Klimaschutz: je länger wir warten, desto teurer wird es

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21. Juli 2021

Klimaschutz wurde bisher vor allem mit dem Preis-Argument abgebügelt: zu aufwendig, zu teuer, wer soll das bezahlen? Spätestens die Flutkatastrophe sollte auch den Letzten klar gemacht haben: Nichtstun wird deutlich mehr kosten.

Das Nachrichtenschauen ist in diesen Tagen von einem besonders bedrückenden Gefühl begleitet. Die Totenziffer steigt immer weiter (und landet derzeit bei rund 170), die verwüsteten Ortschaften nur ein paar Kilometer entfernt sind genauso schwer zu ertragen wie die sich unseriös gebärdeden Politiker der Union. Laschet lacht und Söder springt schnell auf das Klimaschutz-Pferd auf, das in den letzten Jahren verlässlich an ihm vorbeigaloppiert ist.

CDU/CSU hat nämlich in der Vergangenheit so gar nicht dafür gesorgt, dass Deutschland in 10 oder 20 Jahren (oder schon heute) weiterhin so lebenswert bleibt – mit intakter Natur, einem milden und relativ verlässlichem Klima. Wahrscheinlich können wir sogar so weit gehen zu sagen, dass genau dieses Zögern bereits Todesopfer gefordert hat, die zu vermeiden gewesen wären. Nicht nur während der jüngsten Flutkatastrophe, sondern auch bei den Hitzewellen der vergangenen Jahre und extremen Sturmereignissen. Wenn, ja wenn in den vergangenen 16 Jahren wirklich Ernst gemacht worden wäre mit Klimaschutz und dem Schutz vor Klimafolgen. Wurde es aber nicht. Mit ausdauerndem Ernst wurden hingegen Lobbykontakte in die Wirtschaft gepflegt, Gesetze nach den Wünschen der Automobilindustrie verfasst, die magische Wirtschaft als Leitstern der Bundesrepublik hochgehalten und vehement verteidigt.

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Nun ist es so, dass uns das ganze Geld auf einem toten Planeten relativ wenig nützen wird, wie die Klimabewegung richtig anmerkt – wir sterben dann irgendwann genauso wie alle anderen, wahrscheinlich ein bisschen später (und können währenddessen unser Vermögen zählen). Einige brechen deswegen gleich direkt in den Weltraum auf. Warum sich noch mit diesem an die Wand fahrenden Heimatplaneten auseinandersetzen? Auf zu neuen Ufern! Also: Für die 0,5%, die sich das leisten können. Für den Rest wird es weiter unten ziemlich teuer.

Das Fenster steht offen

Das Sterben ist keine Sache der Zukunft, es hat bereits begonnen. Und zwar nicht nur in den Ländern, „von denen wir sowas ja kennen“, wie in den letzten Tagen in einem rassistischen Take landauf, landab zu hören war. Sondern direkt vor unserer Haustür. Bezeichnend, dass erst das uns nachhaltig schockiert. (Psychologische Ausreden sollten wir uns an dieser Stelle verkneifen.) Das Sterben von Menschen geht einher mit dem Sterben von Natur und Mitlebewesen, weil beides – Natur und Menschen – eben nicht so sauber trennbar sind, wie uns das in der europäischen Denktradition verkauft wurde.

Aber ja, auch Tote werden einige Menschen nicht von dem Weg abbringen wollen, möglichst wenig für das Klima und möglichst viel für die Wirtschaft zu tun. Kollateralschäden, mögen einige unken, auch wenn das für die Mehrheit nicht nachvollziehbar ist. Doch als genau solchen werden Opfer von Extremwetter-Ereignissen bereits seit Jahren behandelt: Kurz ist die Nation schockiert, dann passiert ein bisschen was an Prävention hier und da – aber im Grunde sind alle (und besonders jene in verantwortlichen Positionen) froh, wieder zum Alltagsgeschäft übergehen zu können. Alles beim Alten. Bis das nächste Ereignis kommt und uns ordentlich durchrüttelt.

Eine Flutkatastrophe selten dagewesenen Ausmaßes zum Beispiel. Sie kann gleichzeitig zur ungebrochenen Solidarität aus der Zivilbevölkerung dafür sorgen, dass nach monatelanger Flaute wieder ein Thema die Gesellschaft dominiert: Klima. Genauer: die Auswirkungen der Klimakrise in Deutschland und die notwendigen Klimafolgenanpassungen. Denn dass wir die Klimakrise nicht mehr vollständig stoppen können (selbst wenn wir wollten), ist mittlerweile Konsens. Jetzt müssen wir uns überlegen, was unsere Antworten darauf sind. Abgesehen von möglichst effektivem Klimaschutz, den plötzlich alle Parteien für sich entdeckt zu haben scheinen.  

Das Fenster steht offen – und zeitgleich zu Trauer, Betroffenheit und Unterstützung müssen wir hindurchspringen und die nervigen Fragen nach Klima, Prävention und Zukunft stellen. In ein paar Wochen wird wieder alles verdrängt und vergessen sein. Jedenfalls von denen, die weit weg sicher und sauber residieren.

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Abwarten ist teuer

Klar geworden ist: Versäumnisse beim Klimaschutz und den Klimafolgenanpassungen sind nicht nur tödlich, sondern auch ziemlich teuer. Auf mindestens 2 Milliarden Euro beziffern erste Schätzungen die Kosten, die Bund und Länder nach der Flutkatastrophe allein für die zerstörte Infrastruktur stemmen müssen. Verglichen mit dem, was da in Zukunft noch auf uns zukommt, sind das Peanuts.

Es ist zwar schwierig, Vorhersagen in dem Bereich zu treffen, weil nur gemutmaßt werden kann, wie sich Gesellschaft und Industrie in den kommenden Jahren entwickeln werden – doch es gibt erste Schätzungen. Und die sagen vor allem eines: Je mehr Klimakrise wir bekommen, desto teurer wird es.

Allein die Instandhaltung und Anpassung der Infrastruktur wird uns zukünftig mindestens eine Milliarde Euro pro Jahr kosten. Straßen sind nicht auf zunehmende Hitze ausgelegt, Schienen können sich verziehen, Flüsse führen entweder zu viel oder zu wenig Wasser für den Schiffsverkehr, U-Bahn-Tunnel müssen hochwasserfest gemacht werden, es ist mit Lieferengpässen und -ausfällen aufgrund von Extremwetter zu rechnen, Chemie- und andere Industrieanlagen müssen ihre Sicherheits-Standards erhöhen…Die Liste ist lang. Geht die Erderhitzung so weiter, könnten wir 2050 bereits bei 1,8 Milliarden Euro Ausgaben pro Jahr angelangt sein – nur für den Verkehr. (Bisher sind es rund eine halbe Milliarde.)

Bereits 2008 schätzte das DIW, dass die Klimakrise Deutschland bis 2050 rund 800 Milliarden Euro kosten könnte. Dabei werden die finanzschwächsten Bundesländer stärker belastet als die reicheren, weil hier mit stärkeren und häufigeren Extremereignissen zu rechnen ist, zu sehen unter anderem an der besonders starken und anhaltenden Dürre in Brandenburg.

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Dazu kommt der indirekte finanzielle Verlust, der auf den ersten Blick nicht so sichtbar ist wie Katastrophenvorsorge: der hitzebedingte Ausfall von Mitarbeitenden. Die Siesta aus wärmeren Regionen Europas ist uns wohlbekannt – und sie könnte bald auch hier einziehen, verbunden mit geringerer Produktivität und dementsprechend weniger verwertbarem Output. Einige Schätzungen sprechen von möglichen 3-12% weniger Leistungsfähigkeit während hoher Hitzebelastung. Die zunehmenden Hitzetage betreffen jetzt schon einige Geschäftszweige: Unter anderem sind Bauarbeiter*innen immer früher bei der Arbeit zu sehen, damit sie in der sengenden Mittagshitze nicht aktiv sein müssen. Auch die Arbeit am Schreibtisch dürfte sich in den kommenden Jahren als schwieriger und mit mehr Pausen verbunden herausstellen.

Direkte Auswirkungen hat auch die Betroffenheit der anderen: Kommt es in Ländern, auf deren Rohstoffe oder Vorproduktion Deutschland angewiesen ist, zu Problemen mit Extremwetter oder generell weniger Produktion, wirkt sich das auch auf die Lieferketten und uns am anderen Ende aus. Werden Rohstoffe aufgrund der Klimakrise seltener, werden auch wir den Preis zu spüren bekommen, wenngleich das kein Vergleich zu den Folgen sein wird, welche die lokalen Bevölkerungen tragen werden müssen.

Sparen durch Klimaschutz

Oben auf das Kostenpaket satteln wir die Ökosystemleistungen, die bei zunehmender Klimakrise unzuverlässiger oder weniger werden: Nehmen die Bestäuber durch die mit der Klimakrise verzahnte Biodiversitätskrise ab, müssen wir mehr Aufwand für die Produktion von Lebensmitteln betreiben (der mehr kostet). Wird der natürliche Küstenschutz vor Überschwemmungen durch immer stärkere Wasserkräfte abgetragen, müssen wir technisch nachrüsten. Gehen immer mehr intakte Naturräume verloren, schwinden auch die Erholungsräume, die für die menschliche Psyche so wichtig sind. Schwindet die Artenvielfalt im Boden, wird Landwirtschaft schwierig bis unmöglich. Alles Kosten – jenseits des Vorstellbaren.

Bis 2007 hat die Welt jährlich umgerechnet eine Summe von 125 bis 145 Billionen Dollar Ökosystemleistungen von der Natur erhalten – und jedes Jahr welche im Wert von 4,3 bis 20,1 Billionen Dollar zerstört. Müssten wir das bezahlen, könnten wir es nicht. Wirtschaftlich gesprochen: „Rechnen wir den Zuwachs an Bruttoinlandsprodukt und die Zerstörung des Ökosystems gegeneinander, ist die Summe negativ.“ (Maja Göpel: Unsere Welt neu denken. Eine Einladung. S. 50.)

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Beide Begriffe – Ökosystem(dienst)leistungen und BIP – sind nicht unumstritten. Eigentlich können wir nicht beziffern, was die Natur für uns leistet. Am Ende ist es das (gute) Leben, das wir ihr verdanken. Wie können wir das mit einem Preisschild ausstatten?

Wenn wir die Klimakrise voranschreiten lassen, verlieren wir also bares Geld. Und zwar eine ganze Menge. Wir können quasi dabei zusehen, wie wir es verbrennen. Das Problem wird sein: So schnell bekommen wir es nicht wieder – falls überhaupt. Sind Ökosysteme erst einmal zerstört, Kipp-Punkte erst einmal überschritten, wird es schwierig bis unmöglich, den Ausgangszustand wiederherzustellen. Falls das funktionieren sollte, wird es sehr lange dauern. Unerträglich lange, in menschlichen Zeitspannen gerechnet – und in der Geduld all jener, denen Geld und Wirtschaft der heilige Gral sind. Eigentlich sollte es also auch in ihrem ureigenen Interesse liegen, so viel Klimaschutz wie möglich an den Start zu bringen.

Leider sind Menschen in vielen Fällen nicht gut im langfristigen Denken – jedenfalls nicht, wenn die unmittelbare, schnell erreichbare Belohnung wie die Karotte vor der Nase baumelt. Vielleicht führt, so traurig und bitter das ist, das durch die kürzliche Katastrophe verschobene Möglichkeitsfenster dazu, dass entscheidende Personen erkennen: Hier geht es schon lange nicht mehr (nur) um übermorgen.

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Wie wollen wir leben?

Beim Klimaschutz geht es um die grundlegende Angelegenheit, als Spezies überhaupt zu überleben. Aber auch um die Frage, wie wir leben wollen. Wie viel wollen wir zulassen, wie viele Möglichkeiten haben wir und wollen wir uns schaffen? Dieser Text ist eine sehr nüchterne und aus wirtschaftlicher Perspektive gedachte Argumentation. Das soll er in diesem Fall auch sein, denn wie gesagt: Nicht alle Menschen sind mit Appellen an Ethik und Moral zu erreichen.

Die stillschweigende Prämisse, die diese Überlegungen jedoch voraussetzen, ist, dass auf einer bestimmten Ebene doch alles bleibt wie es ist: auf der systemischen. Die Fragen, die wir uns nämlich auch stellen müssen, wenn wir über Klimaschutz nachdenken, haben mit den Rahmenbedingungen zu tun, innerhalb derer er passieren soll. Wollen wir weiterhin akzeptieren, dass es superreiche Menschen gibt, die sich lieber ins All schießen als mit ihrem Geld hier auf der Erde etwas Sinnvolles anzustellen?

Wie kriegen wir die Menschen dazu, sich politisch zu beteiligen? Was muss sich ändern, damit alle gleichberechtigt teilhaben können? Wollen wir angesichts der Veränderungen, die sowieso auf die Arbeitswelt zukommen, nicht mal grundsätzlich über unser Verhältnis zu Arbeit und Leistung nachdenken? Und darüber, wofür wir eigentlich Geld ausgeben wollen, wo das überhaupt herkommt und versteckt ist und warum so viele zu wenig davon haben? Wie teuer sind Klimafolgenanpassungen in Relation zu den Dingen, in die wir heute selbstverständlich Milliarden investieren? Wir müssen darüber nachdenken, wem was gehört und eigentlich gehören sollte, wie wir leben und arbeiten wollen. Am Ende stellen sich dann doch wieder die großen Fragen, die mit reinen Geldbeträgen nicht zu beantworten sind.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

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