Die Leistungsgesellschaft ist ein Mythos

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28. April 2021

Ich habe mein ganzes Leben daran geglaubt: Wenn ich fleißig lerne, wird es mir mal besser gehen. Auch jetzt noch lebe ich nach dem Paradigma der Leistungsgesellschaft: Wenn ich viel arbeite, bekomme ich mehr Geld und es wird mir besser gehen. Wer mehr leistet, bekommt auch mehr, oder? Das ist doch das Versprechen, auf dem unsere gesellschaftliche Erzählung von Erfolg und Misserfolg, von Armut und Reichtum fußt. Aber es ist kein Versprechen. Es ist eine Illusion, ein Mythos. Und wie alle gesellschaftlichen Illusionen, so hat auch die Erzählung von der Leistungsgesellschaft eine bestimmte Funktion: alles beim Alten zu lassen.

Wir leben nicht in einer Leistungsgesellschaft

Was würde es bedeuten, wirklich in einer Leistungsgesellschaft zu leben? Ich glaube, es hätte deutlich positivere Konsequenzen, als ich bisher angenommen hatte. Ich habe den Begriff der Leistungsgesellschaft lange Zeit negativ konnotiert gebraucht, um eine Ellenbogengesellschaft, in der es nur auf die Leistung des Einzelnen ankomme, zu adressieren – also den Ist-Zustand zu beschreiben, den ich als nicht erstrebenswert erachte. Erst kürzlich ist mir aufgegangen, dass in meinem negativen Begriffsgebrauch eine Reaktion auf das Versprechen liegen könnte, das in der “Leistungsgesellschaft” versteckt ist – und das ich nicht nur in meinem Leben nicht eingelöst sehe. Ich spreche mit Verachtung und Distanz von der “Leistungsgesellschaft”, weil sie nicht mein Versprechen ist. 

Wenn wir wirklich in einer Leistungsgesellschaft leben würden, würden wir der individuellen Leistung von Menschen den Wert zuerkennen, den sie relativ gesehen in der Gesellschaft einnimmt. Wir würden CEOs und Manager*innen die dicken Bonis streichen (oder ihre Positionen gleich ganz abschaffen) und sie an die Pfleger*innen, Kinderbetreuer*innen, U-Bahn-Reiniger*innen und prekär lebenden Künstler*innen verteilen. Wir würden Care-Arbeit so entlohnen, wie wir es eigentlich müssten, wenn wir wirklich nach der Maxime der Leistung und des Wertes einer Leistung für die Gesellschaft leben würden: mit großen Summen. Wir würden vielleicht auch erkennen, dass sich Leben und die Reproduktion von Leben nicht mit Geld aufwiegen lässt – Zahlen-Hin-und-Herschieberei aber sehr wohl. Wir würden vielleicht sogar eine Grundschullehrerin genauso viel verdienen lassen wie einen Chefarzt. 

Wir würden den Respekt, den wir Tätigkeiten zuerkennen, nicht nur für die wenigen Mitglieder in der Gesellschaft reservieren, die dank besserer Startbedingungen (bezogen auf Ökonomie, Klasse, Race, Be_Hinderung und Gender) allen anderen davonlaufen und “die Leiter hochklettern” können zu den wenigen Berufen, die Ansehen genießen und als respektabel gelten. Wenn mensch Jurist*in ist, hat sie*er es zu etwas gebracht, wenn sie*er Gärtner*in ist, eher nicht. Vollkommen unabhängig davon, ob die*der Jurist*in eigentlich maximal unglücklich im Beruf ist und ihn nur genau der finanziellen und gesellschaftlichen Zuwendungen wegen ergriffen hat. Und eigentlich lieber Gärtner*in geworden wäre. Glück zählt nicht in unserem System, nur die harten Fakten, auf die kommt es an. 

Wir würden anerkennen, dass es unterschiedliche Lebensumstände gibt und jedes Individuum für eine ähnliche Leistung andere Hürden überwinden muss. Manche werden über Hindernisse drübergehoben, sodass sie sie fliegend passieren, anderen packt die Gesellschaft noch ein paar Meter obendrauf und nimmt ihnen den Stab für den Sprung weg. Wir würden daran arbeiten, diese Hindernisse niederzureißen – und die Leiter, auf der wir alle vermeintlich hochklettern können, wenn wir nur genug wollen, gleich mit. Es würde kein “Oben” und kein “Unten” mehr geben, kein Lebensenwurf, der “besser” oder “schlechter” wäre. Es gäbe kein “fleißig” und deswegen “tugendhaft” und kein “faul” und deswegen “asozial” mehr, sondern nur noch Menschen mit unterschiedlichen Ausgangssituationen und Bedürfnissen und Wünschen. Unsere Aufgabe würden wir nicht darin definieren, alle diese Menschen möglichst baugleich institutionell zurechtzubiegen, sondern vielmehr die Umstände den Menschen anzupassen, damit jede*r das für sich passende Leistungs- und Verwirklichungs-Feld findet.

Wir würden dafür sorgen, dass sich niemensch mehr Sorgen um Geld machen muss, weil die Grundbedürfnisse solidarisch gedeckt werden. Alle bekommen das, was sie brauchen. Wer mehr hat, als sie*er braucht, stellt den Überfluss denen zur Verfügung, die zu wenig haben. Wir hätten mehr freie Wahl, wären zufriedener, könnten uns mehr für andere einsetzen – und auch das würde als “Leistung” und nicht bloß als nette Nebenbeschäftigung gewürdigt. Wir hätten mehr Zeit, um mehr und bessere Leistung zu erbringen und uns um den Erhalt von Gemeinschaften, der Biodiversität und einer lebenswerten Erde zu kümmern, deren Systemleistungen so gewaltig sind, dass sie gar nicht beziffert werden können.

Klingt alles sehr utopisch? Ist es auch – denn spätestens Corona hat uns gezeigt, dass wir von dieser Welt noch sehr weit entfernt sind. Warum aber reden wir trotzdem andauernd von der “Leistungsgesellschaft”? 

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Alle an ihrem Platz

Viele Geschichten, die sich Menschen erzählt haben, hatten die Funktion, Individuen einen bestimmten Platz zuzuweisen und durch beständige Wiederholung dieser Geschichten wurde dafür gesorgt, dass diese Menschen ihren Platz nicht infrage stellten. Entweder, weil er gottgegeben war oder weil er (wie heute) in einem vermeintlich egalitären Gewand daherkam: Es geht doch den meisten gut und dir auch, was willst du eigentlich? Sei dankbar! Die Kehrseite dieser Erzählung, die mit dem vom Tellerwäscher-zum-Millionär-Symbol in den USA noch eine weitaus größere Macht als hierzulande hat: Wenn dir nicht reicht, was du hast, kannst du deines Glückes Schmied werden und deine Verhältnisse ändern. Du kannst reich werden – egal, wo du dich gerade befindest. Du musst es nur genug wollen und hart und ausdauernd arbeiten! Alle haben dieselben Chancen, verwirkliche dich und hör auf zu jammern.

Mittlerweile dämmert vielen Menschen, dass das blanker Unsinn ist. 

Marginalisierte Gruppen wussten das selbstredend schon lange, bevor der Groschen dann endlich auch beim weißen Bürgertum gefallen ist. Durch die Pandemie mussten aber auch sie schlussendlich sehen: Im Zweifel werden Luftfahrtbetriebe gerettet und nicht die Menschen, die sowieso schon durchs Raster fallen. Die dürfen dann in den immer geöffneten Fabriken weiterarbeiten – denn was am Ende zählt, ist das Bruttosozialprodukt. Nicht das Menschenleben. Sie durften sehen und teilweise auch am eigenen Leib spüren: Soziale Mobilität erfolgt in unserer Gesellschaft vor allem in eine Richtung – nach unten. 

Die soziale Spaltung ist real

Doch viele von ihnen, also den Menschen aus dem weißen Bürgertum, haben es auch jetzt wieder gut getroffen: Sie können daheim im Home-Office sitzen und sich vor dem Virus schützen. Sie haben kein Problem damit, sich reihenweise teurer Masken und Schnelltests zu leisten. Oder sich in ein Ferienhaus (gerne auch im Ausland) zurückzuziehen, “um der ganzen Situation zu entfliehen”. Und wenn sie dann auch noch keine Kinder haben, haben sie in dieser Pandemie den Jackpot erwischt. Natürlich nicht zufällig, sie haben gewissermaßen ein Abo auf Jackpots, weil die Maschine zwar nicht an erster Stelle, aber doch vorzugsweise für sie arbeitet. Und weil diese Menschen aus dem weißen Bürgertum immer noch so präsent überall sind, vergisst mensch leicht, wie die Situation eigentlich gesamtgesellschaftlich aussieht. Es ist auch nicht besonders gewollt, dass wir daran erinnert werden, denn sonst würde das ja der Erzählung von der “Leistungsgesellschaft” Lügen strafen.  

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Ein paar Fakten:

  • Im Jahr 2020 lag die Armutsquote bei 15,9%. Das ist so viel wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Und da sind nicht einmal Menschen in Heimen, geflüchtete oder obdachlose Menschen mit eingerechnet.
  • Viele Menschen sind arm, obwohl sie arbeiten. Der Begriff dafür lautet Working Poor. 33% der Armen sind erwerbstätig, sie befinden sich in Einkommensarmut.
  • In Deutschland gilt als arm, wer weniger als 60% des Medianeinkommens (mittleres Einkommen) zur Verfügung hat. Im Jahr 2019 bedeutete das ein Leben mit weniger als 1.074€ im Monat. 
  • In Deutschland besitzt 1% der Erwachsenen rund 35% des Gesamtvermögens. Weitere 9% besitzen weitere 32% des Vermögens. Die “oberen 10%” vereinen also 67% des Gesamtvermögens auf sich. Die restlichen 90% der Bevölkerung besitzen insgesamt gerade einmal 33% des Gesamtvermögens. 
  • Die untersten 20% der Bevölkerung besitzen gar kein Vermögen, 9% sind nach Angaben der Böckler-Stiftung verschuldet.
  • “In fast keinem anderen Land in Europa sind Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. In den meisten Statistiken wird das wahre Ausmaß unterschätzt.” (Böckler Stiftung)
  • Die Corona-Pandemie hat vor allem diejenigen mit dem niedrigsten Einkommen getroffen und die soziale Ungleichheit verstärkt. 
  • Im globalen Maßstab sieht es so aus, dass 0,9% der Weltbevölkerung im Jahr 2019 43,9% des weltweiten Vermögens besaßen. Über die Hälfte der Menschheit (56,6%) besaß nur 1,8%. (Credit Suisse Report 2019)

Gleichzeitig nimmt die soziale Mobilität ab, das bedeutet: Wer wenig hat, wird aller Voraussicht nach sein Leben lang wenig haben. 60% der armen Menschen bleiben arm. Wer viel hat, wird seinen Reichtum noch vermehren können. Die letzten beiden Jahre haben uns (global betrachtet) über 5000 neue Millionär*innen beschert und einen Jeff Bezos, dessen Vermögen jeden Tag um mehrere Millionen Dollar wächst. 

Unter anderem aufgrund dieser Daten finden der Begriff und die Analysekategorie des Klassismus (die Diskriminierung einer Person aufgrund von tatsächlicher oder vermuteter Klassenzugehörigkeit) wieder vermehrt Eingang in die öffentliche Diskussion. Wir können uns das nicht schönreden: Unsere Gesellschaft wird immer ungerechter und das hat System.

Das größere Bild

Philosoph Christian Neuhäuser hat im Reclam-Verlag einen kleinen Band herausgegeben und stellt darin die These auf: Reichtum ist immer anti-demokratisch, vollkommen egal, wie er zustande gekommen ist. Denn er geht mit Macht einher – der Macht, politische Einscheidungen zu beeinflussen, mit der Macht des Geldes. Neuhäuser meint: Eigentlich leben wir in feudalen Verhältnissen. Es gibt wenige Reiche, die fast alles besitzen, ein überproportional hohes Mitbestimmungsrecht haben (das nicht durch Wahlen aufgefangen wird) und viele, die fast nichts besitzen und wenig zu sagen haben. Er plädiert für eine strikte Vermögensobergrenze (ich schließe mich an). 

“Eine Gesellschaft kann Wohlstand besser rechtfertigen, wenn er prinzipiell allen offensteht”, schreibt die ZEIT. Das tut er aber nicht.

Und wenn wir uns anschauen, wer eigentlich am häufigsten arm und wer am stärksten von Armut bedroht ist, wird klar, dass die Frage nach Klasse auch immer mit anderen Kategorien wie Gender und Race verschränkt ist:

  • Das größte Armutsrisiko tragen mit 30% die Alleinerziehenden. In den allermeisten Fällen sind das FLINTA (Frauen, Lesben, inter Menschen, non-binary Menschen, trans Menschen, agender Menschen).
  • Menschen mit Migrationsgeschichte sind überproportional häufig in den unteren Klassen vertreten. Auch in der 2. Generation ist ihr Armutsrisiko erhöht. 

In der Recherche der ZEIT kann mensch über ein interaktives Tool schauen, in welcher Klasse mensch sich selbst eigentlich gerade befindet. Dabei werden mehr Faktoren als Einkommen berücksichtigt (zum Beispiel auch das Vermögen). Ich persönlich bin in meiner Jugend in der Armut gestartet und jetzt in der unteren Mitte angekommen. Da bin ich aber auch erst seit 3 Monaten, weil ich vorher keine Rücklagen hatte und der Status ist noch wackelig (also untere untere Mitte). Das Prekariat wird mir vermutlich immer näher sein als die gesicherte Mittelschicht. Das geht auch aus einem Flow-Diagramm am unteren Ende des Artikels hervor, das illustriert: Im Wesentlichen bleibt es gleich – wo du startest, da bleibst du aller Wahrscheinlichkeit nach auch. Soziale Mobilität “nach oben” ist so gut wie nicht vorhanden. 

Den Mythos dekonstruieren

Aber dabei arbeite ich doch! Ich arbeite mir den Arsch ab, Pardon my French. Mittlerweile bezeichne ich mich als privilegiert, weil auch ich im Homeoffice sitzen und die Kopfarbeit machen darf, die mir Spaß macht und dafür sogar bezahlt werde. Trotzdem habe ich seit Sommer 2019 keinen Urlaub mehr gehabt, weil ich konstant gearbeitet habe. Ich wollte unbedingt Rücklagen bilden, und dafür musste ich durcharbeiten. “Das ist doch nicht so schlimm”, sagen wir, “wenn die Arbeit Spaß macht!” Natürlich macht sie Spaß und das ist (wie gesagt) leider immer noch ein Privileg, ändert aber nichts daran, dass das Versprechen vom Aufstieg sich vermutlich weder für mich noch für S., der PoC ist, so gelesen wird (als muslimischer Mann) und aus Prinzip weniger Gehalt bekommt als die Weißen, die weniger qualifiziert sind als er, erfüllen wird. Ja, wird sind der Armut entkommen, aber bitte, das sollte das Mindeste sein. Geld wird immer Thema bleiben und ich bin ziemlich sicher, dass auf mich die Altersarmut wartet. 

Unter anderem gehe ich auch davon aus, nichts oder Schulden zu erben. Das geht vielen Menschen so, obwohl die Summe Geld, die jedes Jahr vererbt wird, schwindelerregend hoch ist. Bis 2027 werden in Deutschland voraussichtlich jedes Jahr 400 Milliarden Euro vererbt. Eine gigantische Summe, die in den letzten Jahren immer weiter gewachsen ist. Dabei gilt natürlich auch: Wer mehr hat, vererbt mehr. “Die im Einzelnen zu erwartenden Erbschaften betragen laut Studie im Mittel rund 79.500 Euro – im obersten Fünftel der Verteilung gut 248.000 Euro, im untersten Fünftel 12.000 Euro.” (Böckler Stiftung) Die Hälfte der Erbschaften geht an die “oberen 10 Prozent”, das Geld bleibt also in denselben Kreisen. Deutschland ist ein Erben-Land, kein Leistungs-Land.

Dieser Umstand wird so geschickt aus den Erzählungen herausgestrichen, dass am Ende das individualisierte Leistungs-Narrativ bleibt – und die Selbst- und Fremdgeißelung, das Treten nach innen, zur Seite und “nach unten”, anstatt “nach oben”. Weil: Wir können es ja alle schaffen, wenn wir uns nur anstrengen. Und wer “es” nicht schafft, ist selber schuld. Die Einzelperson ist für alles verantwortlich und kann für alles verantwortlich gemacht werden – so werden Zusammenschluss und Solidarität unterbunden.

Das alles hat nichts mit einer “Leistungsgesellschaft” zu tun, sondern mit einer Gesellschaft, die auf die Bedürfnisse derjenigen mit Geld ausgerichtet ist. Die das Märchen vom Aufstieg durch Arbeit so oft wiederholt, bis es in jede unserer Fasern gesickert ist und wir bei jeder Sekunde Langweilige sofort ein schlechtes Gewissen und beim Blick in die Zukunft ein schlechtes Gefühl haben. Also: Alle, die nicht zu den 10% gehören, die sich darüber niemals Gedanken machen müssen. 

Wird Zeit, dass wir den Begriff “Leistungsgesellschaft” dahin befördern, wo er hingehört: in die Tonne. Solange, bis wir wirklich eine haben.

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

[…] den Rahmenbedingungen zu tun, innerhalb derer er passieren soll. Wollen wir weiterhin akzeptieren, dass es superreiche Menschen gibt, die sich lieber ins All schießen als mit ihrem Geld hier auf der Erde etwas Sinnvolles […]

[…] sei nachvollziehbar, aber nicht “intellektuell redlich”. “Deutschland ist ein extrem ungleiches Land.” […]

Lösche auch gleich meinen Kommentar von gestern.
Bei dir kommentiere und lese ich nichts mehr.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich das an vielen Influenceen heutzutage unsympathisch finde…
Ich hatte dich ja gefragt ob du zu Bodypolitics ein Review machen würdest. Nun hat mich Melodie Michelberger auf insta blockiert, weil ich es wagte zu schreiben, dass ich Diäten genauso kritisch finde wie sie, dass aber über 70% der Amerikaner und über die Hälfte der Deutschen übergewichtig sind und daraus resultierende Krankheiten wie Diabetes usw immer mehr zunehmen, was mindestens genauso für die Gesundheit gefährdend ist wie der Kreislauf von Crashdiäten.
Wenn jemand statt sachlich antworten zu können, mit dem Blockierbutton reagiert, dann betrachte ich diesen Menschen nicht als gutes Vorbild.
Ich sehe darin eher ein bestehendes Problem in der Fatacceptance Bewegung, dass Gesundheit bitte ausgeblendet werden soll.
Vor allen Dingen wenn man doch so angeblich selbstbewusst ist, dann gibt es keinen Grund für so eine Reaktion.
Wenn du sowas unterstützt,dann finde ich auch dich sehr fragwürdig als Influencer wie du dich selbst ja bezeichnest.
Dann soll man euch nur nach dem Mund reden, jede andere Meinung sachlich vorgetragen wird nicht akzeptiert.

Okay, das ist eine interessante Reaktion darauf, dass ich nicht so schnell auf alles reagieren kann. Aber ich halte dich nicht auf.

Freunde von mir wiegen über und wogen mal 200 kg. Das weiß diese Melodie natürlich nicht, indem sie mich verurteilt.
Alles was diese Menschen sich wünschen ist sich die Schuhe zubinden zu können.
Mal nicht zu schwitzen wenn sie mehr als 5 Minuten stehen müssen, oder Knieschmerzen davon zu haben. Damit verbunden auch Diabetes und andere Begleiterkrankungen
Aber bei ihr wird sowas wohl lieber ausgeblendet. Und diese Menschen in meinem Umfeld sind gerade mal Mitte 30.
Sehr fragwürdig, wenn gesund werden zu wollen oder von Gesundheit in Bezug auf Übergewicht zu sprechen derart destruktiv reagiert wird.
Dann ist diese Melodie vom Typus her also wie diese Fat girl flow.
Sehr fragwürdig.
Wollte das nur als Feedback dalassen. Weil ich sowas einfach bescheiden finde, wenn es um Kommunikation geht.

Deine Beurteilung zu meiner Art zu argumentieren lasse ich mal außen vor.
Wenn man schreibt wortwörtlich:
Sehe ich genauso, dass Diäten einen Teufelskreis darstellen und daher für die Gesundheit schädlich sind. Auf der anderen Seite steigt die Zahl Übergewichtiger und damit verbundener Krankheiten wie Diabetes Typ 2 in unserer Gesellschaft. In Amerika sind es über 70% und in Deutschland über die Hälfte der Männer und Frauen. Der damit verbundene Anstieg an Multimorbidität kann ebenso ungesund sein.

Wer sich vor so etwas meint schützen zu müssen, dann muss ich sagen fühlt man sich auch sehr schnell angegriffen.
Schließlich hat sie sich selbst dazu entschieden ihren Körper zu zeigen.
Ich wog selbst mal 120kg und habe 55 kg abgenommen. Weil es mir gesundheitlich nicht gut ging.
Meine beste Freundin wog mit 27 über 200kg aufgrund von Binge Eating als Essstörung und hatte mit 27 einen Herzinfarkt.

Man sollte bei Fatacceptance nicht den gesundheitlichen Aspekt grundsätzlich als bösartig verteufeln.
Denn so geht es dann auch in eine finde ich nicht minder schädliche Richtung wie der Magerwahn.

Ich will dir nicht zu nahe treten, aber ist dir schon der Gedanke gekommen, dass Menschen wie Melodie täglich so viele Nachrichten bekommen, in denen Menschen solche Grundsatzdiskussionen führen wollen und sie am Ende des Tages sich auch selbst davor schützen muss, immer und immer wieder Rechtfertigungen für ihre Existenz auspacken zu müssen? Wenn du in einem ähnlichen Ton argumentierst wie hier, wundert es mich ehrlich gesagt nicht, dass sie dich blockiert hat.

Zum Inhaltlichen: Das Gesundheits-Argument ist überhaupt nicht das, worum es bei Fatacceptance geht. Es geht um Sichtbarkeit und darum, eben nicht ständig angegangen und für “ungesund” und “faul” gehalten zu werden. Nicht um Glorifizierung, sondern um das Minimum an Respekt.

Das verstehe ich such, und finde ich gut, dass es darum geht gesehen zu werden.
Wenn man aber nichts sagen darf was den gesundheitlichen Aspekt angeht, dann wird es nicht minder kritisch.
Wie gesagt, ich wog selbst mal über 120kg. Du weißt vielleicht nicht wie sich das anfühlt, aber es ist nicht angenehm.
Man kann so tun als wäre es toll, aber die Knie schmerzen. Schuhe binden wird schwer. All diese Kleinigkeiten. Da mag ich meinen Körper heute mit 55kg weniger mehr. Weil ich nun Dinge tun kann, die ich früher nicht tun konnte.
Auch wenn du abzunehmen oder Sport zu treiben als Angleichung an gesellschaftliche Normschönheit betrachtest.

Liebe Jenni,
Es kommt denke ich immer darauf an wie man Leistungsgesellschaft definiert.
Als das wie wir es kennen. Oder als das was du beschreibst? Oder vielleicht als ein weiteres Konstrukt, dass Leistung wirklich Leistung bedeutet und derjenige, der mehr leistet als andere auch mehr erhalten sollte. Sprich, haben zwei Menschen dieselbe Arbeit und einer leistet mehr als der andere, sollte er auch mehr Gehalt und Boni dafür erhalten. Zieht der andere mit, erhält er gleichwertig mehr.
Oder wäre auch dieses Konstrukt wieder das was wir als heutige Leistungsgesellschaft verstehen?

Vieles ist unfair.
Wenn ich meinen eigenen Lebensweg betrachte, so hatte ich keine gute Ausgangslage.
Ich sage es mal so, ich weiß wie es ist, ohne Zuhause zu sein. Wenn man von einem Ort zum nächsten wandert, wie ein streunender Hund, weil man nicht weiß wo man hin soll. Wenn einem Menschen, bei denen man temporär unterkommt, sagen dies sei “keine Dauerlösung”. Danke auch. Deutsches Gemüt, dass man sich mit den Notlagen einer 18-Jährigen nicht befassen, sondern dies lieber wieder vom Leib haben möchte. Damit das sonst gewohnte Leben weiter gehen kann?
Denn es ist ja keine Dauerlösung. Ein paar Tage schon zu viel. Entschuldigung, aber ich wusste nicht wohin.
Ich erinnere mich auch wie ich hilfesuchend beim Jugendamt war und diese zu mir sagten aufgrund meiner 18 Jahre seien sie für mich nicht zuständig. Und mir einen Zettel mit diversen Nummern gaben, an die ich ja versuchen könnte mich hinzuwenden.
Wie ich auf der Straße saß und mit meinem Handy die Nummern anrief und viele davon mit “kein Anschluss unter dieser Nummer” antworteten. Dicht im Nacken zu dieser Zeit die freundliche Aussage mein Dasein sei “keine Dauerlösung”.
 
Jedenfalls war es die südländische Mentalität, jene, die nicht viel hatte, die mich bei sich aufnahm und mir temporär ein Zuhause gab. Ohne mich zu kennen.
Meine erste Wohnung war ein kleines Zimmer auf Kellerhöhe. Nicht mehr als 15 Quadratmeter. Die dazu gehörige Toilette und Dusche befand sich auf dem Flur und schön war es nicht. Die Dusche war verschimmelt, das Klo mit Urinstein versehen.
Doch ich konnte mir nicht mehr leisten.
Später lebten wir sogar zu zweit in meinem kleinen Zimmer. Mit ratterndem Kühlschrank, Mikrowelle auf dem Boden und einer Matratze auf eben diesem, die unser Bett war.
Die Herkunft meines Mannes Hartz 4.
 
Heute bin ich privilegiert. Ich kann nicht klagen.
Ich verdiene genug und habe eine schöne große Wohnung.
Von außen bekomme ich manchmal gesagt ich wirke als würde ich alles mit Bravour meistern.
Dass dies für andere teilweise einschüchternd wäre.
Denn ja, wenn man einen Blick auf meinen heutigen Stand wirft, dann könnte man das mit Sicherheit sagen.
 
Sieht man nur das Jetzt, so bin ich eine dieser Privilegierten.
Schaut man jedoch genauer hin, stecken dahinter über 10 Jahre harte Arbeit.
Dazwischen viele Jahre, in denen ich sogar unter dem Mindestlohn gearbeitet habe. Monatseinkommen 1050 Euro netto. Für Vollzeit.
Dafür würden viele nicht mal überlegen arbeiten zu gehen.

Mein Traum war stets ein normales Leben.
Das muss man sich mal vorstellen. Einfach ein Bett zu haben. Ein Ort, an dem ich nicht vertrieben werde.
Genug Geld um mir Essen leisten zu können.
Wir kommen von ganz unten und haben uns alles was wir heute haben hart erarbeitet.
Und darauf bin ich stolz.
Auch wenn manche meinen dieses Bestreben, dieses hart arbeiten, sei nicht lohnenswert.
Oder jegliche Optimierung sei gleich negativ.
Die Frage ist ja auch ob eine gerechte Verteilung aller Gelder wirklich dafür sorgen würde, dass es mehr Gerechtigkeit gäbe?
Denn manche sagen, man könnte jedem Menschen dieselbe Menge an Geld geben, es würde in derselben Ungleichverteilung enden wie heute.
Es gäbe Reiche und Arme. Etwas Mittelstand.
Bedeutet, manchen Menschen kann man alles geben, sie wissen nicht wie sie daraus etwas Sinnvolles machen.
Und andere arbeiten sich mit wenig nach oben.
 
 
 
 
 

Sehr spannender Artikel! Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, was Sprache macht. Ob es möglich ist, die utopische (oder wirkliche?) Bedeutung von “Leistungsgesellschaft” zurückzubekommen bzw. überhaupt zum ersten Mal leben zu können? Oder bleibt nichts anderes übrig, als einen neuen Begriff zu finden?
Auch spannend finde ich diesen Rechner auf der ZEIT Seite. Würde ich ohne meinen Freund leben, würde ich in den Bereich der Armut fallen. Ich habe mich immer in der Mitte gesehen. Ich hatte und habe alles, was ich brauche… Das Ergebnis ist wirklich überraschend für mich, ich weiß noch gar nicht, was ich damit anfangen soll…
Oh mensch ja, dieses Thema ist mehr als spannend und ich habe da jetzt einiges zum Nachdenken.
Danke dir für diesen tollen Artikel!

Hey Caro,
danke dir für deine Rückmeldung!
Ich hoffe ja stark, dass wir irgendwann näher an der eigentlichen Auslegung von “Leistungsgesellschaft”, wie ich sie hier formuliert habe, herankommen werden – auch, wenn ich ehrlicherweise nicht davon ausgehe, das noch zu erleben.

Den Rechner finde ich auch sehr spannend. Ich hatte mich da richtig eingeschätzt, habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass viele sich einer höheren Klasse zugehörig fühlen (meistens der Mitte), obwohl sie entweder prekär oder sogar arm leben. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass das Narrativ von der “starken Mitte” immer noch so präsent ist.

Leider ist es ja auch immer noch so, dass ein Großteil der Frauen wirtschaftlich ohne männlichen Partner deutlich schlechter gestellt ist als allein. (Ich will nicht wissen, wie viele deswegen in Beziehungen bleiben, die sie eigentlich gerne aufgeben wurden.)

Ich freue mich jedenfalls, dass der Artikel Stoff zum Denken mitgegeben hat! 🙂

Liebe Grüße an dich!
Jenni

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