Wir können nicht alles haben: Warum wir manchmal doch verzichten müssen

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25. Mai 2018

verzichten, Verzicht, Konsumverzicht, verzichten, weniger ist mehr, nachhaltig leben, weniger kaufen, Nachhaltigkeit, nachhaltig blog, Minimalismus blogDas Wort klingt eklig. Verzicht zischt um die Ecke wie der zu lang geratene Leib einer Giftnatter. Wir mögen es nicht sonderlich, assoziieren es mit Askese, Mönchs- und Nonnentum und sowieso irgendwie Rückwärtsgewandheit. Und mit Unbequemtheit. Verzicht ist doof.

Habenhabenhaben – von Kindesbeinen an

Dabei sind wir doch darauf getrimmt, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Und uns einzuverleiben. Das zeichnet sich bereits dann ab, wenn wir uns als Kleinkinder alles Verfügbare in den Mund stecken, um es aus nächster Nähe zu begutachten.

Und je größer wir werden, desto schneller wachsen auch unsere Konsum-Wünsche. Beziehungsweise: desto schneller verändern sie sich, nehmen immer neue Gestalten an und klettern immer schneller und weiter die Preisspirale nach oben.

In einer Welt, die wesentlich auf unserem Bedürfnis, unser Leben permanent umzugestalten, aufbaut und Kaufen sowie die Macht, das (theoretisch wie praktisch) zu tun (Kaufkraft) zum Statussymbol erhoben hat, fahren wir damit ganz gut. Wir bekommen anerkennende Blicke für das tolle Outfit, die neuen Technik-Gadgets erleichtern unser Leben und wir haben praktischerweise gleich mitgeliefert das Gefühl, genau dieses Leben perfekt im Griff zu haben – dank unserer Konsummacht.

Und wenn jemals irgendwer um die Ecke kommt und uns (freundlich oder weniger freundlich) darauf hinweist, dass das mit dem Konsumieren ja nicht ohne Folgen bleibt – für irgendjemanden am anderen Ende der Welt – und sowieso irgendwie alles CO2 in die Luft bläst, dann wollen wir das gar nicht hören. Verdirb mir nicht den Spaß an meinem Leben! Ich hab’ nur eins davon!

Nachhaltig konsumieren?

Das ist soweit verständlich und richtig, als dass wir uns eben weitestgehend über das, was wir kaufen und in dessen Folge besitzen, selbst in dieser Welt verorten. Wir sind (meistens jedenfalls) ganz wesentlich definiert durch das, was uns umgibt. Richtiger: Wir definieren uns selbst darüber. Aber das ist noch einmal ein anderes Thema.

Der Punkt ist, dass wir uns deswegen ungerne etwas verbieten lassen. Ja, nicht einmal kritische Bemerkungen, die gar nicht böse gemeint sind, mögen wir auch nur im Ansatz hören, wenn sie auf unser Kaufverhalten abzielen. Was geht dich das an? Ist mein Einkaufswagen, nicht deiner.

Man möchte entgegnen, das sei wohl richtig. Was du in deinen Einkaufswagen packst, geht mich genauso wenig an wie das, was in deinen vier Wänden abgeht. Mit einer Ausnahme: jemand kommt dadurch zu Schaden.

Und wenn wir uns tellerrandüberblickend die Fakten anschauen, sehen wir: Durch unbedachten Konsum kommen so einige zu schaden. Menschen, Tiere, die Umwelt (= der Planet Erde).

Dauerhaftes Wachstum kann nicht funktionieren – und falls doch, dann zumindest nicht langfristig gutgehen.

verzichten, Verzicht, Konsumverzicht, verzichten, weniger ist mehr, nachhaltig leben, weniger kaufen, Nachhaltigkeit, nachhaltig blog, Minimalismus blogWeniger statt Masse bedeutet: Verzichten

Und die Lösung zum billigen Massenkonsum á la Klamottenschwede kann nicht das Umschwenken auf Fair Fashion im selben Rausch sein (sofern es monetär möglich ist). Die Lösung für weniger bis gar kein Fleisch kann nicht in dauerhaft prall gefüllten exotischen Smoothie-Bowls und Avocado-Toasts liegen. Der alltägliche Gadget-Himmel zum Leben-Vereinfachen wird nicht weißgetüncht-heilig, wenn er grün gelabelt ist.

Man darf mich nicht falsch verstehen: Ich bin total für Entspannung. Absolut.

Für Achtsamkeit, Selbstliebe und Nicht-Perfektion.

Dazu gehört auch, dass wir nicht alles besonders toll (weil nachhaltig) machen können und jede Konsumentscheidung, die wir treffen, Auswirkungen auf jemanden und etwas hat. Und das nicht nur positive. Das können wir in der heutigen Zeit nicht mehr vermeiden.

Und im Sinne allumfassender Selbstliebe gehört auch dazu, das einzusehen und sich nicht in ökologische Spitzfindigkeiten zu verbeißen bzw. fünfe auch mal gerade sein zu lassen.

Dazu gehört, schöne Kleidung und schöne Dinge generell zu lieben und sich damit zu umgeben. Sich ab und zu mal eine Freude zu machen, auch im materiellen Sinne.

Von Selbstliebe und Egoismus

Ich habe allerdings ein Problem damit, wenn Selbstliebe und -fürsorge vom Heilmittel zum universell verehrten Lebensprinzip verklärt wird und dann gefährlich nahe an den Egoismus heranreicht.

Denn so sehr es richtig ist, dass wir uns in den meisten Fällen erst um andere kümmern können, wenn es uns selbst gut geht und auch dann nicht alles perfekt machen können, einfach weil wir Menschen sind – so sehr ist es auch richtig, dass eine überbordend selbstfixierte Lebensweise alles andere als positive Auswirkungen hat. Sowohl auf die Umwelt als auch auf mich selbst.

Klar habe ich Lust auf Avocado. Wenn ich mich nicht zusammenreißen würde, könnte ich die jeden Tag essen. Dasselbe gilt für Ananas oder Bananen. Und Autofahrten. Mann, fahre ich gerne Auto! (Zumindest als Beifahrerin, einen Führerschein habe ich nicht. Gelegenheit macht Gewohnheit.)

Und diese ganzen tollen Make-Up-Produkte, die man ausprobieren kann! Naturkosmetik, natürlich. Und diese vielen Kleider, die nur meinen Namen gerufen haben! Fair Fashion, versteht sich. Achso, ja, ein neues Handy jedes Jahr ist auch nett. Ich bin gerne auf dem neuesten Stand der Technik.

Das alles sind Dinge, die schön sind. Man belohnt sich, man befriedigt (teilweise grundlegende) Bedürfnisse, man badet in Luxus. Wer tut das nicht gerne – jedenfalls bis zu einem gewissen Grad? Das ist vollkommen normal. (Leider?)

Und man kann ja weiterhin einen minimalistischen Haushalt führen, indem man alles, was im grünen Konsumrausch dann schnell wieder obsolet wird, verschenkt oder verkauft. Und sich dann weiter einreden, man handle nachhaltig.

Abgesehen davon, dass dieser Begriff schwierig zu definieren ist, stellt sich die Frage, ob vieles, das im Nachhaltigkeits-Bereich gang und gäbe ist, nicht lediglich eine grün getünchte Augenwischerei darstellt.

Denn: Es gibt keinen nachhaltigen Konsum. Nicht so, wie es das Begriffspaar assoziieren will.

Ich finde es toll, kleine Labels und Firmen zu unterstützen und kaufe dort gerne selbst ein – wenn ich etwas brauche. Bio ist großartig, Fair Trade sowieso. Und jede Kaufentscheidung ein Stimmzettel. Für Dinge, die wir uns sowieso gekauft hätten, weil sie zu einem abgesicherten und einigermaßen angenehmen Leben dazugehören, bereichern diese Richtlinien und das Angebot nachhaltiger Marken ungemein – und fördern unter Umständen Naturschutz und faire Arbeitsbedingungen.

Die bewussten Konsument*innen mit dem nötigen Kleingeld in der Tasche interpretieren Nachhaltigkeit allerdings auch gerne so (habe ich jedenfalls den Eindruck), dass auch hier Wandel und Vielfältigkeit im Sinne von Masse erstrebenswert erscheinen.

Und das ärgert mich.

Es ist nicht okay, dauerhaft und selbstgefällig auf der einen Seite zu propagieren (und sei es nur sich selbst gegenüber), dass man für die Weltrettung stehe, wenn am anderen Ende unreflektiert weiter konsumiert wird. Oder noch schlimmer: im vollen reflektierten Bewusstsein. Mach ich aber trotzdem so, weil ich hab jetzt Bock drauf.

Manchmal ist das notwendig und vollkommen in Ordnung (jede*r hat solche Tage oder Phasen, das geht mir nicht anders). Und zu viel Restriktion bewirkt nur, dass man sich am Ende überhaupt nicht mehr mit der Materie beschäftigen möchte, weil alles viel zu eng ist und die Luft zum Atmen fehlt.

verzichten, Verzicht, Konsumverzicht, verzichten, weniger ist mehr, nachhaltig leben, weniger kaufen, Nachhaltigkeit, nachhaltig blog, Minimalismus blogWofür ich aber plädieren möchte, ist, die weiche Flauschwelt der grünen Alternativen ab und zu zu verlassen und sich dringend zu fragen, ob es das Produkt wirklich braucht. Hat die Welt auf so etwas gewartet? Wie kann ich das vor mir rechtfertigen? Warum mache ich das jetzt?

Es gibt so viel Mist derzeit, der sich grün nennt und auf einen Zug aufspringen will, der nicht einmal in den ersten Gang geschaltet hat. Und es ist an uns, das zu erkennen und uns nicht auch in zweiter Instanz durch falsche Versprechen und Blend-Werbung zu unmündigen Konsument*innen stempeln zu lassen.

Wir können nicht alles haben: Weltrettung und alles befriedigender Konsum geht nicht.

Wir müssen uns entscheiden: Nehmen wir die Avocado mit, weil wir uns so lange drauf gefreut haben – aber dafür in Kauf, einen massiven ökologisch belastenden Herstellungsprozess zu unterstützen? Müssen die Erdbeeren Anfang März sein – weil sie eine besondere Belohnung für mich sind und ich nicht länger warten kann? Nehme ich dann die fragwürdigen Arbeitsbedingungen in Spanien in Kauf? Und kann ich damit leben, dass die fünfte (Jeans-)Hose auch massenhaft Wasser gefressen hat, bevor sie durch die Stätten eines nachhaltig produzierenden Labels in meinen Kleiderschrank gewandert ist?

Das macht bewussten Konsum aus. Nicht die Perfektion, wohl aber die Reflexion.

Und das Handeln nach bestem Gewissen – auch wenn es bedeutet, sich für sich selbst zu entscheiden. Dieses Mal. Und das nächste Mal für jemand anderen – einen Menschen auf dem Feld am anderen Ende der Welt oder zukünftige Generationen – und das Produkt einfach im Regal stehen zu lassen.

Und die Schlange im Verzicht klingt schon gar nicht mehr so identitätsbedrohend, wenn diese Balance gewährleistet bleibt.

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JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

Liebe Jenni,
Ich hab grad erst deinen Blog entdeckt und lese einige tolle posts. Dieser hier spricht was an, worüber ich grad vor ein paar Tagen mit meinem Mann gesprochen hab, es ging um ein neues faires dessous-label. Und ich finde, wirklich “brauchen” tut man spitzenunterwäsche nicht, wenn auch natürlich besser als nicht-fair. Aber Konsum bleibt Konsum!
Toller Text,viele tolle Texte, ich komm wieder vorbei!
LG anne

[…] Mein Lesetipp: Wir können nicht alles haben. Warum wir manchmal doch verzichten müssen. […]

[…] nachhaltiger Konsum nicht grenzenlos funktioniert, lest ihr bei Jenni auf Mehr als […]

Liebe Jenni,
ein wirklich hervorragend geschriebener Artikel, der sehr zum Nachdenken anregt!
Ich find es oft so schwierig den Grad zwischen “echter” Nachhaltigkeit und einfachem Greenwashing zu finden. Ich bin zwar ein sehr kritscher Mensch, aber trotzdem glaube ich im großen und ganzen an das Gute im Menschen und deshalb auch oft an das Gute in Konzernen. Aber du hast vollkommen recht, das Ziel sollte es sein viel viel weniger zu Konsumieren, statt nachhaltig und so viel wie zuvor. Aber vor allem in der Lebensmittelbranche ist das schwierig, weil man ja “was zu essen braucht”. Es ist schwierig im normalen Supermarkt abzuwiegen, welches Produkt das “nachhaltigste” ist. Lieber eine Avocado, einen Tofu in Plastik oder doch ein Stück Käse? Da muss man echt für sich seinen eigenen Weg finden, ohne jedes Mal beim Einkaufen einen persönlich Konflikt auszulösen.

Alles Liebe,
Mira

Guten Morgen Jenni,

danke für diesen wunderbaren Artikel.
Konsum bleibt Konsum, egal wie (angeblich) nachhaltig die Artikel produziert sein mögen – da hast du so verdammt Recht!

Ich finde, wenn man seine Kaufgelüste hinterfragt und sich klar macht, wie viele negative Auswirkungen die Herstellung, der Transport und später die Müllbeseitigung haben, dann vergehen sie einem auch oft und es fühlt sich gar nicht mehr wie ein Verzicht an – sondern wie eine bewusste, gute Entscheidung.

Liebe Grüße
Anne

Liebe Anne,
ich danke dir für deine lieben Worte und freue mich sehr, dass dir der Artikel gefällt!
Deinen letzten Satz mag ich ganz besonders – und er trifft wiederum auf den Punkt, was ich bei mir selbst auch im Verlauf der letzten Jahre beobachten durfte: Wenn ich mich bewusst dafür entscheide, langsamer und bedachter zu konsumieren, fühlt es sich auf der einen Seite so an, als würde ich meine Wohnung und mein Leben sorgsam kuratieren und auf der anderen Seite mir selbst jedes Mal, wenn doch etwas gekauft wird, ein ganz besonderes Geschenk machen. Das Gefühl hatte ich früher nicht, wenn ich andauernd neue Sachen eingekauft hatte.
Und das fühlt sich wirklich sehr, sehr gut an. 🙂
Ganz liebe Grüße an dich!
Jenni

Du triffst es auf den Punkt. Bei mir würde aus anfänglichen Verzicht von Konsumgütern, ein Gefallen daran nichts mehr zu wollen. Klar konsumiere ich auch mal etwas, aber das ist wirklich sehr wenig geworden und wenn dann bewusst. Leben und leben lassen 😊

Liebe Grüße
Stefanie*

Liebe Stefanie,
ich danke dir für dein schönes Feedback und freue mich, dass du so einen guten Weg für dich gefunden hast, was diese Thematik anbelangt. Es ist nicht immer einfach, wirklich genau auf das zu hören, was man eigentlich (so ganz tief im Inneren) möchte, aber es lohnt sich, habe ich für mich herausgefunden.
Ganz wichtig ist auch das “Leben und leben lassen” – da hast du recht: Mit Dogma kommt man nicht weit – weder bei sich noch bei anderen Menschen.
Liebe Grüße an dich!
Jenni

Ein richtig schöner und sehr reflektierter Beitrag!
Ich interessiere mich auch sehr für Minimalismus, versuche nachhaltiger zu handeln und weniger zu konsumieren und muss sagen, dass ich mich damit so viel besser fühle.
Klar hätte ich auch gerne ein paar mehr coole und neue Klamotten im Schrank. Aber wenn ich ehrlich bin verflieht die Hochstimmung nach dem ersten oder zweiten Tragen sowieso, etwas neues kommt was mir noch fehlt und ich habe das gleiche Gefühl wie vorher – nicht genug.
Jetzt habe ich das Gefühl zwar auch ein bisschen, aber irgendwie auch anders, positiver, weil ich weiß dass ich das so will und es mir ausgesucht habe und dass es sich auch mit mehr Kaufen nicht viel verändern würde – da kann ich es auch gleich lassen 😀
Natürlich habe ich mir trotzdem eins zwei Sachen gekauft. Aber bewusst, lange darüber nachgedacht und bin damit auch zufrieden.
Einer deiner letzten Sätze “Das macht bewussten Konsum aus. Nicht die Perfektion, wohl aber die Reflexion.” gefällt mir besonders gut – genau so fühlt es sich für mich nämlich wirklich gut an.

Liebe Grüße
Pauline <3

https://mind-wanderer.com/2017/11/29/denk-erstmal-nach-unsere-konsumwelt/

Liebe Pauline,
ich danke dir für deine lieben Worte und freue mich, dass dir der Beitrag gefallen hat!
Es ist schön, dass du dich ebenfalls sehr für die Thematik interessierst und für dich feststellen konntest, dass es dir besser mit weniger geht. Zwischen langfristigem Glück und schnellem Kick gibt es ja doch einen entscheidenden Unterschied.
Und es geht ja auch nicht darum, gar nicht mehr zu konsumieren (das funktioniert ohnehin schwer bis gar nicht), sondern eben darum, es bewusst zu tun. 🙂
Ich wünsche dir jedenfalls weiterhin viel Freude und Erfolg mit diesem Weg!

Liebe Grüße
Jenni

Liebe Jenni,
wie immer ein großartiker Artikel. Ich bin ganz bei Dir und hätte Deine Gedanken nicht besser formulieren können. Wie schön, dass es Deine Seite gibt. Deine Beiträge sind einfach immer sehr inspirierend.
Liebe Grüße
Susanne

Liebe Susanne,
ich danke dir für dein positives Feedback und freue mich sehr, dass du gerne hier vorbeischaust – es ist ein tolles Gefühl, konstruktiv zum Nachdenken anzuregen! 🙂
Liebe Grüße
Jenni