Ich mache nicht genug: Geständnis aus einer Generation, die nicht leiden musste

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5. Februar 2018

Vor ein paar Tagen bin ich auf einige Zeitungs-Artikel gestoßen, die mich nachdenklich stimmten, einen Prozess in meinem Kopf in Gang setzten, von dem ich weiß, dass er schon eine Weile unterschwellig brodelt, immer mal wieder, und sich dann in die Tiefen meiner Gehirnwindungen zurückzieht. Zum Schlummern. Bis ein neuer Reiz ihn triggert – und mein schlechtes Gewissen beherrschend wird. Ich mache nicht genug.

Vom Nestbauen und politischen Krisen

Verfolgt man die aktuellen Tagesgeschehnisse brav via Nachrichten, kann man schnell zu dem Schluss gelangen, dass die Welt mehr oder weniger am Rande des Abgrunds stehe: Wir haben das Plastik-Problem in den Weltmeeren, wir haben Trump, wir haben Glyphosat, wir haben 65 Millionen Flüchtende, wir haben Hungersnöte, Kriege, Erdzerstörung, Atomkraft.

Man mag angesichts dieser dramatischen Umstände, in denen wir uns auf unserem durch das Weltall tingelnden Planeten befinden, in Schockstarre verfallen. Sich dem Häuslichen zuwenden. Wert auf gutes Essen, Handarbeit (neumodischer: DIY), Backen, Ausmisten und so weiter legen. Realitätsflucht?

Der aktuelle fluter beinhaltet einen Beitrag, in dem es genau darum geht: Wir haben verlernt, zu fordern. Wir – die Generation Y, die sogenannte – ist aufgewachsen in einer Welt ohne Krisen, die uns persönlich betroffen hätten, unmittelbar jedenfalls. Wir haben keinen Weltkrieg erlebt – auch keinen kalten -, wir mussten nicht hungern, nichts wieder aufbauen. Wir haben nicht gegen Atommeiler demonstriert, nicht den Kampf für Gleichberechtigung geführt. Jedenfalls nicht in dem Maße wie die Generationen vor uns.

Umso wichtiger wäre es, dass sich die, die alle Vorzüge einer guten Bildung genießen, nicht dem Konsum hingeben und nur die Fragen der Übersättigten stellen: Was soll ich studieren? Welcher Strand ist denn jetzt wirklich nur für mich alleine da? Oh Gott, mein Kleiderschrank ist so voll. Weltreise oder Praktikum? (fluter)

Sind wir verweichlicht? Haben wir keine Ansprüche? Geht es uns zu gut? Sind wir übersättigt?

In Zeiten, in denen alles Ware geworden ist (sogar der eventuell zukünftigen Partner*innen – man schaue sich Tinter und Co. an), alles nur dafür dazusein scheint, dass wir es uns einverleiben, hektisch verdauen, ausscheiden und nach direkt Neuem gieren, ist die Frage, was wir eigentlich denen hinterlassen wollen, die nach uns kommen, umso drängender.

Das Ego im Mittelpunkt: Sinnkrisen und ihre Reichweite

Das größte Problem, das die meisten von uns in ihrer aktuellen Lebenssituation haben, ist wohl dieses: Wie kann ich zur besten Version von mir selbst werden?

Was kann ich alles lernen, welchen Karriereweg soll ich einschlagen, wie kann ich achtsam mit mir selbst umgehen, wie nicht vom Hamsterrad des immerfort Arbeitenden überrollt werden? Achtsamkeit, Entschleunigung und Meditation sind die neuen Mantren, Yoga das neue Pflichtsportprogramm. Ich nehme mich da nicht aus. Gesunde Selbstkritik hat noch niemandem geschadet.

Wir kreisen so sehr um uns selbst, dass wir in einen tunnelblickartigen Rauschzustand verfallen: Ich möchte dieses und jenes Ding haben, um ein besserer Mensch zu werden. Einer, der noch mehr leisten kann – notfalls auch auf der Entschleunigungs-Schiene. Wir sind die neuen Götzen. Uns haben wir auf das Podest gehoben, um unser Abbild als goldenes Kalb tanzen wir herum.

Das klingt hart – dennoch ist es die Wahrheit.

Und wenn der Tanz jäh unterbrochen wird, weil die Bahnen des Lebens doch nicht so vorgezeichnet sind, wie es für einen reibungslosen Übertritt von Abschnitt zu Abschnitt nötig wäre, verfallen wir in niedergedrückte Stimmungen, bekommen Sinnkrisen, Burn-Outs, Depressionen. Wie soll es weitergehen mit einer Welt, deren wohlhabendste Menschen am Problem des eigenen Selbst scheitern?

Müssten wir nicht vielmehr die Energie, die uns unser Überfluss schenkt, in etwas Produktives für die Gemeinschaft verwandeln, anstatt “Hygge” zu zelebieren und neben der Strickarbeit Tee zu schlürfen? Reicht es aus, dass derselbe feinste Bioqualität hat, die Baumwolle selbstverständlich GOTS-zertifiziert ist, die Bude ausgeräumt und die überflüssigen Sachen gespendet wurden?

Abgesehen davon, dass das Frauenbild, was wir damit transportieren, ein problematisches ist und an die Reaktivierung großmütterlicher Standards erinnert, bleibt die Frage, ob das alles sein soll, was wir leisten zum gesunden Fortbestand dieser Welt. Oder sogar: zum Besserwerden.

Die Frauen, die [in den Magazinen] vorgestellt werden, betreiben Foodtrucks, rühren Naturkosmetik an, basteln Geburtstagskarten und nähen alte Bettwäsche zu Blusen um. Es ist ein Frauenbild, als säße Adolf Hitler unterm Tisch und mache Familienpolitik. Während draußen die Welt Einmischung und politisches Engagement bräuchte, wird das Zuhause zum Flausch-Bunker hergerichtet. (SZ)

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Ich mache nicht genug

Ist es genug? Das ist die Frage, die uns eigentlich alle dominieren sollte. Wo wollen wir hin – in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren? Im Moment leben wir auf Pump, nach der Nach-mir-die-Sinflut-Manier. Wie lange das so weitergehen wird, ist umstritten. Wahrscheinlich kein halbes Jahrhundert mehr. Da sind wir vielleicht bald nicht mehr da – und weil die meisten von uns sowieso nur ein bis gar kein Kind haben möchten, hat sich das sowieso alles erledigt, oder?

Wie weit darf unser Luxus gehen – wie weit muss unsere Verantwortung reichen?

Reicht nachhaltiges Leben aus? Und ist die Behauptung, für mehr reiche es neben Familie und Job eben nicht, vielleicht nur eine ebenso flauschige Ausrede, um sich nicht mit unbequemen poltischen Fakten beschäftigen zu müssen? Wann und wo ziehen wir unsere Konsequenzen?

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Von Selbsthilfe zum Engagement

Und auf der anderen Seite diese nagende Gewissheit: Ich kann mich einfach nicht aufraffen. Ich kann mich nicht mit meiner ganzen Energie, meinem Selbst, meiner Leidenschaft in die Leben, Probleme und Sorgen anderer Menschen stürzen oder sie vertreten, wenn ich mich selbst nicht auf die Kette kriege.

Das klingt verweichlicht, vielleicht ist es das auch.

Vielleicht brauchen wir alle mehr vom Weniger, mehr Zeit für uns selbst, mehr (Selbst-)Liebe, mehr radikal-subjektive Revolution, damit wir die Ergebnisse dieser Erkenntnisse gesellschaftswirksam in die Gesichter derjenigen brüllen können, die sich solche und andere Gedanken abseits des eigenen Kontos nicht zu machen scheinen. Doch diesen Doppelschritt müssen wir dann auch in aller Konsequenz gehen – und nicht bei der Selbstverliebtheit, die ja so schnell auch in Eitelkeit umschlagen kann, stehen bleiben.

Und vielleicht ist die These, unsere Generation kenne gar keine Krise, nicht haltbar: Vielleicht hat sich lediglich das Gewand des Krisengespenstes verändert – und nun sind es keine konkreten, irgendwie anpackbaren Dinge, die Generation Y ins Straucheln, zum Erstarren bringen, sondern vielmehr die kompakt-komplizierte Gesamtheit der so unübersichtlich gewordenen, am Katastrophenrand stehenden Weltkugel. Es gibt nicht die eine Krise mehr – es gibt viele. Und sie passieren gleichzeitig. Welche sollen wir priorisieren, welcher uns als erstes zuwenden? Welche verdient die meiste Aufmerksamkeit?

Anmerkung: Dieser Beitrag ist keine Anklage, auch wenn er allgemein formuliert ist. Er ist vor allem – treue Leser*innen werden das sofort erkannt haben – Selbstkritik und -reflexion und spielt Gedanken druch, die einem unter der Dusche oder der Bettdecke oder im Regen an der Bushaltestelle kommen. Und die es dennoch verdient haben, ausgesprochen zu werden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Toller Artikel, der zum Nachdenken anregt. Ich fühle mich auch oft hilflos und klein angesichts der vielen großen und kleinen Probleme unserer Welt. Mit hilft das Bild, dass ein jede*r ganz individuelle Begabungen und Talente mitbringt. Nicht jede*r ist dafür “gemacht” öffentlich aufzutreten, die Massen mitzureißen oder auch in jahrelanger Diplomatie großen Einfluss zu nehmen. Es braucht auch viele, “kleine” Held*innen hinter den Kulissen, die mitmachen, nähren, stützen…. Ich versuche, vor allem meinem Herzen zu folgen und so den für mich richtigen Weg des Weltverbesserns zu finden, meine persönlichen Prioritäten zu setzen. Denn da kann ich m.M.n. am meisten bewirken als wenn ich versuche auf allen Hochzeiten zu tanzen, selbst auf denen, für die ich charakterlich einfach nicht gut ausgestattet bin…
Jede*r hat seine Möglichkeiten, seine “Aufgabe” und die Summe all dieser einzelnen Aktivitäten und Engagements ist letztlich das beste, was unsere Generation dann wohl hinbekommt?
Fast zehn Jahre habe ich mein Herzblut im Berufsverband (Hebammen) vergossen, bloß um am Ende frustriert und gebrochen aus meinem Traumberuf auszusteigen. Heute sehe ich meinen Beitrag mehr im Privaten und auch im Bloggen und bin damit viel zufriedener, weil gefühlt selbstwirksamer als in der Politik.
LG Jitka
PS ich liebe nähen, stricken und Küchenkrams – es macht mich GLÜCKLICH und zwischen aller Gewissensbisse und Verzweiflung über den Zustand unserer Gesellschaft geben mir diese einfachen Dinge im Alltag Halt und Kraft. Außerdem ist es für mich Revolution pur, meine Lebensmittel und Gegenstände selbst herzustellen – ein Befreiungsschlag von Kapitalismus, Essensindustrie, Abhängigkeit vom System. Irgendwo muss man doch schließlich anfangen?

Liebe Jitka,
ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar und deine reflektierten Gedanken zum Artikel.
Ich freue mich sehr, dass er zum Nachdenken anregen konnte – das soll das alles hier ja schließlich: Perfekte Lösungen haben wir sicherlich alle nicht und wenn, dann nur für uns. Aber Gedanken und Fortschritte zu teilen und zu schauen, wie andere Menschen auf dieselbe Thematik blicken, ist schon ganz viel Wert und bringt hoffentlich beide Seiten weiter. Wenn dem so ist, ist der Zweck von meinem Baby hier auf jeden Fall erfüllt. 🙂

Ich mag deine Perspektive, dass wir alle unseren kleinen oder großen Beitrag im Alltäglichen leisten können und dafür nicht unbedingt auf die große Bühne müssen, sehr. Ich denke auch, dass die Gesellschaft wesentlich auch gerade auf Alltagsheld*innen basiert und wir unsere eigene Wirkung diesbezüglich nicht unterschätzen dürfen.
Gerade, wenn du auch den Weg des Bloggens eingeschlagen hast, kannst du diesen Wirkkreis ja noch einmal immens vergrößern und wahrscheinlich viele Menschen zum Nachdenken anregen (was man unter Umständen ja aufgrund des sehr selektiven Feedbacks gar nicht so mitbekommt). Das ist auch etwas, das ich am Bloggen so gerne mag.
Man muss immer schauen, wie der eigene Weg verläuft, man sich integrieren und sinnvoll einbringen kann und genau darauf hören, wenn sich Präferenzen in diesem Bereich verändern. Es ist ein großer Schritt und zeugt von viel Mut und Weitsicht, wenn man das dann auch konsequent umsetzen kann.

Deine Sicht auf die kleinen und alltäglichen Dinge, verbunden mit dem Revolutionsgedanken finde ich auch sehr erfrischend – danke dir dafür!

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni,

vielen Dank für deinen tollen Beitrag. Deine Gedankengänge kann ich gut verstehen. Die aktuellen gesellschaftlichen Themen und Trends entwickeln sich meiner Einschätzung nach mehr in die grüne Richtung. Auch wenn die Fakten zur Plastikvermüllung sicherlich sehr alarmierend sind. Deshalb ist es umso wichtiger dass immer mehr Menschen für das Thema Nachhaltigkeit Aufmerksam machen. Vielen Dank für deine Arbeit und den tollen Beitrag.

Liebe Joy,
(ich hoffe, ich habe den richtigen Namen getroffen)
ich danke dir für deine lieben und motivierenden Worte und denke ebenfalls, dass das Aufmerksamkeit-Schaffen der zentrale Punkt ist, an und ab dem sich etwas bewegen wird.
Da ist jedenfalls schon deutlich mehr passiert als in den vergangenen Jahrzehnten, was durchaus begrüßenswert ist.
Aber gemessen an der Tatsache, dass immer mehr produziert und konsumiert wird, ist das auch wieder ein wenig misstrauisch zu beobachten…
Jedenfalls bleibt uns ohnehin nichts anderes übrig, als weiterhin unsere Botschaft zu verbreiten und hoffentlich viele Menschen zu erreichen, die ihrerseits wieder viele Menschen erreichen. 🙂

Liebe Grüße an dich!
Jenni

Liebe Jenni,
ich kann einige Gedanken sehr gut nachvollziehen. Ich finde gerade am Ende deine Zusammenfassung spricht mich sehr an – es gibt viele unübersichtliche Probleme und darin zu navigieren und uns zu orientieren zeichnet glaube ich unsere Generation aus. Und ich möchte mich einer Vorrednerin anschließen: Dass du öffentlich zu einem nachhaltigen Lifestyle stehst, inspirierst und infomierst lässt dich schon sehr viel machen! Es gibt so viele – auch Freunde von mir – unserer Generation die einfach sagen: Man kann eh nicht korrekt leben und durchaus liebe, soziale Menschen sind im Freundeskreis und trotzdem keine unserer Gedanken bzgl. Fair Fashion, zerowaste und Veganismus in ihrem Bewusstsein haben. Du kannst wirklich stolz auf dein Werk und deine Botschaften sein! Alles liebe *thea

Liebe Thea,

ich danke dir für deine Gedanken zum Thema und für deine aufbauenden Worte.
Manchmal zweifelt man dann doch an der Wirkmächtigkeit der eigenen Taten. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so.
Ich finde die Diskrepanz zwischen den eigentlichen Charaktereigenschaften der Menschen und dem Ausmaß, in dem sie sich um Nachhaltigkeit, Fairness und solche Dinge engagieren (oder eben nicht engagieren), bemerkenswert, muss ich sagen. Es ist schon Wahnsinn, wie viel wir verdrängen können…

Liebe Dank für deinen unermüdlichen Support!

Liebe Grüße an dich!
Jenni

[…] Auf Awesomatik wird versucht, ein Fatbike aus einem Elektrozaun zu befreien. Lesenswert: Ich mache nicht genug von mehr als Grünzeug sowie Ich bin ein besorgter Bürger von […]

Liebe Jenni, den Artikel habe ich auch gelesen – und selbst überlegt.. Wofür steht unsere Generation? Wofür kämpfen und brennen wir? Ich glaube aber, dass wir das vielleicht momentan noch gar nicht so absehen können. Vielleicht sind wir die Generation, die für Datenschutz und Transparenz kämpft – und merken es erst in 20 Jahren, wie sehr das bei uns Thema war? Oder die Generation, die sich gegen Plastik ausgesprochen hat? Vielleicht sind wir aber wirklich auch wirklich die Generation, die nicht mehr ein großes sondern viele kleine Probleme hat. Ich weiss es nicht, versuche mir aber auch immer wieder vor Augen zu halten, dass wir reflektieren sollten, was wir ändern können, wollen oder müssen.
Danke jedenfalls für diesen tollen Artikel!
Liebe Grüße,
Ela

Liebe Ela,
ich danke dir für deine guten Gedanken!
Dass wir erst in der Rückschau merken könnten, wofür wir als Generation eigentlich stehen, ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen – aber es ist eine logische Schlussfolgerung.
Ich frage mich nur, ob es nicht vielleicht wichtiger und zielführender wäre, wenn wir das jetzt schon wüssten – für uns selbst (um einen Fixpunkt oder sowas Ähnliches im Leben zu haben, mit dem man sich identifizieren kann) und auch für die Gesellschaft, um sie voranzubringen? Vielleicht ist aber auch gerade die Diversität der Diskurse wichtig und zielführend – ein komplexes Thema.

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Monika,

ich danke dir für den Link.
Das Buch von Kahneman lese ich tatsächlich gerade und bin fasziniert von den Erkenntnissen. Definitv eine wichtige Sache! Aber ich glaube, sich auf diesen Annahmen – übertragen auf gesamtgesellschaftliche und weltpolitische sowie umwelttechnische Probleme – auszuruhen, wäre fatal.
Sicher ist es richtig, dass viele Probleme und mögliche Szenarien aufgrund statistisch nicht valider Einschätzungen als zu dramatisch eingestuft werden. Doch ich denke, bezüglich beispielsweise der Klimaproblematik oder des Plastikdramas kann man das bezogen auf die zahlreichen Studien, die Entsprechendes belegen, ausschließen oder zumindest revidieren. Denn: Selbst wenn nur ein Bruchteil der Probleme, auf die dieses Material hinweist, Realität sind oder sein werden, sollte man sich nicht darauf verlassen, dass die Dinge sich schon irgendwie regeln lassen.
(Nicht, dass ich implizieren möchte, dass du das aussagen wolltest – aber ich finde es wichtig, darauf hinzuweisen.)

Liebe Grüße!
Jenni

Liebe Jenni,
wieder einmal ein Beitrag von dir, bei dem ich während des Lesens fortwährend Nicken muss. Du triffst den Nagel auf den Kopf – so ist es, und nicht anders. Gerade mit dem letzten Absatz hast du so sehr Recht. Ich habe oft den Eindruck, egal, was man tut, auf irgendeiner Ebene – polititisch, ökologisch, menschlich, irgendwo ist es immer falsch. Es ist fast unmöglich, Dinge noch richtig zu machen.
Ein einfaches Beispiel: der Wasserverbrauch. Spart man Wasser und denkt, man tut damit etwas Gutes, beschweren sich die Städte, die Rohre würden zu wenig genutzt und dadurch Schaden nehmen. Hier müsste man natürlich wieder recherchieren, um herauszufinden, ob diese es im Namen der Stadtwerke tun und lügen, um wiederum mehr Geld zu machen, oder ob es stimmt.
Der Punkt ist aber, man KANN schlichtweg nicht jede kleine Alltagshandlung erschöpfend nachverfolgen, zumal man ja auch die Richtigkeit jeder einzelnen Quelle prüfen muss.
Das Einzige, was einem da noch etwas helfen kann, ist der gesunde Menschenverstand und eine verinnerlichte Moralvorstellung im Umgang mit Menschen und Ressourcen.
Ich habe vorhin angefangen, das Buch “Die grüne Lüge” zu lesen – man kann eben nur versuchen, sich möglichst allumfassend zu informieren und danach zu handeln. Ich hoffe sehr, dass, wie meine Vorkommentatorinnen schreiben, sich jeder wenigstens im Rahmen seiner kleinen Möglichkeiten engagiert und sein Steckenpferd findet und irgendetwas vorantreibt. Was vegane Ernährung und Naturkosmetik angeht, sieht man ja, das Hersteller reagiert haben und es immer noch tun und der Kassenzettel derzeit wirklich der einflussreichste Stimmzettel ist, den wir haben (und genau DAS ist das Problem. Ökonomie darf nicht unsere einzige Meinungsäußerung sein). Auch wenn “Die grüne Lüge” solche Bemühungen leider ad absurdum führt. Je mehr man sich damit befasst, desto versuchter ist man einfach auch, den Kopf unter die möglichst hübsch verpackte Bettdecke zu stecken und die böse Welt draußen zu lassen. Das Unterbewusstsein weiß ja, dass der aktuelle Zustand endlich und nicht haltbar ist, aber man ist so machtlos als Einzelner. Wenn ich eines nicht leiden kann, dann ist es dieses “Jeder einzelne kann etwas verändern”-Gebräse. Quatsch. Für Änderungen braucht man Masse, oder es muss der einzelne Entscheidungsträger sein. Allein schon Arbeitszustände, wie sie heute in vielen Betrieben herrschen, wären nicht möglich, würden Leute sich engagieren und als geschlossene Front auftreten sowie ihre Rechte wahrnehmen. Was passiert stattdessen? Es wird gekatzbuckelt, Überstunden geschoben bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag und jeder ist sich selbst der nächste.
…bitte entschuldige meine Von-der-Leber-Weg-Gedankenkotze, aber es tat gut, das mal rauszulassen.
Vielen Dank für den Anstoß dazu durch deinen tollen Beitrag!

Liebe Grüße,
Kati

Liebe Kati,
ich danke dir für deine Gedanken und finde es gar nicht schlimm, dass du sie hier so aufgeschrieben hast. Im Gegenteil: Das belebt ja die Diskussion und ich finde sie durchaus interessant und klug! 🙂
Das Buch scheint mir in dem Zusammenhang sehr interessant zu sein – das werde ich mir gleich einmal auf die Merkliste schreiben.
Den wichtigsten Satz finde ich allerdings, dass es eigentlich tatsächlich nicht sein kann, dass wir nach wie vor durch ökonomisches Handeln entscheiden – es ist schade bis ärgerlich, dass das unsere gefühlt einige Möglichkeit ist, als Masse abzustimmen. Und genau wie du sehe ich die Masse in der Verantowrtung – es ist zwar gut und richtig, im Einzelnen etwas zu verändern und zu hoffen, dass man etwas anstößt und andere Menschen zum Nachdenken bringt. Und ich baue auch total darauf, sonst könnte ich das hier nicht machen.
Aber ich denke, weitreichend und vor allem schnelle Veränderungen (denn so krass viel Zeit ist eben einfach nicht mehr) funktionieren vor allem über politisches Engagement. Der Umweg über die Ökonomie ist einfach zu lang – und es haben zu viele Leute mitzureden, denen beispielsweise Nachhaltigkeit gemessen am eigenen Kontostand sonstwo vorbeigeht. Von daher ist es – ganz selbstkritisch gesagt – eigentlich nicht ausreichend, sich in seine grüne Filterblase zurückzuziehen und zu sagen, man hätte so schon genug geleistet. Vielleicht bin ich da aber auch zu hart zu mir selbst.
Danke dir für deine Gedanken!

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni,

vielen Dank für den wieder einmal sehr eloquenten Beitrag! Ich fühle mich total angesprochen, denn du greifst sehr gut auf, was auch mir seit einiger Zeit im Kopf herum geht. Ich denke das ist immer so eine Gratwanderung. Ich finde es schon wichtig und richtig, sich selbst etwas Gutes zu tun und es sich zuhause schön zu machen, und wie Kassandra meine ich auch, dass das nicht ausschließt, dass man sich auch anderweitig engagiert. Aber ich denke, das wolltest du damit auch gar nicht sagen und ich stimme dir voll zu, dass bisweilen der Eindruck entsteht, dass sich erst wieder alles nur um das eigene Ego dreht, nur mit grünem Anstrich.
Ich bemühe mich in letzter Zeit, über diesen grünen Anstrich hinweg auch die unangenehmeren Fakten zu beachten, wo ich selber nicht so gerne hinschauen will. Für mich waren da die Vorträge von Niko Paech sehr aufrüttelnd.

Das mit dem Frauenbild finde ich auch immer ein spannendes Thema. Ich bin da etwas hin und her gerissen. Ist es nun schlechter für das Frauenbild, wenn Frauen immer noch “frauentypischen” Tätigkeiten/Hobbies nachgehen oder ist das Frauenfeindliche daran eigentlich, dass eben diese Aktivitäten als minderwertig im Vergleich zu “Männer-Aktivitäten” dargestellt werden? Mein eigener Zwiespalt ist da echt tief, weil ich selbst so einige Frauenklischees erfülle und mich häufig frage, was davon wirklich ich und meine Vorlieben bin und was davon auf meine soziale Prägung zurückzuführen ist. Wenn Frauen als Püppchen dargestellt werden, die nichts anderes tun als basteln, Wohnung dekorieren und sich schminken stößt mir das aber auch sauer auf. Ein schwieriges, facettenreiches und spannendes Thema!

Zuletzt noch ein Gedanke: Ich denke, häusliche Nachhaltigkeit ist letztlich auch auf gesellschaftlicher Ebene wirksam, denn wenn genug Menschen ihr Konsumverhalten ändern, fällt das auf, es entstehen neue Trends. Und auf politischer Ebene traut man sich dann vll auch eher mal, etwas in Richtung Nachhaltigkeit umzusetzen, wenn man weiß, dass das von der Bevölkerung unterstützt und mitgetragen wird. Mein Eindruck ist, Politiker machen am Ende ja eh nur das, wovon sie erwarten, dass es gut ankommt deshalb stimme ich Kassandra auch hier zu und sage: Der Beitrag im Kleinen ist nicht zu unterschätzen, denn er signalisiert auch an höhere Ebenen, dass es Zeit für Veränderung ist.

Liebe Grüße,
Elisabeth

Liebe Elisabeth,
ich danke dir für das Feedback und deine tollen Gedanken zum Thema!
Die Sache mit dem Ego und dem grünen Anstrich hast du sehr gut auf den Punkt gebracht – das ist genau das, um das es mir geht: Ja, wir machen viel, wenn wir uns im Kleinen für Nachhaltigkeit einsetzen – aber wenn es damit endet, dass wir uns weiterhin grün und glücklich shoppen und die wirklich wichtigen Dinge dahinter ausblenden, um uns mit gutem Gewissen zurückzulehnen, dann kann das doch eigentlich nicht alles sein. Auch, wenn ich weiß, dass nicht jede*r sich in diesem Bereich so verhält, ist es doch wichtig, die Tendenz zu sehen – gesamtgesellschaftlich, aber auch im Einzelnen (und bei sich selbst) und sich zu fragen, ob das so richtig sein kann.
Das mit dem Frauenbild ist in der Tat ein guter Zwiespalt, den ich hier nur am Rande mit aufgenommen habe, weil ich ihn in dem Zusammenhang interessant fand. Dazu könnte man sicherlich einen ganz eigenen Blog starten.
Den Zwiespalt, den du siehst, sehe ich auch: Auf der einen Seite verschärft das Verurteilen und Distanzieren von angeblich Püppchenhaften die Debatte nur – auf der anderen Seite ist es schwierig, aus den anerzogenen und immer noch gesellschaftlich dominanten Mustern herauszukommen und zu schauen, was einen eigentlich wirklich ausmacht.
Dein Fazit mag ich sehr – und es ist eines, dem ich mich generell auch anschließen kann, wenn ich auch den kritischen Blick für’s Ganze nicht verlieren möchte. Denn ich glaube, dass nachhaltige und drastische Veränderung auch gerade durch politisches Engagement verursacht wird – und das ist etwas, bei dem ich persönlich bisher lediglich durch privaten Aktivismus mitwirke. Die Frage ist, ob das ausreichend ist oder ob man sich das – ausruhend auf grünen Lorbeeren – schönredet…
Generell bin ich auch der Ansicht, dass viele im Großen etwas bewirken können – doch manchmal geht es mir nicht schnell genug.

Liebe Grüße an dich!
Jenni

Danke für diesen mitreißenden Artikel. Ich frage mich oft ” Mache ich genug”? und ich werde wahrscheinlich nie ein “Ja” darauf antworten, denn es gibt so viele Dinge die auf einen einwirken, dort eine Information die einen berührt, wieder ein Bild was einen erzürnt, neue Fakten die einen erschrecken und plötzlich befindet man sich in einem Strudel aus Gedanken, Emotionen und Hilflosigkeit. Ich glaube heutzutage fühlt man sich oft erschlagen von den Dingen die passieren, wie oft hat man den Satz gehört ” Es ist kurz vor 12″, ” Jetzt muss etwas passieren” , und man beginnt zu treten, zu verändern, und hofft… und dann kommt wieder ein neuer Berg von Informationen und man versucht weiter zu treten, voran zu kommen, zu retten, doch irgendwie hat man das Gefühl es ist nie genug! Mein Fazit ist für mich das man nie “genug” machen kann, wie soll das gehen in einer Welt mit so viel Impulsen, Reizen und Dingen die schief laufen, doch ich denke auch die Kleinigkeiten zählen, auch die Dinge die nicht auf der großen Bühne passieren und die wir für uns alleine entscheiden. Ist das Risiko nicht groß wieder in den von der Gesellschaft geforderten Perfektionismus zu verfallen? Heutzutage soll man so viel sein: “Erfolgreich”, “Bedacht”, “Nachhaltig”, “Reflektiert”, “Selbstbewusst”, “Natürlich”, “Emanzipiert”, “Tatkräftig”, “Selbstliebend”, “Positiv” u.s.w. , und dabei wollen/sollen wir noch die Welt retten! Nun ist es doch vielleicht genug unser Bestes zu geben und unsere Möglichkeiten zu nutzen, alleine und in der Gemeinschaft. Denn jede Veränderung, jeder Protest, jede Handlung löst neue Wellen aus, große und kleine, doch keinen Stillstand. Deswegen sage ich “Ich/Wir machen etwas” und das ist das was uns bestärken sollte <3

Liebes Erdenkind,
ich danke dir für deine reflektierten Worte und das so positive Fazit, dem ich mich gerne anschließen möchte!
Ich denke, letzten Endes wird uns nicht viel übrig bleiben, als das Beste zu tun. Die Frage ist nur, wo das beginnt und wo es aufhört. 🙂

Liebe Grüße an dich!
Jenni

Liebe Jenni,
danke für diesen interessanten Beitrag! Ich glaube, wir alle können immer mehr tun. Aber um jetzt gerade auch die Themen deines Blogs anzuschneiden, hast du nicht das Gefühl, dass du durch Minimalismus und Zero Waste schon einen ganzen Teil beiträgst? Wir – ich zähle mich mal dazu, immerhin interessiert mich das ganze ja auch – leisten doch einen Beitrag, indem wir Konsum viel mehr hinterfragen als früher und nicht unverantwortlich etwas kaufen. Mit deinem Blog und über weitere soziale Medien verbreitest du diese Nachricht in der Welt – bzw. zumindest unter Lesern, die deutsch verstehen, wo immer diese sich aufhalten mögen und inspirierst so andere. Das ist, meiner Ansicht nach, eine ganze Menge und bewundernswert. Engagement hat in meinen Augen viele Seiten. Man kann auf die Barrikaden gehen, man kann Gedichte oder eben einen Blog schreiben oder versuchen, im kleinen seinen Beitrag zu leisten. Und wie du schon sagtest: wir haben SO viele Krisen, jeder muss bei dem anfangen, was ihm sinnvoll erscheint, eine allumfassende zufriedenstellende Lösung wird es da wohl leider nicht geben. Auch wenn natürlich streng genommen die Erhaltung unseres Planeten gesichert sein muss, bevor man sich um Finanzkrisen, Trump und anderes kümmern kann.
An einem Part, den du zitiert hast, habe ich mich jedoch irgendwie etwas gestoßen und zwar den aus der SZ, der für mich gewissermaßen suggeriert, dass das Stricken und Hygge so ein altmodisches Frauenbild generiert. Ich verstehe zwar den Grundgedanken, aber finde dennoch, dass eine emanzipierte Frau gerne stricken und sich DIY Projekte vornehmen kann, wenn sie das möchte, was nicht bedeutet, dass sie sich nicht für anderes engagiert. Magazine, Instagram, alle Medien können immer nur ein begrenztes Bild einer Person darstellen und niemals ihre ganze Persönlichkeit einfangen. Vor allem kenne ich auch einige Männer, die vielleicht nicht unbedingt gerne stricken, aber sich auch das Heim schön machen, indem sie sich selbst Möbel bauen etc. Und das Engagement muss sowohl von Männern und Frauen gleichermaßen kommen, ich weiß ja, dass das nicht deine eigenen Worte waren, aber dieses “Flausch-Bunker” hat mich ein wenig irritiert, so als würde man zwangsläufig alles andere ausblenden, nur weil man sich zuhause wohl fühlen möchte. Ich bezeichne mich selbst als Feministin, habe meine Thesis gerade über Slut Shaming geschrieben und habe sehr viel Herzblut in die Sache reingesteckt. Natürlich bin ich damit nicht im Fernsehen aufgetreten, aber die Thesis hat unglaublich viele Menschen interessiert und zu spannenden Diskussionen geführt und konnte womöglich den ein oder anderen dazu bringen, sein Verhalten zu überdenken. Somit denke ich, dass der Beitrag im Kleinen oft unterschätzt wird.
So, jetzt habe ich dich ganz schön zugetextet 😀
Ich wünsche dir noch einen schönen Tag! 🙂

Liebe Kassandra,

ich danke dir für deine vielen guten Gedanken zum Thema und freue mich, dass du dir die Zeit genommen hast, sie hier niederzuschreiben.
Natürlich habe ich schon irgendwie den Eindruck, etwas beizutragen und durch den kleinen Beitrag, der sich durch das Verbreiten potenzieren kann, etwas besser zu machen. Keine Frage.
Aber ich denke eben auch, dass man sich darauf nicht ausruhen sollte. Denn eigentlich ist es doch eine ganz bequeme Form des Bessermachen-Wollens, oder? Man praktiziert das weitestgehend im Häuslichen und kuschelt sich auch irgendwo in seiner Echoblase ein – das muss nicht unbedingt etwas Schlimmes sein und tut den Handlungen keinen Abbruch. Aber ich finde, es ist wichtig, das zu sehen und auch kritisch zu hinterfragen.
Deine Anmerkung zum Frauenbild finde ich richtig und wichtig – es gibt niemals nur eine Facette und nicht Jede, die strickt, ist gleichzeitig 50 Jahre in der Emanzipation “zurückgeblieben” (wenn man das überhaupt so nennen darf). Dennoch gibt es einen – wie ich finde – wieder starken Trend in diese Richtung, der auch und gerade von den sozialen Medien getragen wird. Ich verbreite meine neue Leidenschaft ja auch via Instagram – aber ich finde es wichtig, daneben zu zeigen, dass solche Dinge nicht alles sind, die mich als Person und Frau ausmachen. Sondern dass ich generell für mehr stehe und meinen Kopf einsetze – auch und gerade, wenn ich mich mit schönen Dingen und Aktivitäten umgebe.
Ich habe häufig den Eindruck, dass oft eben nur auf das Schöne, Leichte und Fluffige reduziert wird – auch, wenn es sicherlich richtig ist, dass das vielleicht eine bewusste Auswahl ist und längst nicht den ganzen Menschen dahinter zeigt (das ist bei mir ja nicht anders). Aber ich würde mir wünschen, dass doch mehr Kritisches, Selbstreflexives geteilt wird, gerne zusätzlich zur leicht verdaulichen Kost.
Das mit deiner Thesis finde ich sehr spannend – toll, dass du dieses Thema wählen konntest! Da sind sicherlich einige interessante Erkenntnisse zutage getreten. 🙂
Ich konzentriere mich auch gerne und sehenden Auges auf die Beiträge im Kleinen – sonst würde ich das gar nicht durchhalten, glaube ich. 😀

Liebe Grüße
Jenni