Ja, sagen die einen: Kinder sind Hoffnung und Zukunft. Auf keinen Fall, argumentieren die anderen. Es ist doch sowieso alles verloren.

Ich bin schwanger.

Normalerweise würde ich nicht einfach so mit der Tür ins Haus fallen. Für die folgenden Gedanken ist diese Information allerdings wichtig – denn als werdende Mutter ändert sich meine Perspektive auf sehr viele Bereiche des Lebens und ich denke auf einmal über Dinge nach, die mir vorher gar nicht beachtenswert erschienen. Wie viel Geld so ein Kind kostet, zum Beispiel. Wie ich eigentlich erziehen möchte. Wie mein Verhältnis zu den Frauen in meiner Familie ist. Wie ich ein Kind, ein vollkommen von mir und anderen Menschen abhängiges Wesen, in diese Welt führen möchte.

(Ich werde noch einmal genauer auf die Schwangerschaft und alles drum herum eingehen und Bilder und Updates wird es auch geben, aber jetzt geht es erstmal um etwas anderes.)

Im Vorfeld habe ich mich lange mit der K-Frage auseinandergesetzt, denn ein Versehen war diese Schwangerschaft nicht. Will ich Kind(er)? Um diese Frage bin ich Jahre herumgetigert. Denn so harmlos, wie unbedarfte Nachfragen der aufdringlichen Verwandtschaft suggerieren, ist sie nicht: Sie stellt die Fragen nach der psychischen Kapazität, den körperlichen Voraussetzungen, den finanziellen Möglichkeiten, der (so gewünscht) sicheren Beziehung, der Idee von Zukunft. Meiner eigenen: Ich werde Dinge opfern müssen, bin ich bereit dafür? Und die Frage nach der Zukunft die der Gesellschaft und der Welt.

Kann ich Kinder in eine Welt setzen, die unaufhaltsam auf die Klimakatastrophe zurast und in der so wenig wie möglich getan wird, das Vorhergesagte abzuwenden?

Diese Frage hat zwei ethische Dimensionen. Zum einen: Kann ich das einem Kind antun? Wird es mich irgendwann als Teenager mit Tränen in den Augen fragen, warum ich es überhaupt geboren habe – weil das hier sowieso keine menschenwürdige Zukunft bereithält? Zum anderen: Kann ich der Welt ein zusätzliches, ressourcenhungriges Kind antun?

Der Konsum von Familien ist – verglichen mit kinderlosen Paaren – um ein Vielfaches höher und wir leben in einem der Länder der Welt, die am meisten Ressourcen verbrauchen. Und auch, wenn ich mir das jetzt fest vornehme: Ich werde nicht alles fair und nachhaltig kaufen können – was ja auch nicht klimaneutral, aber immerhin ein bisschen besser ist. Denn irgendwas wird das Kind ja trotz allem brauchen.

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Contra: der Ressourcenhunger

Wenn es darum geht, den individuellen Ausstoß von Treibhausgasen im alltäglichen Leben zu minimieren, werden auch aus wissenschaftlicher Perspektive oft dieselben Vorschläge genannt: weniger fliegen, weniger Tierprodukte konsumieren, weniger Autofahren, engerie-effizienter und auf reduzierter Fläche wohnen. Was oft nicht gesagt wird (auch, weil es so ein heikles Thema ist): weniger Kinder. Und zwar nicht in den Gebieten, die am meisten von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind und sein werden (MAPA = Most Affected People and Areas), sondern gerade im reichen Norden, auf dessen Konto sowohl historisch als auch gegenwärtig das Gros der klimaschädlichen Treibhauswirkungen geht.

Nun können wir sagen: Ja, aber die Geburtenrate in Deutschland ist doch schon wahnsinnig niedrig! Stimmt: Menschen mit Uterus in Deutschland gebären durchschnittlich 1,49 Kinder und liegen damit im weltweiten Vergleich ziemlich weit hinten. Wir haben den demografischen Wandel, der derzeit vor allem durch Migration ein wenig abgefedert werden kann. (Der Punkt, an dem eine Gesellschaft mittelfristig stabil bleibt, wird durchschnittlich durch 2 Geburten pro Mensch mit Uterus erreicht.) Also haben wir eigentlich zu viele alte und zu wenige junge Menschen – wo ist das Problem, wenn ein paar junge nachkommen?

Das Problem ist, dass Deutschland eines der Länder mit einem sehr hohen Ausstoß an Treibhausgasen und einer sehr zögerlichen Klimapolitik ist (das Klimaschutzgesetzt wurde kürzlich vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt, woraufhin das Klimagesetz angepasst werden musste). Menschenfeindlich argumentiert: Jede Person weniger entlastet das Klima. Und weil wir nicht den Personen, die schon leben, nach ihrem Leben trachten, fangen wir damit an, möglichst wenige nachzuproduzieren.

Diese Argumentation hat aber einen Haken (abgesehen davon, dass sie menschenfeindlich ist): Sie verlagert die Verantwortung für eine lebenswerte Zukunft wieder in die Hände von Individuen, genauer: in die von Menschen mit Uterus. Die sowieso schon andauernd für alles, was mit Verantwortung zu tun hat, herhalten müssen. Reißt euch halt zusammen!, so die Botschaft, die daraus abgeleitet werden kann.

Das ist ein bequemer Weg und lenkt von dem eigentlichen Problem ab: Natürlich emittieren Menschen in Deutschland global betrachtet viele CO2-Äquivalente. Natürlich müssen wir die verringern. Aber: In Relation zu den Emissionen der Kohle-, Öl- und Gas-Industrie sehen die Individuen blass aus. Die Weniger-Kinder-bekommen-Argumentation erinnert in einer Gesellschaft, in der sowieso wenig Kinder geboren werden, stark an die Aufforderungen, seinen individuellen CO2-Abdruck zu verbessern, die der Ölgigant BP regelmäßig zusammen mit seinem eigens entwickelten CO2-Rechner postet: ein Ablenkungsmanöver.

Dazu kommt zum einen, dass auch eine Geburtenreduktion nicht der Quick Fix für unsere Umwelt- und Klimaprobleme zu sein scheint: Bis 2100 wären wir einigen Studien zufolge trotzdem noch 5-10 Milliarden Menschen, die alle ein gutes Leben haben möchten und verdienen. Und allein die 83 Millionen in Deutschland schaffen es mit ihrem Konsum bereits, 3 (fiktive) Erden anstatt einer zu verbrauchen.

Zum anderen wird das kometenhafte, unkontrollierte Wachstum der Weltbevölkerung, das gerne als Hauptproblem im Kampf gegen die Klimakrise heranzitiert wird, wahrscheinlich sowieso irgendwann aufhören: Gleich einem umgedrehten U werden wir nach einigen Berechnungen einen Peak erreichen, ab dem die Bevölkerung von allein wieder schrumpfen wird. Denn die Geburtenrate ist von vielen, sich bedingenden Faktoren abhängig. Der Peak People wird nach Schätzungen des Zukunftsinstituts wahrscheinlich um 2060 bis 2070 erreicht sein. Mehr als 9,3 Milliarden Menschen werden, so das Institut, wahrscheinlich nie zeitgleich auf der Erde leben. Diese könnte das aushalten – wenn wir unsere Art zu leben ändern.

Sinnvoller, als sich einzig auf die Quantität der Menschen auf diesem Planeten zu konzentrieren, wäre es aus meiner Perspektive, die Qualität ihrer Lebensstandards in den Blick zu nehmen – und dort für wirklich zukunftsgreifende Veränderungen anzusetzen.

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Contra: die Zukunft ist düster

Jedes Mal, wenn ich auf meinen Kanälen das Gefühl der Klima-Angst bespreche (also der Angst vor der Klimakrise und ihren Auswirkungen), antworten mir vor allem weiblich gelesene Personen: „Ich weiß nicht, ob es richtig war, ein Kind in diese Welt zu setzen.“ „Die Klimakrise beeinflusst meine Entscheidung, Kinder zu bekommen, stark.“ „Wahrscheinlich werde ich weniger oder keine Kinder bekommen.“ „Ich will Kinder haben, aber ich habe Angst, sie in so eine Welt zu setzen.“ Es ist ein Stakkato an Nachrichten, die alle in dieselbe Richtung gehen – und das, obwohl ich nicht explizit nach Kindern, sondern nur nach dem Gefühl der Klima-Angst frage. Gerade für Menschen mit Uterus scheinen diese beiden Aspekte untrennbar miteinander verbunden – ich kenne das aus meinen eigenen Überlegungen.

Wenn die eine negative Schlagzeile die nächste jagt und der Untergang der menschlichen Zivilisation vorprogrammiert scheint – wäre es nicht das Barmherzigste, unseren Kindern das zu ersparen und die Lebenslinie mit uns auslaufen zu lassen? Rekordhitze, Extremwetter, Verteilungskämpfe, Pandemien und neue Krankheiten, Lebensmittelunsicherheit…Wenn wir uns die Welt von morgen oder übermorgen vorstellen, wird klar, dass wir persönlich nicht in ihr leben wollen. Warum anderen Menschen diese Welt antun?

Ich glaube, darauf gibt es keine abschließende Antwort. Wenn Menschen keine Kinder bekommen und das mit der düsteren Zukunft begründen, fällt mit Blick auf die aktuellen (kaum vorhandenen) Anstrengungen, die Klimakrise in einem halbwegs zu bewältigenden Korridor zu halten, der Widerspruch schwer. Andererseits: Noch können wir es schaffen – Menschen sind erfinderisch, können sich gut anpassen und haben bisher überlebt, weil sie außergewöhnlich effektiv zusammenarbeiten können. Wird das reichen? Ich weiß es nicht. Aber es ist den Versuch wert. Ist das eine magere Begründung, die eigenen Gene weiterzugeben? Vielleicht.

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Ist Zukunft Frauensache?

Interessanterweise scheinen auch bei der Kinder-und-Klima-Frage vor allem die Menschen, die körperlich in der Lage sind, ein Kind auszutragen, einen Großteil der mentalen Arbeit zu übernehmen: Es gibt die Birth Strikers, die angesichts der Klimakrise beschlossen haben, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen. Die meisten ihrer (öffentlich präsenten) Figuren sind Frauen. Die meisten Berichte, die ich lese, die meisten Kommentare, die ich zu dem Thema sehe, die meisten Gespräche, die ich privat zu dem Thema führe: von Frauen und mit Frauen.

Ich frage mich, warum das so ist. Sehen wir die Männer auf der Bühne der Zukunftsverantwortung nicht, weil es gewissermaßen patriarchale Tradition hat, sich nicht zu kümmern? Machen sie sich genauso viele Gedanken, tragen sie aber nicht nach draußen, weil das verpönt sein könnte? Liegt es daran, dass das Nachhaltigkeits-Thema eng verbunden mit Care ist und deshalb automatisch an Frauen ausgelagert wird? Und andere Geschlechtsidentitäten nicht einmal mitgedacht werden? Das Kümmern um den Planeten, das Kümmern um die Zukunft, das Kümmern um Kinder, das Erschaffen und Erhalten von Leben – Frauensache? Bin ich biased in meiner Wahrnehmung? Ich wünsche mir jedenfalls mehr Männer und vor allem cis hetero Männer, die dieses Thema und ihre Unsicherheiten damit offen besprechen.

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Pro: Irgendwer muss die Zukunft gestalten

Wir führen diese Gespräche zuhause oft – denn Klima ist nicht nur mein Arbeitsthema, sondern bestimmt seit Jahren unser Leben und hat Auswirkungen auf viele unserer Entscheidungen. Wir diskutieren, dass die ersten Kipppunkte erreicht sind, dass die Polkappen viel schneller schmelzen als gedacht, dass wir nicht wissen, wie schlimm es wird – nur, dass es schlimm werden wird.

Ich frage: „Und in diese Welt willst du Kinder setzen? Sollten wir das tun?“ Er zögert keine Sekunde: „Auf jeden Fall! Irgendwer muss Zukunft gestalten! Kinder sind Hoffnung.“ Mein Glas ist naturgemäß eher halb leer als halb voll, aber ich verstehe, was er meint: Menschen haben immer Kinder bekommen, auch wenn die Zukunft unsicher war und die Gegenwart der reinste Horror. Aber haben sie das freiwillig?, frage ich mich. Oder liegt es eher an nicht verfügbaren Verhütungsmitteln und dem gesellschaftlichen Dogma zur Fortpflanzung? Und ist das nicht auch ziemlich egoistisch? Aber andererseits: Wann ist es nicht egoistisch, ein Kind zu bekommen? Kein Kind wird vorher gefragt, ob es geboren werden möchte.

Und am Ende ist die Wahrheit auch die: Wenn wir die Zukunft so gut wie möglich gestalten wollen, reicht es nicht aus, wenn wir Lebenden jetzt ein paar Hebel drehen. Es braucht junge Menschen mit frischen Ideen, die das Werk (so wir denn irgendwann mal beginnen) forttragen, verbessern und neue Bilder von der guten Welt von morgen entwerfen. Es ist eine Illusion, dass wir alles in den nächsten paar Jahrzehnten als fertiges Päckchen geschnürt haben werden und uns dann nie wieder ums Klima kümmern müssen.

Auch das ist ein Stück weit egoistisch: Wir haben es verkackt, also bauen wir uns die Retter*innen von morgen und lasten ihnen das Gewicht unseres Vermächtnisses auf. Andererseits: Jede Generation trägt die Lasten der vorherigen und muss schauen, wie sie damit umgeht. So gewaltig wie die Klimakrise war bisher – global gesehen – noch keine. Doch in jeder Krise steckt auch eine Chance – und größer für radikale Veränderung zum Guten und Besseren war sie vermutlich ebenfalls nie. Wenn wir an die Zukunft glauben, bedeutet das auch, dass Menschen da sein müssen, um sie Wirklichkeit werden zu lassen.

Den Apfelbaum pflanzen

Kürzlich habe ich hier das Buch von Roman Krznaric vorgestellt, in dem es um langfristiges Denken geht und um eine Weltanschauung, die nicht nur das eigene Leben, sondern die Verwobenheit in eine lange Kette von Vorfahr*innen und Nachkommen in den Mittelpunkt stellt. Indigene Kulturen kennen diese Perspektive schon lange – bisweilen wird sie 7th Generation Principle genannt: Das eigene Handeln sollte die Auswirkungen auf die 7 Generationen vor und nach uns berücksichtigen. Das ist eine lange Zeit (ungefähr 180 Jahre) und weit sowohl von unserem eigenen stressigen Alltag sowie von den Entscheidungen unserer Politiker*innen entfernt.

Obwohl ich seit einiger Zeit versuche, mir dieses Denken zu eigen zu machen und auch mein eigener Lebensweg von dem Gedanken geprägt war „die nach mir sollen es irgendwann besser haben“, fühlt sich die Eingliederung jetzt, da ich ein Zappeln und Daumenlutschen im Ultraschall gesehen habe und meine Mutter sich auf ihre Oma-Rolle vorbereitet, näher an. Realer. Ich begreife: Es kann weitergehen, mit mir und nach mir. In meinem Körper baut sich ein Stück Zukunft zusammen.

Eine Auswirkung dieses Gedankens ist ein Verhalten, dass viele zu gut kennen werden: Ich habe mir ein Schwangerschaftstagebuch angeschafft, in dem ich Gedanken und Bilder sammle. Ich habe bereits die ersten Fotobücher im Warenkorb, denn die Erinnerungen müssen festgehalten werden, am besten haptisch verfügbar auch für die nächsten Jahrzehnte. Ich denke in Geschichten und ich denke über mein Leben hinaus – viel stärker als vorher. Kürzlich schrieb ich in das Tagebuch: „Ein Kind zu bekommen ist das ultimative Hoffnungseingeständnis.“ Ich weiß nicht, ob ich immer an diesem Satz festhalten kann, weil ich Absolutheit fragwürdig finde, aber in diesem Moment habe ich ihn sehr gefühlt. Vielleicht ist es zu naiv, aber ich weigere mich, keine Hoffnung zu haben. Was bliebe dann?

Ich frage Milena Glimbovski, Unternehmerin und selbst Mutter in der Klimakrise, wie sie über dieses Thema denkt. „Menschen haben schon immer Kinder bekommen – auch vor Tausenden von Jahren, als sie nicht wussten, wie das Jahr endet“, sagt sie. „Kommt eine Dürre, eine Hungersnot, ein Krieg? Wir müssen uns bewusst machen: Wir wissen nie, was kommt. Ich mag diesen Spruch sehr gerne: ‚Selbst, wenn morgen die Welt untergeht, pflanze ich heute einen Apfelbaum.‘ Für manche Menschen sind Kinder das Schönste auf der Welt. Und ob Klimakrise, Biodiversitätskrise oder ob es in 30 Jahren auf diesem Planeten nicht mehr aushaltbar sein wird: Wir können unsere Kinder dahingehend erziehen, dass sie dabei helfen, diese bessere Welt zu gestalten.“ Ihr Fazit: „Es ist okay, Kinder zu bekommen, für alle, die es wollen.“

Jetzt trage ich also ein Kind unter dem Herzen und ich will nichts sehnlicher, als ihm die Welt zu zeigen und ihm beizubringen, wie kostbar sie ist und dass wir alles, wirklich alles tun müssen, um das Schlimmste zu verhindern. Und dass dieses Kind ein Teil der Lösung sein kann – auch dann, wenn es mich schon lange nicht mehr geben wird.


Transparenz: In einer früheren Version des Artikels ist das Zitat von Milena etwas länger. Ich habe es um einen Halbsatz gekürzt, weil dieser ohne Kontext problematische Narrative bedient, was mir vorher nicht aufgefallen war. Ich danke für den Hinweis. 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

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