Sirenen der Moderne: Von Körperkult und Schönheitswahn

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15. Juni 2016

körperkult

Magersucht, Bluimie, Fasten, Diäten auf der einen und Übergewicht, Adipositas und Feiern der Rundung auf der anderen Seite: Körperkult und Schönheitswahn greifen um sich, wohin man schaut. Was wollen wir in der Moderne eigentlich vom (weiblichen) Körper?

Wenn man es genauer betrachtet, ist er schon ziemlich arm dran, der Körper der Frau in der sogenannten Moderne: Er soll schlank sein, aber bitte nicht zu schlank, sexy, mit Rundungen, aber bitte genau an der richtigen Stelle, keine Cellulite, knallglatt wie der Popo eines Babys, rosig, ohne Falten, prall, straff, braun gebrannt, ohne Pickel, Ekzeme, Rötungen, Narben – aber dafür mit ganz viel Brust und Hintern. Achja – Wespentaille wäre auch schön, so Sanduhrformat, wenn’s geht. Und ein hübsches Gesicht bitte als Sahnehäubchen obendrauf, mit wachen, strahlenden Augen, umrahmt von nicht minder strahlendem Haar. Rote Lippen nicht vergessen! Und wo waren noch gleich die langen, dichten Diva-Wimpern?

Hallo? Geht’s noch?

Genau das möchte frau dann ausrufen. Hallo? Hallo? Hallo? Und auf das Echo der verklingenden Stimme lauschen. Denn natürlich weiß sie – genau im Moment des Ausrufes – dass dieser verzweifelte, zurecht empörte Aufschrei (der es ja vor nicht allzu langer Zeit auch als #Hashtag in die sozialen Medien geschafft hat) verhallen, verklingen, nicht mehr gehört werden wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. In der Regel geht das allerdings ziemlich schnell, dieses Verhallen. Und an die Stelle der gerechten Empörung treten wieder die Bilder der perfekten Scheinfrauen, zusammengeschustert aus genetischem Glück und guten Photoshop-Kenntnissen.

Warum Sirenen gefährlich sind

Die Sirenen sind todbringende Wesen im Meere. Aber wie die Musen selbst singen sie lieblich mit ihren Stimmen. Und die Vorüberfahrenden, wenn sie ihre Stimmen hören, stürzen sich selbst ins Meer und gehen zugrunde.(1)

Wie (post-)moderne Sirenen umschwirren sie uns, die Vorstellungen von Schönheit und einem perfekten Körper. Werden uns, die wir auf unserem Schiff der eigenen Unsicherheit umherwanken, jeden Tag auf’s Neue entgegengeworfen (oder werfen wir uns ihnen entgegen?). Versuchen, uns vom Kurs abzubringen, der doch ohnehin nicht so klar definiert ist wie der des Odysseus. Und häufig besitzen wir auch nicht die Schläue des berühmten antiken Helden: Wir stecken uns nämlich in der Regel kein Wachs in die Ohren, um ihre Schreie nicht zu hören. Im Gegenteil: Wir hören ganz besonders gut hin, was sie uns erzählen – mit Bildern, Worten, Zahlen, Messungen, Tabellen, BMI-Indexen und anderen möglichen und unmöglichen Vergleichswerten. Wir sind willige Zuhörer, naiv-bereite Zuschauer, saugen den höllisch-dämonischen Sprech in uns auf, wo er dann verarbeitet wird – manchmal mit positivem, aber auch sehr oft mit negativem Ergebnis.

Dass das besagte “negative Ergebnis” keine 5- in der nächsten Mathearbeit oder ein versemmeltes Vorstellungsgespräch sein kann, ist spätestens dann klar, wenn wir uns vor Augen halten, was mit Odysseus und seiner Crew passiert wäre, hätte der Anführer nicht die Geistesgegenwart besessen, sich umgehend vor den Verlockungen in Dämonengestalt zu schützen: Sie wären – platt formuliert – alle draufgegangen. Jämmerlich im Meer ersoffen.

Und genau das passiert dann auch mit uns, mit dem Individuum: Haben wir keinen weisen Anführer in der Mitte unseres Selbst sitzen, der uns befielt oder klug berät, sirenenartige Gesänge zu ignorieren, da sie nichts als Schall und Rauch sind und uns schnurstracks ins Verderben führen, passiert eben genau das – wir fahren uns selbst gegen die Wand. Laufen ins Verderben. Manchmal sogar sehend, manchmal aber auch nicht. Und wir befinden uns (glücklicher- oder unglücklicherweise) nicht in der Märchenwelt der Mythologie, in der alles möglich ist. Wenn wir uns einmal insofern gegen die Wand gefahren haben, als dass wir unrettbar verloren sind – psychisch wie physisch – dann hilft auch kein Wunder mehr.

Körperkult und Schönheitswahn

Das Problem an der Geschichte: Sirenen lauern überall. Und ich möchte behaupten, dass ihre moderne Version noch gerissener, noch fieser ist als das antike Original: Denn diese alten Sirenen sah man wenigstens noch, man erkannte ihre Hässlichkeit (laut dem Physiologus bestehen sie zur Hälfte aus dem Köper eines Vogels – genauer: einer Gans – und zur anderen Hälfte aus dem eines Menschen). Die modernen Sirenen sind da in zweifacher Hinsicht gewiefter: Sie sind zum einen unsichtbar (wir hören nur ihre Gesänge in Bild und Ton, erkennen aber nicht die hässliche Botschaft dahinter) und zum anderen – wenn wir sie denn doch wider Erwarten einmal zu Gesicht bekommen, weil der Fährmann unseres Verstandes doch nun einmal erwacht ist – sind die modernen Sirenen alles andere als ästhetisch abstoßend, im Gegenteil: Das ist ja genau der Grund, weshalb sie uns einlullen können mit ihren Dogmen vom idealen Körper, von 90-60-90-Maßen, von Taille-hinter-A4-Papier-Passen, von Detox, Low Carb und weiß der Teufel (sprichwörtlich) noch was.

Hätte Odysseus sich gegen die modernen Sirenen wehren können?

Der schwierige Weg zu eigenen Körperlichkeit

Was ist denn nun eigentlich so verdammt schwer daran, man selbst zu sein? Eine gute Frage, oder?

Es wäre nicht nur fatal, sondern auch schlicht falsch, zu glauben, nur wir im luxusgesättigten modernen Zeitalter haben mit Problemen unserer körperlichen Erscheinung zu kämpfen. Ideale – auch und gerade in der Ästhetik des menschlichen Körpers – gibt es vermutlich bereits so lange wie es menschliche Zusammenschlüsse in Form von Gemeinschaften und die ersten Ansätze von “Kultur” gibt. (Man sehe mir hier den unscharf verwendeten Kulturbegriff nach. Das hier ist keine wissenschaftliche Arbeit.)

Bereits aus der sogenannten Steinzeit sind uns Relikte bekannt, die vermutlich gängige Schönheitsvorstellungen bezogen auf den weiblichen Körper vermitteln – wir denken nur an die Venusfiguren, mit denen höchstwahrscheinlich eine Göttin der Fruchtbarkeit verehrt und angerufen werden sollte. Von da an ist das Bild des idealen Frauenkörpers ebenfalls einer wahren Odyssee unterworfen: Er nimmt mal zu, mal wird er spindeldürr, dann wieder mollig, proper, schlank, athletisch. Wesentlich dabei: Das aktuelle Schönheitsideal scheint (nach amateurhaften Beobachtungen meinerseits) immer davon abhängig zu sein, was von der Mehrheit der Bevölkerung aktuell gerade schwer erreicht werden kann. Beispiel: Heute sind superdünne Menschen gefragt, weil es gerade angesichts der mangelnden Bewegung in Kombination mit ungesundem und viel zu viel Essen vielen Menschen schwer fällt, so ein Ideal zu erreichen. Schlanksein heißt übersetzt: diszipliniert sein. Und das ist in unserer Gesellschaft geradezu eine mentale Goldmedaille.

Körperkult und Schönheitswahn

Umgekehrt gilt dasselbe: Mollige, pralle Frauen waren immer dann “in”, wenn der Großteil der Bevölkerung nichts zu beißen hatte und daher schlank bis knöchrig war.

Wir als Menschen scheinen irgendwie wirklich immer das zu wollen, was wir gerade nicht haben können, getreu dem Motto, dass auf der anderen Seite des Zauns das Gras immer grüner sei.

Was bleibt?

Vielleicht die schlichte Erkenntnis, dass man selbst nicht ganz so allein ist mit all’ den kleinen Problemchen, die den eigenen Körper betreffen. Vielleicht die Überlegung, in Zukunft ein bisschen besser auf die Bilder zu achten, die uns durch Plakate, Werbung aller Art, in Film und Fernsehen präsentiert werden. Denn um nichts anderes handelt es sich hier: um Präsentationen. Und was macht man (jeder und jede von uns), wenn es um’s Präsentieren geht? Genau: Schokoladenseite raus, massig viel Vorbereitung, eine kleine (große) Schummelei hier und da und fertig sind wir, die modernen Sirenen, unsere Betrachter in die Verwirrung zu stürzen.

(1) Der Physiologus. Tiere und ihre Symbolik. Übertragen und erläutert von Otto Seel. Zürich, München: Artemis (5. Auflage) 1987. S. 23.

JENNI MARR
Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.
KOMMENTARE

Super Artikel! Echt gut geschrieben und der Vergleich mit den Sirenen ist sehr sehr gut herausgearbeitet! Vielen Dank dafür! 🙂 nur eine kleine Anmerkung hätte ich zu machen: zu anfang beziehst du dich außschließlich auf Frauen, obgleich das Schönheitsideal für Männer ebenso inerreichbar ist. Nur als kleiner Denkanstoß. Lg scarlet

Hallo Scarlet,

danke dir für deine lieben Worte – es freut mich sehr, dass dir der Artikel gefällt! 🙂
Ja, da hast du recht – der Artikel ist zuvorderst auf Frauen bezogen und das nicht nur zu Beginn. Natürlich trifft das Beschriebene auch immer mehr auf den Mann in der öffentlichen Wahrnehmung zu und eigentlich müsste man ihn genauso in den Artikel miteinbeziehen. Mir war beim Schreiben aber irgendwie die Frau (vielleicht – oder wahrscheinlich -, weil ich selbst eine bin) im Vordergrund und es war mit ein Anliegen, das in dieser Form, wie es hier geschehen ist, zu thematisieren. Dein Einwand ist aber absolut berechtigt. 🙂

Liebe Grüße
Jenni