Der Mythos vom hygienischen Plastik: Wie die Plastik-Lobby die Corona-Krise ausnutzt

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13. Mai 2020

Gerade möchten sehr viele Menschen von den aktuellen Gegebenheiten profitieren. Die Anzahl an Verschwörungstheorien, Halb- und Falschmeldungen nimmt unüberschaubare Ausmaße an und nicht Wenige sprechen bereits von einem “Informationskrieg”, der zwar nicht jetzt ausgebrochen ist, so doch gerade einen neuen Höhepunkt erreicht. 

Die Plastik-Lobby macht mobil 

Eine der vielen Falschbehauptungen, die derzeit durch das Netz geistern, ist, dass Mehrweg beim Einkaufen (also: Jutebeutel, Refill-Stationen, Abfüllen in mitgebrachte Gläser oder Tüten) zu einer schnelleren Verbreitung der Virus beiträgt und wir daher gut beraten seien, auf Plastiktüten und Einmalverpackungen jeder Art zurückzugreifen. 

Vor allem aus der rechtspopulistischen Ecke ist daher ein “Lob der modernen Plastikverpackung” zu vernehmen (Tychis Einblick, extra nicht verlinkt) und man feixt darüber, dass die grüne Ideologie jetzt “eine Rolle rückwärts” gemacht habe.

Denn: In einigen amerikanischen Bundesstaaten wurden entsprechende Gesetze, die den Verbrauch von Single-Use Plastics (zum Beispiel Plastiktüten) begrenzen oder verbieten sollten, vorübergehend außer Kraft gesetzt oder ihr Beschluss verschobenStarbucks nimmt keine mitgebrachten Behälter mehr an, sondern serviert Getränke nur noch in mit Plastik beschichteten Pappbechern und die Plastics Industry Association hat sich in einem Brief an das US Department of Health and Human Services and Food and Drug Administration gewandt: Man möchte doch bitte öffentlich verkünden, dass Single Use Plastic “hygienische und sichere Vorteile” böten, zahlreiche Studien würden das belegen. 

We are asking that the Department of Health and Human Services investigate this issue and make a public statement on the health and safety benefits seen in single-use plastics. We ask that the department speak out against bans on these products as a public safety risk and help stop the rush to ban these products by environmentalists and elected officials that puts consumers and workers at risk.

Aus dem Brief der Plastics Industry Association

Und auch bei der Europäischen Kommission wurde angeklopft: In einem weiteren offenen Brief fordern Vertreter*innen der Plastik-Lobby (konkret: European Plastics Converters / EuPC) die Kommission dazu auf, die Direktive, die Single-Use Plastics zu 2021 verbieten sollte, zu verschieben und die Verbote für einige Single-Use-Produkte ganz aufzuheben. 

The freedom of circulation of these goods is necessary to keep hygiene, health and safety in the supply of many products, such as food contact materials, protective equipment, medical devises and medicines. We cannot afford, in any sense, to forget such basic precautions that plastic products can provide and is already providing in the field right now to assist in the fight against this crisis.

Aus dem Brief der EuPC an die EU-Kommission

Die Antwort der EU-Kommission: Nö, machen wir nicht. Fristen sind Fristen. Und außerdem: Für medizinische Produkte sieht die Richtlinie ganz klar Ausnahmen vor. 

Der Mythos vom sterilen Plastik 

Das Narrativ, das hier aufgegriffen wird, ist ein sehr altes und hat den Siegeszug des Einwegsplastiks in der Form, wie wir es heute kennen, erst möglich gemacht: Plastik ist nicht nur praktisch und bruchsicher, sondern auch hygienisch, so die Behauptung, die bereits in den 1950ern aufgestellt wurde.

Das Problem ist: Das ist nur bedingt richtig – und manchmal, wie im Falle von Covid-19, sogar falsch. 

Die Studien, auf die sich unter anderem die Plastics Industry Association beruft, wurden teilweise grob falsch interpretiert – um nicht zu sagen: Man hat sich die Ergebnisse so gedreht, dass das gewünschte Ergebnis zur Unterfütterung der eigenen Argumente ( = Plastik ist gut) dabei herauskam.

Ich unterscheide an dieser Stelle und auch sonst immer zwischen Single-Use-Plastik, das berechtigt und notwendig ist, weil es wichtige Funktionen beispielsweise in der Medizin erfüllt, und Single-Use aus dem Alltag – wie Plastiktüten oder To-Go-Becher.

Falsche Studien 

Teilweise werden Studien zitiert, die keine sind: zum Beispiel, als ein NBC-News-Artikel aus dem Jahr 2012 über die Verbreitung von Noroviren in der Umkleidekabine einer Mädchen-Fußballmannschaft dazu herangezogen wird, um die vermeintliche Kontamination von Stoffbeuteln mit Covid-19 zu beweisen.  

Fehlinterpretation von Studien 

Aussagen werden aus dem Zusammenhang gerissen oder Konsequenzen abgeleitet, die sich nicht aus dem Studiendesign ergeben. Zum Beispiel, wenn eine Studie zitiert wird, welche die Bakterienlast auf wiederverwendbaren Einkaufsbeuteln (aus Polypropylen) untersucht und zu dem Schluss kommt, dass Bakterien zwar vorhanden, aber nicht in lebensbedrohlichem Maße, sind.

Die Empfehlung, die sich daraus ableitet: Nutzer*innen sollten die Beutel öfter waschen. 

Die Empfehlung, die die Plastikindustrie ableitet: Mehrwegbeutel sind unhygienisch und tragen zur Verbreitung des Virus bei. Wir brauchen Einwegplastiktüten.

Ignorieren von Informationen, die nicht ins Weltbild passen

Interessant ist vor allem, was die Vertreter*innen der Plastikindustrie unter den Tisch fallen lassen: dass mehrere Studien (zum Beispiel diese) mittlerweile zu dem Schluss gelangt sind, dass Covid-19-Viren eine deutlich längere Lebensspanne auf Plastik haben als auf anderen Materialien (wie zum Beispiel Kupfer oder Pappe). Auf Plastik kann sich das Virus vermutlich bis zu 3 Tage halten (andere Studien sprechen von 6-9 Tagen).

Dabei (auch für andere Materialien) ist es unerheblich, ob es sich um Einmalprodukte oder Mehrweg handelt. 

Die einzige Lösung, dem beizukommen: Waschen mit Seife, Reinigen und Sterilisieren der Oberflächen.

Auch, dass in Plastikverpackungen für Lebensmittel bis zu 12.000 gefährliche Substanzen enthalten sein können, die sehr wohl die Gesundheit schädigen können, wird gerne verschwiegen. 

Abgesehen davon steht die These, dass Plastik oder Verpackungsoberflächen, denen wir im Alltag begegnen, generell steril sein können, zur Debatte: Auch in Plastik verpackte Lebensmittel haben eine Lieferkette hinter sich, in der sie verladen, angefasst und wieder entladen werden – wie genau das im Einzelnen aussieht, wissen die Wenigsten. Das bedeutet nicht, dass beispielsweise Plastikflaschen oder -tüten gesundheitsgefährdende Oberflächen wären – aber keimfrei und perfekt hygienisch sind sie eben auch nicht. 

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Die Plastik-Lobby feiert sich als Heldin in der Krise

Die Plastikindustrie baut wesentlich darauf, dass die Geschichte vom hygienischen Plastik bei den Verbrauchenden ankommt und akzeptiert wird: 

Die Funktion der Verpackung, also die Hygiene und der Schutz des Produkts, wird wieder stärker wahrgenommen. Wir hoffen, dass dies dazu beiträgt, dass in Zukunft wieder sachlicher über Kunststoffverpackungen diskutiert wird.

Martin Engelmann auf Newsroom.Kunststoffverpackungen

Die Lobby feiert sich selbst als “systemrelevant” und inszeniert sich als Retterin in der Corona-Krise. Und obwohl sicherlich nicht abgestritten werden kann, dass medizinische Produkte sowieso und je nach Situation auch andere Produkte aus Kunststoff (unter anderem auch im Single-Use-Bereich) sinnvoll und notwendig sind und lebensrettend sein können, wirkt diese Helden-Geschichte, die auch vor der Produktion neuer Plastik-Unterrichtsmaterialien für Kinder nicht Halt macht, so “aus der Zeit gefallen”, wie die Industrie selbst das Plastiktütenverbot bezeichnet. 

The truth is that we don’t have all of the answers to this COVID-19 emergency yet, and for industry to use this as an opportunity to increase profits for the fossil fuel and plastics sectors is dangerous and irresponsible.

John Hocevar, Greenpeace USA Oceans Campaign Director 

Umweltschützer*innen, Klimaaktivist*innen und nicht zuletzt Organisationen wie Greenpeace beziehen daher ausdrücklich gegen diese Fehlinformationen Stellung und sprechen angesichts der Studienlage von gefährlichem und unverantwortlichem Verhalten: “The entire lifecycle of plastic is dangerous — from its extraction to its disposal.” 

Mehrweg ist nach wie vor sicher

Die letzten Worte sind bezüglich so einer komplexen Sache sicherlich nicht gesprochen, aber: Aktuell sieht alles danach aus, dass sich das Coronavirus auf Mehrwegbehältern entweder genauso lange oder weniger lange hält als auf Plastik – und es daher ein Kurzschluss und womöglich langfristig problematischer ist, überall (wieder) auf Einmalprodukte umzusteigen. 

Wesentlich ist die regelmäßige und korrekte Reinigung der Gegenstände (die bei Jutebeuteln öfter sein darf als die meisten Menschen das bisher umsetzen) vor und nach jedem Gebrauch mit Wasser und Seife, in der Kochwäsche oder mit Desinfektionsmittel. 

Relatively minor cleaning will actually dissolve or destroy the virus, and so if you use anything with between 60 and 70 percent ethanol, the virus will be destroyed in less than 60 seconds. […]  I wouldn’t expect any virus to survive a dishwasher. I’d be less worried about my shopping and more worried about maybe the touch screen when you’re punching in your codes for the ATM or whatever.

Vineet Menachery, Assistenzprofessor für Mikrobiologie an der University of Texas Medical Branch (Quelle)

Auch das Einkaufen im Unverpacktladen ist nach wie vor sicher, da die Läden ohnehin hohe hygienische Standards einhalten müssen und das natürlich auch in dieser Zeit weiterhin und verstärkt tun. 

Greenpeace gibt mit Recht zu bedenken: Wie wir mit der Corona-Krise umgehen, sollte – zumindest, wenn es sich um medizinische Ratschläge dreht – von Expert*innen aus den jeweiligen Fachbereichen geleitet werden – nicht von Öl- oder Plastikkonzernen, die ihre Produkte möglichst gewinnbringend noch ein paar weitere Jahre vermarkten wollen.
 

Abschließender Hinweis: Jetzt mehr Plastik als sonst zu verbrauchen, weil die Mobilität eingeschränkt ist und Bezugsmöglichkeiten für Unverpacktes nicht mehr so leicht zu erreichen sind, ist normal und geht mir selbst und vielen anderen genauso. (Ich habe kürzlich eine Umfrage auf Instagram gemacht und 90% der Teilnehmenden gaben an, mehr Plastik zu verbrauchen als normalerweise.) Umso fassungsloser stehe ich vor der Tatsache, dass die kleinen Fortschritte, die bisher in Richtung weniger Single-Use-Plastikmüll gemacht wurden, gerade wieder (wie viele andere Klima- und Umweltthemen) auf der Kippe stehen oder rückgängig gemacht zu werden drohen. 

JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Liebe Jenni,

das ist mal wieder ein grandioser Artikel! Sehr spannend zu lesen und eine interessante Fragestellung. Danke für deine Arbeit.

Lary

Lieben Dank dir, Lary, für die schönen Worte!
Es freut mich arg, dass du so gerne mitliest. 🙂

Liebe Grüße an dich!
Jenni