für euch. / Nichts werdet ihr zu sehen bekommen, / Kein leidendes Gesicht, / Keine hilfesuchenden Augen, / Kein Fisch, der aus dem Wasser kommt, / Keine Kuh, die zum Melken bereitsteht. / Dieses Rad wird sich nicht mehr drehen. [...]« (Abschied von euch, 160) »Mein Name ist Ausländer« ist das bekannteste Gedicht von Ertan, sie schreibt es im November 1981. Am 24. Mai 1982 zündet sich Semra Ertan in Hamburg aus Protest gegen den Rassismus in Deutschland an und verbrennt sich öffentlich. Zwei Tage später stirbt sie an den Folgen. Ein paar Tage zuvor war sie in den Hungerstreik getreten und hatte eine Erklärung an den NDR und das ZDF abgegeben. »Die Deutschen sollen sich schämen. 1961 habt ihr gesagt: 'Herzlich Willkommen, Gastarbeiter.' Wenn alle zurückkehren würden, wer würde die schmutzige Arbeit machen? [...] Wenn sie es auch machen würden, wer würde für so einen niedrigen Lohn arbeiten?« Ertans Texte sind so stark wie zart, es schreibt ein Mensch, der gerne eine Zukunft hätte, dem die Gesellschaft das Menschsein jedoch abspricht.Must read, 5 von 5 Sternen.
Ingo Reuter: WeltuntergängeKlappentext:

"Das Ende ist nahe – schon immer. Ingo Reuter untersucht, warum Erzählungen vom Untergang seit jeher Konjunktur haben und was sie bewirken können. Denn wer von Weltuntergängen spricht, der redet immer auch von Gerechtigkeit und denkt in die Zukunft. Wer kann sich am Ende retten? Was hat es mit dem Menschen auf sich, dass er verantwortlich für seinen eigenen Untergang sein kann? Und besteht Hoffnung auf Rettung?
Reuter zeigt an Weltuntergangserzählungen von biblischer Zeit bis heute, aber auch an Filmen und Videospielen, warum die Menschheit nicht ohne imaginierte Untergänge auskommt."
Ich suche und finde dieses kleine Reclam-Bändchen, als ich mich nicht nur, aber auch für unser eigenes Buch mit der Frage nach Endzeit-Narrativen beschäftige: Wie viel Sinn haben die Weltungergangs-Dystopien von Extinction Rebellion? Welche Erzählungen brauchen wir, um zuversichtlich in die Zukunft sehen zu können?

Reuters Text beantwortet mir nicht exakt diese Fragen oder jedenfalls anders, als ich sie mir erhofft hatte - und dennoch oder gerade deswegen habe ich "Weltuntergänge" mit viel Gewinn gelesen. Ich habe erfahren, dass die Rede vom Weltuntergang auch immer die Frage nach der Gerechtigkeit in sich trägt: Wer kann sich am Ende retten? Wer wird zurückgelassen?

Gleichzeitig bietet der Autor eine neue, konstruktive Perspektive auf Weltuntergänge sowie (in Abgrenzung dazu) eine systemkritische auf "Wir schaffen das"-Utopien: "Wenn der Einzelne am Ende verzweifelt feststellt, dass er nichts ändern kann, es sei denn, er (und mit ihm viele andere) veränderte sein ganzes Leben von Grund auf, sieht sich das System gefestigt. Dass massive Interessen der Industrie und Wirtschaft und deren brutales Kapitalinteresse der Hauptfaktor der Zerstörung sind, gerät elegant aus dem Blick." (10)

Dystopien enthalten Warnungen, so Reuter. Sie führen vor, was verlorengehen könnte oder bereits dabei ist, verloren zu gehen - und sind somit vor allem auch "Verstehenshilfen für die Gegenwart". Sie enthalten gleichzeitig die Hoffnung, dass es besser werde als ausgemalt: Weil die Warnungen ernst genommen werden.

Spannend und bereichernd.
5 von 5 Sternen.
L.A. Paul: Was können wir wissen, bevor wir uns entscheiden?Klappentext:

"Können wir wichtige Lebensentscheidungen rational treffen, obwohl wir die Zukunft nicht kennen? Die Philosophin L. A. Paul meint: Nein, denn wenn unsere Prognosen und Vorstellungen auf unbekannten Faktoren und deren Folgen basieren, sind sie nicht rational, können es auch gar nicht sein. Am Beispiel der Frage, ob man Kinder bekommen solle, entwickelt sie den Begriff der »transformativen Erfahrung«. Um eine bessere Entscheidung zu treffen, folgert sie, solle man sich nicht fragen: »Soll ich oder soll ich nicht?«, sondern: »Will ich herausfinden, wie mich eine Entscheidung verändert?«"
Der Aufsatz heißt im Original "What You Can't Expect When You're Expecting" und beleuchtet das zentrale Beispiel, um das es geht, in einem schönen Wortspiel: Wenn es um die Frage danach geht, ob wir uns für oder gegen ein Kind entscheiden, wird häufig so getan, als handle es sich um eine rationale Entscheidung, bei der wir nur Pro und Contra gegeneinander abwägen müssten, um zu einem begründet logischen Urteil zu kommen. Paul macht das Argument, dass dem niemals so sein könne - einfach, weil uns entsprechende Erfahrungen fehlen, die zukünftige Situation richtig einzuschätzen - vor allem, wenn es sich um so eine gewichtige Entscheidung handle, die ein tiefer Eingriff in die Persönlichkeit darstellt.

Paul nutzt das Beispiel, um die generelle These aufzustellen: Unser gewöhnliches Entscheidungsverfahren ist nicht rational - auch, wenn wir uns das gerne einreden.

Das tut sie in einer philosophisch kleinschrittigen Weise, die ihre Argumentation schlüssig und nachvollziehbar erscheinen lässt. Dennoch sind die Wiederholungen und mehrfachen Kreisungen um das Thema unter Umständen ermüdend bzw. erscheinen unnötig langatmig, wenn der Punkt, den die Autorin machen möchte, verstanden ist.
4 von 5 Sternen

Lesevorsätze

Möchte ich ja eigentlich nicht haben, habe ich aber trotzdem. Und zwar, weil sie wichtig sind: 

  • Mehr Bücher von BIPoC und LGBTQIA+ lesen.
  • Mehr Romane lesen. 

Ich weiß, dass ich mir beides seit Jahren vornehme, aber dafür wird jedenfalls Punkt 1 auch seit Jahren besser. Langsam zwar, doch stetig verschiebt sich das Verhältnis zuungunsten älterer weißer cishetero Männer und das ist sehr gut so. Mir ist so viel entgangen. Seit einigen Wochen gucke ich, nachdem ich Titel und Inhaltsangabe gelesen habe, direkt auf die Autor*innen-Bio und entscheide mich tendenziell dagegen, wenn eben genannte Gruppe zu sehen ist. Ich bin sattgelesen (kann mensch das so sagen?) an ihrer Perspektive und Interpretation der Welt und möchte andere verstehen. 

In diesem Jahr ist mir das Abfassen der Rezensionen übrigens ein bisschen schwerer gefallen als sonst – nicht nur, weil alles gerade irgendwie anstrengender ist, sondern auch vor dem Hintergrund, dass in einigen Wochen das erste unter anderem von mir verfasste Buch erscheinen wird. Rezensionen bekommen in meinem Leben ab dem 15.3.02021 eine ganz neue Gewichtung und ja, natürlich hat mensch ein wenig Angst. Ich versuche daher bei eigenen Bewertungen noch mehr Wert auf Fairness und Ausgewogenheit zu legen als sowieso schon. Meistens gelingt es mir, glaube ich. Manchmal bin ich aber auch einfach nur wütend, dass gewisse Texte immer noch gedruckt und verkauft werden. 

Ich freue mich auf ein neues lehrreiches und inspirierendes Lesejahr mit vielen Büchern, die ich gegen Ende liebgewonnen haben werde. 

Hier gibt es die anderen Bücherrückblicke: Rückblick 2019 und Rückblick 2018.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

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