Versagst du bei der veganen Ernährung?

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26. August 2015

Blume am Fenster

Ich treibe mich oft und gerne auf der Website von Matt Frazier herum (ich liebe seinen Schreibstil und selbstverständlich, dass das Thema seines überaus erfolgreichen Blogs sich um vegane Ernährung und Laufen dreht) und habe heute einen relativ neuen Post von ihm gefunden: “7 Warning Signs Your Vegan Diet Won’t Last“. Er beschäftigt sich hier mit der Frage, unter welchen Umständen man die ursprünglich euphorische Einstellung, die mit dem Schritt zur veganen Lebensweise einhergeht, im Laufe der Zeit einbüßen und was man dagegen tun kann.

Frazier macht zwei Hauptgründe für das “Scheitern” des veganen Projetes verantwortlich:

  • Radikalität der Umstellung
  • Orientierung am sozialen Umfeld

Zu Punkt 1:

Frazier vertritt auch in seinem Buch “No Meat Athlete” die Position, jedwede tiefgreifende Veränderung im Leben schrittweise und behutsam anzugehen, sodass sowohl Körper als auch Psyche Zeit haben, entsprechend neue Gewohnheiten auszubilden und die alten abzulegen. Auch im Artikel spricht er hiervon:

Instead, you need to make your new diet a habit, one that’s automatic and doesn’t take much effort. And the way to get there is with small wins, repeated daily. So rather than going vegan all the way, all at once, get there gradually instead. Take a few weeks or even a few months to progressively more and more of the foods you don’t want to eat from your diet.

Ich musste dies auf meine eigene Veranlagung, was solche Veränderungsprozesse betrifft, reflektieren und feststellen: Ich entspreche so ziemlich dem gegenteiligen Typus: Wenn ich mich erst einmal zu solch einer Entscheidung durchgerungen habe, dann habe ich mich im Vorfeld genau informiert, alle eventuellen Vor- und Nachteile abgewägt – und dann den Schritt gemacht, der absolut ist. Das heißt: Ich bin sowohl über Nacht von der Alles-Esserin zur strikten Vegetarierin geworden als auch von dort aus (wiederum über Nacht) zur strikten Veganerin. Das hat für mich nichts mit Selbstkasteiung zu tun – tatsächlich habe ich damals weder Sehnsucht nach Fleisch gehabt noch verspüre ich aktuell den Drang nach tierischen Produkten im Allgemeinen. Das Wissen um die ethischen Auswirkungen des Tierkonsums genügen mir, ohne Reue die Finger davon zu lassen. Meistens denke ich darüber nicht einmal bewusst nach.

Ich habe aber vor Kurzem ein Gespräch mit einem langjährigen und guten Freund geführt, der mir genau in das Bild, das Matt Frazier in seinem Artikel zeichnet, zu passen scheint:

Selbst in der Schule der vegetarische Vorreiter des gesamten Jahrgangs (und mein letztendlicher Motivatior, vegetarisch zu leben), stieg er vor bald 7 Jahren auf die vegane Ernährung um. Allerdings hielt er dies gerade einmal knapp zwei Monate durch. Da er zwischenzeitlich sehr blass und dünn geworden war, vermutete ich (und damit war ich nicht allein) damals, es hinge mit einer Mangelversorgung an wichtigen Nährstoffen zusammen (ja, damals war ich ebenfalls davon überzeugt, dass Veganismus mehr Schaden im menschlichen Organismus anrichtet als sonstwas; Gott sei Dank habe ich diese Ansicht revidiert). Vor einer Woche habe ich – als die Sprache auf meinen Wechsel zur pflanzlichen Ernährung kam – endlich den Mut aufgebracht, nach dem Grund für seinen damaligen Abbruch zu fragen. Überrschenderweise gab er an:

Ja, keine Ahnung. Ich glaube, ich war zu streng mit mir selbst. Ich wollte das möglichst perfekt machen und bin zu verkrampft an die Sache herangegangen. Das war dann im Laufe der Zeit ziemlich anstrengend.

Die rigorose Herangehensweise, die bei mir so gut funktioniert, hat bei ihm dazu geführt, dass er vom Veganismus (obwohl aus ethischer und ökonomischer Perspektive vollkommen davon überzeugt) bis heute abgekommen ist. Das fand ich persönlich sehr schade und habe versucht, ihn zu einem für ihn passenden, langsamen Neueinstieg zu bewegen. Immerhin sind 7 Jahre eine lange Zeit und da kann sich auf der persönlichen und motivationalen Ebene doch schon Einiges ändern. Ich hoffe, er versucht es demnächst noch einmal – er meinte sogar, er habe in letzter Zeit gerade wieder einmal mit dem Gedanken gespielt. 🙂

Zu Punkt 2:

Die Erklärung meines Freundes, warum er die pflanzliche Ernährung so bald wieder hat aufgeben müssen, war an diesem oben genannt Punkt allerdings noch nicht zu Ende:

Ich war halt außerdem der Einzige in meinem Umfeld, der das so gemacht hat, und hatte keinen, mit dem ich mich darüber austauschen konnte.

Das wäre der zentrale soziale Faktor, der den Einstieg in die vegane Ernährung zunichte machen kann. Diesen Faktor mit all seinen Auswirkungen habe ich selbst sehr deutlich zu spüren bekommen und kann das Gefühl der teilweisen Hilflosigkeit und Deprimiertheit nachvollziehen, wenn das soziale Umfeld mit Unverständnis und Misstrauen – ja sogar: mit Häme – auf die neue Lebensweise reagiert. Gerade, wenn man sich für einen solchen Schritt entscheidet, ist der Rückhalt von zumindest einigen wenigen zentralen Personen im Leben erforderlich, die die eigene Entscheidung akzeptieren und respektieren. Da Essen ein hochsoziales Erlebnis ist, spielen die Reaktionen derer, mit denen es eingenommen wird, eine enorme Rolle für die persönliche Psyche. Matt Frazier rät in diesem Fall:

Of all the tips and tricks out there for changing habits, there’s one factor that all of them depend on: belief. You have to believe two things if you want to succeed: what you’re doing is healthy, and you can make this work. And sometimes, when the rest of the world is telling you the opposite, that’s hard.

Es ist in der Tat hart, etwas Neues, weitgehend Unbekanntes und darum als (noch) exotisch Geltendes für sich durchzusetzen – aber ich denke, das der langsame, mitunter steinige Weg (auch zur sozialen Akzeptanz) sich letztendlich nicht nur für uns Einzelpersonen, sondern auch für die Tiere und die Umwelt lohnt.

JENNI MARR
Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.
KOMMENTARE

Ja man muss da auf sein Gefühl hören. Wenn genügend Bedingungen gegeben sind, beispielsweise wenn man völlig angewidert von der Herstellung tierischer Produkte ist, ihrem Geschmack deshalb nicht nachtrauert und und und, dann kann man den Sprung ins kalte Wasser wagen. Wenn man mit sich hadert aus welchen Gründen auch immer, ist der schrittweise Übergang wohl besser.

Genau – wie genau der Umstieg stattfindet, nachdem man sich dazu entschlossen hat, ist eine sehr persönliche Sache, bei der es kein Patent-Rezept gibt. Ich finde es nur überraschend und auch teilweise sehr schade, wie stark doch in Einzelfällen der soziale Druck das Streben nach pflanzlicher Ernährung und veganer Lebensweise dämpfen kann. Sodass man sich dann letzten Endes doch für den bequemeren Weg entscheidet, obwohl man das eigentlich nicht will.

Ja ich habe das auch schon erfahren, das schmerzt.