Zum ersten Mal habe ich einen Kimonorah an der Gründerin von Valle ō Valle höchstpersönlich, Norah Joskowitz, gesehen. Wir waren in Wien, saßen draußen vor einem Lokal (das nächste Essen war also wieder nicht mehr weit) es war ein warmer Sommertag und wir waren gerade mit den lieben Menschen vom Botiquehotel Stadthalle unterwegs.

Oh, wie gerne erinnere ich mich an diese schöne knappe Woche von vor fast einem Jahr zurück! Hier gibt es einen langen Artikel über das Wien-Abenteuer von 2019. 

Valle ō Valle: Kennenlernen in Wien

Und ich weiß noch, dass ich das Kleidungsstück die ganze Zeit anstarren musste, weil es Norah so unfassbar gut stand (es handelte sich, wie sich später herausstellte, um einen Blue Bird Kimonorah in der Größe DRAMA – hier kann man das Muster an der kürzeren Version sehen) und der Stoff gleichzeitig leicht und damit perfekt für die sommerlichen Temperaturen aussah und verspielt im Wind flatterte, wenn Norah sich irgendwo hinbewegte. 

Als wir dann an der langen Tafel im Deli Bluem saßen, stellte sich schnell heraus, dass alle anderen Anwesenden ebenfalls von dem wallenden Kleidungsstück in den Bann gezogen worden waren und schnell kam von allen Seiten die absehbare Frage: Woher ist das? 

Worauf Norah – nicht ohne ein Lächeln zwischen Stolz und leichter Verlegenheit – antworten konnte: Aus meiner aktuellen Kollektion. Wir fielen fast von den Stühlen, teils aus Verwunderung, teils vor Begeisterung. 

Und nicht wenige wollten sofort ein eigenes von den schönen Kleidungsstücken haben – von denen sich herausstellte, dass sie Kimonorah heißen, ein Neologismus aus Kimono und dem Gründerinnennamen Norah. Woraufhin diese in einer abenteuerlichen Öffi-Transportations-Strategie alles daran setzte, dass wir Neugierigen aus der Gruppe ein paar ihrer Schätze in Augenschein nehmen konnten – zwischen den ganzen Terminen, die wir und sie ohnehin bereits hatten.



links: Norah transporiert die Kimonorahs durch Wien / rechts: Ich mit Viktoria von @naturlandkind

Es war eine sehr lustige und herzliche Angelegenheit, das Probieren, das Schauen und Sich-Drehen vor Schaufenstern und Begutachten in der Spiegelung, das Abschätzen und Anpassen, inmitten einer Gruppe von Frauen*, in der alle so wertschätzend und liebevoll miteinander umgingen, dass man hätte meinen können, wir befänden uns auf Klassenfahrt – in einer Klasse ohne diese ganzen Intrigen und Machtspiele, die solche Verbunde dann ja normalerweise leider auch ganz wesentlich auszeichnen. (Aber das gilt für die gesamte Dauer des Aufenthalts, der eine Aneinanderreihung einziger schöner Momente war, wir wir alle später und immer noch übereinstimmend feststellen.) 

Mit mir aus Wien ist dann ein heiß geliebter Swan Lake Kimonorah (oben auf dem Bild im Ausschnitt zu sehen) nach Münster gekommen, der mich beim Anschauen und vor allem Tragen an die schöne Zeit in Wien und natürlich an Norah erinnert. Es ist schon etwas besonders Tolles, wenn man die Menschen hinter den Produkten, die man täglich nutzt, kennt. Die Wertschätzung ist entgegen aller Beteuerungen automatisch noch einmal eine ganz andere. 



Was ist das Besondere an Valle ō Valle?

Die Kleidungsstücke von Valle ō Valle sind, wie der Name schon vermuten lässt, weit und wallend und lassen Wind und Träger*in viel Raum. Die Kimonorahs kann man als Cardigan-artigen Überwurf oder als zugebunden als Kleid tragen. Der Stoff aus Biobaumwolle bauscht sich ästhetisch unter dem Einfluss jeder Windbewegung und besitzt dadurch automatisch eine kühlende Funktion. 

Valle ō Valle steht für laute und verantwortungsbewusste Mode für Frauen* und Männer*, unabhängig von ihrem Alter oder ihrer Konfektionsgröße. (Norah) 

Eines der wichtigsten Merkmale hätte ich fast vergessen: Die Kimonorahs haben Taschen! Und zwar anständig große Taschen, nicht solche fitzelkleinen, in die nicht einmal ein Schlüssel hineinpasst. Da der Stoff doch relativ dünn ist, sollte man keinen Ziegelstein hineinpacken, aber für Notizen, Stifte, Portemonnaies (kleine) und allerlei Krimskrams, den man im Alltag kurz verstauen möchte, sind sie großartig. 

Less Waste: Weniger Verschnitt durch einfache Schnittmuster 

Durch den klassischen Schnitt, der von japanischen Kimonos inspiriert ist, sind die einzelnen Stücke, die am Ende zu einem Produkt zusammengefügt werden, schlicht und kastenartig – das beutetet: Es gibt wenig Verschnitt, also Material, das am Ende weggeworfen werden muss, weil es “übrig” ist. 

Labels, die sich um die Reduzierung von Materialmüll Gedanken machen und einen Less-Waste-Ansatz verfolgen, setzen daher häufig auf solche lockeren Schnitte. Dass das, und ich möchte das noch einmal ausdrücklich betonen, absolut gar nichts mit Öko-Ästhetik aus den 70ern zu tun hat, wird deutlich, sobald man sich ein paar Sekunden unter anderem bei Valle ō Valle im Shop umschaut. 



Größeninklusive Mode

Passend nicht nur zu diesem Gedanken ist auch die Größen-Policy, die Norah verfolgt: Anstelle der üblichen XS-XXL-Aufteilung (wobei es im Eco-fairen Bereich ohnehin nicht einfach ist, große Größen zu finden) gibt es 2 Größen: SIZE und DRAMA.

SIZE passt Menschen mit den Größen 36-42 besonders gut, DRAMA passt von Größe 38 bis 48. DRAMA ist außerdem 15cm länger als die kürzere SIZE. (Mehr Infos)

Sie setzen nicht die Körperformen der Träger*innen in den Fokus, sondern das Tragegefühl: Wer sich in weniger und etwas kürzerem Stoff wohler fühlt, wählt SIZE (mir zum Beispiel wäre DRAMA schlicht zu lang mit meinen 1,65m, daher trage ich die Kimonorahs in SIZE). Wer es größer und wallender und länger haben möchte, wählt DRAMA. (Norah ließ im Interview durchblicken, dass bald noch eine weitere Größe, MELODRAMA, kommen wird.) 

Mit dem Motto ”NO SIZE NO DRAMA“ werden die gängigen Konfektionsgrößen ad acta gelegt. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Die meisten Konfektionsgrößen sind nur ein Richtwert. Ich finde, das fühlt sich oft ausgedacht an, also dachte ich mir, ich denke mir auch was aus. Und zwar, dass es bei mir keine klassischen Größen gibt. (Norah) 



Die neue Sommerkollektion: Es wird bunt 

Vor einigen Tagen hat Valle ō Valle die neue Kollektion für den Sommer 2020 gelaunched und es gibt wieder bunte und laute Muster – und zum ersten Mal einen Artist Kimonorah, den Valle ō Valle in Zusammenarbeit mit der Wiener Künstlerin Alexa Maria Warlits umgesetzt hat (und den ich auf den Bildern trage). 

Mich hat eine Freundin auf Alex hingewiesen und ich bin ihr dann, wie man das heute so macht, auf Instagram gefolgt. Nach einiger Zeit habe ich sie einfach angeschrieben und gefragt, ob wir mal einen Kaffee zusammen trinken wollen. Das haben wir getan und uns dabei sehr gut verstanden. Alex hat mir verraten, dass auch sie gerne ihre Kunst mal als Textil sehen würde und so kam das eine zum anderen. (Norah) 

Um den Eindruck von Leinwandartigem auch haptisch näherzukommen, ist die Artist-Version auf einer etwas dickeren Baumwolle gedruckt – was den Stoff minimal schwerer werden lässt, seine Wirkung aber nicht verfehlt.

Das besonders Schöne an dem Print, aber generell an den Kimonorahs: Ich lasse sie an einem Nagel an der Wand im Schlafzimmer hängen, damit die Prints nicht im Schrank verschwinden – und vor allem der Artist Kimonorah wirkt sehr eindrücklich wie ein eigenes Kunstwerk, einfach nur, indem er dort hängt. 



Valle ō Valle kommt von dem Wort “wallen”. Dieses drückt aus, wie Stoff sich bei Bewegung verhält. Oder auch Wasser kurz vor dem Kochen… Die Schnitte und Textilien sind wallend und Raum einnehmend, großzügig und frei. Vom kleinen Hauch bis zur Windböe, jede Bewegung erweckt den Kimonorah zum Leben und verbindet die Träger·in mit der Umwelt. (Norah) 

Woher kommen die Stoffe und wie wird produziert?

Als ich nach den Stoffen und der Produktion der Kimonorahs frage, ist Norah so offen, wie ich sie kennengelernt habe: Alle Stoffe aus der neuen Sommerkollektion sind GOTS-zertifizierte Baumwollstoffe, zum Teil aus der Türkei, zum Teil von Händler*innen aus Deutschland (hier wächst ja bekanntlich keine Baumwolle). 

Abnahme der Baumwolle, Veredelung und Druck finden in Deutschland unter strengen Auflagen statt – das ist gut für alle Beteiligten, sagt Norah. Eine vollständige Zertifizierung der Lieferkette ist aber im Moment aus Kostengründen noch nicht realisierbar. 

Außerdem: 

Es ist relativ schwer als kleines Modelabel an schöne nachhaltige Materialien zu kommen. Entweder sie sind sehr sehr teuer oder die Mindestmengen liegen noch weit über meinen Absatzmöglichkeiten. Einfarbig gibt es da mittlerweile gute Anbieter·innen wie z.B. Lebenskleidung, aber ich habe ja auch den Anspruch, laute und bunte Kimonorahs zu machen. Der Markt dafür ist leider noch so erschreckend klein, manchmal vergesse ich das, wenn ich die Bubble, in der wir leben, zu lang nicht verlassen habe. (Norah) 

Man liest es heraus: Valle ō Valle tastet sich heran an den fairen Modehandel – perfekt ist noch nichts, aber im Werden (und das ist das Wichtigste, finde ich persönlich). Norah meint aber auch: Die aktuelle Lage hat die Prozesse natürlich verkompliziert – die Planung für den Sommer 2021 musste sie pausieren und auch das Fußfassen in der offiziellen Fair Fashion wird sich durch diese Entwicklungen natürlich verzögern. 

Da – muss ich aber gestehen – geht es mir weniger um mich, sondern darum, dass der faire Handel diese Krise übersteht. (Norah) 

(Wie du in Zeiten von Corona auch dem fairen Handel helfen kannst, liest du unter anderem hier.) 



Ich muss sagen, ich bin wahnsinnig glücklich, mittlerweile 2 Kimonorahs mein Eigen nennen zu dürfen – ich weiß: Sie werden mich lange begleiten und ich lange Freude an ihnen haben. Nicht nur, weil sie schön sind und ich eine Geschichte mit ihnen verbinde. Sondern auch, weil sie in der Lage sind, sich unterschiedlichen Lebenssituationen und meinem Körper, der sich wie alle anderen Körper im Laufe der Jahre immer wieder verändert und verändern wird, anzupassen.

Oder korrekter: Mein Körper findet voraussichtlich immer Platz in ihnen und das ist irgendwie ein sehr schöner Gedanke. 

Transparenz: Norah und ich stehen in regelmäßigem Austausch und ich habe sie gefragt, ob und wie ich sie in der aktuellen Situation, die ja vor allem für kleine Labels und Unternehmer*innen sehr schwierig ist, unterstützen kann. Daraufhin hat sie mir angeboten, mir einen Kimonorah ohne Bedingungen als Sample zukommen zu lassen – und ich wollte ihr und ihrer Arbeit unbedingt einen Artikel widmen. 

Homepage von Valle ō Valle

Instagram von Valle ō Valle  

Schmuck: Makaro, Mit Ecken und Kanten, People Tree, unbekannt 

Tasche: Eve+Adis 

Abschließend noch ein paar Fragen an Norah:

QUESTION

Wie bist du zum Modedesign gekommen?

ANSWER

Ich interessierte mich bestimmt, seitdem ich 11 Jahre alt bin, für Mode. Nach der Schule habe ich dann Modemanagement in Berlin und Modewissenschaft in Stockholm studiert und währenddessen Praktika z.B. bei lala Berlin und Diesel gemacht. Als ich vor 7 Jahren nach Wien gezogen bin, habe ich das Umfeld der Mode verlassen, weil ich keinen Platz für mich in ihr gesehen habe.

QUESTION

Wie bist du zum Modedesign gekommen?

ANSWER

Ein dreckiges Geschäft mit Menschen, die sich gegenseitig scheiße behandeln. Das war's mir nicht wert. Und dann kam die Mode wieder auf mich zu. Im Sommer 2017 hatte ich einen Burnout. Meine Karriere flog mir mit Schallgeschwindigkeit um die Ohren. Ich war für mindestens 6 Monate gelähmt, meine Arbeitsmotivation war weg.

QUESTION

Wie bist du zum Modedesign gekommen?

ANSWER

Als ich planlos einem Freund nach Indien gefolgt bin, passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hätte: Ich habe für mich einen Umhang schneidern lassen und bin damit durch Asien gereist und habe - ohne es zu merken - die Grundpfeiler von Valle ō Valle gelegt. Der Rest ist Geschichte.

QUESTION

Was wünschst du dir?

ANSWER

Dass wir endlich verstehen: “we are all one” und die reicheren Länder und damit jede*r von uns, bereit ist etwas aufzugeben, damit wir aufhören, so hässlich auf die Kosten der anderen zu leben.

QUESTION

Was wünschst du dir?

ANSWER

Nicht falsch verstehen, ich bin auch nicht perfekt und man könnte auch meinen, nur Second Hand kaufen ist noch nachhaltiger. Damit würde ich aber nicht aufzeigen, dass Mode auch laut, stylisch und nachhaltig geht. Ich sage immer: pick your battles. Du kannst nicht die ganze Welt retten und das ist auch nicht deine Aufgabe, aber du kannst schauen, wo du was ändern kannst und da deinen Einfluss beweisen.

QUESTION

Was inspiriert dich (für Valle ō Valle, aber auch ganz allgemein)?

ANSWER

Farben, Texturen und Formen – und das echt überall. Ich bin am meisten beeindruckt von unfreiwilliger Schönheit. Also Farbkleckser oder Dreck auf der Straße zum Beispiel. Oft entsteht da eine Magie. Vor allem wenn dann noch das Spiel von Licht und Schatten hinzukommt.

QUESTION

Was inspiriert dich (für Valle ō Valle, aber auch ganz allgemein)?

ANSWER

Und Gedanken inspirieren mich, auch wenn das seltsam klingt, aber wenn ich eine neue Erkenntnis habe, etwas verstehe oder etwas nicht verstehe und darüber so lange nachdenken muss, dann kommen mir oft neue Ideen, nicht nur für das Problem, sondern für alles Mögliche. Ich versuche, ein Problem meist als Anfang zu betrachten, nicht als Ende.

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JENNI MARR

Wanderin im Geiste, mit der Nase im nächsten Buch, nie so ganz zuhause und doch immer da.

KOMMENTARE

[…] es die vermutlich stylischsten Mund-Nase-Masken der Saison, aus denselben Stoffen, aus denen auch die Kimonorahs bestehen. 100% Baumwolle und mit kleinem Draht an der Nase für den besseren […]