Rezension: “Der grüne Hedonist” oder: wie man nicht über Klima schreibt #bullshitbingo

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1. Juni 2020

— Anmerkung: Ich habe ein Arbeitsexemplar von “Der grüne Hedonist” vom Piper Verlag überraschenderweise zugesandt bekommen. Es kann sein, dass sich an der Originalausgabe geringfügig Dinge geändert haben, von denen ich nichts weiß. Ich bezweifle jedoch, dass solche Änderungen meine Rezension wesentlich beeinflussen würden. —

Beim Lesen des kürzlich erschienenen Buchs “Der grüne Hedonist” (Piper Verlag) bin ich über meiner morgend- und abendlichen Tasse Kakao ausfallend geworden. Ich beschimpfte die Luft vor mir und den Autor auf dem Papier des vorab zugesandten Arbeitsexemplars (unironisches Danke an den Piper Verlag an dieser Stelle) und wütete ein bisschen in meiner Insta-Story.

Ich muss zugeben: Meine Lektüre war vorgeprägt. Autor Alexander von Schönburg schreibt nach einigen Ausflügen unter anderem in der FAZ nun seit Jahren für die BILD (er ist dort mittlerweile Textchef), was an sich ein rotes Tuch für mich ist und ist von adliger Abstammung, was mich (vor allem in Kombination) mindestens misstrauisch werden lässt, wenn solche Menschen sich fundiert sozialpolitisch äußern möchten. Genau das hat von Schönburg in seinen vorherigen Büchern unter anderem getan und sich damit nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert. Denn dabei ist herausgekommen, was zu erwarten war: Status Quo halten, Reformen sind nicht nötig und Armsein hat ja auch irgendwie was Reizvolles, gell? Sagt der Hochadel. 

Da ich aber denke, dass ich nicht nur lese, um meine eigenen Ansichten wiedergekäut zu bekommen und man eben auch im Dissens lernt (Empathie unter anderem, aber auch, das eigene Profil und Argumentation zu schärfen), habe ich mich doch an die Lektüre des “grünen Hedonisten” begeben, der mir schon beim Titel und dem Extract…nunja, nicht sonderlich zusagt. Dazu komme ich aber gleich.

Vorweg: Das Ganze war nur insofern eine angenehme Erfahrung, als dass ich schon lange nicht mehr so leidenschaftlich mit einem Marker über Buchseiten geglitten bin und die Textränder mit Kommentarlabyrinthen überzogen habe – den Text zu sezieren und dabei meine eigene Perspektive ständig zu hinterfragen (und zu bestärken), hat mindestens genauso viel Freude bereitet wie die Aussicht auf diese Rezension, obwohl alles, ich erwähnte es bereits, mit sehr viel Wut gemischt ist.

Denn, ebenfalls vorweggeschickt: Ich halte diesen Text nicht nur für undifferenziert und (überrascht es jemanden?) populistisch, sondern unter anderem deswegen auch für gefährlich. Warum?

Fasten your seatbelts, es geht los.

Aber, oh my god, WHERE TO START?

Worum geht es in Der grüne Hedonist überhaupt? 

Starten wir mit einem groben Inhaltsumriss: Alexander von Schönburg möchte grüner, das heißt: nachhaltiger leben und hat sich auf die Suche nach ökologischeren Alternativen zum konventionellen Alltagshandeln gemacht. (So steht es jedenfalls im Klappentext.) 

Und weil er als adlige Person mit Geschmack vor allem Ahnung von Stil hat (sagt er), möchte er in Der grüne Hedonist untersuchen, wie man Nachhaltigkeit mit Stil verbinden kann. 

Dazu schaut er in insgesamt 10 Kapiteln auf unterschiedliche Lebensbereiche:

  • Essen
  • Autofahren
  • Reisen
  • Klamotten
  • Elektronik 
  • Wohnen 
  • Müll & Plastik 
  • Tierliebe
  • Sport
  • Frische Luft 

Am Ende ist ein Glossar angefügt, der weniger als Glossar im klassischen Sinne denn als Sammlung von Zusatzbemerkungen zum Text zu verstehen ist. 

Mehr gibt es zum Grünen Hedonisten inhaltlich auch nicht zu sagen, ohne gleichzeitig die problematischen Narrative, die sich durch das Buch ziehen, zu thematisieren. Darum soll es an im Folgenden gehen. 

Warum schreibt dieser Autor dieses Buch? 

Wenn man ein Sachbuch zur Hand nimmt – und als solches deklariert der Piper Verlag den Grünen Hedonisten – möchte man meinen, einen mehr oder weniger fundierten Text von jemandem vorzufinden die*der sich in dem Thema einigermaßen auskennt und ergo eine Legitimation und einen Grund dafür hat, sich auf 240 Seiten Papier darüber auszulassen. 

Spätestens jetzt stellt sich heraus, wie naiv diese Annahme ist: Von Schönburg hat, es wird sofort deutlich, nicht so wirklich absolut gar keine Ahnung vom Thema. Aber angeblich von Stil. Und so, wie er uns erzählen wollte, wie man “stilvoll verarmt”, möchte er uns jetzt erzählen, wie man “stilvoll den Planeten rettet”. 

Da die Klimakrise für so viel Verunsicherung sorgt, kann ich mir nicht mehr erlauben, auf Gebieten wie Geschichte und Tugendlehre zu dilettieren, sondern muss mich einer dringlichen Stilfrage annehmen, nämlich, wie man auf lebens- und freudebejahende Weise grün sein kann.

Der grüne Hedonist, S.9f.

Eines möchte ich übrigens klarstellen: Ich verstehe von der wissenschaftlichen Seite der Materie so wenig wie Sie. […] Meine Ahnungslosigkeit paart sich übrigens auch mit einer gewissen Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Gewissheiten, die ich für ziemlich gesund halte.

Der grüne Hedonist, S.17.

Es fängt also an mit dem klassischen Bescheidenheitstopos, den wir spätestens seit Hartmann von Aue kennen und der so geht: Ich sage, dass ich von nichts eine Ahnung habe und nichts kann, um dann in dem Text, den ich dann liefere, genau das Gegenteil zu beweisen. Gebe ich natürlich nicht zu, die Lesenden werden schon von selbst drauf kommen, wie genial ich bin, nachdem ich dem Ruf des Schicksals gefolgt bin und getan habe, was ich tun musste: mein Werk vollenden. (Ironie aus.) 

Dumm nur, wenn man weder Hartmann von Aue heißt noch wirklich Ahnung von der Materie hat (vom Schreiben ganz zu schweigen). Dann ist man am Ende nur irgendjemand (Weißes, Männliches, Adliges, mit vielen Privilegien), der ein Buch schreibt über ein Thema, in dem er sich nicht auskennt und anderen, viel kompetenteren Menschen damit den Raum wegnimmt, sichtbar zu werden und es besser zu machen. Und als nicht ganz so geneigte Leserin geht mir an dem Punkt in der Einleitung (also auf Textseite 1) schon die Geduld flöten.

Von der Selbstgerechtigkeit, die aus dem Ton heraustrieft, einmal ganz abgesehen. 

 Wir halten also fest: Von Schönburg schreibt (mal wieder) ein Buch über ein Thema, von dem er keine Ahnung hat. Ich habe meine Erwartungen, was meine Horizonterweiterung durch den Inhalt angeht, von Anfang an sehr weit nach unten geschraubt.
 

© Autorenfoto: Peter von Felbert

Verzicht ist der Feind! oder: das Mangel-Narrativ

Wenn schon der Autor nicht auf stabilem Fundament steht, dann doch hoffentlich wenigstens die Textgrundlage, möchte man meinen – und man meint falsch.

Denn was dieses Buch leisten soll (wenn der Autor schon keine Ahnung hat von dem, was er tut) ist genauso unklar, wie die Zielgruppe – beide Verwirrungen werden sich im Leseverlauf nicht lösen. Es erhärtet sich relativ schnell der Verdacht, dass hier jemand eigentlich nur reden möchte, weil er es kann – von oben herab, mit einer großen Portion Selbstgefälligkeit und ohne auch nur einen der populistischen Gemeinplätze über das behandelte Thema (beziehungsweise: die Menschen, die er damit identifiziert) auszulassen. 

Auf Textseite 2 geht es dann auch direkt damit los, wie furchtbar der Verzicht sei, Ökologie könne sich nur durchsetzen, wenn sie nicht mit “Verboten und als Selbstkasteiung daherkommt” (10). Das “endzeitliche Narrativ” (ebd.) müsse endlich überwunden und durch eine hedonistische Nachhaltigkeit ersetzt werden. 

(Hedonismus wird freilich trotz aller unpassend platzierten Verweise auf Zauberberg-Lektüre, Kierkegaards Grab und Zitate antiker Philosophen, die nichts mit dem Inhalt zu tun haben, nicht definiert.) 

Vor allem, weil dieser Verzicht ja auch noch heuchlerisch bis zum Geht-nicht-mehr ist! 

“Verzicht”, rufen die Klimaaktivisten. Aber heißt das dann nicht, dass wir einfach so weitermachen wie bisher, nur alles eben ein bisschen teurer und dafür mit Biosiegel?

Der grüne Hedonist, S.12.

Und man fragt sich nicht zum ersten, aber leider eben auch nicht zum letzten Mal, wie dieser Gedankensprung jetzt zustande kommt und was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die infame Unterstellung: Nachhaltigkeit ist für die Reichen, die Wasser predigen und Wein trinken. 

Aber es geht noch weiter und mir brummt der Schädel, als von Schönberg versucht, die Wachstumskritik damit zu kritisieren, dass er Degrowth-Gedanken in einen Topf mit kommunistischen Diktaturen (er führt ernsthaft Pol Pot als “Zurück-zu-den-Wurzeln-Öko” ins Feld) und Legenden von “indianischen” Kulturen wirft, einmal kräftig umrührt und ein Horrorszenario aus Massenmord, vollkommenem gesellschaftlichem Kontrollverlust und “präindustriellem Niveau” der Wirtschaft zusammenschustert (26). 

Ich frage mich an dieser Stelle (auch leider nicht zum letzten Mal): Wie kommt es, dass so ein Schwachsinn gedruckt wird? 

Und ich weiß nicht, ob Herr von Schönberg die letzten 40 Jahre verschlafen hat, aber der feuchte Traum der meisten Klima-Aktivist*innen (für ihn: “Ökologisten”, 25) ist definitiv kein kommunistischer Bauern-Staat, wie er schon auf den ersten Seiten versucht, ihnen anzudichten. 

Das Feindbild, auf das von Schönberg sich bezieht, wechselt immer mal, aber vorne mit dabei sind vor allem Utopien-Linke, die er (wir sahen es gerade) sofort in der Nähe des Kommunismus verortet und sowieso der generellen Heuchelei für verdächtig hält, denn die “Linken sind oft die allergrößten Snobs” (85), wie er das Kapitel über “Klamotten” (vom Nicht-Respekt, der aus dieser Überschrift spricht, müssen wir gar nicht erst anfangen) einleitet. Und natürlich: die neureiche Bildungsbürger*innen vom Prenzlauer Berg. Die, unterstellt er, mit dem SUV zum Bioladen fahren und sich tonnenweise Guacamole gönnen. 

Auch ich mag Guacamole, aber wer regelmäßig Avocados isst, kann sich auch gleich am Walfang beteiligen oder sein Stör-Sushi in Kindertränen dippen.

Der grüne Hedonist, S. 44f.

Das Ökoreligion-Narrativ

Ebenfalls auf den ersten Seiten deutet sich ein weiteres Narrativ an, dass sich durch den gesamten Text zieht: das Ökoreligion-Narrativ.

Das geht so: Alle Ökos haben irgendwie einen an der Waffel und sind so fanatisch in ihrem Idealismus, dass es sich eigentlich nur um eine Ersatzreligion handeln kann und genau so muss man sie auch betrachten: als weltfremde, womöglich gefährliche Spinner*innen. 

Das fängt mit kleinen Phrasen wie dem erwähnten “endzeitlichen Narrativ”, das er endlich überwunden haben möchte (10) und der “Pilgerung” (14) nach Dänemark für die Recherche dieses Buches an und geht über das obligatorische Greta-Bashing bis hin zur Pathologisierung einer ganzen Generation. 

Direkt, nachdem er die “Ökologisten” in einen Topf mit massenmörderischen kommunistischen Diktatoren geworfen hat, findet er, dass sie mit ihrer Verachtung für den Menschen doch etwas ziemlich Religiöses an sich haben. 

Die Wurzeln führt er auf die “Deep Ecology-Schule” zurück (vorher nie was davon gehört und ich glaube, vielen anderen Ökos geht es da ähnlich, aber sei es drum). Das ist die Schule der “orthodoxen Öko-Fundis” (27), auf die der “moderne Ökologismus fußt” (28) und die von Grund auf menschenfeindlich ausgerichtet ist. Menschen als Plage, als Krankheit, die es auszurotten gelte. 

Nun kann man nicht abstreiten, dass es solche Strömungen leider in der nachhaltigen Bubble gibt (kürzlich haben sie sich unter anderem damit hervorgetan, dass sie Corona als Rettung des Planeten vor dem eigentlichen Virus Mensch bezeichnet haben).

Das ist aber genau der Punkt, den von Schönberg auslässt: Es handelt sich bei weitem nicht um die ganze “Öko-Bewegung” (wenn man so einen Terminus überhaupt verwenden kann), die sich zu solchen kruden Gedanken bekennt. Von Schönberg sind solche Haarspaltereien herzlich egal: Die modernen Ökos leiten sich schnurgerade von den “Öko-Fundis” ab, stehen also per se im Verdacht, fundamentalistisch unterwegs zu sein. Ob kommunistisch oder religiös, who cares? 

Später versteigt er sich zu der steilen These, es gebe “so etwas wie eine unbewusste Verwandtschaft zwischen der Neo-Religion Ökologismus und den traditionellen biblischen Religionen” (187), abgeleitet von dem Selbsthass der Menschen als Verursacher allen Übels und der “Wahrnehmung der Welt als eine, die kurz vor der ultimativen Klimakatastrophe steht” (186). 

Wenn der Ökologismus eine Pseudomorphose der jüdisch-christlichen Religion ist, erklärt sich auch dessen Humorlosigkeit und die mit der neuen Umweltbewegung neu erwachte autoritär-pietistische Mentalität.

Der grüne Hedonist, S. 188f.

Ich lasse das an dieser Stelle mal so stehen (was zum Teufel ist eine Pseudomorphose?). 

Der “Greta-Wahn” und andere Misogynien

Eine Religion braucht eine*n sprituelle*n Führer*in – und bei den “Ökologisten” ist das ganz klar: natürlich Greta.

Im Laufe des Grünen Hedonisten arbeitet von Schönburg sich immer wieder an ihr ab und zeigt die beispielhafte misogyne Palette derer, denen Feminismus ein Dorn im Auge ist. Das beginnt bei der Referenz auf Gretas berühmte Our house is on fire-Rede in Davos, in der er sich an dem Angst-Begriff aufhängt und zu haarsträubenden Herleitungen imstande ist: Direkt, nachdem er fragt, ob “das wirklich eine gute Idee” sei und ob Angst nicht generell das Schlechteste aus dem Menschen heraushole, versucht er sich an einem “Zusammenhang zwischen dem Selbsthass der zivilisierten Menschheit […] und den Angstbotschaften der Generation Klima”: 

Angst ist schließlich eine typische Reaktion von Beziehungsgeschädigten. Die Moderne hat uns eingebläut, dass wir erst glücklich sind, wenn wir alle frei, unabhängig und autonom sind. Nun ist der moderne Mensch endlich seine Bindungen los, fühlt sich freier, muss das aber mit einem Gefühl der Unsicherheit bezahlen. Dazu kommt die Rekonstruktion, die die Postmoderne bewirkt hat. […] Das Resultat ist Angst. Und Selbsthass. Deshalb richtet sich der Groll der Klimaschutzaktivisten vor allem auf Europa und Nordamerika.

Der grüne Hedonist, S.29.

Abgesehen davon, dass hier soziologische und psychologische Thesen ohne Quellenangabe wahllos aneinandergereiht werden, liest sich dieser Abschnitt wie: Ich packe mal ein bisschen Allgemeinplatz zusammen mit Postmodernekritik und demonstriere dadurch meine Bildung, finalisiere das mit einer subversiven, knackigen These und fühle mich geistig überlegen. Vor allem über die Jugend, diese armen Angstgestörten.

Nun ist es ja nichts Neues, dass Greta und Frauen* generell pathologisiert werden (man denke nur an die Geschichte mit der Hysterie und schaue sich bei Gelegenheit das Buch über Gender Data Gap von Caroline Criado Perez an). Das auf eine ganze Generation auszuweiten, ist dennoch ein neuer Move, die man sich erst einmal leisten muss (was vielleicht auch daran liegt, dass viele prominente Figuren von Fridays for Future oder Extinction Rebellion Frauen* sind). 

Wenn Herr von Schönberg übrigens von Frauen schreibt, differenziert er zwischen “bemerkenswert raffiniert geschminkten Damen” (48), die mit ihrem Audi Q5 durch die Hipster-Viertel Berlins brettern, “Damen in eleganten Kostümen” (70), die in seinen 50er-Jahre-Flugzeugträumen als Begleitung der männlichen Passagiere oder Stewardessen zugegen sind und “reiche[n] osteuropäische[n] Frauen”, die im Gegensatz zu den “Damen” (89) keinen Geschmack haben, sondern stets maximal aufgedonnert und “durchgestylt” herumlaufen. 

Frauen* sind nebenbei außerdem der Grund, warum die Fast-Fashion-Industrie so fast ist, müssen sie sich doch, geschmacklos wie sie halt sein können, zu jedem Anlass ein neues “schwarzes Kleidchen” (93) kaufen oder vielleicht doch ein “entzückendes Glitzerkleidchen” (94), man weiß nicht, auf jeden Fall süß und gierig zusammengemixt, so sind sie halt, die konsumgeilen Frauen*, die ihr Geld nicht beisammen halten können und uns den Planeten ruinieren. 

Zwischendurch fallen Zitate wie: “Ich mag es nicht, nicht nachts erschrecken zu lassen. Ich hab schon eine Frau.” (120) Von denen der Autor genau weiß, wie problematisch sie sind, traut er sich doch nicht, den “alten Freund”, der sich zu so etwas hinreißen lässt, namentlich zu nennen. 

Wie lookistisch und sexistisch und stereotyp das alles ist, muss ich an dieser Stelle nicht zusammenfassen, denke ich. Im sogenannten Glossar am Ende des Buches empfiehlt von Schönberg (nachdem er noch einmal beweisen hat, dass er Greta nicht verstehen will und fleißig Whataboutism betreibt), stattdessen den Youtube-Kanal des Philosophen Louis C. K., der “durch seinen Umgang mit Frauen unangenehm aufgefallen ist” (227). Aber “hörenswert” ist es trotzdem, was er zu sagen hat. Hachja, die alten Männerbünde wieder, schön isses. 

Dazu passt auch, dass das “bisweilen etwas überdrehte Wiedererwachen des Umweltthemas” (31) – und ich kann beinahe hören, wie von Schönburg beim Schreiben kreischende Frauen* vor Augen hat – zusammen mit der ganzen Angst, die da geschürt wird (Kinder werden von Greta “aufgestachelt”, 84) so gar nicht mit dem gemäßigt stilvollen Leben, dass der Autor sich wünscht und kennt (Beibehaltung des Status Quo am Ende also auch hier) zusammenfinden will.

Genießen möchte man doch immerhin! 

Adelshabitus und der Kampf gegen das Elitenbürgertum 

Und da das Genießertum und der Stil, den von Schönburg dabei so stark versprüht, dass sogar Kollegen ihn nach Fashion-Tipps fragen, so ziemlich die einzige Legitimation für den vorliegenden Text zu sein scheint, überrascht es auch nicht, dass sich zweifelhafte Stilbewertungen, die wenig mit nachhaltigen, dafür mit standesdünkeligen, will sagen: adligen Gesichtspunkten zu tun haben, durch das Buch ziehen. 

Dabei zeichnet der Autor von sich das Bild eines (man kann es nicht anders sagen) versnobten Aristokraten, dem das neureiche Elitenbürgertum ein Dorn im Auge ist und der seine vermeintlich weltmännische Allgemeinbildung in Literatur und Philosophie an den unpassendsten Stellen raushängen lasst (wir erinnern uns: Kierkegaards Grab). Man schmeißt denn auch gerne mit fremdsprachlichen Begriffen und Phrasen um sich (bevorzugt: Französisch oder Latein) – freilich, ohne sie zu übersetzen oder zu erklären und liest “natürlich” den Zauberberg von Thomas Mann, während man in einer sündhaft teuren Wellness-Behandlung in einem quasi für Normalsterbliche unleistbaren Kurtempel verweilt (36). 

Bei dem Ganzen diffundiert von Schönburg zwischen unverhohlener Arroganz (etwa, wenn er möchte, dass Fliegen wieder so elitär ist wie früher und keine Massentourismusgeschichte oder das adlige Vorrecht auf die Jagd verteidigt) und einem seltsam klebrigen Anbiedern an die Leser*innenschaft. 

Man möchte vor einem weißen, steifen Tischtuch sitzen, darauf soll eine kleine Vase mit Röschen stehen, und man will von Stewardessen in blauen Uniformen und mit hochgesteckten Haaren bedient werden. Und in der Kabine sollen Damen in eleganten Kostümen und Herren in gut geschnittenen Anzügen sitzen und Zeitung lesen.

Eine Rückbesinnung auf die Zeit, als man, wenn an sich auf eine Flugreise begab, noch auf seine Kleidung achtete, weil das Fliegen etwas Besonderes war, ist in meinen Augen – angesichts von Reisenden, die in Jogginghosen, oder, noch schlimmer, Hotpants, in denen sich die primären Geschlechtsorgane abzeichnen, unterwegs sind – eine der dringlichsten Klimaschutzmaßnahmen überhaupt.

Fliegen, sagt der gün-radikale Postwachstums-Ökonom Niko Paech ganz richtig, ist ein dekadenter Luxus. Meine Forderung ist, dass es als solcher auch wieder erkennbar sein muss.

Der grüne Hedonist, S. 70f.

Schöne Träume hat er. Man beachte die misogyne Einstellung, Frauen* vorschreiben zu können, was sie anzuziehen haben und bestimmte als zu freizügig bewertete Kleidung direkt abzuwerten sowie die Klassifizierung von Paech als “grün-radikal”, wobei man die vage Ahnung hat, dass “radikal” bei von Schönburg nichts moralisch Empfehlenswertes bedeutet. 

Und dann eben der Klassismus, der darin liegt, dass sich “nur sehr wenige Leute” (78) in Zukunft das Fliegen leisten können sollen. Er versucht an dieser Stelle auch ein bisschen pseudo-reflexiv darüber nachzudenken, ob das denn jetzt wirklich “elitistisch” ist (ja, ist es) und kommt vorhersehbarerweise zu dem Schluss, dass seine Meinung nur dem Klima helfen kann und daher legitim ist. Mir wachsen an dieser Stelle erste graue Haare.

Bemerkenswert ist auch die Klage darüber, dass “die meisten Sportarten, die einst als elegant galten” (157) nun nicht mehr betrieben werden können “ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder von den Propheten der Apokalypse als Klimakiller gebrandmarkt zu werden” (ebd.). Wir sehen wieder die Religionsrhetorik, die wir eben schon thematisiert haben.

Gepaart mit der Entrüstung des Adels über den Verlust seiner Privilegien, wenn es danach konkreter unter anderem um den bewunderten Pferdesport geht. Übrigens: Von Schönburg hat ein Abendessen “mit der notorisch bissigen Prinzessin Anne überlebt”, weil er sich “darauf besonnen hat”, mit ihr nur über “equestrische Themen zu plaudern” – dafür “verschlang” sie ihn nicht “schon vor der Hauptspeise”, wie sie das normalerweise mit Leuten macht, die keine Ahnung von Pferden haben (159). Schon wieder trieft die Misogynie aus jedem Buchstaben.    

Ein weiteres Reizthema ist die Fuchsjagd, die in England (er bezieht sich sehr gerne auf den englischen Adelshabitus) durch “eine erbittert geführte und mit klassenkämpferischen Untertönen betriebene Kampagne der englischen Großstadtbevölkerung” verboten wurde (161).

Skandal! Dabei: 

[…] [N]ur hat der Fuchs, so er denn bei einer manchmal bis zu zehn Stunden bis zur völligen Erschöpfung von Reitern und Pferden hinziehenden Fuchsjagd tatsächlich aufgespürt wird, bis zu diesem – zugegeben blutigen – Moment in der Regel ein deutlich artgerechteres Leben hinter sich als jene Tiere, deren Fleisch Großstädter beim Einkauf im Biosupermarkt als unbedenklich empfinden.

Der grüne Hedonist, S. 162.

Und überhaupt: “Eine echte Parforce-Jagd aber verlangt dem Reiter geradezu olympisches Können ab.” (163). Was genau die Tiere von diesem Können haben (außer zu sterben), weiß man nicht so genau. Was das mit Nachhaltigkeit zu tun hat? Auch das weiß man nicht so recht, aber das passiert öfter im Grünen Hedonisten

Wenn “Wir sitzen im selben Boot” daneben geht 

Besonders gewütet habe ich, als von Schönburg mir erst subtil, dann aber doch recht direkt deutlich machen möchte, dass wir im selben Boot sitzen, beide Teil der “Elite”, die den Rest der Bevölkerung zu mehr Nachhaltigkeit erziehen muss, weil nur wir wissen, was gut für sie und uns alle und den Planeten ist. 

Es ist also eine kulturelle, keine politische Aufgabe, einen Sinneswandel zu bewirken, und da kommt jeder Einzelne von uns ins Spiel. Wenn wir, die Gruppe der Bücher Lesenden, sich halbwegs vernünftig Kleidenden und mit Messer und Gabel Essenden Bevölkerung, da nicht mit gutem Beispiel vorangeht, wer dann?

Der grüne Hedonist, S. 83.

Abgesehen davon, dass diese sogenannte “Gruppe” ganz klar paternalistisch ihre Vorstellungen vom guten Leben durchdrücken soll (und damit verdächtig an Platons Herrschaft der Philosophen erinnert), sieht von Schönburg die Verantwortung für nachhaltigen Wandel prinzipiell beim Individuum, nicht beim Staat. Ob es um Fleischkonsum, Kleidung und ihre Produktionsbedingungen oder andere Formen des Konsums geht: Wesentlich ist, dass Bürger*innen etwas ändern, der Staat ist raus. Die einzige Ausnahme macht er bei der Regulierung von Grenzwerten für Feinstaub und beim Wohnen (bzw. der Bautechnik).

Das ist insofern verständlich, als dass seine Privilegien wahrscheinlich die ersten wären, die weiter beschnitten werden würden, wenn der Staat wie auch immer regulierend eingreifen würde. Und solange er das fast nicht tut, kann man die Verantwortung auf den unwissenden Pöbel abwälzen und weiter dem eigenen Lebensstandard fröhnen (“Übrigens hat Butter eine noch schlechtere Klimabilanz als Rindfleisch. Aber irgendwo hat mein grünes Gewissen Grenzen.”, 47).

Später, im Fazit des Buches, spricht er dann auch endlich transparenter von der “Elite”, die die Verantwortung hat, unsere Gesellschaft aus dem Dreck zu ziehen (Adel verpflichtet?) und wagt es ernsthaft, die Lesenden mit sich gleichzusetzen: 

Damit sind SIE gemeint! Natürlich zählen Sie sich selbst nicht zu “den Eliten”. […] Aber allein schon, dass sie bequem sitzen und Zeit haben, ein Buch zu Ende zu lesen, beweist, dass Sie zur Elite gehören. Ihre, meine, unser aller Rolle ist es, unsere Verantwortung als Vorbilder anzunehmen. […] Wenn wir so leben, dass ressourcen- und umweltbewusstes Handeln begehrenswert aussieht, werden andere es uns nachmachen.

Der grüne Hedonist, S. 201.

Pardon, mein und dein “Eliten”tum (was auch immer das sein soll) unterscheiden sich doch in ein paar Kleinigkeiten. Zum Beispiel darin, dass ich nicht auf einem Schloss aufgewachsen bin, mit Prinzessinnen diniere oder mir Anzüge auf Maß schneidern lassen kann. Milliardär*innen gehören übrigens auch nicht zu meinem Freundeskreis. Die Anmaßung, die in dieser Textstelle steckt, macht mich auch nach zehnmaligem Lesen rasend. 

Natürlich ist es richtig, dass alle Verantwortung übernehmen können, das soll gar nicht abgestritten werden und es ist sicher auch so, der Habitus der oberen Schichten eine gewaltige Strahlkraft hat und zur Nachahmung anregt. Es ist nur etwas widerlich, diese absolut ungerechten Gegebenheiten als Prämisse hinzustellen und auf die Bewunderung der unteren Schichten zu bauen, sie einzukalkulieren und in eine tugendadelige Rettung der Welt umzumünzen.

Breaking News: Man könnte auch was an den gesellschaftlichen Verhältnissen ändern, angefangen damit, dass der Habitus der oberen 10 Prozent das Nonplusultra des individuellen Lebensglücks ausmachen soll. Dann könnte man direkt damit weitermachen, den Wohlstand so umzuverteilen, dass alle ermächtigt sind, gleichberechtigt an der Gestaltung der Gesellschaft teilzuhaben. Aber solche Dinge kommen von Schönburg offensichtlich nicht in den Sinn, strukturelle Veränderungen sind unbequem und seit wann mögen reaktionär eingestellte Mitglieder des Adels solche Umbrüche? Nachher gibt es noch Revolution oder so. 

Desinformation oder: einfach nur schlecht recherchiert

Dem Kapitel “Sport” ist ein Zitat von Muhammad Ali vorangestellt: “Ich weiß nicht immer, wovon ich rede. Aber ich weiß, dass ich recht habe.” (156). 

Es ist (natürlich wieder aus dem Kontext gerissen) der Leitsatz des gesamten Buches. 

Denn wie bereits angeschnitten: Von Schönburg hat so wenig Ahnung von dem Thema Nachhaltigkeit, dass der Text für Fachinteressierte nicht nur keine wesentlich neuen Informationen bereithält (sofern man die zweifellos BILD-geprägte populistische Sprache erträgt), sondern zu beträchtlichen Teilen derart mit Desinformation gefüllt ist, dass man sich fragt, ob der Autor sein Wissen aus hier einem Artikel und da einer Doku und ein bisschen Schlagzeilenstudium zusammengeklaubt hat. 

Konkreter formuliert: Für jemanden, der sich Journalist nennt, ist der vorliegende Text qualitativ äußerst bescheiden schlecht. Vor allem, weil es keine einzige Fußnote mit Verweis auf irgendeine wissenschaftliche Publikation gibt. Ab und zu streut der Autor ein, dieses Buch gelesen oder jene Dokumentation gesehen zu haben und an ein oder zwei Stelle bezieht er sich auf Studien (ohne korrekte Zitation oder Quellenangabe), aber eine Transparentmachung der Informationsquellen fehlt sogar dann, wenn er konkrete Zahlen und Prozente ins Feld führt (die sich fast immer von Quelle zu Quelle unterscheiden). Nichts. Nada. 

Am Ende des Buches gibt es zwar einen Glossar, der aber eigentlich auch nur dazu dient, ein bisschen weiter gegen Greta und Extinction Rebellion zu bashen (“Ökoanarchisten” die doch bitte nicht so scheinheilig hier vor Konzernzentralen von Ölfirmen protestieren, sondern gefälligst direkt nach Saudi-Arabien fliegen und da vor Ort demonstrieren sollen!, 223) und keine Informationsrelevanz besitzt. Literaturverzeichnis? Oder wenigstens: Weiterlesen bei..? Fehlanzeige.

Daher kommt es vielleicht auch, dass der Autor sich zu halb- oder unwahren Aussagen wie den folgenden versteigt: 

“Man kann, vereinfacht gesagt, so viel fliegen wie man will, das fällt im Vergleich zum Fußabdruck, den unsere Essgewohnheiten hinterlassen, kaum ins Gewicht.” (43)Das ist in der Tat sehr vereinfacht gesagt – und vor allem falsch. Sicher machen Flüge nicht einen so großen Teil an den CO2-Emissionen aus, wie zeitweise in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden ist – aber deswegen so zu tun, als könnte man “so viel fliegen wie man will”, wenn man nur vegetarisch oder vegan isst, ist doch arg zu kurz gegriffen, hat doch ein simpler Flug von Berlin nach München bereits einen Fußabdruck von 0,2t und dürfen wir doch nur rund 2,3t im Jahr verbrauchen. Weil man auf der einen Seite (sehr viel) einspart, heißt das nicht, dass man es auf der anderen Seite wieder verpulvern kann.
“Es ist also Unsinn, die Modeindustrie als Umweltsünder zu verdammen, es ist sogar womöglich nicht ganz durchdacht, die Textilindustrie für Ausbeutung in Billiglohnländern zu verdammen. Die Sache ist komplexer. Und dann ist es auch wieder ganz einfach: Es wird immer genau so viel produziert, wie auch gekauft wird. […] Zara und H&M produzieren de facto on demand und steuern ihre Produktion je nach Nachfrage der einzelnen Linien. Die schlichte Tatsache ist: Nur, wenn wir weniger kaufen, wir auch weniger produziert.” (96) Puh. Ein schönes Beispiel für die Abwägung von Verantwortung von Staat und Industrie (Lieferkettengesetz, Umweltauflagen) hin zu den Konsumierenden. Abgesehen davon, dass die Behauptung, Ketten wie Zara und H&M würden on demand produzieren, nicht nur angesichts der Müllberge an nagelneuen Textilien, die verbrannt werden müssen, weil sie einfach nicht gekauft werden können (es sind viel zu viele), lächerlich ist: Wer mit dem Finger nur auf die bösen Konsumierenden zeigt, die*der macht es sich zu einfach.
“Es ist relativ sinnlos, über die verfehlte Energiewende zu lamentieren. Es nützt auch nichts, über die bösen Energiekonzerne zu raunen, die wenig Interesse an einer tatsächlichen Energiewende haben […] oder über Politiker, die falsche Entscheidungen treffen. Entscheidender ist das persönliche Handeln.” (105)Warum genau, führt von Schönburg nicht aus, die These bleibt als steile Behauptung im Raum stehen. Im Folgenden verweist der Autor auf die Rolle der Einzelnen in der aktuellen Klimakrise: Durch den Konsum prägen wir die Welt von heute und morgen mit. Stimmt zwar, aber als Verbrauchende kann ich mich auf den Kopf stellen und so viel Ökostrom beziehen, wie ich will – wenn es keine politischen Entscheidungen gibt, die klimaschädliche Energieträger einschränken oder verbieten, wird das nichts mit der Weltrettung. Weil eben, wie der Autor sagt: die Konzerne selbst kein Interesse an solchen Auflagen und ergo keines an Kurswechsel haben. Es wundert mich wirklich, wie einem das nicht klar sein kann.
“Zu Ökostrom wechseln? Bringt wenig. Hauptsächlich subventionieren Sie damit unsere fehlgeleitete Energiepolitik, schlimmstenfalls sogar Biogasanlagen, für die in den Tropen Wälder gerodet werden.” (106)An dieser Stelle habe ich dick, unterstrichen und in Großbuchstaben QUELLE?! an den Rand geschrieben (wie auf jeder zweiten Seite ungefähr).

Als fehlgeleitet würde ich die Energiepolitik zwar auch bezeichnen, aber vor allem deswegen, weil es unter anderem sowas wie den Solardeckel gibt und Erneuerbare nicht in dem Maß ausgebaut werden, wie es möglich (und notwendig) wäre.

Die Unterstellung, für Ökostrom müssten per se Tropenwälder weichen, ist mindestens populistisch und schlimmstenfalls einfach falsch. Kann man aber nicht nachvollziehen, weil: keine Quellenangabe.

Fest steht, dass seriöse Ökostrom-Anbieter wie beispielsweise Greenpeace Energy (da bin ich seit Jahren) ihren Strommix genauso offenlegen wie die Lieferantenkraftwerke. In den Tropen sind keine dabei.
“Es ist eine gute Idee, mehr Bücher zu lesen. Idealerweise auf Papier! Bücherlesen ist aktiver Klimaschutz. Denn in der Zeit, in der Sie ein Buch lesen, benutzen Sie kein Gerät.” (108)Abgesehen davon, dass das in das bildungselitäre Habitusgehabe des Autors passt: So einfach kann man das nicht sagen. Immerhin werden für Bücher auch Bäume gefällt, vor allem, wenn es neue sind. Hier fehlt auf jeden Fall die Abwägung zwischen papiernem Buch und beispielsweise einem E-Reader. Je nachdem, welches Leseverhalten man hat, kann das eine oder andere Medium auf Dauer nachhaltiger sein: Je mehr gelesen wird, desto ökologisch sinnvoller ist das Lesen auf dem E-Reader. Einige Berichte rechnen ab 30 Büchern pro Jahr, wobei diese Angabe unter Vorbehalt getroffen wird, weil das pauschal nicht beziffert werden kann.
“Den Eisbären, die angeblich so sehr unter der Hitze leiden, kann man leicht seine Sympathie zollen, die sind weit weg.” (118)Nicht offensichtlich, aber subtil wird hier dem allgemeinen Konsens widersprochen, dass eine weitere Steigerung der durchschnittlichen Erdtemperatur das Schmelzen der Polkappen zur Folge haben wird (was zu einem gewissen Teil bereits eingesetzt hat und nicht mehr umkehrbar ist). Der Eisbär ist zum Symbol unter anderem der Klimabewegung geworden, denn ihn wird es mit am unmittelbarsten treffen: Bilder von ausgehungerten Tieren, die ihre Scheu vor den Menschen verlieren, weil der Überlebensinstinkt größer ist, gehen immer wieder um die Welt. Wen möchte man mit dem “Angeblich” milde stimmen?
“Die viel gelobten Initiativen wie “The Ocen Cleanup”, die für die Säuberung der Meere kämpfen, sind wahrscheinlich vollkommen sinnlos, weil so viel nachkommt, dass es ein bisschen so ist, als stünde bei einem die Küche unter Wasser und man begänne aufzumoppen, bevor der Wasserhahn abgedreht ist.” (136)Nicht ganz falsch. Aber, um den beliebtesten Satz des Deutschunterrichts zu zitieren: Was will uns der Autor damit sagen? Dass wir es ja gleich lassen können? Wäre ein Kurzschluss, wenn man sich überlegt, wie viele Tonnen jedes Jahr aus den Meeren gefischt werden könnten (und Technologie wird für gewöhnlich weiterentwickelt). Selbst, wenn es ein Nullsummenspiel ist (was zu beweisen wäre), ist das besser, als nichts zu tun.
“Ökologie [markiert] im Kern das Ende der Fortschrittsideologie […].” (195)Gewagte These. Anders formuliert: Nicht recherchiert und/oder nicht verstanden, worum es geht. Nämlich: um eine Neudefinition des Fortschritts. Nicht darum, wieder mit Fackeln in der Höhle zu sitzen.

Guckt doch mal nach China! Oder: rassistische Ressentiments schüren

Einen letzten Punkt möchte ich noch angesprochen haben, bevor ich die längste meiner jemals geschrieben Rezensionen (und die negativste) zu Ende bringe: der offensichtliche Rassismus, der im grünen Hedonisten mitschwingt bzw. doch recht offenkundig zutage tritt, wenn man genauer liest. 

Auch hier gibt es wieder ein spezielles Feindbild, und diesmal sind es die Chines*innen. 

Die verpesten die halbe Welt, wenn es nach von Schönburg geht, und sorgen dafür, dass wir uns hier in Europa anstrengen können, wie wir wollen: Solange sie “90 Prozent des Plastikmülls, das in unseren Weltmeeren herumschwimmt”, (138) zusammen mit den Menschen aus Afrika zu verantworten haben, bringt es wenig, wenn “wir” uns in Deutschland an immer besserem Recycling versuchen. Wir sollten “deutsches Geld und deutsche Technologie in die Hand […] nehmen, um dafür zu sorgen, dass die Plastokalypse dort bekämpft wird, wo sie das größte Problem darstellt.” (139) 

Man kann aufgrund der mangelnden Quellensituation im Grünen Hedonisten nicht nachverfolgen, woher von Schönburg die abenteuerliche Zahl von 90% haben will. Aber dass sie stimmt, ist zumindest infrage zu stellen.

Es geht weiter und man hat den Eindruck: Wenn von Schönburg Menschen direkt interviewt (es passiert geschätzt ein Mal), dann vor allem jene, die auch weltanschaulich gut zu ihm passen. Zum Beispiel Michael Braungart, einer der Denker hinter dem Cradle-to-Cradle-Konzept (C2C), den der Autor unter anderem wie folgt zitiert: “Eine Stadt wie Hamburg möchte klimaneutral sein […], das hört sich gut an, ist aber eigentlich kackegal, weil das in China innerhalb von Sekunden wieder ausgeglichen wird.” (101) 

Das Narrativ der extrem umweltsündigen Chines*innen wiederholt er ein paar Seiten später, als von Schönburg ihn im Kontext von Alternativen zum konventionellen Plastik indirekt zitiert: 

In der westlich-fortgeschrittenen Welt, sagt Braungart, seien Polymere vielleicht die beste Lösung, weil man sie mit hiesigen Techniken als Nahrung für neue Verpackungen benützen könnte, in anderen Ländern, zum Beispiel in China, müsse man vielleicht Verpackungen herstellen, die ohne giftige Rückstände verrotteten und die man deshalb aus dem Zugfenster schmeißen könnte.

Der grüne Hedonist, S. 142f.

Weil Chines*innen halt immer ihren Müll aus Zugfenstern schmeißen und noch nie einen Mülleimer gesehen haben. 

Sprache, die von Schönburg nicht versteht, ist automatisch “Fachchinesisch” (179) und nebenbei eingeschoben müssen die zu beeinflussenden Lesenden wissen: Es gibt Apps wie “Air Visual” zum Messen der Schadstoffbelastung in der Umgebung  und “in China hat die Regierung die Benutzung der App übrigens streng verboten” (180). Vorher im Text war seitenlang nicht mehr die Rede von China, aber diese Information ist jetzt scheinbar aus nur dem Autor bekannten Gründen relevant.

Generell lässt sich festhalten: Von Schönburg schreibt aus einer eurozentristischen Perspektive und ist sich dessen scheinbar in keiner Sekunde bewusst. Sein Sprachgebrauch ist jedenfalls alles andere als sensibel (nicht nut in dieser Hinsicht) und ich wundere mich, dass da auch in der Verlagsredaktion niemand eingreift, wenn er von “weiblichen Gästen aus dem Orient” (Kurgäste, S. 38) oder “Ländern, in denen gerade erst der Wohlstand ausgebrochen ist” (40) oder “in irgendeinem Entwicklungsland” schreibt. 

Auch die Perspektive, gerade die großen Konzerne der Modeindustrie seien nicht zu verurteilen, sondern im Gegenteil seien ihre Produkte “mit einigem Stolz zu tragen” (95), ist hochproblematisch. Die Begründung lautet, dass “so […] nämlich westliche Arbeitsschutzmaßnahmen und Arbeiterrechte in Länder exportiert [wurden], denen Ähnliches bis dahin vollkommen unbekannt war” (ebd.).

Das ist nicht nur eine grobe Fehlinformation, die man bereinigen könnte, wenn man eine Sekunde nach Begriffen wie Rana Plaza oder Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie sucht – sondern auch ein postkolonialistischer Blick: Die Leute da kriegen es nicht hin, bis wir aus dem Westen mit unseren Innovationen kommen und ihnen zeigen, wie man das macht. White Saviorism lässt grüßen. 

Die latente Panik, mit der von Schönburg wiederum in Richtung China blickt, resultiert nicht nur aus klimatechnischen Überlegungen: Die Länder, “die in den vergangenen Jahrzehnten nicht mit Wohlstand gesegnet waren” finden jetzt nach genau der “konsumorientierte Lebensweise, die wir gerade zu überwinden trachten, ziemlich attraktiv” (196). Es klingt an: Sie möchten auch ein Stück vom Wohlstandskuchen. 

Postkolonialistische Fantasien hat von Schönburg offenbar reichlich, um das zu verhindern. Er schlägt beispielsweise einen “Green Deal, einen ökologischen Marshallplan für Afrika” vor (202) – den natürlich westliche Leute ausarbeiten, vor allem im Hinterkopf: die “Eindämmung der Arbeitsmigration” und die “politische Stabilisierung” (203). Also: Nicht im globalen Süden, versteht sich.  

Falls bis hierhin jemand Zweifel an der politischen Positionierung des Autors hatte, sie dürften jetzt beseitigt sein. 

Der grüne Hedonist oder: wie man es nicht macht 

Es gibt noch sehr viel mehr zu diesem Buch zu sagen, aber die Kurzfassung ist wahrscheinlich, dass es besser nicht geschrieben worden wäre. 

Ich möchte nicht sagen, dass jeder Satz falsch oder problematisch ist, der drinsteht. Manche Überlegungen sind passagenweise ganz okay. Zum Beispiel stehen im Auto-Kapitel ein paar interessante Gedanken und das Kapitel über frische und saubere Luft ist im Vergleich zum Rest des Textes überraschend datenreich unterfüttert. 

Das ist allerdings auch das Problem: Gute Gedanken und Abschnitte, die entweder nicht problematisch (weil: nicht misogyn, desinformierend, rassistisch, vereinfachend, polemisch) oder nicht themenfremd sind, tauchen im Grünen Hedonisten so selten auf, dass ich irgendwann angefangen habe, sie mit einem Plus-Zeichen am Rand zu markieren. 

Auch, nachdem ich mich sogar bis zum Ende des Glossars durchgearbeitet habe, weiß ich immer noch nicht, was dieses Buch und vor allem der Autor eigentlich von mir möchte. Wie eingangs beschrieben: Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier jemand jeden Raum nimmt, den er bekommen kann, ob er nun etwas Gehaltvolles zum Thema beizusteuern hat oder nicht (auf der überwältigenden Mehrheit der Seiten hat er nicht). 

Stattdessen werden vereinfachende Polemiken und Kurzschlüsse ausgebreitet, über die man im besten Falle nur stauen kann, die am Ende des Tages aber nicht weniger als gefährlich sind. Vor allem, da von Schönburg nicht nur mehrfach freimütig zugibt, keine Ahnung, aber trotzdem Lust zum Reden zu haben, sondern auch Wissenschaft per se als ungenau, vage und misstrauenswürdig hinstellt (“wenn es stimmt, dass”, “angeblich” etc.). Diese Tendenzen kennen wir irgendwoher und es sind keine guten. 

Natürlich muss ich bekunden, dass ich in keiner der oben angesprochenen Fragen Experte bin. Ich hatte eingangs ausdrücklich darauf hingewiesen, dass meine Autorität nur in Fragen der Sockenfarbe unangefochten ist, doch Experten ist ohnehin zu misstrauen. Ein Experte ist jemand, der das Denken eingestellt hat, weil er schon alles zu wissen glaubt, sagte Frank Lloyd Wright.

Der grüne Hedonist, S. 196.

Summa summarum: Bitte lest den Grünen Hedonisten nicht (außer, ihr wollt Bullshitbingo spielen und eure Argumente schärfen – dann aber bitte gebraucht kaufen). Empfehlt es auch nicht weiter – je weniger Menschen es lesen, desto besser. Denn am Ende passiert hier vor allem eines: die Normalisierung rechten Gedankengutes.

Die Empfehlung zur Gegenlektüre: Kathrin Hartmann hat mit ihrem neuen Buch “Grüner wird’s nicht” eine sehr gute Analyse vorgelegt, die die Hauptprämisse von “Der grüne Hedonist” aushebelt. Im Gegensatz zu von Schönburg, der seltenst ein gutes Wort über Verbote, Regulierungen und Ent-Privatisierungen, also staatliche Maßnahmen zur Lösung der Klimakrise verliert, meint Hartmann: Es geht gar nicht mehr anders – und die Verantwortung ausschließlich auf das Individuum (Avocado ja oder nein) zu schieben, wird uns in der aktuellen Situation keinen Schritt weiterbringen. 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Hi Jenni, vielen Dank für die ausführliche und augenöffnende Rezension! Ich hatte schon von einer Bekanntes schlechtes zu dem Buch gehört, aber das es dermaßen mies und inhaltlich vollkommen haltlos ist, übertrifft alles. Vielleicht sollte man mal dem Verlag schreiben und nachfragen, wie so ein Werk veröffentlicht werden konnte. Wäre eine Möglichkeit, um seine Meinung kundzutun… Danke dir auf jeden Fall! LG Laura

Liebe Jenni, vielen Dank für diese Rezension! Alleine in den hier zu lesenden Zitaten befinden sich so viele Ungeheuerlichkeiten das es kaum auszuhalten ist! Diese Arroganz und gleichzeitige Abwertung von allem was “anders” (oder eben “nicht zivilisiert”) ist, verschlägt mir die Sprache! Ganz abgesehen davon, dass der generelle Gebrauch des Wortes zivilisiert schon problematisch ist… und noch so endlos mehr!
Ich danke dir und hoffe das Du damit vielen Menschen das lesen ersparst!
Liebe Grüße
Katie

Liebe Katie,
sehr gerne – ich habe die Arbeit tatsächlich in der Hoffnung gemacht, dass die Rezension viele Menschen davon abhält, das Buch zu kaufen und den Autor und seine gefährlichen Ansichten damit zu unterstützen.
Es war ein Kampf, bis zum Ende durchzuhalten, muss ich ganz ehrlich sagen – Spaß ist wirklich was anderes. Wie ich geschrieben habe: Die “guten” Sachen sind so selten, dass ich sie mir am Rand angemakert habe.

Danke dir für deine Worte!

Liebe Grüße
Jenni

Mir geht es ebenso; ich saß beim lesen hochgezogenen Augenbrauen und offenem Mund da.
Ich frage mich auch, warum der Verlag das herausgebracht hat; wie konnten solche gefährlichen Inhalte (auch noch gepaart mit schlechten Methoden) gedruckt werden. Ich finde es schlimm, dass es das jetzt zu kaufen gibt.

Hey Lou,
ja, ich stehe dem auch einigermaßen fassungslos gegenüber, muss ich sagen. Es ist von vorn bis hinten problematisch und wie ich im Text schreibe: Die guten Stellen muss man wirklich mit der Lupe suchen. Es wundert mich sehr, dass sowas durch eine Redaktion gekommen ist.

Liebe Grüße
Jenni

Wow!! Ich hab deine Rezension durchgehend mit hochgezogen Augenbrauen und offenem Mund gelesen und das alles mit leerem Magen vor dem Frühstück. Ich bin platt. Dass es Menschen gibt, die mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz nichts anfangen können und darüber ein Buch schreiben ist eine Sache. Aber dass der Autor das ohne gründliche Recherche und ohne eine einzige Quellenangabe umsetzt, hätte ich für unmöglich gehalten gehalten, wenns denn ein Sachbuch sein sollte. In meiner Schullaufbahn musste man auch für eine 5-Seiten-Arbeit mindestens 2 Quellen angeben. Fremdwörter und Fachbegriffe mussten als Fußnote erklärt werden. Der Verlag sollte dringend die Arbeitsweise seiner Autoren hinterfragen und Standards in der Recherchearbeit für Sachbücher festlegen. Eigentlich sollte man rechtlich gegen den Autor und den Verlag vorgehen wegen Verbreitung von Falschaussagen, frauenfeindlichen und rassistischen Äußerungen.

Liebe Bettina,

das sehe ich genauso und ich bin sehr betroffen, dass sowas überhaupt als Buch veröffentlicht werden kann. Da war ich bisher scheinbar ein bisschen naiv und hatte höhere Standards vorausgesetzt. Vielleicht lassen die sich mit genügend Aussicht auf Geld oder Skandalpotenzial mittlerweile auch bedeutend senken? Ich weiß es nicht, aber fest steht, dass das nicht nur enttäuschend, sondern auch sehr gefährlich ist und ich hoffe, aufzeigen zu können, warum das der Fall ist und dass das einige Menschen davor bewahrt, den Autoren mit dem Kauf eines Exemplars noch zusätzlich zu unterstützen.

Liebe Grüße
Jenni