Ist “Tier” eine gute Bezeichnung?

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29. August 2016

Tier

Für Lebewesen, die nicht menschlich sind, gebrauchen wir den Begriff “Tier” – ganz selbstverständlich und ohne nachzudenken. Aber ist das eigentlich richtig so?

Sprachliche Welten

Eine vielleicht triviale, aber nicht zu unterschätzende Erkenntnis ist diese: Worte haben Macht. Und zwar eine nicht unerhebliche. Das kann jeder und jede von uns ganz ohne große Schwierigkeiten im Alltag feststellen: Wie schnell hat ein falsch plaziertes Wort verletzt, wie schnell sind wir mit verbalen Waffen zur Hand, wenn uns etwas nicht passt und eine Situation unangenehm zu werden scheint, wir uns mit allen Mitteln durchsetzen wollen? Man sagt, dass Beleidigungen so ziemlich das Erste wären, was man in einer neuen Sprache lernt. Ob das eine valide Aussage ist, kann ich nicht beurteilen – aber gerade ihre Existenz deutet auf die Funktion hin, die Sprache unabhängig vom bloßen Kommunikationsmedium für uns hat.

Denn Sprache – das wiederum ist lange wissenschaftliche bewiesen und wird noch immer eifrig erforscht – ist viel mehr als der Austausch von Wörtern.

Tier, Bezeichnung, Wort

Sprache ist ein Instrument.

Mit ihrer Hilfe erst bekommen wir es überhaupt erst auf die Reihe, unseren Alltag zu meistern – denn ob in schriftlicher oder mündlicher Form: Wir kommen schwer ohne sie aus. Vor allem, wenn wir unter Menschen, aber auch und gerade, wenn wir allein sind (denken wir an die berühmten Selbstgespräche oder die vieldiskutierte Frage, ob man in Wörtern denken kann).

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.Ludwig Wittgenstein

Das, was wir als Realität bezeichnen, ist im Grunde nichts als ein Konstrukt aus Begriffen und ihren Vernetzungen miteinander. Unser gesamtes Denken basiert auf Kategorien, Schlagworten und zugehörigen Begriffen. Alles, was wir kennen und kennen lernen, versuchen wir sprachlich zu fassen – und wenn uns das nicht gelingt, fühlen wir uns hilflos, ringen nach Worten, bemüht, das entsprechende Phänomen doch irgendwie zu greifen und in unsere Weltkonstruktion einzubauen.

Sprache ist nicht irgendwas. Sprache ist der Schlüssel dazu, wie wir uns in der Welt bewegen. Und wie wir zu ihr, in ihr, stehen – und: Wie wir uns in ihr verhalten.

Sprechen ist ein Akt

Denn mit jedem Wort, mit jeder Äußerung, die wir tätigen, positionieren wir uns in dem unendlichen Feld der selbstdefinitorischen Möglichkeiten. Und dieses Feld ist riesig. (Und scheint mit sich potenzierenden Ausdrucksmöglichkeiten immer rasanter zu wachsen.) Wir schreiben den anderen zu, wie wir sie sehen (implizit, aber häufig auch ziemlich deutlich – denken wir an die Schimpfwörter). Und wir weisen uns selbst eine dezidierte Rolle zu. Jede Äußerung plaziert uns selbst und die anderen in unserem mentalen Weltgefüge. Ein Lob, Kritik, Sticheleien, Hänseleien, anerkennende Worte, Anredeformeln, Höflichkeitsbekundungen und so weiter – alles spiegelt die Welt, in der wir uns bewegen wider.

Das Wichtigste aber ist: Indem wir diese sprachlichen Muster reproduzieren, schaffen wir die Welt erst so, wie sie ist. Wir kreieren Realität.

Tier, Begriff, Sprache

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, ganz langsam. Sprache. Schafft. Realität.

Die Wissenschaft erwähnt in diesem Zusammenhang gerne die berühmte Sprechakt-Theorie (Searle). Diese besagt im Kern (und sehr grob verkürzt – bei Interesse hilft der einschlägige Wikipedia-Artikel schon sehr viel weiter), dass alles, was wir sprechen, eine Handlung ist (Sprechakt).

Ganz besonders offensichtlich wird das bei solchen Dingen wie offiziellen Benennungen (“Hiermit taufe ich dich auf den Namen…”) oder beispielsweise auch bei einer Eheschließung (“Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau/Frau und Frau/Mann und Mann”).

Aber auch jede andere Äußerung ist ein Sprechakt – vollkommen egal, welche. Jede einzelne. Und wenn es nur ein “Aha” ist – je nach Kontext der Äußerung, Tonhöhe, Beziehung der Kommunikationspartner und anderen Parametern lassen sich unendlich viele Dinge aus diesem Laut abhören. Wie ist der Sprecher/die Sprecherin gerade gelaunt? Interessiert sie das Thema oder eher nicht? Wie wird er vermutlich reagieren, wenn ich weitrrede? Sollte ich das Thema wechseln? Und so weiter.

Eine Tonne an Botschaften wird mit unserem Sprachgebrauch transportiert. Häufig unbewusst, aber lesen kann diesen Code jeder und jede von uns.

Und genau dieser Code, in dem wir eigentlich andauernd sprechen, wenn wir sprechen und der gewissermaßen wie eine Parallelschiene zu unseren gesagten Worten verläuft, hat es in sich. Wir taufen mit ihm nicht nur – sein Potential reicht weit, weit darüber hinaus.

Die Macht der Worte

Und etwas, das so großes Potential hat und einen so zentralen Status in unserem Leben einnimmt, das kann man sich zunutze machen. Positiv formuliert. Die negative Seite dieser Medaille heißt allerdings: Das kann man manipulieren. Und den Menschen, der hinter diesem Sprachgeflecht steht, gleich mit.

Die Werbung hat die Macht der Sprache erkannt wie kein anderes System sonst und setzt sie gezielt dafür ein, Menschen nach ihren Zwecken zu steuern. Und wir? Wir lassen uns steuern – und kaufen beispielsweise die Kekse, die “nach Großmutters Rezept” gebacken sind, denn das klingt gleich so heimelig und vertrauenserweckend. Oder wir sind felsenfest davon überzeugt, dass der “Tropical Tea” sowas von tropisch-exotisch schmeckt – obwohl da eigentlich nur Apfel und Kirsche mit etwas Gewürz drin ist und das Produkt genauso gut einen anderen Namen tragen könnte. (1)

Tier, Sprache, Begriff

Aber auch die Politik bedient sich ebenso großzügig am sprachlichen Material, um die Ziele der dort agierenden Menschen zu erreichen. Was sollte sie auch sonst tun? In Wahlkämpfen zählt jedes Wort.

Und hier berühren wir bereits einen Komplex, der enorm wichtig ist: sprachliche Vorurteile.

Da sich mit und durch Sprache etablierte Wert- und Denkstrukturen mitteilen und sich selbst bestätigen, wirkt Sprache als Instrument wunderbar, um Vorurteile zu bestätigen und zu erhärten – und sie so noch tiefer in das individuelle und kollektive Gedächtnis einzuschreiben.

Dass verallgemeindernde und zwingend reduzierende Begriffe wie “Blondine” oder “Eskimo” sofort einen ganzen Katalog an Stereotypen in uns aktivieren, ist dem Macht des Wortes und unserer Sozialisation mit ihm zu verdanken. Ein Wort ist mehr als eine Aneinanderreihung von Buchstaben.

Tier, Begriff, Bedeutung, Sprache

Daher ist es nur richtig und wichtig, dass es immer wieder Interaktionen zwischen Politik und Sprache gibt.

Stets muss austariert werden: Ist dieser Begriff angemessen, um einen Sachverhalt korrekt zu beschreiben? Wird hier jemand diffamiert, ausgegrenzt, beleidigt?

Political corectness ist kein graues Ad-On einer gelangweilten Emanzenpolitik, sondern unbedingt notwendig – um alte Denkmuster zu sprengen und neue, nachteilige gar nicht erst Boden gewinnen zu lassen.

Wir denken nur an den “Fräulein”-Skandal. Oder an ethnische Bezeichnungen wie “Neger”, “Schlitzauge” und dergleichen. Heute zucken wir bei solchen Worten zusammen – mit Recht. Weil wir gelernt haben, was sie bedeuten. Und wenn jemand in unserer Gegenwart mit ihnen um sich wirft, haben wir unsererseits eine Ahnung, wo wir diese Person einzuordnen haben.

Was hat das alles jetzt mit dem “Tier” zu tun?

Ich möchte eine These aufstellen: Der Begriff “Tier” sollte eigentlich ebenso ein Politikum sein. Und wir sollten ebenso stark darüber nachdenken, was wir eigentlich sagen, wenn wir “Tier” sagen.

Denn – ganz ehrlich: Wie verwenden wir dieses Wort? Was meinen wir, wenn wir Redewendungen benutzen wie: Er hat gewütet wie ein Tier. Das war tierisch dumm von ihr. Du bist doch kein Tier!

Was passiert, wenn wir so sprechen? Ganz einfach: Wir ziehen Vergleiche. Wir machen zwei Kategorien auf. Die eine heißt “Kategorie Mensch” und die andere “Kategorie Tier”. In die erste Kategorie kommen in Abgrenzung zur zweiten vorwiegend positiv besetzte Begriffe:

Mensch Tier
zivilisiert, sauber, ordentlich, gekleidet, sozial, ruhig, beherrscht, anpassungsfähig, künstlerisch veranlagt, individuell wild, schmutzig, nackt, asozial, brutal, ohne Kultur, impulsiv, egoistisch, alle gleich, ohne individuelle Persönlichkeit

Das ist sind so in etwa die Register, die beim Gebrauch dieses Begriffs aktiviert werden. Man könnt sich jetzt als tierliebender Mensch bezeichnen und vehement widersprechen: Nein, ich finde, jedes Tier hat seine eigene Persönlichkeit – das weiß doch jeder, der einen Hund hat! Oder: Quatsch – der Mensch ist doch der Verlierer in diesem Vergleich – so verdorben, wie wir mittlerweile sind! Die Tiere leben nach dem Gesetz der Natur, so ist es richtig!

Tier, Sprache, Begriff, Wort

Das mögen zwar edle Gedanken sein – aber das Grundproblem verschieben sie nur, sie verpacken es in neue, euphemistischere Worte. Das Grundproblem heißt: Hier wird eine Kategorisierung getroffen, die eine Hierarchie-Bildung beinhaltet, in der das “Tier” ziemlich schlecht wegkommt. Und auch, wenn ich mich hinstelle und von der Warte des zivilisierten, von der Zivilisation gebeutelten Menschen aus das wildlebende Tier romantisiere, bediene ich mich genau dieser stereotypen Kategorie.

Wenn wir “Tier” sagen, bezeichnen wir damit etwas, das unter uns steht. Der Mensch als Spitze der Schöpfung oder Evolution oder welche Namen man dem geben mag ist bei jedem Wortgebrauch aktualisiert. Dabei ist es irrelevant, ob ich von der Spinne in meiner Zimmerecke spreche, der Laborratte oder meiner geliebten Katze.

Jedes Mal, wenn ich diese Lebewesen mit “Tier” betitele, spreche ich ihnen etwas ab. Nämlich die grundlegende Möglichkeit, in meinem eigenen Bewertungssystem so weit aufzusteigen wie ein Mensch.

Vielleicht ist es mir nicht bewusst. Vielleicht ist das ein guter, ein wichtiger natürlicher Schutzmechanismus, der der Spezies “Mensch” beim Überleben helfen soll. Aber wäre das nicht eine bequeme Ausrede?

Was nun?

Jetzt haben wir das Problem erkannt – nur wie damit umgehen? Was sollen wir tun mit dem Wissen um den so negativ-vergleichend aufgeladenen Tierbegriff? Sollen wir uns einen neuen Begriff einfallen lassen für diese vielen Wesen, die so unterschiedlich sind, dass man sie eigentlich unmöglich alle zusammen unter einen begrifflichen Hut bekommt?

Tier, Begriff, Sprache

Wie wäre es beispielsweise mit “nicht-menschlichen Lebewesen”? Wäre das nicht ein passender Begriff? Ihr Aufmerksamen werdet jetzt sofort einwerfen:

Nein, das ist er nicht – er produziert ja genau dieselben Stereotype wie der alte Begriff, hier der Mensch…und da alles Übrige. Das kann also auch nicht die Lösung sein.

Aber was nun, kleiner Mensch? Weitermachen wie bisher oder am eigenen Sprachschatz herumbasteln, bis ein passender Ausdruck gefunden ist? Und: Wie verhindern, dass dieser neue Ausdruck sich nach und nach wieder anhäuft mit negativen, trennenden Stereotypen, bis der neue Begriff gleich einem Behältnis schon wieder viel zu voll ist? Kann man Begriffe austauschen, wenn sie voll sind?

Was meinst du?

(1) http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung/komplettansicht

(2) http://www.eduhi.at/dl/MachtSprache.pdf

JENNI MARR
Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.
KOMMENTARE

[…] angebracht ist, hat die liebe Jenni von „Mehr als Grünzeug „ einen sehr interessanten Artikel […]

[…] Tier!“, „Der verhält sich wie ein Tier!“ und ähnliche – Näheres in diesem Beitrag)? Und: Ist es nicht vollkommen anthropozentrisch (also vom menschlichen Standpunkt aus gedacht), […]

Da sprichst du mal wieder ein interessantes Thema an. Aber das Problem bei vielen Bezeichnungen ist einfach, dass nach einiger Zeit wieder negative Konnotationen damit einhergehen. Soll man jedes Mal eine neue Bezeichnung erfinden? Außerdem sind manche neugeschaffenen Bezeichnungen, die politisch korrekt sein sollen, umständlich oder fast schon lächerlich und werden im alltäglichen Sprachgebrauch doch nicht verwendet. Das hängt aber nicht nur mit politisch korrekten Bezeichnungen zusammen, sondern mit allem, was sprachpolitisch vorgegeben wird (s. Frankreich, Québec).
Es ist richtig, dass die Sprache mehr ist als ein Mittel zur Kommunikation. Ich merke an mir selbst, dass ich, seit ich vegan und allgemein bewusster lebe, noch mehr auf die Sprache von mir und meinen Mitmenschen achte, als ich das wegen meines Studiums schon getan habe.
Ich denke, es ist wichtig, dass ein Bewusstsein für die Einteilung in Mensch/Tier mit all ihren Konnotationen geschaffen wird. Auch wenn es vermutlich wenige Menschen gibt, die sich tatsächlich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Liebe Grüße!

[…] transportieren eine Menge – oft auch eine Wertung. Ob die Bezeichnung „Tier“ daher eine gute ist, fragt sich […]

Mädchen mach mal was Sinnvolles anstatt solchen quatsch aufzuschreiben

Lieber Mensch!
ich danke dir für deinen Ratschlag – allerdings habe ich das Gefühl, durchaus etwas Sinnvolles zu tun und anhand der zahlreichen Kommentare anderer Leser*innen habe ich den eindruck, dass sie das genauso sehen.
Aber natürlich unterscheiden sich die Vorstellungen von “Sinnvoll” und “Nicht sinnvoll” – und das ist auch gut so. 🙂
Liebe Grüße
Jenni

[…] In Jenni’s nachdenklichen Artikel über die Macht der Worte, befasst sie sich mit dem Thema der Sprache. Wie die Sprache mehr als nur Kommunikation darstellt, und wie wir über den Begriff „Tier“ nachdenken sollten. Wie wir Dinge einfach betiteln, und wie sich die Bedeutung oft über den Lauf der Zeit verändert. […]

Da sprichst du echt ein spannendes und wichtiges Thema an. Ich finde es nämlich auch faszinierend, was Sprache alles bewirkt und muss sagen, dass ich neutrale Begriffe versuche vermehrt zu verwenden, wenn ich mich über Personen unterhalte. Ich hasse nämlich Vorurteile, die an so vielen Begriffen haften.

Tier dagegen ist für mich kein abfälliges Wort. Viel mehr sehe ich es so, dass auch Menschen Tiere sind und “Mensch” ist dann eben die ARt, wie Hund oder Schwein. Aber du hast leider Recht und sehr viele sehen das Wort “Tier” so, dass diese Lebewesen weniger Wert als Menschen haben, was ich total schrecklich finde.
Allerdings war ich letztens im Schweinemuseum, wo auch auf die Sprache eingegangen wurde und dort wurden auch viele Begriffe aufgezeigt, die zwar mit Schweinen zu tun haben, aber durchaus positiv besetzt sind. “saugut” wäre da jetzt das erste, was mir einfällt. Und es gibt ja auch Redewendungen wie “Augen wie ein Adler” und “tierisch gut”. Also ausschließlich wertend ist das Wort “Tier” vielleicht gar nicht.

Ich muss dir zustimmen – zu lösen ist das Sprachproblem mit der Wertung wohl nicht so einfach – und vielleicht auch gar nicht. Ich meine, selbst das Wort Ausländer weckt negative Assoziationen bei vielen Menschen, obwohl es nur aussagt, dass jemand nicht hier geboren wurde. Sobald man Begriffe einfach ersetzt, springen die Vorurteile über. Es kann also nur helfen, zu versuchen, die Vorurteile schrittweise abzulegen, indem man sich vom Gegenteil überzeugt, oder? (Erfahrungen machen, Studien durchführen, Nachdenken…)

Liebe Grüße
Tabea von habutschu.com

Liebe Tabea!
Ich danke dir für deine Gedanken zu dem Thema und finde es hochinteressant, aus welcher Perspektive du an das Thema herangehst.
Ich glaube, der Besuch im Schweinemuseum hat sich vor diesem Hintergrund wirklich sehr gelohnt – denn die positiven Beisppiele wollten mir im Zuge der Schreiberei für diesen Artikel natürlich partout nicht einfallen. 😉
Was hast du dort außerdem gelernt, wenn ich einmal so ganz neugierig fragen darf? Wie hat man sich ein Schweinemuseum vorzustellen? 🙂
Ich finde deinen Ansatz übrigens sehr gut – schlicht und ergreifend der Empirie folgen, um die bestehenden Vorurteile abzulegen, ist wahrscheinlich das Beste, was wir tun können. Wenn wir gesehen und in eigener Erfahrung begriffen haben, wie gering eigentlich manche Unterschiede (sowohl zwischen Mensch und Tier oder Tier und sich für etwas Besseres haltendes Tier) sind, können wir unseren Standpunkt in der Beurteilung anderer Lebewesen verändern. Falls du es noch nicht gelesen hast, kann ich dir in diesem Kontext auch sehr das Buch “Wir sind Tier” (das habe ich einmal hier rezensiert: https://mehralsgruenzeug.com/rezension-wir-sind-tier/) empfehlen. Das deckt einige Irrtümer auf und man lernt eine Menge dazu (auch wenn ich weiß, dass Sachbücher nicht so ganz dein Favorit sind – aber vielleicht gibst du ihm eine Chance? 🙂 )
Liebe Grüße
Jenni

Das sind sehr interessante Gedanken, die ich mir bisher noch nie gemacht hatte. Prinzipiell ist der Mensch für mich selbst ein Tier, und rein biologisch betrachtet, zählt er auch zu dieser Kategorie! Jeder Mensch, der das nicht möchte, kann seine Biologie leider nicht ändern, er ist und bleibt im biologischen Sinne selbst ein Tier. Ob er dann der Spezies Mensch, Affe oder Hamster angehört, ist eine andere Sache. An dieser Stelle macht wahrscheinlich das Bewusstsein das Problem aus, welches uns ja (wie wir denken) von anderen Tieren unterscheidet. Wir möchten uns gern von anderen Tieren abgrenzen und haben so Kategorien wie Kultur oder Religion erschaffen, die es in anderen tierischen Populationen so nicht gibt. Sämtliche animalische Instinkte und Grundbedürfnisse haben wir tabuisiert und hinter verschlossene Türen verbannt! Eigentlich ist das ziemlich schwach vom Menschen 😉 Wir tun so, als würden wir diesen Grundbedürfnisse nicht verspüren, und versuchen so, uns von anderen Tieren abzugrenzen – das klappt aber, meiner Meinung nach, leider nicht! vielleicht ist der Mensch generell deshalb so unzufrieden 😀

In der Theorie der Sprechakte, wird ja insbesondere auch viel zu einer Redefinition von Sprache und kritischen Worten geforscht. In der Queer-theorie hat so eine Redefinition bereits stattgefunden, in vielen anderen Bereichen leider noch nicht. Das Wort Tier wäre meiner Meinung einfach neu zu interpretieren, beziehungsweise als das zu interpretieren, was es ist: ein Überbegriff für sämtliche tierische Lebewesen, einschließlich des Menschen! Da fände ich es eher degradierend für nicht-menschliche Tiere, ein neues Wort für sie zu erfinden – denn das würde ja dann wirklich erst einen Unterschied erschaffen!

GAnz liebe Grüße!

Liebe Hannah!
Ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar!
Sehr wichtige und interessante Gedanken hast du hier ins Spiel gebracht, die ich vollkommen überzeugend finde. Dass der Mensch eigentlich ebenfalls zu den Tieren gehört, ist eine Perspektive, die wahrscheinlich gar nicht so viele Menschen einnehmen – umso wichtiger finde ich es, dass du sie hier ansprichst! Denn biologisch betrachtet hast du absolut recht: Der mensch ist auch “nur” ein Tier und unterscheidet sich von den anderen Spezies wahrscheinlich deutlich geringer als die meisten von uns wahrhaben wollen.
Dein Plädoyer für eine gleichbleibende Bezeichnung kann ich vor diesem Hintergrund vollkommen nachvollziehen – du hast recht, wenn du schreibst, dass der scheinbare Graben durch unterschiedliche Benennungen dann noch einmal vertieft wird. Ich glaube, der Schlüssel ist tatsächlich eine Redefinition der bisher bestehenden Begriffe – und ich finde es toll, dass diese in der Queer-Theorie (in der ich mich leider überhaupt nicht auskenne) schon vollzogen wurde. Hoffen wir, dass sich auf diesem Gebiet auch im tierethischen Bereich bald etwas mehr tun wird. 🙂

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Rebecca!
Ja, ich hatte mir tatsächlich gedacht, dass du dich bereits ausführlich mit der Materie beschäftigt und dir auch schon eine eigene Meinung dazu gebildet hat – was ich sehr wichtig finde.
Ich denke auch, dass Begriffe zunächst einmal relativ neutral sind, sie werden ja arbiträr ausgewählt und haben an sich keinen logischen Bezug zum Bezeichneten. Erst im Verlauf des Wortgebrauchs ändert sich das und das Wort wird zum Transporteuer verschiedenster Ansichten, Haltungen und Normvorstellungen. Das beginnt bei ethnischen, beleidigenden Bezeichnungen und hört meines Erachtens leider für viele Menschen auch beim “Tier” nicht auf.
Natürlich kann es immer andere Menschen geben, die denselben Begriff in ihrem Sprachsystem losgelöst von all den negativen Konnotationen verwenden – aber ich denke, das sind (zumindest bewusst) die Wenigsten und es ist auf jeden Fall angebracht, über die generelle Wortverwendung zumindest einmal kurz nachzudenken.
Aber ich bin froh, dass das nicht auf dich zutrifft und du für dich schon deinen eigenen begrifflichen Kompromiss gefunden hast – ich bin mir da selbst noch etwas unsicher, wenn ich ehrlich bin. 🙂

P.S.: Das mit der fehlenden Großschreibung im Kommentarfeld liegt nicht an dir, sondern am Design des Feldes. ICh werde hoffentlich in den nächsten Tagen eine Lösung dafür gefunden haben, damit das nicht allzu sehr verwirrt. 🙂

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni,
dein neues Design sieht wirklich toll aus!
Dieser Beitrag hat mich – wie du dir bestimmt vorstellen kannst – gefesselt, denn auch ich habe mir schon etliche Gedanken dazu gemacht. Ich denke, im Grunde ist an dem Wort Tier nichts abfälliges, denn eigentlich ist es ja nur die Bezeichnung, für andere nicht menschliche lebewesen. leider leider, haben wir menschen diesem begriff aber einem negativen beigeschmack gegeben, indem wir tiere als weniger wert bzw. nicht gleichgestellt betrachten-so meine persönliche meinung. Wenn ich von einem tier spreche, dann ohne den gedanken, dass dieses eben “nur” ein Tier ist und ich empfinde keinerlei abwertung, sofern ich ein tier als tier betitel. allerdings empfinde ich das wort lebewesen generell als angenehmer. 🙂

Übrigens, sorry wegen der fehlenden Großschreibung, aber irgendwie funktioniert diese bei mir gerade nicht.

Ganz liebe Grüße
Rebecca

Krisi von Excusemebut...

Sehr interessant, ähnliche Gedanken habe ich mir auch schon gemacht. Ich muss trotzdem sagen, dass ich es nicht so sehe und den Begriff Tier auch überhaupt nicht abwertend empfinde. schlussendlich ist ein Tier kein Mensch, und dann darf man das auch so nennen. Für mich persönlich wäre es etwas übertrieben, Tiere nun “nicht-menschliche-Lebenwesen” zu nennen. Sclhussendlich kommen auch die Sprichwörter nicht von nirgendwo her, wenn sich so ein affe aufregt kann er ganz schon hemmungslos werden in seiner Wut, sich also tierisch aufregen. Ach der AUsdruck “DU bist doch kein Tier” finde ich keinesweges schlimm, denn wir sind ja auch wirklich keine Tiere! Ich stimme dir aber zu, dass manche Menschen sehr überheblich sind und Tiere keinesfalls mit dem Respekt behandeln, denn sie verdienen. Auch ich empfinde, dass sich manche Mneschen schlimmer als jedes Tier verhalten. Aber die Tiere völlig gleichzusetzen passt halt irgendwie dennoch nicht,ein Hund ist halt nunmal ein Hund und kein Mensch, und das ist ja auch gut so. man könnte sonst ja auch verlagen uns “nicht – tierliche – Lebenswesen” zu nennen;) Hihi;)
herzliche Grüsse, Krisi

Liebe Krisi!
Ich danke dir für deinen ausführlichen Kommentar – das sind gute und wichtige Gedanken, die du beisteuerst und ich freue mich, dass du dich mit der Materie auch schon auseinandergesetzt hast. 🙂
Wie gesagt: Ich finde die ganze Angelegenheit sehr schwierig und weiß nicht genau, wo ich mich positionieren möchte. Auf jeden Fall bin ich der Ansicht, dass sich am reflexionslosen Begriffsgebrauch etwas ändern muss – denn was wir wie bezeichnen, sagt eine Menge über uns aus.
Bei dem Begriff des Tieres ist die Sache aber vielleicht weniger eindeutig als bei anderen Beispielen, die unter anderem auch im Text vorkommen.
Natürlich ist der Mensch unterschieden vom Tier – die Frage ist nur: Wie groß sind die Unterschiede? Und wie groß sind die Interpretationen, die wir gerne hineinlegen, um andere Lebewesen ohne Schamgefühl ausbeuten zu können?
Den Vorschlag, den du am Ende gemacht hast, vertreten daher in der Tat gar nicht einmal wenige Menschen – denn man kann den Spieß ja genauso gut umdrehen und die Frage ist: Was wäre verkehrt daran?
Ich glaube, eine große Schwierigkeit liegt dabei auch darin, den anerzogenen Mechanismen ein bisschen die Stirn bieten zu können und in andere Richtungen zu denken (das ist absolut nicht auf dich bezogen, nicht falsch verstehen!). Die Frage bliebt offen, aber dass nachgedacht werden muss, das steht zumindest fest.

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni !
Erst einmal möchte ich dir sagen, dass mir dein neues design super gut gefällt !
Schlicht, einfach und übersichtlich – wirklich toll 🙂

Ich habe mich auch schon einmal mit den Worten und den Begriffen auseinandergesetzt. Es ist wenn man wirklich einmal intensiv darüber nachdenkt fast brutal, wie wir alles betiteln. wie wir sprichwörtlich alles und jedem einen Namen und einen Titel geben, oft natürlich notwendig, andere Male aber wirklich -wie du es auch so schön gesagt hast – eine Angewohnheit.

Tier wird leider wirklich oft mit negativen Assoziationen verbunden, und daher finde ich deine Ansichtsweise in der Richtung mehr als vorbildlich. Lebewesen ist zwar ein sehr allgemeiner begriff, aber meiner Meinung nach passend. So gehört nicht nur fast alles zu den Lebewesen (wie zB Mikroorganismen, Pflanzen etc.) sondern auch wir Menschen. und wenn wir uns menschen mit den Tieren gleichstellen ist das doch schon ein riesen Fortschritt !

Klasse Beitrag 🙂 <3

Liebe Grüße,
Vivi <3
vanillaholica.com


       

Liebe Vivi!
Ich danke dir für deine lieben Worte und freue mich sehr, dass dir das neue Design so gut gefällt – ich fühle mich ebenfalls sehr zuhause hier. Es ist alles nicht mehr so bunt und schön ruhig. 🙂
Ich freue mich natürlich auch, dass wir da ähnliche Ansichten haben und du dir da auch schon viele Gedanken zu gemacht hast. Ich finde es gar nicht so einfach, aus diesem Dilemma mit dem Begennen und Nicht-Benennen herauszukommen – das sieht man ja unter anderem auch daran, dass ich im Text selbst keine Lösung präsentiere.
Auf der einen Seite brauchen wir Begriffe, aber auf der anderen Seite sind diese BEgriffe eben immer mehr als nur leere Worthülsen.
Vielleicht ist es wirklich passend, von “Lebewesen” zu sprechen – und das auch konsequent umzusetzen. In der Praxis muss man sich da wahrscheinlich zunächst stark umgewöhnen – aber vielleicht ist es die Mühe wert.

Liebe Grüße
Jenni