“Eine inklusive Gemeinschaft ist so viel wertvoller.” Für mehr Inklusion mit Aktion Mensch #inkluencerin

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16. November 2019

Werbung ∴ Dieser Beitrag ist in freundlicher Zusammenarbeit mit Aktion Mensch entstanden.

Was ist Inklusion?

Was bedeutet Inklusion eigentlich? Man spricht andauernd darüber – in den Medien, in den Schulen, manchmal auch im Alltag. Bezogen auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, aber auch, wenn wir uns über Menschen mit Behinderung unterhalten.

Häufig wird Inklusion dabei mit Integration verwechselt.

Diese beiden Mechanismen sind aber nicht dasselbe: Integration holt zwar bestimmte Menschengruppen, die vorher unter Umständen exkludiert waren, in den Kreis der Gesellschaft – betont aber dabei weiterhin die “Andersartigkeit” dieser Menschen und definiert sich nach wie vor über Dichotomien und Abgrenzung (“Gesunde – Behinderte”). Es wird nach wie vor von einem Idealtypus ausgegangen, Abweichungen von ihm gelten als “nicht-normal”.

Inklusion hingegen hebt genau diese Definition von “Normal” auf und stellt den Begriff als solchen infrage: Menschen sind so unterschiedlich, wie können wir uns da überhaupt auf ein “Normal” einigen – ohne, dass zwangsläufig eine ganze Reihe Individuen nicht dazugehört? Mit allen Diskriminierungserfahrungen, die mit so einer Differenzierung in der Regel einhergehen.



Inklusion bedeutet, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört. Egal wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast. Jeder kann mitmachen. Zum Beispiel: Kinder mit und ohne Behinderung lernen zusammen in der Schule. Wenn jeder Mensch überall dabei sein kann, am Arbeitsplatz, beim Wohnen oder in der Freizeit: Das ist Inklusion. (Aktion Mensch)

Inklusion ist ein Menschenrecht. Noch so eine Sache, die nicht unbedingt sehr bekannt und gerade deshalb so wichtig ist: Die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 verpflichtet alle unterzeichnenden Länder (zu denen seit 2009 auch Deutschland gehört), die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben sicherzustellen.

Weltweit leben 1 Milliarde Menschen mit einer Behinderung, 80% davon in Ländern des globalen Südens. In Deutschland leben rund 13% der Bevölkerung mit einer Behinderung, das sind rund 10,2 Millionen Menschen.


Regelmäßig wird geprüft, inwiefern die Teilnehmer-Länder der Konvention die Regelungen, die dort getroffen wurden, in die Praxis umsetzen. Die letzte Prüfung für Deutschland hat Anfang diesen Jahres stattgefunden – und offenbart: Es gibt Fortschritte, aber lange noch nicht genügend. 

Probleme gibt es vor allem in der Privatwirtschaft, die wenig barrierefreie Angebote bereithält – von fehlenden Treppen oder Tür-Rampen bis hin zum nicht-inklusiven Internetauftritt. Aber auch im Bildungssystem, das einen wesentlichen Grundstein unserer Gesellschaft darstellt, hakt es.

Interview mit einer Freundin

Genau diese Schaltstellen spricht meine Freundin Anna (Name geändert) an, als ich mich mit ihr für diesen Text zu einem Interview treffe.

Anna ist 28 und hat seit der Geburt eine Spastik. Ihr Erwachsenwerden war begleitet von Krankenhausaufenthalten, Operationen, zahlreichen Therapien und auch heute wird ihr Lebensrhythmus wesentlich durch Termine vor allem bei der Physiotherapie strukturiert. Wir kennen uns seit sieben Jahren und haben uns schon oft über Gesundsein und Behinderung unterhalten – und auch darüber, was es für sie bedeutet, mit einer sichtbaren körperlichen Behinderung zu leben. 

Weil ich es schwierig bis hoch problematisch finde, bei solchen Themen von Menschen statt mit ihnen zu sprechen (vor allem aus der Perspektive einer  able-bodied Person) lag auf der Hand, dass ich das, was wir untereinander so oft besprechen, auch auf eine größere Bühne bringen musste.

Herausgekommen sind eine anderthalbstündige Tonaufnahme, tiefere Erkenntnisse über strukturelle Diskriminierung und eine intensive Nähe, die wir beide zwar häufig in unseren Gesprächen spüren, aber doch seltener, wenn es um solche komplexen Metathemen geht. Ich traue mich, mehr zu fragen – und gegen Ende merken wir: Das ist so unglaublich befreiend, so richtig offen über Behinderung und Nichtbehinderung und Diskriminierung und Inklusion zu sprechen.



Anmerkung: Im Laufe des Gespräches versichere ich mich immer wieder, ob ich die richtigen Begrifflichkeiten verwende – denn da bin ich sehr sensibel: Sprache formt unsere Realität und damit beginnt so ziemlich alles. Alles Gute in unserer Gesellschaft, aber auch alle Probleme, die wir haben. Die Gleichberechtigung und die Abwertung, die Spirale nach oben oder nach unten. Vor allem nach der Recherche bei Aktion Mensch versuche ich, möglichst inklusiv zu formulieren und spreche ich von “Menschen mit Behinderung” oder “behinderte Menschen” anstatt von “Behinderten” oder “benachteiligten Menschen”. Und von “Menschen mit Behinderung” und “Menschen ohne Behinderung”, von “mit einer Behinderung leben” anstatt “an einer Behinderung leiden”.

Wir sitzen also in einem gemütlichen Café in Münster und plaudern drauflos.

Das Gespräch ist nicht als klassisches Interview konzipiert – ich möchte meine Freundin nicht ausfragen und habe kein konkretes Ziel, sondern möchte sie das Gespräch führen lassen und in erster Linie zuhören. Was beschäftigt sie? Wo sieht sie Probleme, was hat sie auf dem Herzen, wenn es um Inklusion und Behinderung geht?

Spontan wegfahren? So einfach ist das nicht

Wir sehen auf der Seite von Aktion Mensch ein Quiz. In der ersten Frage geht es darum, wie mit welchen Hindernissen eine Zugreise für Menschen mit Behinderung verbunden ist.

Anna: Ein Problem sehe ich darin, dass mir häufig gespiegelt wird: Wieso? Du kannst doch wegfahren und hierhin und dorthin reisen, das ist doch überhaupt kein Thema. Aber es ist nicht so einfach, wie man sich das vorstellt. Schon alleine das Einsteigen in einen Zug, dann das Hantieren mit den ganzen Koffern. Natürlich gibt es die Bahnhofsmission, die einem hilft, aber das reicht eben nicht immer.

Und schon allein, bis du ein behindertengerechtes Hotel gefunden hast! Nicht jedes Hotel hat zum Beispiel eine behindertengerechte Dusche, das bedeutet: ebenerdig, ohne Einstieg. Da gibt es viel zu wenige von. Deswegen muss ich meistens sehr, sehr früh buchen, damit ich überhaupt ein Zimmer bekomme – was nichtbehinderte Menschen vielleicht gar nicht verstehen können. Das ist für sie ja auch kein Problem, sie können ja zur Not auch in einer Badewanne duschen. Eine Woche ungeduscht rumzulaufen, ist für mich aber auch keine Option.

Das fällt mir häufig auf – dass viele Menschen denken: Ist doch alles gar kein Problem.



Oder vor Geschäften: Manchmal sehe ich in Berlin Hinweise an den Geschäften, dass eine ausziehbare Rampe vorhanden sei, man müsse nur Bescheid sagen.

Aber warum muss ich als behinderter Mensch Bescheid sagen? Man will nicht jedes Mal fragen. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass die Zugänge auch für Behinderte jederzeit offen sind und man nicht von anderen Menschen abhängig ist. Ich glaube, kein Mensch ist gerne in dieser Art abhängig von anderen. In so einem Sinne permanent auf Hilfe angewiesen zu sein, ist kein schönes Gefühl.

Dazu gehört auch, dass man mal daran denkt, an Eingänge mit Treppen auch Geländer anzubringen, an denen man sich festhalten kann.

Hast du das Gefühl, du “provozierst” mit deiner Anwesenheit eine Art „Sonderbehandlung“, die ja auch extrem unangenehm sein kann? So nach dem Motto: Allein mit deiner Existenz brauchst du immer eine Extrawurst, nach der du andere Menschen fragen musst?

Anna: Genau das ist das Problem. Das habe ich in der Vergangenheit sehr häufig erlebt. Du wirst immer in eine bestimmte Position gerückt und bekommst eine Sonderstellung zugewiesen. Gesellschaftlich sollte es aber so sein, dass man nicht in eine Außenposition gedrängt wird und dass zum Beispiel auch nichtbehinderten Menschen vermittelt wird: Das ist keine Extrawurst, die da jemand bekommt, sondern Gerechtigkeit aufgrund anderer Voraussetzungen durch eine Behinderung. Das ist der Kern des Ganzen, würde ich sagen: Inklusion.

Es gibt sehr wenig Kontakt von behinderten und nichtbehinderten Menschen im gesellschaftlichen Leben.

Ich habe im Laufe meines Studiums die Erfahrung gemacht, dass es sehr wenige Wohnheime gibt, die behinderte und nichtbehinderte Studierende zusammenbringen. Ich hatte das Glück, in so einem seltenen Wohnheim zu wohnen, in dem das der Fall war – und das war ein ganz anderes Gefühl, wenn man den Eindruck hat: Du wirst behandelt wie jeder andere und es geht um die Gemeinschaft, in der niemand bevormundet wird, sondern sensibel auf die Bedürfnisse der anderen eingegangen wird.



Auch im Sportbereich gibt es viel zu wenig Vereine, die inklusiv arbeiten. Kürzlich wollte ich zum Beispiel Badminton spielen. Da wurde mir dann gesagt: Ein inklusives Angebot haben wir nur für Kinder und Jugendliche, für Erwachsene müssen wir noch was ausarbeiten. Warum muss ich dann auf irgendetwas anderes zurückgreifen, wenn ich doch aber gerne Badminton spielen möchte? Warum werde ich mit dem Verweis „Sie können doch auch noch was anderes machen“, aus dem Badminton-Bereich ausgeschlossen? Da geht es ums Prinzip, dass eben das inklusive Angebot nicht da ist.

Das kann natürlich nicht von heute auf morgen geschehen, aber manchmal habe ich das Gefühl, es passiert überhaupt nichts.

Vor allem: Es gibt ja nicht erst seit gestern Menschen mit Behinderung auf dieser Welt. Man hätte ja schon längst alle möglichen Infrastrukturen schaffen können.

Anna: Eben!

Hast du den Eindruck, dass der Mensch häufig hinter der Behinderung verschwindet? Also, die Ziele, Wünsche, Träume, der Charakter und die Persönlichkeit?

Anna: Das Gefühl habe ich nicht immer, weil ich ja in einem Umfeld aufgewachsen bin, in dem da sehr sensibel mit umgegangen wurde. Aber ich habe schon zeitweise deutlich den Eindruck, dass ich bei bestimmten Themen nur auf das körperliche Merkmal reduziert werde. Was ich sehr traurig finde – weil hinter dem Merkmal ja eine ganze Persönlichkeit steckt. Und jemand, der viele Fähigkeiten hat, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht sieht.

Wenn man es mal so betrachtet, hat jeder Mensch irgendeine Behinderung. Die ist vielleicht nicht so augenfällig oder einschränkend. Wenn jemand gesunde Beine hat, aber nicht gut zeichnen kann, wird das nicht unbedingt auffallen oder ihn im Alltag behindern. Auch Diskriminierungserfahrungen wird dieser Mensch vermutlich nicht machen.

Dass man andauernd für Selbstverständlichkeiten kämpfen muss, ist auf Dauer echt anstrengend.

Dass die Leute die Sensibilisierung nicht haben, verurteile ich nicht unbedingt – aber ich finde, dass das dringend vorangetrieben werden muss.



Das muss ich dir auch ganz ehrlich sagen: Ich finde es ziemlich krass, mit was für Sachen du dich manchmal herumschlagen musst – bei denen ich persönlich auch nie auf die Idee gekommen wäre, dass es da Probleme geben könnte. Weil man selbstverständlich von sich und seiner Position ausgeht – und man gar nicht auf den Gedanken kommt, dass das Vorhandensein eines Geländers ein Thema sein kann, wenn man selbst nicht darauf angewiesen ist. Das gilt ja zum Beispiel auch bezogen auf ältere Menschen: Weil ich nicht alt bin und keine Gehhilfe brauche, merke ich gar nicht, wo es im Alltag zu Herausforderungen kommen kann. Mittlerweile ist mein Blick – vor allem auch durch den intensiven Austausch mit dir – deutlich schärfer und ich sehe jetzt beispielsweise, wo überall ein Geländer fehlt.

Und diese vielen kleinen Dinge, die zunächst erstmal ganz unscheinbar sind, sind am Ende eine strukturelle Form von Diskriminierung, wenn sie zusammengenommen werden.

Anna: Richtig. In meinem studentischen Institut wurde mir dann auch gesagt: Wieso, wenn wir Seminare haben, dann kannst du ja einfach Bescheid sagen und wir helfen dir die Treppe rauf. Aber darum geht es ja gar nicht.

Es geht nicht darum, dass ich nicht selbstbewusst genug bin, um nach Hilfe zu fragen. Es geht darum, dass ich das dann nicht alleine machen kann. Und es doof ist, immer auf Hilfe angewiesen zu sein. Viele Dinge sind einfach nicht durchdacht.

Für Rollstuhlfahrer brauchen wir zum Beispiel auch viel mehr größere Türen. Man sollte nicht immer von der Normgröße eines Menschen ausgehen.

Was ich mich auch seit längerer Zeit frage: Wenn man jetzt draußen unterwegs ist – es gibt fast keine Cafés mit Toiletten, in die ein Rollstuhl hineinpasst. Was machen die Menschen denn dann?

Anna: Eine Bekannte von mir sitzt im Rollstuhl. Und sie kann nur in Cafés gehen, in denen die Toiletten ebenerdig sind. Ansonsten muss sie anhalten und frühzeitig gehen. Einmal musste sie auch aus dem Theater getragen werden, weil sie auf Toilette musste. Sie hat dann das Stück nicht mehr zu Ende gesehen, weil sie keine Lust hatte, zu fragen, ob man sie später im Rollstuhl wieder die Treppen hochtragen könnte. Das muss man sich mal vorstellen. Sie kann nicht einfach so aufstehen und auf Toilette gehen, weil die Türen zu klein sind. Das ist Diskriminierung.

Was mich an dem Thema auch so ärgert, ist die ständige Relativierung: Ist doch nicht so schlimm. Natürlich ist das schlimm!



Begrifflichkeiten: Wie sprechen wir?

Ich stolpere oft über die Begriffe: Du sprichst häufig von „Handicap“ und ich persönlich finde, „Behinderte“ zu sagen, fühlt sich falsch an. „Behinderte Menschen“ ist besser, weil ich glaube, das Wort „Behinderte“ ist ziemlich negativ konnotiert. Meinst du, man kann es umdeuten, wenn man es auf eine respektvolle und empathische Weise benutzt oder denkst du, dass „Handicap“ ein besserer Ausdruck ist? Warum benutzt du „Handicap“ und was ist der Unterschied zu „Behinderung“ und „behindert sein“?

Anna: Ich muss ehrlich sagen: Ich bin gerade dabei, mich umzugewöhnen und wieder „behindert“ zu sagen. Ich möchte das Wort ein Stück weit von der negativen Konnotation befreien, wenn ich sage: „Ich bin behindert.“ Das finde ich ganz wichtig. Die Differenz zwischen „Handicap“ und „Behinderung“ könnte ich semantisch jetzt nicht ausmachen – ich denke, da liegt es einfach nur an der negativen Konnotation, die „Handicap“ eher nicht hat. Und wenn man sichergehen möchte, dass das Gegenüber jetzt auch wirklich nichts falsch versteht – weil „behindert“ ja auch schnell mal mit „geistig zurückgeblieben“ assoziiert wird – benutzt man eben dieses Wort.

Ich versuche aber, „Behinderung“ bewusst zu verwenden, um zu zeigen: Das ist nichts Schlimmes, wie gesellschaftlich immer vermutet wird. „Handicap“ kann man natürlich auch sagen, aber damit umgeht man diese Auseinandersetzung und stellt sie nicht bewusst in den Raum.

Was du gerade gesagt hast, finde ich sehr interessant: Wenn man „behindert“ sagt, ruft man damit eine ganze Assoziationskette auf, wobei die Behinderung selbst ja alles Mögliche sein kann – ein amputiertes Bein oder eine Sehschwäche zum Beispiel. Ich finde es bemerkenswert, dass viele Menschen mit dem Wort sofort ein Extrem assoziieren. Und dann eben auch schnell zu dem Vorurteil gelangen: Dann kann die Person ja auch „nicht ganz richtig im Kopf“ sein.

Anna: Das ist auch vor allem umgangssprachlich und im Slang unter Jugendlichen ein Thema. „Bist du behindert, Alter!“, ist da ja ziemlich normal. Ich habe auch einen Bekannten, der „behindert“ auch bewusst als Beleidigung verwendet. Das finde ich sehr respektlos. Wenn man selbst „anders“ ist – wobei man auch den Begriff jetzt wieder diskutieren kann – und das mitbekommt, ist das schon sehr verletzend und diskriminierend. Ich wurde auch schon häufig gefragt – obwohl ich immer extra betone, dass ich körperlich behindert bin –, ob ich auch kognitiv im Studium mitkäme. Das fühlt sich dann schon sehr nach Grenzüberschreitung an und ich frage mich dann: Hat der andere mir nicht zugehört? Ich sage ja extra: Ich bin behindert und setze ausdrücklich auch das „Körperlich“ davor, damit mir eben nicht andauernd solche Fragen gestellt werden. Da muss sich auch in der Gesellschaft und im Sprachgebrauch ganz viel ändern.



Von Blicken und Wut

Ich musste auch gerade an etwas denken, auf das wir immer wieder in unseren Gesprächen zurückkommen: Wenn wir beide irgendwo langgehen, stört es mich extrem, wie die Leute starren. Deine Behinderung sieht man deutlich und in der Öffentlichkeit fangen die Leute sofort an, zu gaffen. Und dann gehen sie weiter, drehen im Laufen den Kopf und gaffen weiter. Das macht mich immer so wütend, wohingegen du dann meinst, du bist da voll abgehärtet. Stumpft man irgendwann ab? 

Anna: Ich muss sagen: Ich nehme das nicht unbedingt wahr. Manchmal denke ich, die Leute gucken mich an, aber wenn ich genauer hinsehe, merke ich, dass sie gar nicht starren, sondern verträumt in der Gegend herumlaufen. Dann denke ich, die Leute sind so mit sich selbst beschäftigt, dass man oft glaubt, sie gucken einen an, obwohl sie das gar nicht tun. Nicht immer, muss ich dazusagen, aber manchmal. Das war früher auch immer mein Problem: dass ich gedacht habe, die Leute gucken. Irgendwann habe ich aber angefangen, das für mich anders zu werten.

Wenn ich aber merke, Leute gucken mich lange an, schaue ich selbstbewusst zurück und gucke ihnen bewusst in die Augen. Dann sehen sie aber auch ganz schnell weg, weil sie merken, wie unangenehm das ist. Damit spiegele ich ihnen dann: Guck mal, ich starre dich jetzt auch mal so lange an. Wie fühlt sich das an?

Die Separation beginnt früh

Anna: Dazu möchte ich noch sagen: Als kleines Kind habe ich mich nie als behindert wahrgenommen. Ich dachte immer, ich laufe wie alle anderen. Ich wusste zwar, dass irgendwas mit mir anders ist, aber als Kind verdrängt man das auch gerne. Ich kann mich noch ganz stark an den Tag erinnern, als ein Mitschüler mich gemalt hatte und meinte: Guck mal, ich habe ein Bild von dir gemalt, du läufst ja immer so mit dem Fuß…Und da habe ich dann gesagt: Nein, das bin ich nicht, mach‘ das weg. Da greift dann die Idealisierung: Man wünscht es sich anders und will die Behinderung – vor allem, wenn man sehr klein ist – gar nicht wahrhaben.

Und wo wir gerade beim Thema Diskriminierung sind, möchte ich auch nochmal hervorheben: Auch kleine Kinder können ziemlich gemein sein.

Da wurde mir dann zum Beispiel immer gesagt: Du bist behindert, du gehörst auf die Behindertentoilette. Obwohl ich die ganz normale Mädchentoilette benutzen konnte. Da habe ich mich dann auch durchgesetzt und gesagt: Nein, das will ich nicht, ich benutze die normale Toilette. Du hast mir hier gar nichts zu sagen.

Da fängt Diskriminierung schon an. Und ich finde es sehr wichtig, dass Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben, wie man mit behinderten Menschen umgeht – dass man eben nicht in den Kategorien „behindert“ und „nicht behindert“ denkt.


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Das müsste dann natürlich auch gesellschaftlich gefördert werden: Es wäre zum Beispiel genial, wenn alle Toiletten für behinderte Menschen nutzbar wären – auch für Menschen mit Rollstuhl. Dann kämen behinderte Menschen gar nicht erst in diesen Sonderstatus, sondern alle würden dieselben Toiletten benutzen – es würde überhaupt nicht zur Diskussion stehen. Warum gibt es eigentlich diese Separation, auch für Rollstuhlfahrer? Dieses „ihr seid hier und wir sind da“? Das ist etwas, was ich nicht verstehe. Da ist einfach nicht weitergedacht worden.

Mit was für Gefühlen ist das Nachdenken über solche Themen für dich verbunden? Bist du sauer, weil sich so wenig getan hat bisher und noch  wenig tut oder bist du frustriert oder traurig? Oder blickst du positiv in die Zukunft?

Anna: Gemischt. Ich werde in der Regel schnell wütend über die aktuellen Zustände, weil ich mir denke:

Es kann einfach nicht sein, dass die Inklusion in unserer Zeit noch in den Kinderschuhen steckt.

Was mich auch stört daran ist, dass viele Menschen die Rechte von Menschen mit Behinderungen vertreten, die selber keine Behinderung haben und die Perspektiven eigentlich überhaupt nicht einnehmen und verstehen können, weil sie gar nicht mit den Schwierigkeiten konfrontiert sind.

Da müssten viel mehr Menschen an der Front sitzen, die mit Behinderungen leben. Sie können viel besser beurteilen, was an Veränderungen nötig ist.

Wichtig ist auch, dass möglichst viele Perspektiven mit in den Diskurs reingenommen werden. Mir war zum Beispiel lange nicht bewusst, welche Schwierigkeiten kleinwüchsige Menschen im Alltag haben.

[Anmerkung: Das heißt natürlich nicht, dass Menschen mit Behinderungen sich alleine um Inklusion kümmern müssen – das ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, die alle Menschen angeht.]



Jeder Mensch ist anders und: man darf auch darüber lachen

Weil Behinderung nicht gleich Behinderung ist.

Anna: Genau. Ein wichtiger Punkt ist für mich die Unsicherheit, die viele Menschen im Umgang mit Behinderungen zeigen. Wenn ich mit meiner Behinderung humorvoll umgehe und darüber lache, dann kann mein Gegenüber mitlachen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Weil das eine Art ist, damit umzugehen: mit Humor. Das lockert die Stimmung auf.

Also nicht so verhalten reagieren, als wäre eine Behinderung gleichzusetzen mit einem Todesurteil.

Anna: Richtig. Da kann man dann ruhig mitlachen. Ich habe häufig das Gefühl, die Leute sind da noch viel zu verklemmt.

Was meinst du: Woher kommt das?

Anna: Ich glaube, das ist die Angst, jemanden zu verletzten oder was Falsches zu sagen. Vielleicht denken die Leute: Die muss ja schon so viel Leid im Leben erlebt haben – wenn ich jetzt noch darüber lache, setzt es dem Ganzen noch die Krone auf.

Letzten Endes hat aber jeder sein Päckchen zu tragen und nur, weil ich eine Behinderung habe, bin ich deswegen nicht automatisch ein humorloser Mensch.

Diese Grundannahme ist ja auch schon wieder diskriminierend: davon auszugehen, dass dein Leben ganz furchtbar sein muss, weil du mit einer Behinderung lebst.

Anna: Ich hatte auch schon öfter die Situation, dass Leute auf mich zukamen, fast angefangen haben, zu weinen und mir gesagt haben, wie sehr sie mich bemitleiden. Ich habe dann einfach nur gelächelt, weil ich dachte: Es ist ein wunderschöner Tag, ich kann laufen, auch weitere Strecken, und mir geht es gut. Alle haben irgendwelche Beschwerden und da bin ich nicht zu bemitleiden. Wenn die Leute so reagieren, irritiert mich das sehr. Da hat sich ein falsches Bild im Kopf verankert.

Das ist ja auch eine Form von Übergriffigkeit.

Anna: Genau. Wobei ich den Leuten da keine bewusste Grenzüberschreitung oder Übergriffigkeit unterstellen würde. Da passiert viel unbewusst.



Fehlender Kontakt in Kindergarten und Schule

Hängt das auch wieder damit zusammen, dass der Kontakt zu behinderten Menschen nicht gegeben ist?

Anna: Auf jeden Fall! Das fängt ja schon in der Schule und im Kindergarten an. Ich war damals das erste Inklusionskind und da mussten die Kinder um mich herum lernen: Wie gehe ich mit ihr um, was kann ich mit ihr machen und was muss ich beachten? Dass Kinder das möglichst früh lernen, ist ganz wichtig.

Wenn viel mehr behinderte Kinder in den Kindergärten inkludiert wären, dann wäre die Angst irgendwann kein Problem mehr. Weil die Menschen dann wüssten, wie man damit umgeht.

Auch die Sache mit dem Anders-Behandeln ist so ein Fall: Man muss mich nicht anders behandeln, nur weil ich anders gehe.

So etwas muss man Kindern auch vermitteln – aber eben auch, wo die individuellen Grenzen behinderter Menschen liegen. Ich kann vielleicht nicht so gut klettern, aber Kinder sind kreativ – man findet andere Wege, um miteinander zu spielen.

Die Gemeinschaft, die aus Inklusion erwachsen kann, ist viel wertvoller als eine, in der behinderte Menschen immer separiert werden.

Es gibt noch viel zu viele Menschen mit Behinderung, die in einem System von Separation groß werden oder in Behindertenwerkstätten arbeiten, obwohl ich durchaus Leute gesehen habe, die locker am gesellschaftlichen Leben außerhalb hätten teilnehmen und eine Schule besuchen können.

Behindertenwerkstätten –  ein kontroverses Thema

Was hältst du generell von Behindertenwerkstätten?

Anna: Ich finde die Frage schwierig zu beantworten. Ich kann mir vorstellen, dass es durchaus Menschen gibt, für die diese Option geeignet ist und für die es gut ist, dass es solche Werkstätten gibt. Behindertenwerkstätten sind nicht unbedingt schlecht. Aber sie sollten nicht als erste Lösung genutzt werden: Man sollte nicht jeden dorthin verfrachten, sobald klar wird, dass er oder sie eine Behinderung hat.

Man muss sich differenziert damit auseinandersetzen: Gehört diese Person jetzt wirklich dahin oder kann man sie nicht irgendwie in die Gesellschaft inkludieren? Ist es so schlimm, wenn dieses Kind trotzdem in der “normalen” Klasse sitzt und zwar nicht so gut mitkommt, aber trotzdem integriert ist in einen Kreis von Gleichaltrigen?

In Berlin gibt es zum Beispiel das Theater Ramba Zamba mit Menschen, die Trisomie 21 haben. Ich finde das eine ganz schöne Idee – aber letztendlich sind sie auch wieder nur unter sich. Ich würde gerne mal erleben, dass Theaterschauspieler mit diesen Menschen einen Probeprozess an einem konventionellen Theater durchlaufen – der auf ihre Bedürfnisse angepasst ist. Sonst haben wir wieder die Separation, von der wir andauernd sprechen.

Hinweis: Hier gibt es einen kritischen Artikel zum Thema Behindertenwerkstätten – gerade, was die Beliebtheit in der Start-Up-Szene angeht.



Fehlende Inklusion ist auch eine mentale Belastung

Beschäftigt dich das Thema Behinderung und Gesundsein stark in deinem Leben? Würdest du sagen, dass du es immer in deinem Kopf mit herumträgst?

Anna: Ja, sicherlich. Man sieht ja, was andere können und mit welcher Selbstverständlichkeit sie das machen. Sei es, dass sie auf einem Bein stehen, kunstvolle Drehungen machen oder ein schönes Bild zeichnen oder eine schöne Unterschrift leisten. Das beschäftigt mich schon und damit setze ich mich immer wieder auseinander. Ich weiß zwar, dass man es nicht ändern kann und es ist wie es ist. Und es ist einerseits gut so – sonst wäre ich vielleicht nicht so sensibilisiert –, aber es beschäftigt mich schon, weil ich immer wieder mit Dingen konfrontiert werde, die andere können und die ich nicht kann.

Da staut sich manchmal auch schon Frustration an, weil ich mich manchmal von der Gesellschaft ausgeschlossen fühle. Ich fühle mich nicht als inkludierter Teil dieser Gesellschaft.

Ich möchte das jetzt auch nicht rabenschwarz malen – wir sind schon vorangekommen und es geht immer ein Stückchen weiter. Aber es gibt immer noch genug, das besser werden könnte.

Wie kann es besser werden – was muss passieren, damit du sagst: Ich fühle mich inkludiert?

Das fängt schon damit an, dass ich in den Sportverein gehen kann, in den ich möchte und nicht vorher überlegen muss, welcher jetzt einen Platz für mich haben könnte und gesondert auswählen muss. Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, die sich nicht von heute auf morgen umsetzen lässt.

Oder wenn ich mit jemandem tanzen möchte: Da muss sich mein Tanzpartner natürlich auch damit auseinandersetzen, dass ich bestimmte Bewegungen nicht so ausführen kann, wie der Tanzlehrer oder die Tanzlehrerin das vielleicht haben möchte.

Das ist auch ein Grundproblem in unserer Gesellschaft: dass vieles sofort gewertet wird. Es geht darum, der Beste zu sein, um Perfektion und Gewinn – aber: Was ist schon perfekt im Leben?

Jeder hat einen anderen Bewegungsablauf und da würde ich schon gerne die Erfahrung machen: Hey, ich nehme dich so, wie du bist. Ich tanze mit dir dann halt anders.

Aber da ist dann auch wieder die Schwierigkeit, dass man das nicht von jedem erwarten kann. Wenn du mit etwas konfrontiert bist, womit du vielleicht in deinem ganzen Leben vorher noch nicht konfrontiert wurdest, stellt sich natürlich für dich die Frage: Wie gehe ich damit denn jetzt um, wie soll ich das machen, ich weiß doch gar nicht Bescheid. Das ist mir schon klar.

Ich möchte auch nochmal betonen: Es sollte schon die Möglichkeit geben, dass es nach wie vor Angebote nur für nichtbehinderte Menschen gibt – aber eben, ohne diese krasse Separation zu betreiben.



Spielt eine Runde mit den Leuten ohne Behinderung, dann kommt ein gemischtes Team und dann wechselt man wieder… Aber dass man trotzdem immer das Gefühl vermittelt bekommt: Ich bin dabei. Dass jeder willkommen ist.

Und dass die Menschen auch generell sensibilisiert sind und ein wenig nachdenken, bevor sie mich zum Beispiel fragen, ob ich mit zum Eislaufen komme. Darüber nachdenken: Ist das der Person möglich – vor allem, wenn man äußerlich schon sieht, dass Dinge schwierig sein könnten. Oder auch mal warten, wenn man sieht, dass andere Menschen nicht so schnell mitkommen. Diese Geduld zu haben: Okay, sie läuft jetzt nicht so schnell und kann das vielleicht auch vom Bewegungsapparat her nicht.

Also kann das, was man eigentlich als Kompliment meint – „Ich sehe deine Behinderung ja gar nicht (mehr)“ – auch wieder Diskriminierung sein? Wenn man das so weit verkehrt, dass man davon ausgeht: Du kannst das alles genauso, wie ich das kann.

Anna: Das geht dann ins andere Extrem – und das ist auch nicht gut. Ich weiß, dass das schwer sein kann für Außenstehende, aber da gilt es, den goldenen Mittelweg zu finden. Einerseits wahrzunehmen, aber andererseits auch nicht überdeutlich hervorzuheben.

Wie sollen Menschen auf dich zugehen?

Anna: Eigentlich wünsche ich mir nur Offenheit und ein bisschen Sensibilisierung. Vor allem auch: ganz viel fragen. Da habe ich kein Problem mit. Fragen, ganz viel fragen.

Also auch: keine Angst haben?

Anna: Keine Angst haben, fragen: Soll ich dir jetzt helfen? Dann erkläre ich das und ich sage, wenn ich Hilfe brauche.

Mittlerweile stelle ich das auch ganz am Anfang, wenn ich neue Menschen kennenlerne, klar: In dieser und jeder Situation brauche ich Hilfe – aber ich sage dir schon Bescheid. Wenn immer noch Unsicherheiten sind, dann unbedingt nachfragen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn man mich nach dem Ursprung meiner Behinderung fragt. Das werte ich dann eher als Interesse denn als Sensationsgeilheit. Sich einfach mehr trauen.

Es mag Menschen geben, die das vielleicht nicht so sehen, aber ich möchte da sehr offen mit umgehen und sagen: Ich kann das nicht so gut, weil…Und da gebe ich gerne Auskunft.

Musstest du diese Art von Umgang mit den Menschen und den Gegebenheiten auch für dich erst lernen? Weil: Das ist ja mega reflektiert.

Anna: Natürlich musste ich das lernen. Vor zehn Jahren wäre ich da bestimmt noch anders mit umgegangen. Da wollte ich nicht explizit darüber sprechen.

Aber seitdem ich in diesem inklusiven Studierendenwohnheim gewohnt habe, hat mich das wesentlich bestärkt. Weil die Leute dort offen mit dem Thema umgegangen sind auch auch die behinderten Menschen offen von ihrer Behinderung erzählt haben, die manchmal auch nicht von Geburt an da war. Das hat mir viel Stärkung mitgegeben und auch ein gewisses Solidaritätsgefühl.

Wieso nicht? Man kann darüber sprechen und man kann offen durch die Welt gehen. Man muss das nicht immer alles so eng sehen.



Wir haben gerade darüber gesprochen, dass Inklusion ganz früh anfangen muss, damit die Menschen als Individuen sensibilisiert werden. Was kann man da im System noch verändern, damit Inklusion funktioniert? Was würde wirklich viel bringen, aus deiner Perspektive?

Anna: Ich würde mir wünschen, dass viele Arbeitsbereiche für Menschen mit Behinderung offen wären. Man muss natürlich realistisch einschätzen, was man als Individuum kann. Aber wenn mir schon im Vorfeld gesagt wird: Ja, Sie können ja gerne hier arbeiten – aber bei der Maske und bei der Schneiderin und bei diesem und jenem Bereich sind Sie wohl nicht gut aufgehoben. Aha, da werde ich auch schon wieder eingeschränkt.

Oder dass die Arbeitgeber dazu gedrängt werden, ihre Betriebe behindertengerecht auszubauen – damit zum Beispiel auch Rollstuhlfahrer dort arbeiten können. Und nicht, dass dann Absagen geschrieben werden, in denen drinsteht: Ja, wir würden Sie gerne nehmen – aber unser Betrieb ist nicht behindertengerecht und ohne Fahrstuhl.

Da wird dann auch wieder das Schema Behinderung ist gleich Behinderung angewandt und nicht darauf geschaut: Was kann eigentlich der Mensch ganz individuell?

Anna: Das würde sehr viel helfen: dass der Mensch das Gefühl bekommt, er wird als Mensch mit all seinen Fähigkeiten wertgeschätzt. Dann ist er in die Gesellschaft integriert.

Es wäre generell sehr hilfreich, wenn die Leute nicht so sehr in Schubladen denken würden.

Dass die Menschen begreifen: Okay, der Typ sitzt zwar im Rollstuhl – aber ansonsten ist er genauso normal wie ich. Da muss man den Blick weiten und sich nicht auf die Behinderung fokussieren. Die Menschen nicht in Stereotype einteilen.



Im Moment haben wir ja noch die Situation, dass von einem „Normal“-Typus ausgegangen wird – und alles, was davon abweicht, ist irgendwie defizitär. Das hängt mit der Leistungsgesellschaft zusammen, die wir gerade schon angesprochen haben: Alle Menschen, die nicht auf diese und jene Art arbeiten können, denen fehlt was oder sie sind “nicht richtig”.

Anna: Da braucht es einen Perspektivwechsel: Auch behinderte Menschen können irgendwas, was du nicht kannst.

Hast du die Nachricht mit der Frühdiagnostik und dem Bluttest mitbekommen? Wie stehst du dazu, hast du dazu eine Meinung?

Anna: Als ich das in den Nachrichten gesehen habe, war das für mich eine sehr emotionale Sache. Ich finde das ethisch schwierig verhandelbar und eine Anmaßung, zu sagen: Ich will jetzt wissen, ob mein Kind gesund ist oder nicht – damit ich dann die Option habe, mich zu entscheiden. Die Anmaßung liegt für mich darin zu sagen: Das hier ist für mich gesund – und das hier ist für mich defizitär.

Ich finde es schwierig, dem ungeborenen Leben das Recht zu verwehren – nur, weil es als „nicht normal“ gilt. Ein Mensch mit Trisomie 21 ist ja nicht wertloser als andere oder wertvoller.

Warum wird man als Frau da in die Konfrontation gedrängt?

Vorher schon auszusortieren – das hier sind die Guten und das hier sind die weniger Guten –, finde ich schwierig.

Das hat niemand so direkt gesagt, aber ich kann mir schon Eltern vorstellen, die dann sagen: Ne, will ich nicht, das traue ich mir nicht zu. Was ich nachvollziehen kann: dass man da Ängste und Sorgen hat. Das muss natürlich jeder selbst wissen und ich möchte auf keinen Fall sagen, dass ich das per se falsch finde. Aber ich finde es schwierig zu sagen: Ich sortiere das jetzt einfach mal aus, weil das für mich kein akkurates Leben ist.

Wer hat denn überhaupt das Recht zu sagen, was Leben ist und was nicht? Und warum muss man das überhaupt definieren?

Ich sehe natürlich auch die Sichtweise derjenigen, die die Kinder gebären und Unsicherheiten haben.

Ich habe dennoch Bedenken, dass man immer mehr dazu übergeht, diese Menschen auszusortieren und zu sagen: Wir wollen nur eine bestimmte Art von Mensch haben. Das Risiko besteht auf jeden Fall.

Ich kann da auch kein glasklares und unanfechtbares Statement setzen und die Sache ist viel zu komplex und auch gar nicht lösbar. Wenn man als Elternteil die Gewissheit haben möchte, ist das verständlich. Aber man sollte sich schon kritisch damit auseinandersetzen: Warum will ich das eigentlich wissen – und was sind dann die Konsequenzen daraus? Vielen wird ja auch mit Vorurteilen so viel Angst gemacht.

Sobald jemand etwas anders ist, wird sofort ein Problem darin gesehen. Und ich frage mich oft: Wo ist denn das Problem? Menschen sind nun einmal unterschiedlich.



Das Problem, meint du also, liegt nicht bei den Individuen, die anders sind, sondern in der Gesellschaft, die diesen Menschen den „Anders“-Stempel aufdrückt.

Anna: Jeder Mensch ist anders. Damit sollte man sich mehr beschäftigen.

Ich habe vor Kurzem ein Zitat von Raul Krauthausen gelesen: „Frage dich, wie viele Menschen mit Behinderung du in deiner Kindheit zu deinen Freund_innen zähltest, wie viele du kanntest. Und wie das heute ist.“ Und häufig stellt man ja fest, dass da keiner ist. Das heißt: Ich habe häufig keine Berührungspunkte.

Wenn ich jetzt als erwachsener Mensch in dem aktuellen System, in dem ich ja nicht von Kleinauf gelernt habe, mit behinderten Menschen umzugehen, meine Vorurteile abbauen und eben diesen Umgang lernen will – wie mache ich das? Wie fange ich an?

Anna: Ich glaube, dass vieles verloren geht, wenn die gesellschaftliche Inklusion nicht schon von Kindesbeinen an beginnt. Man kann sich Berührungspunkte aktiv schaffen – die Werkstätten, die Vereine besuchen. Aber letzten Endes müssten diese Punkte schon von vornherein da sein. Als Kind ist man noch unbefangen und fragt einfach und geht auf die Leute zu. Wenn wir das erreicht haben, wir der Umgang auch selbstverständlich und man internalisiert den Umgang mit behinderten Menschen.

Wenn man diese Prägung nicht erfahren hat, kann man viel erreichen, wenn man sich aktiv in die Situation von behinderten Menschen begibt und zum Beispiel sagt: Ich setz’ mich jetzt mal in einen Rollstuhl und gucke mal, wie das so ist. Man wird schnell feststellen, dass man als nichtbehinderter Mensch aus der Perspektive einen Nachteil hat: Er wird den Rollstuhl niemals so bedienen können wie ein behinderter Mensch.

Natürlich kann man diese Berührungspunkte nicht erzwingen, aber sie sind wichtig.


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Wir haben jetzt festgestellt: Eigentlich könnten wir mit der Inklusion schon weiter sein und gerade geht es nicht so wirklich vorwärts. Hast du den Eindruck, die Sache mit der Inklusion entwickelt sich trotzdem in eine positive Richtung?

Anna: Für mich eher nicht, wenn ich ganz ehrlich bin. Aber das ist nur meine Wahrnehmung. Ich würde nicht sagen, dass es sich in die positive Richtung entwickelt und habe eher das Gefühl, das steckt noch alles in den Kinderschuhen.

Da kommt dann häufig aktuell auch noch dazu, dass gesagt wird: Aber die Angebote werden halt nicht oft genug nachgefragt und deswegen haben wir sie nicht. Aber als behinderter Mensch hast du auch eben irgendwann keine Lust mehr, andauernd nachzufragen und hörst damit dann irgendwann auf, weil du weißt: Für dich gibt es sowieso keine Angebote.

Da müssten vielleicht auch viel mehr behinderte Menschen die Stimmen erheben und ihr Recht einfordern und sagen: Ich will da jetzt aber mitmachen, findet eine Lösung! Auch von dieser Seite muss mehr Druck kommen. Generell würde ich sagen: Wir stehen noch am Anfang. Da muss noch viel passieren.

Damit Menschen sich gesehen fühlen.

Anna: Ich persönlich fühle mich gesehen. Aber ich kann mir vorstellen, dass es viele gibt, bei denen das nicht so ist. Ich lasse mich nicht unsichtbar machen, das ist eine persönliche Sache. Andere Menschen ziehen sich dann eher zurück und werden dann auch nicht gesehen.

Ich glaube, das ist eine wichtige Unterscheidung: Du lässt dich nicht unsichtbar machen, du nimmst dir den Raum und das, was dir genau wie allen anderen zusteht.

Anna: Dazu muss ich sagen, dass man natürlich die elterliche Unterstützung dafür braucht. Meine Eltern haben dafür gekämpft, damit ich in eine Grundschule und in einen Kindergarten gehen konnte. Wenn da aber kein Kampfesgeist ist, ist das schwierig. Deswegen bin ich auch kein Fan von Relativierung.

Manchmal muss man ganz laut und deutlich sagen: Das wollen wir jetzt. Und wenn das nicht funktioniert, dann gibt es die und die Konsequenzen.

So haben das meine Eltern gehandhabt, und deswegen stehe ich jetzt, wo ich bin. Und habe unter anderem das Privileg, zu studieren. Zwar bin ich noch nicht ganz in die Gesellschaft inkludiert, aber man kann zumindest sagen, dass ich nicht in einer separierten Schule für behinderte Menschen bin.



Das ist auch eine Sache von Ressourcen: Man muss Ahnung von der Justiz haben – was ist möglich, womit kann man im Fall des Falles drohen. Wenn man vielleicht Eltern hat, die nicht so viele Ressourcen haben oder nicht genau wissen, wo sie diese Informationen herkriegen, ist das natürlich auch wieder eine soziale Frage. Und eigentlich ein Skandal: dass man so viel Energie und so viel Kraft dafür aufwenden muss, dass einem Menschen die Teilhabe an der Gesellschaft möglich gemacht wird.

Anna: Ich kann nur den Appell senden: Es ist wichtig, viel über das Thema zu reden. Meine Mama hat immer viel mit den Menschen darüber geredet. Egal, ob die Leute das hören wollten oder nicht. Dadurch ist sie auch an viele Kontakte und Anlaufstellen gekommen, die uns dann weitergeholfen haben.

Also: Drüber reden, die Behinderung publik machen, in die Öffentlichkeit gehen.

Das kann auch ein gutes Druckmittel sein, um das zu erreichen, was man möchte. Eigentlich dürfte es nicht mehr so sein – dass die Eltern so sehr für das Recht des Kindes kämpfen müssen. Das Kind müsste automatisch, ohne Schwierigkeiten, in eine Schule geschickt werden. Und nicht direkt in separate Schule für behinderte Menschen.

Das ist natürlich schwierig und man muss da mit Vorsicht rangehen. Manche Kinder brauchen einen besonderen Raum, um sich zu entfalten. Da ist es dann sinnvoll, Abgrenzungen zu finden. Auch da würde ich aber nicht von Separation ausgehen – sondern auch diese Kinder in den Alltag der anderen inkludieren. Das muss ja nicht nur auf der Lernebene sein. Es ist wichtig, der kompletten Separation entgegenzuwirken.

Die wichtigste Frage sollte immer sein: Tut es meinem Kind gut, so zu leben? Kann es sich in diesem Umfeld entfalten?

Je nachdem, wo dieses Umfeld ist, kann es ja auch sinnvoll sein, das Kind in einer gesonderten Einrichtung unterzubringen, wenn es sich dort gut entfalten kann. Das wäre in meinen Augen aber keine Separation, sondern das geschieht dann zum Wohle der Person.

Aber da muss man ganz genau hinschauen: Was für ein Kind haben wir, was sind seine Bedürfnisse und wie entwickelt es sich?



Wir haben darüber gesprochen, dass man den direkten Kontakt braucht, um die Angst und die Vorurteile zu überwinden – was auch absolut einleuchtet. Das hängt ganz wesentlich mit Sehgewohnheiten zusammen: Die Dinge sind für mich normal, die ich andauernd sehe und auf die ich durch meine Augen trainiert werde. Was für eine Rolle, würdest du sagen, haben beispielsweise soziale Medien, um Inklusion voranzutreiben?

Anna: Eine große, wenn sie sich mit dem Thema aktiv auseinandersetzen. Zu den betreffenden Leuten hingehen, Interviews führen, die Menschen zu Wort kommen lassen.

Chris Tall zum Beispiel hat zum Beispiel ein Video auf YouTube hochgeladen, in dem er sich in die Rolle eines Rollstuhlfahrers begibt und den Leuten zeigt, wie schwierig es ist, damit durch den Tag zu kommen. Ich finde die Kampagne sehr gut – auch die Frage: Darf der das? Natürlich darf er das. Es sei denn, der übertritt die Grenzen von Personen, aber das ist wieder eine individuelle Sache.

Ich finde, durch solche Aktionen kann man bewirken, dass die Menschen einen ganz anderen Blick auf Behinderung bekommen. Gerade im Mainstream finde ich es ganz, ganz wichtig, dass einer möglichst großen Masse von Menschen auch diese Perspektiven gezeigt werden.

Diesem Thema und Menschen eine Bühne geben.

Anna: Genau – zu sagen: Ich gebe dir meinen Raum und wir zeigen den Menschen, wie beispielsweise dein Alltag aussieht. Das ist ganz wichtig und das kann man sehr einfach machen.

Das ist wahrscheinlich die zentralste Möglichkeit: sich Gesprächspartner suchen, Fragen stellen und behinderte Menschen auf die Bühne holen.

Es gibt ja auch Menschen mit Behinderungen, die das selber machen und Interviews geben oder soziale Kanäle führen. Gerade über die sozialen Medien kann das Schubladendenken aufgebrochen werden, weil man so viele Menschen in kurzer Zeit erreicht. Natürlich kann man Artikel schreiben, Vereine gründen, die sich aktiv damit auseinandersetzen – aber ich glaube, das Beste ist immer noch, die zwischenmenschliche Interaktion zu suchen und zu zeigen.

Deswegen finde ich diese Kampagne der Aktion Mensch so gut und ich danke dir sehr, dass du da mitmachst.

Und ich danke dir, dass du deine Erfahrungen und Gedanken in diesem Rahmen öffentlich machen möchtest. Ich glaube, das ist ein schönes Schlusswort.


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Inklusion von der Theorie in die Praxis

Nach unserem Interview sitzen wir beide ein wenig erschöpft vor unseren ausgetrunkenen Tassen (ihre mit heißer Schokolade, die verführerisch duftet, meine mit Latte Macchiatto mit Hafermilch) und schauen ein wenig verlegen Löcher in die Luft. Wir haben uns leergeredet, ein bisschen jedenfalls.

Fünf Minuten, nachdem die Aufnahme-App abgeschaltet ist, fangen wir wieder an: von inklusiven Toiletten, Frustration bei der Partnersuche (ein Thema, das wir bewusst ausgeklammert haben, weil es so emotional und komplex ist) und falscher Rücksichtnahme, die am Ende dann doch mehr kaputt macht als alles andere. Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Kurz, bevor wir zahlen, gehe ich nochmal kurz aufs Klo, danach macht Anna sich auf den Weg.

Ich habe mich gerade drei Sekunden meinem Smartphone-Bildschirm gewidmet, als sie meinen Namen ruft: Sie ist nur bis zur Treppe gekommen. Es gibt kein Geländer. Dafür aber ein Plateau, nach dem direkt die nächsten Stufen folgen, wieder ohne Geländer. Dahinter erst ist die Tür zum Klo.

Wir schauen uns an und müssen lachen. Ich halte ihr meinen Arm hin, damit sie die Stufen nehmen kann und warte, bis wir den Weg zurück antreten können.

Auf dem Rückweg – wir nehmen gerade die letzten beiden Stufen – kommt uns der Mann hinter dem Tresen entgegen und sagt genau das, was er nicht sagen sollte: “Ach, hättet ihr doch was gesagt! Da hätten wir euch helfen können!”

Ich muss nicht extra erwähnen, dass Anna ein bisschen explodierte, oder?


Du möchtest ein Zeichen für Inklusion setzen und ebenfalls #inkluencer(in) werden?

Die Aktion Mensch fordert mit ihrer Aktion #incluencer jede*n dazu auf, mehr Inklusion in unserer Gesellschaft zu fordern: Lade ein Porträt-Foto zusammen mit deiner Definition von Inklusion auf der Website von Aktion Mensch hoch.

Damit trägst du dazu bei, dass Barrieren in den Köpfen abgebaut werden – denn: Aus Fotos der Aktion wird eine Collage für Inklusion erstellt, die am 3.12., dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderung deutschlandweit plakatiert wird. 

Außerdem nimmst du automatisch an der Verlosung von 750 #incluencer-Shirts teil – das ist das T-Shirt, das ich auf der Bilderstrecke in diesem Artikel trage. Entworfen hat das Design der Künstler Marian Mewes, den einige vielleicht vom Blog notjustdown, einer starken Stimme für Inklusion von Menschen mit Behinderungen, kennen (falls ihr noch nicht folgt, unbedingt ändern!). Das Shirt besteht aus 100% recycelten Materialien (Bio-Baumwoll-Verschnitten und recycelten PET-Flaschen) und die Fabrik, in der es produziert wird, trägt das Siegel der Fair-Wear-Foundation.


Mehr nützliche Links zum Thema Inklusion:

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

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